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ZEITSCHRIFT
FÜR
ROnnSCHE PHILOLO&IE
HERAUSGEGEBEN
Dr. GUSTAV GROBER,
PROFESSOR AN DKR UNIVERSITÄT STRASSBURG i. E.
1882.
VI. BAND.
HALLP].
MAX NIEMEYER. 1882.
3
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Seite
E. Freymond, Über den reichen Reim bei altfranzösisclien Dichtern bis
zum Anfang des XIV. Jahrh. (15. 2. 82) i- '77
C. Michaelis de Vasconcellos, Palmeirim de Inglaterra (4. 3. 82) 37. 216
W. HüRAK, Lai von Melion (26. 2. 82) 94
W. Zeitlin, Die altfranz. Adverbia der Zeit (25. 4. 82) 256
J. VlSlNG, Über franz. ie lür hit. «' (l. 9. 82) 372
A. ToBLER, Drei Briefe Jacob Grimms an Friedrich' Diez (Nov. 82) . 501 — Vermischte Beiträge zur Grammatik des Französischen (Fort- setzung zu Bd. IV 181) (Nov. 82) 506
P. ScHEFFER-BoiCHORST, Petrarca und Boccaccio über die Entstehung
der Dichtkunst (14. 12. 82) 598
TEXTE.
C. Decurtins, Eine subselvanische Liederhs. (28. i. 82) 64
— Ein sursettisches Weistum (5. 7. 82) 290
J. Ulrich, Drei Wunder Gautiers de Coincy (25. 7. 82) 325
E. Martin, Eine Renartfabel (29. 6. 82) 347
F. Lindner, Ein französisches Calendarium (17. 7. 82) 352
J. Roux, Prouverbes bas-lemouzis (5. 10. 82) 526
C. Decurtins, Ein oberengadinisches Formelbuch (13. 10. 82) . . . 570
— Volkstümliches aus dem Unterengadin (13. lO. 82) 582
MISCELLEN.
1. Zur Litteraturgeschichte.
H. SuCHiER, Johann von Thuim (5. 9. 82) 3S6
K. Bartsch, Ältester Versuch einer dtsch. Danteübersetzung (12. 5. 82) 387
O. Schulz, Zu Jehan Bodel (2. 6. 82) 387
2. Handschriftenkunde.
K. Bartsch, Eine Hs. von Waces Brut (21. 8. 82) 390
3. Handschriftliches.
E. Stengel, Hs. Rawlinson Miscell. 1370 alt 1262 (30. 5. 82) ... 390
— Bruchstück der Chans, de la Mort d'Aimeri de Narbonne (8. 5. 82) 397
— Bruchstück der Chans, de Garin de Monglane (8. 5. 82) . . . 403 K. Bartsch, Italienische Volkslieder (26. 5. 82) 413
4. Textkritisches.
F. Lindner, Zu den Strafsburger Eiden (14. 4. 82) 107
W. FüERSTER, Zu Bartschs Chrest. de l'Anc. fr., ed. 4 (14. 5. 82) . . 414
A. TOBLER, Zum Lyoner Ysopet (24. 9. 82) 419
W. FoERSTER, Zu V. 5 des Alexanderfrag, der Laurentiana (28. 5. 82) 422
5. Etymologisches.
W. FOERSTER, Romanische Etymologien (Fortsetzung) (6. 3. u. 14. 5. 82) 108
G. Baist, Etymologisches (25. 3. 82) 116
H. Schuchardt, Etymologisches (21.4. 82) 119
— Span. port. brinar (25. 4. 82); span. losa (3. 7. 82) 423
— Zu Ztschr. VI 112 — 113 (16. 7. 82) 424
IV
Soite
G. Baist, Etymologien (21. 5. 82) 425
A. HoRNiNG, Französische Etymologien (l. 5. 82) 435
H. SucHiER, Französische Etymologien (5. 9. 82) 436
6. Grammatisches.
F. BrsCHOFF, Über den Conj. in Comparativsätzen im Afrz. (2g. 3. 82) 123 A. HOKNING, Zur altfranz. und altprovenz. Deklination (15. 7. 82) . . 439 H. SucHlEK, Ausrufe mit qiiel im Altfranzösischen (5. 9. 82) . . . . 445
7. Lexikalisches.
A. ToBLER, ' droguit, adj. basane. — ?' (28. 2. 82) 121
RECENSIONEN UND ANZEIGEN.
G. Batst: A. Wagner, Visio Tnugdali (25. 3. 82) 125
Tii. Wtssmann: Dr. Grävell, Die Charakteristik der Personen im
Rolandslicde (8. 4. 82) 127
F. Liebrecht: A. Graf, Roma nella memoria e nelle immaginazioni
del medio evo- (3. 4. 81) 128
— Les Litteratures populaires de toutes les Nations (3.4. 82) . . 129
— A. Coelho, Revista d'Ethnologia e de Glottologia (3. 4. 82) . 145
— G. Pitre u. Salomone-Marino, Archivio per lo studio delle
tradizioni popolari (3. 4 82) 149
— Almanach des Traditions populaires (3. 4. 82) 150
G. Grüber und W. Manguld : Herrigs Archiv für das Studium der
Neueren Spr. u. Litteraturen. Bd. 63. 64(4. 10. 81; 11. 9. 8[) 150
— Ztschr. f. nfrz. Sprache u. Literatur Bd. I. II (l. 2. 82; II. 9. 81 :
14- I- 82) 157
A. Ga.spary, Giornale di Filologia Romanza (14. 3. 82) 162
— II Propugnatore, Anno XIV, parte 2» (14.3. 82) 165
G. Grüber, A. Tobler, R. Kühler, G. Baist: Romania 1881.
Jan.— Avril 165
F. Liebrecht: Les Litteratures populaires. Vol. VI— X (15. 9. 82) . . 447
G. Baist: P. Förster, Spanische Sprachlehre (25. 9. 82) 459
E. Stengel: Constans, La legende d'CEdipe (27.6. 82) 462
G. Grüber: Wölfflin, Über die allitterierenden Verbindungen der
lateinischen Sprache (20. 3. 82) 467
— Koschwitz, Les plus anciens monuments, 2e ed. (10. 4. 81) . 470
— Stengel, Ausgaben und Abhandlungen I (27.8. 81) .... 472
— , G. Baist, R. Kühler, H. Varnhagen, H. Süchier : Romania
No. 39— 40 (I. 8; 25. 9 u. 23. 2; — ; 24. 3; 82) 476
— Romanische Studien, Heft XVI {20.4. 81) 484
— Romanische Forschungen I 1 (3. 8. 82) 491
G. Meyer und H. Schuchardt : Sittl, Die lokalen Verschiedenheiten
der lateinischen Sprache mit besonderer Berücksichtigung des
afrikanischen Lateins (13. 12. 82) 608
A. MussAFiA : Octavian, Altfranzösischer Roman, nach der Oxforder
Hs. Bodl. Hatton loo (30. 12. 82) 628
P. Scheffer-Boichorst: Giuliani, Le Opere latine di Dante AUighieri
reintegrate nel testo, con nuovi commenti (15. i. 83) . . . 636
A. ToBl.ER, Zusatz zu Ztschr. V 147 ff. 175
Littcrarische Notizen 17^
Nachträge und Berichtigungen 500. 648
G. Gröber, Register 649
Bibliographie 1881.
über den reichen Eeim bei altfranzösischen Dichtern bis zum Anfang des XIV. Jahrh.
Der reiche Reim, d.h. der Gleichlaut der vollen Hochton- silben und der eventuell nachfolgenden tonlosen zweier oder meh- rerer durch den Reim gebundener Wörter ist bekanntlich eine Forderung der neufranzösischen IMetrik, die zum mindesten bei nicht genügend vollklingenden Endungen oder bei solchen, die ihres häufigen Vorkommens wegen als trivial gelten, erfüllt werden soll. In den neueren Metriken ' werden die einzelnen Bestimmungen über den reichen Reim mehr oder weniger eingehend, am eingehendsten wohl von Lubarsch behandelt. Gramont und Becq de Fou- quieres scheinen für eine ausgedehntere Durchführung des reichen Reimes zu plaidiren. Auch G. Paris spricht sich für eine solche in der Recension des B e IIa n ge r sehen Werkes: Etudts historiqiies et philologiques sur ki rime fraticaise, Paris 1876 (vgl. Romania VI 622 ff.) aus und tadelt bei dieser Gelegenheit mit Recht, dafs der Verfasser sein Augenmerk so wenig auf den sogenannten Stützkonsonanten richtet. Er sagt dort: on sait quelles (les consonnes (fappuij ont eie Vohjet (Vun dchai oii soiii mclcs les iwms de Malherbe, Voltaire, Alfred de Musset et autres, et qiii est tranche par Teeole conteinporaine en favenr de la rime riche.
Bezüglich der Behandlung des Reimes und der Anwendung reicher Reime im A 1 1 französischen begnügen sich die Verf. der unten angegebenen Metriken, wenn sie überhaupt davon sprechen, mit nur kurzen Andeutungen mit Ausnahme von Tobler, der unter anderem eine gröfsere Anzahl von Beispielen bei Gelegenheit der Besprechung gleicher und equivoker Reime (p. 108 u. 1 1 1) anführt.
Jedem, der sich einigermafsen mit gereimten altfranzösischen Gedichten beschäftigte, mufste es klar werden, dafs die Dichter,
' Becq de Fouquieres: Traite general de versification frani,-aise. Paris 1879.
Tobler: Vom französischen Versbau alter und neuer Zeit. Leipzig 1880.
Lubarsch: Französische Verslehre mit neuen Entwicklungen für die theo- retische Begründung französischer Rhythmik. Berlin 1879.
F. de Gramont: Les vers fran^ais et leur prosodie. 2e ed. Paris 1879.
K. Foth: Die französische Metrik für Lehrer und Studirende in ihren Grund- zügen dargestellt. Berlin 1879.
A. Krefsner: Leitfaden der französischen Metrik. Leipzig 1880.
üeitschr. f. rom. i'h. VI. I
2 E. FREYMOND,
was die Reichheit des Reimes anlangt, in der Behandlung und An- wendung desselben in den verschiedenen Perioden auseinander- gingen. Das Auftreten des reichen Reimes nimmt im allgemeinen mit der Zeit zu, sodafs schon Gautier de Coincy am Anfang des Xlll. Jahrh., Rutebeuf gegen Mitte desselben beinahe in allen ihren Dichtungen Reichheit des Reimes suchen. Ziemlich zu gleicher Zeit geht Eaudouin de Conde (mehr als sein Sohn ]ean) in dem Erstreben reicher Reime und in Reimspielereien so weit, dafs er in dieser Beziehung von den beinahe berüchtigten Reimkünstlern im XV. und Anfang des XVI. Jahrb., Molinet und Cretin, über welche sich Bellanger im ersten Kapitel seines Buches ausläfst, nicht mehr weit übertroften werden konnte. Wenn letzterer, Bellangei^, p. 4 sagt: Des le 12. siech, Ja rinie riche ou leonimc fiit assez en hojnmir poiir que Von paj'iU tout honieiix de iie pas savoir la troiivcr . . . Bieniot (!) . . // ne suffit plus de savoir trouver mie riine h'onime, il fallut encore pare)- iin vers de deiix riines, so verfährt er etwas gar zu summarisch. Genauere Untersuchungen über die Entwicklung des reichen Reimes, über den Umfang seiner Verwendung und über die Zeit seines Auftretens im Altfranzösischen sind bis jetzt noch nicht ge- macht worden. Es wird daher nicht überflüssig erscheinen, wenn im nachstehenden an einer grösseren Anzahl altfranzösischer Ge- dichte methodisch das Vorkommen von reichen Reimen, die all- mälige Entwicklung zu gröfserer Vollkommenheit derselben und die gesteigerten Ansprüche an den Reim untersucht werden. Ich habe mich dieser Aufgabe auf Anregung meines hochverehrten Lehrers, Herrn Prof Dr. Gröber unterzogen, welcher mich auch im Verlaufe der Untersuchungen mit Rat und That in liberalster Weise unter- stützt hat; ich spreche ihm dafür meinen herzlichsten Dank aus. Zur Konstatirung des reichen Reimes in einer Dichtung hat man sich des Mittels der Zählung innerhalb gewifser Reimkategorien bedient, hauptsächlich um durch die Resultate solcher Zählungen ein Kriterium bei fraglicher Autorschaft eines Gedichtes zu ge- winnen ; so Jonckbloet in seiner Eiitde sur le Roman de Retiarf, Gro- ningue 1863, Birsch-Hirschfeld in seiner Schrift über die „Sage vom Graal". Leipzig 1877, ferner die Verfasser zweier in letzter Zeit erschienener Strafsburger Dissertationen Schwan: „Philippe de Remi, sire de Beaumanoir und seine Werke", Schmidt : „Guillaume le clerc de Normandie, insbesondere seine Magdalenenlegende" (beide in Böhmers Studien III) sowie W. Zingerle : „Über Raoul de Lloudenc und seine Werke", Erlangen 1881 u. a. — Zählungen, wie sie an diesen Orten angewandt sind, können jedoch, da sie nicht nach einem bestimmten und als anwendbar nachgewiesenen Principe gemacht sind, für unseren Zweck nicht genügen. Während bei sol- chen Zähhuigen die weiblichen Reime gewöhnlich nicht in Be- ziehung zum reichen Reime gebracht wurden, hat nur Schmidt 1. c. p. 50g allerdings aus anderen Gesichtspunkten auch diese mit- gezählt, und zwar mit Recht, da dieselben, auch wenn sie nur zu- fällig angewandt sind, im Altfranzösischen einen volleren Gleichlaut
ÜBER DEN REICHEN REIM BEI AFRZ. DICHTERN ETC. 3
mit sich brachten als die ge\v()hnHchen männlichen. Dies wird dadurch begreillich, dafs im Altfranz()schen noch nicht wie im Neu- französischen das y [e muet) der weiblichen Endungen verschlungen wurde, wenngleich es nicht so vollen Klang hatte wie der Vokal vorhergehender Silben. Es ergiebt sich dies auch aus den theo- retischen Werken des Mittelalters über die Reimkunst, die meistens den gewöhnlichen weiblichen Reim zu den leoninischen Reimen zählen, wie noch weiter unten gezeigt werden soll.i Schon hieraus ist zu entnehmen, dafs bei Aufstellungen von Zählprincipien für Feststellung des Vorkommens bestimmter Reimarten die mittel- alterliche ars poetica gehört werden mufs.
Wir dürfen hierbei mit den 1356 beendeten Leys d'amors^ beginnen, die zwar für den provenzalisch en Meistergesang geschrieben sind, bei deren Vorschriften aber die Praxis der fort- geschrittneren nord französischen Dichter sicherlich nicht ohne Einfluls geblieben ist. Hier werden die Reime nach der Quantität ihres Gleichlautes, um so zu sagen, eingeteilt in:
I. riins eslramps. Wir würden dieselben überhaupt nicht unter die Kategorie von Reimen setzen, da in ihnen irgend ein Gleich- laut von Vokalen oder Konsonanten gar nicht existiert.
IL rt7ns acordans.
1. riins sonans. a) hord\ letztere werden noch einmal unter- schieden, je nachdem sie bei männlichen oder weiblichen Endungen stattfinden. Assonanzen.
b) riin sonait leyal lequals se fay iostemps ab accen agut, z. B. gen : vefi, toc : loc. Dies sind also Reime, die wir heute als gewöhn- liche männliche Reime bezeichnen würden, in denen der Gleichlaut den letzten betonten Vokal und die folgenden Konsonanten um- fafst.'-^ Hierher gehören naturgemäfs auch solche Reime, in denen sich der Gleichklang auf einen Vokal beschränkt, z.B. be '. fe etc.
2. rims consojia/is.
a) bord; z. B. fetge : ?nefge , mabranda : tuda. Es sind dies Bindungen von Wörtern mit weiblichen Endungen, deren letzte
• Es liegt daher etwas richtiges in den Worten Barbazans (S. Barba- zan und Meon: Fabliaux et contes des poetes fran9ois des XI. XII. siecles. Paris 1808 t. III p. XII): Ils (nos anciens poetes) ne destingiioient point, comme aujounVhui, les rimes masculine et femhiine. Cette distintion est nouvelle dans notre poesie etc. Er war zu diesem Ausspruch wohl dadurch bewogen, weil er sah, dafs in den ihm bekannten Vorschriften über mittel- alterliche Verskunst die heutigen gewöhnlichen Reime zu den rimes leontnes gezählt wurden.
2 „Las flors del gay saber estier dichas las leys d'amors" in den AIo- numens de la ütterature romane depuis le \\iime siede p. p. Gatien-Ar- noult, Paris t. I p. 150 ff. — vgl. dazu Bartsch: Die Reimkunst der Trou- badours in Eberts Jahrbuch für rom. und engl. Literatur. Bd. I p. 188 ff.
^ Und zwar ist hierbei , wie auch in den späteren Beispielen die Aus- sprache, nicht die Orthographie mafsgebend, insofern als beispielsweise essems : temps einen guten Reim bilden, quar le .p. en re no inuda la dicha leal souansa. Dasselbe gilt von joh und trop, bord und cort , später von reichen stumpfen Reimen quals : senescals etc.
I*
4 E. FREYMOND,
tonlose Silben, d. h. der tonlose Vokal und der vorangehende, zur letzten Silbe gehörende Konsonant gleichlauten. Vielleicht brachte das Provenzalische solche Bindungen deshalb leichter mit sich, weil hier die sogenannten weiblichen Endungen, wie dies auch die Beispiele zeigen, nicht ausschliefslich auf e, sondern auch auf a etc. auslauten. Übrigens gelten auch im Provenzalischen diese Reime für schlecht.
Wenn sich im Altfranzosischen ganz vereinzelt ähnliche Bin- dungen vorfinden, wie dies z. B. im Roman de Renart, Supplement de Chabaille p. 1 1 V. 268. 6g bei den Reimwörtern s'areste : osk der Fall ist, so werden sie, falls man die Lesarten dem Kopisten nicht zuschreiben kann, als Nachlässigkeiten anzusehen sein.
b) rim consonan leyal. z. B. damon : mon, forfag '.fog, d. h. männliche Reime, bei w'elchen ein Konsonant (Stützkonsonant) vor dem letzten Vokal noch in den Reim gezogen wird.
Befindet sich in einem von zwei in dieser Weise reich rei- menden Versen der Stützkonsonant nicht im letzten, einsilbigen Wort des Verses, da dieses vokalisch anlautet, sondern beschliefst er das diesem vorhergehende Wort, so wird der so gebildete Gleichlaut eine consommsa conirafacha, unechte Konsonanz genannt. z. B. caiit es : corles.
Ist in den zwei reimenden Wörtern von zwei dem betonten Vokal vorhergehenden Konsonanten nur der zweite gleichlautend, so heifst es von diesen Wörtern : quaysh consonansa fan, sie bilden so ziemlich, beinahe eine Konsonanz. Beispiele hiefür sind : hier : inier, entier : per, plac : flac, gm : brii. — Soll dies für die ersteren Beispiele hier : mier, entier : fier passen , so mufs man an- nehmen, dafs in diesen Wörtern das ie seinen Wert als steigender Diphthong aufgegeben hat und dals der erste Bestandteil desselben wohl konsonantisch =y' gesprochen wurde.
3. rims Iconismes.
a) rims simples leo7iismes. Hierher geh()ren :
a) klingende Reime wie natura : noyridura, ohra : sohra ; es sind dies also gewöhnliche oder genügende weibliche Reime.
{{) stumpfe Reime wie Gastos : bastos , guerriers : derriers , in denen der Gleichklang mit dem Vokal der vorletzten Silbe be- ginnt.
b) rims perfieytz leonismes. Hierzu gehören:
d) wie die Beispiele vida : covida, dona : perdona zeigen, Reime, welche wir gewöhnt sind, reiche weibliche Reime zu nennen, weib- liche Reime, in denen der Gleichlaut mit dem Konsonanten vor dem Vokal der vorletzten Silbe beginnt.
ß) stumj)fe Reime w^ie saiietat : vanetat.
Ob Bartschs Bezeichung „gleitende Reime" (1. c.) richtig ist, möchte ich bezweifeln. Es sollen — darauf scheint es mir hier hauptsächlich anzukommen — solche männliche Reime hierher ge- rechnet werden, in denen der Gleichlaut mit dem vor dem Vokal der vorletzten Silbe stehenden Stützkonsonanten beginnt. Aus der
ÜBER DEN REICHEN REIM REF AFRZ. DICHIERN ETC, 5
in den Leys d'amors (ib. p. 164) folgenden Erklärung geht hervor, dals bei Reimen, in denen der Gleichlaut mehr als zwei Silben umfafst, nur der sich auf zwei Silben erstreckende Gleichlaut zu berücksichtigen sei. Übrigens könne man, heifst es, solche vollere Reime, wenn man \\i\\, f-/ms mavs perfieyiz leonismes nennen. Als Beispiel wird noch angeführt: noyridura : poyridura.
Schliefslich sei noch eine Vorschrift erwähnt, die wir im An- schlufs an die vorhergehende Einteilung fmden. Es gilt nicht für fehlerhaft, auf einen rim consonan einen rim sonan folgen zu lassen oder umgekehrt , ebenso rims perfieyiz leonismes mit rims leonismes simples zu mischen, ausgenommen wenn es die Absicht des Verf. gewesen ist, sein Werk ganz in rims sonans oder ganz in rijns eon- sonans etc. abzufassen oder so zu dichten, dafs absichtlich auf einen rim sonan ein rim eonsonan folgte. Wenngleich wir im Altfranzö- sischen von einer ähnlichen Vorschrift nichts wissen, so lehrt doch hier die Beobachtung, dafs in diesem Punkte in praxi ebenso ver- fahren wurde.
Beachtenswert in den Vorschriften der Leys d'amors ist nun, dafs die genügenden klingenden Reime unter die riins leonismes gerechnet wurden und für reicher galten als diejenigen männlichen, in denen sich vor dem betonten Vokal ein Stützkonsonant findet, welche Reime als rims eonsonans bezeichnet werden.
I>assen die Definitionen der Leys d'amors für die rims eon- sonans und die rims leonismes an Ausführlichkeit und Klarheit nichts zu wünschen übrig, so läfst sich dies von den im Altfranzösischen gleichfalls vorkommenden Terminis nicht sagen. Die Ausdrücke con- sonant und leonime finden sich in verschiedenen Gedichten zu Anfang, wo die Verf. die Absicht aussprechen, in rime consonanfe ou leonime zu dichten oder sich entschuldigen, leonimische Reime nicht anwenden zu können. Schon Fauchet (Les ceuvres de feu M. Claude Fauchet . . . reveues et corrigees. Paris 16 10 fol. 552 r") führt Beispiele dafür an; ferner finden sich solche bei F. Wolf in seinem gelehrten und lehrreichen Werke : Über die Lais, Sequenzen und Leiche, Heidelberg 1841 p. 17g, bei Quicherat in seinem Traite de versification franyaise. Paris 1850 p. 453 ff., ferner in den Wörterbüchern von Du Gange und Littre unter leoninus und leonin. — Hier sei aufser diesen Stellen noch auf eine im Dolopathos V. iii. 112 hin- gewiesen, — Die Definitionen, die wir von diesen Reimarten an verschiedenen Orten erhalten haben, gehen nicht unbedeutend aus- einander, sodafs es zur klareren Einsicht nötig sein wird, dabei etwas zu verweilen.
Von den leoninischen ' Reimen hat man mit Littre vor allem leoninische Verse zu unterscheiden. Leoninische Verse heilst man im Lateinischen Verse, in denen das Wort vor der Cäsur mit dem Versende reimt; für das Altfranzösische hat man mit diesem Ter- minus eine Reihe von Versen l)ezeichnet, die ohne Unterbrechung
Denn so ist, wie aus dem Weiteren zu ersehen ist, zu schreiben.
6 E. FREYMOND,
denselben Reim aufweisen. — Lconinische Reime hat man solche genannt, in denen der Gleichlaut mit dem Vokal der vorletzten Silbe beginnt. Littre definirt allgemeiner die rimcs Uonincs als rimes exirememeut richcs dont la similihidc s'etend jusquä la pamJUane et meme ä tajttepenultieme syllahe.
Vergleichen wir hiermit zuerst die schon von F. Wolf und von Littre angeführten, die Termini sotiant und leonine betreffenden Definitionen von E. Deschamps in seiner 1392 verfafsten „Art de dictier et de fere chan^ons, balades, virelais et rondeaulx". Sie mögen, weil sie mir im Zusammenhang verstanden werden können, hier wiederholt werden. Auf p. 268 der Crapeletschen Ausgabe ^ heifst es:
Ol- sera dit et escript cy-aprh la fa^on des balades ; et premürement est assavoir qiie il est halade de hat vers dont la 7-iilriche 2 est pareiUe en ryine au ver antesequent, et tonte fois que le derrain viot du premier ver de la balade est de trois sillabes , il doit es Ire de onze piez , si covivie il sera veu par cxemple cy-apres, et sc le derrenier mot du seeond ver na que wie ou deux sillabes, ledit ver sera de dix piez; et se il y a aucun ver eoppi qui soit de cinq piez, cellui qui vient aprh doit estre de dix.
Exemple sur ce que dit est:
Balade de huit vers couppez.
Je liez mes iours et ma vie dolente,
Et si maudis l'eure que je fu nez ;
Et ä la mort humblement me presente
Pour les tourmens dont je suy fortunez; Je hez ma concepcion,
Et si maudi ma constellacion,
Oü fortune me fist naistre premier,
Quant je me voy de touz maulx prisonnier.
Et est ceste balade lionimc par ce quen chascun ver eile empörte sillabe entiere, aussi comme dolente et presente ; concepcion et constellacion.
Autre Balade. De tous les biens temporeiz de ce monde Ne se doit nulz roys ne sires clamer, Fuisque telz sont que fortune suronde, Qui par son droit les puet touldre ou embler; Le plus puissant puet l'autre deserter, Si qu'il n'est roy, duc, n'empereur de Romme, Qui en terre puist vray tiltre occuper, Ne dire sien, fors que le sens de l'homme.
' Poesies morales et historiques d'Eustache Deschamps p. p. G. A. Cra- pelet. Paris 1832.
2 Dafs rubriche so viel als Refrän bedeutet, folgt aus Deschamps' De- finition und dem dazugehörigen Beispiel auf p. 273 der Crapeletschen Aus- gabe ; vgl. auch F. Wolf 1. c. p. 229 und 230,
HHKR DEN RKICIiriN REIM HEI AFRZ. DICHTERN ETC. "]
Cestc halade -csi moiiii leoniinc et moiiie sonant, si coDime il appcrt par monde, par onde, pat- ho?n?ne, par Romme, qui soiit plaincs sillabes et enh'eres. Et Ics atitrcs sonans tant seidement, oü il n\i poüit entiere sillabe, si commc : clamer et oster ^ oii il n\x que demie sillabe, ou si comme seroit presciitement et innocent. Et ainsi es cas scmhlahles ptiet estre congneu qui est Iconime ou sonnant. Wenn Deschamps im Vorhergelienden in keinem Falle direkt von sonantischen und leoninischen Reimen spricht, so ersehen wir doch, dass es allein auf den grösseren oder geringeren Gleichlaut der Reime ankommt.
Was Deschamps unter S07ia7it versteht, ist unzweifelhaft, nämlich den genügenden männlichen Reim, wie clamer : oster. Leoninisch soll die oben mitgeteilte Ballade deshalb sein, weil sie in jedem Verse eine volle Silbe mit sich führt (sc. als gleichlautende). Auf dieser vollen, ganzen Silbe liegt nach Deschamps der Nachdruck. Nun finden sich aber unter den Beispielen für diese leoninischen Reime solche männliche Reime, in denen der Gleichklang mit dem Vokal der vorletzten Silbe beginnt, vgl. fu nez : fortimez, defenir : tenir, resp. zwei ganze Silben umfafst, s. maintenir : tenirJ^ Was das Beispiel pr emier : prisonnier betrifft, so umfafst der Gleichlaut eine volle Silbe, wenn man den ersten Bestandteil des Diphthongs kon- sonantisch auffafst, — Schwierigkeit bietet das Beispiel concepcion : constellacion, in welchem ebenfalls wie die Definition ausdrücklich sagt, eine sillabe entiere (durch den Gleichlaut) mitgeführt werden, über- einstimmen soll. Das Wort concepcioti findet sich in einem kürzeren Verse, in dem in der vorhergehenden Definition als fünfsilbig be- zeichneten ver coppc. Der Vers: Je hez via concepcion, aus dem sich nichts wegstreichen läfst, in dem auch e -\- h asp. nicht zu elidiren ist, ist jedoch siebensilbig oder mindestens sechssilbig, wenn man das ion des letzten Wortes als Diphthong auffafst; letzterer würde alsdann mit dem im folgenden Verse stehenden ion, das wie regel- mäfsig zweisilbig ist, reimen.'^ Eine sillabe entiere läge nur dann vor, wenn Deschamps dieselbe , durch ein konsonantisches , in Wirklichkeit gehörtes i etwa bewirken wollte : cion : ci-i-on, was aber nicht anzunehmen ist, oder wenn cion in beiden Reimwörtern ein- silbig gefafst würde, wodurch man jedoch mit der der Ballade vor- hergehenden Definition in Konflikt geriete.
Dafs Deschamps im Gegensatz zu den vers cntiers unter den vers couppez kürzere Verse versteht, scheint sich aus seiner Definition über die Form der Laiz und dem dazugesetzten Beispiel (Crapelet p. 278) zu ergeben. Oder versteht er unter diesen vers cojippez Verse mit Cäsur? Aus der Überschrift Balade de huit vers couppez scheint hervorzugehen, dafs sämmtliche Verse solche vers couppez
' oster kommt übrigens in der mitgeteilten Ballade gar nicht vor. 2 Letztere beiden Beispiele sind aus einer weiteren ,, balade de neuf vers toute Idonyme" entnommen.
^ Fälle solcher Art kommen vor; s. z. B. Dolopathos V. 12053. 54: Avoit en sa proposicion QuHl panroit incarnaci-on.
8 E. FREYMOND,
sind. Vielleicht darf man schliefslich den Terminus nocli anders auflfafsen , als das „Abgeschnittene", d. i. durch eine Cäsur Ab- geschnittene? Nehmen wir eine Cäsur hinter Je hez an, welche Worte übrigens eine Wiederholung der beiden ersten Worte der Ballade sind, so erhalten wir für ciie übrigbleibenden Worte ma concepcmi regulär fünf Silben ; auch hier erstreckt sich aber alsdann der Reim nicht auf eine, sondern auf zwei ganze Silben.
In den weiblichen Reimen soll gleichfalls eine sillabe eniüre reimen; hier beginnt nun aber der Gleichlaut in der vorletzten Silbe — die letzte , heute tonlose oder stumme Silbe mufs nach der obigen Ditinition der Balladenform mitgerechnet werden — im (Gegensatz zu Reimen wie clamer : oster, oü ü tia quc demie sillabc, wie es heifst. Unter dieser sillabe entiere in den Beispielen dolente : presente, monde : otide, homme : Rovimc hat Deschamps auch nicht die letzten, heute tonlosen oder stummen Silben dieser mit weiblichen Endungen versehenen Wörter verstanden, in denen der vor dem 3 stehende Konsonant in den zusammengehörenden Wörtern gleich- lautend ist und die insofern wohl eine ganze, aber keine volle Silbe bilden; sonst würde er bei Besprechung der zweiten Ballade nicht gesagt haben : monde, onde (wo er also nur den reimenden Teil des Wortes surondc erwähnt) sont plaiius sillabes et eniieres.
In allen für die leoninischen Reime gegebenen Beispielen be- ginnt also mit nur einer Ausnahme der Reim in der vorletzten Silbe oder er umfafst zwei ganze Silben.'
Trotz des Mangels an Klarheit in den Definitionen und Bei- spielen scheint sich hiernach zu ergeben, dafs Deschamps unter der balade sonank eine Ballade mit genügenden männlichen Reimen, unter der balade levnhne aber eine solche mit weiblichen oder reichen männlichen Reimen verstanden hat, d. h. auch mit solchen reichen männlichen Reimen, in denen der Gleichlaut nur eine Silbe um- fafst (vgl. Premier : priso/iuier) und die in den Leys d'amors zu den rims consonans leyals gerechnet werden.^
Den Terminus coiisonani gebraucht Deschamps in seiner Metrik nicht. Doch weist das in der Hs. 840 Bibl.Nat. f. frany. sich befindende Register der Deschamps'schen Werke (vgl. die Ausgabe des Marquis
' Vielleicht ist empörter in der obigen Definition anders aufzufassen, etwa als ,, hinzubringen" ? Dies würde angenommen werden können, wenn ebendaselbst für par ce qii'eii chascun ve rs etwa par ce qu'a chascune ritne eile empörte sillabe entiere stehen würde und wenn aufserdem für die weib- lichen Reime nur Beisj^iele von reich reimenden , mit Stützkonsonanten ver- sehenen Reimwörlern — denn die sillabe entiere erfordert den Gleichlaut der- selben — aufweisen würde.
2 Hoffentlich wird der Herausgeber der Deschamps'schen Werke, Herr Marquis de (Jueux de St. Hilaire , die vielfachen Widersprüche , die sich in den angeführten Definitionen und Beispielen finden, besser lösen als dies hier geschehen. Es ist doch wohl nicht unmöglich, dafs nicht Deschamps allein, sondern vielmehr Raoul Tainguy, dem häufig interpolierenden Schreiber der Handschrift die Schuld für diesen Mangel an Klarheit zuzuschreiben ist (vgl. dazu Simeon Luce's Aufsatz in der Einleitung zum zweiten Bande der von der Societe des anciens textes besorgten Ausgabe, Paris i88ü p. VI ff.
ÜHER DEN REICHEN REIM BEI AFRZ. niCHTERN ETC. Q
de Queux de St, Ililaire, Societe des anciens textcs fran^ais t. I p. 60) : iin autrc dil omotircus de rhncs consonans auf. Der Ge- fälligkeit des Herrn Dr. Schwan verdanke ich die Kopie dieses, soviel mir bekannt, noch nicht gedruckten Gedichtes. Die in dem- selben sich vorfindenden Reime sind ausschliefslich solche, die De- schamps equivoke genannt haben würde (vgl. ed. Crapelet p. 271) und die wir ebenfalls als equivoke, resp. gebrochene Reime bezeichnen wollen (s. später). Der sich in dem Register der Hs. fol. 1 2 v" B vorfindende Terminus , der übrigens in der dem betreffenden Ge- dicht vorstehenden Überschrift (fol. 369 r<* A) nicht wiederkehrt, stammt zweifellos vom Kopisten.
Plenry's de Croy aus der „Art et sciencc de Rhetorique pour faire rimes et ballades" • (fol. b I vO und b II r^) entnommenen De- finitionen, welche sich schon bei F.Wolf 1. c. p. 172 ausführlich mit- geteilt finden, sind folgende:
Rigme konisme est (jiiaiü dcux dictions sonl scmblahlcs et en parallc consoname en sillahes commc il appcrt oii chapiire de ialousie. Exemplc: Piudcs fenimes par sainl Denis Autant est qiie de fenix.'^
Dies Beispiel für leoninische Reime, Denis : fenix ist in mehrere spätere Schriften übergegangen, vgl. Fauchet I.e., Barbazan I.e., Quicherat I.e. p. 451, Weigand in seinem „Traite de versificalion frangaise." Bromberg 1871, p. 63 Anm. u. a.
Weiter sagt Henry de Croy:
Rime riiralle est qnant les derrenieres sillahes nonl pas totale eon- sonanec ains partieipent en aiieuncs lettres.
Exemple : Amours me fönt par nuyt^ penser ou ie nose par iour aller.
Dies sind also genügende männliche Reime ohne Stützkonsonant. Diese Definition involvirt zugleich, dafs Reime mit totaler Kon- sonanz der letzten Silbe, d. h. stumpfe Reime mit Stützkonsonaut, nicht rimes rurallcs sind, sondern für bessere galten. Einen be- sonderen Terminus für dieselben erwähnt Henry de Croy nicht.
Über den Wert der weiblichen Reime als vollere Reime äufsert sich Henry de Croy nicht 4; er spricht nur von dictions imparfaictes, Wörtern auf weibUchen Ausgang, im Gegensatz zu den dictions parfaictes, männlich ausgehenden Wörtern ; imparfaictes nennt er die ersteren wohl wegen der Tonlosigkeit ihrer letzten Silbe. Aus Henrys de Croy Worten (vgl. a II v^) : Lesqiiels (sc. les
' In den ,,Poesies des XVe et XVIe siecles, publiees d'apres des edilions gothiques et des manuscrits". Paris, chez Silvestre 1830 — 32. ^ Vgl. Roman de la Rose ed. Marteau V. 9019. 20: Prodefame, par saint Denis Dont il est mains que de fenis. •* par eiiyt bei Wolf ist wohl ein Druckfehler?
" Wolf verfährt nicht korrekt, wenn er 1. c. p. 173 sagt, Henry de Croy nenne die rimes masculines : dictions nu sillabes parfaictes und die feminines : imparfaictes.
lO E. FREYMOND,
(liclions ou sillabcs imparfakics) nucuns noinmml feminines dictions et /es parfaicies Tuosculines geht hervor, dafs diese Termini „feminittes" und „niaseiili7tes" zu seiner Zeit nur vereinzelt gebraucht wurden und vielleicht nicht lange Zeit vorher aufgekommen waren.
Diese Termini dictions fcmijmies und masculincs finden sich auch in dem „jardin de plaisance et fleur de Rethoricque nouuellement Imprime a paris" (ohne Datum. Fol.). In diesem Werke finden sich folgende Definitionen, fol. 6l r^ c. 2.^
De diffinicione leonine pro prima specie
Ainsi se fait et se termine
La rime qui est leonine ,
Ceste rime est la plus commune
Et plus aysee que nest vne
Elle est a cela congnoissable
Que ung ver est a lautre semblable
Sans intermediacion
De vers dinterposicion
Et Sans que ligne si interpose
Comme sont ceulx cy que ic propose
Desquelz mesmes ie speciffie
La facon et la notifie Notabile
De Iconine est a noter
Et aussi de leoninee
Pour difference denoter
Lune de lautre desinee
De leonine ia dit est
Tant que par vng .e. est expcllee
Alia diftinicio Et si de rechief que cest Quant ligne a autre est acouplee Deux a deux tousiours pvoccdanl Les vers sans riens interposer Pres apres deulx ains siiccedans Elle est commune a composer
Leoninate diffinicio Mais leoninee sappelle Quant la sillabe derreniere Et penultime voyelle Est de rime bonne et entiere A tout le nioins au feminines Dictions : mais il peult suflire Dune sillabe aux masculines Si trop commun terme ny vire
' Dies ist aus Wolfs schon so oft in dieser Arbeit citiertem Werk p. 180 entnommen.
ÜBER I>KN KRICHEN REIM BEI AFRZ. DICHTERN ETC. I l
Et tant cn balades qucn vcrs laiz Et la leoninc rime Soit en rondeaulx ou en virlaiz Et par tout comme vray exprime. Aus den beiden ersten Definitionen ergiebt sich, dafs das hauptsächlichste Charakteristikum der r-inics leonines darin besteht, dafs dieselben sich in paarweis gereimten Versen befinden'; auf die Reichheit der Reime scheint es hier weniger oder gar nicht anzukommen; bei der )-ime leoninee jedoch wird vor allem der vollere Gleichlaut im Reim in Betracht gezogen, insofern als nicht nur die genügenden weiblichen Reime, sondern auch männ- liche Silbenreime (d. h. einsilbige männliche Reime mit Stützkon- sonant) „wenn sie nur noch etwas kunstreicher sind" zu ihnen ge- rechnet werden.
Die Charakteristika für die besprochene rime leonine und die nnie Iconmee , wenigstens soweit letztere auf den weiblichen Reim Bezug hat, vereinigt die sich in der „Art de pleine rhetorique" (1539) des Pierre Fabry findende Definition für die leoninischen Reime. Fauchet 1. c. fol. 552 v" sagt folgendes darüber: Maistre Pierre Fabry eure de Meray, qui viiioit du temps du Roy Charles Vlll. est de ce mesme aduis. Car il dit, Ryme qui se termine ä son Leonine est la plus belle des rymes, ainsi que le Lion est le plus noble des bestes. Et doit auoir la derniere syllabe et la penuliime depuis la vocale, semblable en ortographie, acceiituation et prononciatiofu II allegue cest exe?nple, Glorieuse vierge et pucelle Qui es de Dieu niere et ancelle, Pardonne moy tous mes pechez Desquels ie siii fort entechez. // du encores que de ceste Leonine S07it les ancicns Romans, qui mettoient douze ei t reize syllabes aux vers et vingt ou trente lignes tout es d'vne lisiere et terininaison : et que ryme croisee est Celle qui tuest pas I^eonine , mais cntremeslee. Par le propos duquel Fabry lappren que la LcoJiine estoit ce que nous appellons rime riche, et plate: quand la lisiere (cest ä dire la fin des vcrs) estoit toute d'vn son et non entrc- meslee ne croisee d'autre cadencc, comme les vers pris des vieils Romans d^ Alexandre et Siperis, que i'allcgueray au secoiui Hure. Ce Hure cstant presque acheue d'imprimer, tay trouue dans la vie de S. Christine, com- posee enuiron tan 1300. les vers qui ensuiuent:
Seigneurs qui en vos liures par maistrie metez, Equiuocations et leonimetez. Se ie tel ne puis faire, ne deprisiez mon liure. Car qui ä tronuer n'a soultil euer et deliure. Et leonimete veult par tout aconsuiure, Moult souuent entrelest ce qu'il deuroit ensuiure. De Sorte que Rime komme est celle qui a dix, vingt et trente vers
' Wolf hebt dies p. 181 nicht genügend hervor.
12 E. FREYMOND,
d'vne lisicre. Car ceux de ceste vte sont croisez deux contre deiix par /out, fors Ol ces quaire derniers : et neaiitnoins la lisiere est de rime tresriche. Voyla ee que ie puls dire de la rime quant ä prcsent, et hisqtces ä ce que len aye plus grande certainete : laissant ä iugcr aux lecteurs si V etimologie de Leonine est bien prouuec ou noti. Ca?- ncstant moy fnesme raisonnablement satisfait pour ce j-egard, ie ne conclu rien . . .
Fauchet versteht unter der rime plate also den in einer Reihe von Versen durchgeführten Reim, welchen er mit dem leoninischen Reim identifiziert. Ob er dabei Fabrys Worte genau interpretiert, dar- über kann man verschiedener Meinung sein. Fabry spricht zuerst von den leoninischen Reimen als von den volleren Reimen, in denen der Gleichlaut mit dem Vokal der vorletzten Silbe beginnt, und führt als Beispiel dazu vier Verse an, von denen je zwei paarweis gereimt sind ; was er darauf von den in monorimen Tiraden verfafsten Nationalepen sagt, bezieht sich auf diese volleren leoninischen Reime ^ (vgl. die Worte et de ceste Leonine u. s. w.). Erst dann sagt er, dafs gekreuzte Reime nicht leoninische zu nennen sind. — Auch die von Fauchet weiterhin angeführten Verse aus der Vie de S. Christine, die sich übrigens auch bei Quicherat 1. c. p. 453 wiederfinden, kami man anders auffasscni. Unter der leoniincte hat der Verf. obigen Gedichts möglicherweise kunstreichen, volleren Reim verstanden, sie wird mit cqiiivocation' zusammengestellt; eine gänzliche Durchführung dieses kunstvolleren Reimes würde auf den Inhalt des Gedichtes von nachteiligem Einflufs sein; derjenige, der ohne besondere Begabung dazu zu haben, sich bemüht über- all solche kunstreiche Reime anzuwenden, sei eben um dieses Reimes willen gezwungen, manches wegzulassen, was er verfolgen, was er eigentlich l)ringen raüfste. Einen ähnlichen Gedanken ent- hält die bei Du Gange 1. c. zuletzt angeführte Stelle.
Wie aus dem Vorstehenden sich ergiebt, gehen die Vorschriften und Ansichten der Verf. jener auf den- Reim bezüglichen Stellen sehr auseinander. Während Fauchet unter der rime leonime den in Gedichten mit Tiraden ohne Unterbrechung wiederkehrenden Reim versteht, werden in dem Jardin de plaisance die in paar- weis gebundenen Versen vorkommenden Reime so bezeichnet; die von Deschamps angeführten und oben wiedergegebenen leoni- nischen Balladen enthalten gekreuzte Reime. Während die mit einem Stützkonsonanten versehenen stumpfen Reime in den Leys d'amors zu den rims consonans leyals gezählt werden, werden sie im Jardin de plaisance, wenn sie etwas kunstreicher sind, rimes leo- ninees, bei Deschamps ri7nes leonimes genannt und gelten bei Henry de Croy für bessere Reime. — Was ferner die gewöhnlichen weib- lichen Reime betrifift, so stimmen die Vorschriften in den Leys
' Wie aus dem weiteren Verlauf vorliegender Arbeil zu ersehen, findet sich ein solcher mit dem Vokal der penultima beginnender Gleichklang in den Nationalcpen nur in solchen Tiraden naturgemSTs durchgeführt, deren Reim- endungen weibliche sind oder in denen durchweg Wörter mit gleichen Flexions- und Formalionsclementcn tlurch den Reim gebunden sind.
ÜBER DEN REICHEN REIM BEI AFRZ. DICHTERN ETC. I 3
d'amors und bei Deschamps überein ; sie zählen in beiden zu den leoninischen Reimen ; in dem Jardin de plaisance werden sie rimes koninces genannt. Henry de Croy spricht sich über diese Reime nicht direkt aus ; es läfst sich aus dem , was er über die dictions imparfaicks ou feminines sagt, nur schliefsen, dafs die letzten, ton- losen Silben weiblich ausgehender Wörter einen Reim nicht liilden können. — Quicherat ist es weniger als F. Wolf gelungen ein- zusehen, dafs die Bedeutung dieser Termini im Laufe der Zeit Veränderungen erfahren hatten. Und daher stammt wohl seine eigentümliche Auffassung der rimes consomianies , die er mit den rimes plales identifizieren will. Er sagt nämlich 1. c. p. 453, es sei im Gegensatz zu den leoninischen Reimen ein anderes System, das der rimes plates aufgekommen. Un autre Systeme setait prodiul presque conctirremment: celait celui des rimes plates. Elles se nommaioit rimes consonnanles. — Dafs diese Auffassung eine falsche ist, ergiebt sich auch schon daraus, dafs gerade in Gedichten, in denen die Dichter zu Anfang aussprechen, dafs sie „rime ou consotiant ou leo- nimc'-'' schreiben wollen, wie in Crestiens Conte de Guillaume d'Aiigle- terre (V. 3), ausschliefslich nur rimes plates beabsichtigt sind, und von einem solchen Gegensatz zwischen rimes eonsonantes (plates) und leonimes (monorimes) nicht die Rede sein kann.
Um den Wechsel in der Bedeutung der Tennini der rimes eonsonantes und leonimes, wie wir letztere im Altfranzösischen bei- nahe ausschliefslich genannt finden, begreiflich zu finden, kann nur noch versucht werden, die erste Bedeutung dieser Termini zu ermitteln. — In der Überzeugung, dafs die rime leonime, der reiche, kunstvollere Reim in der altfranzösischen Kunstdichtung mit den lateinischen versus leomni in gar keinem Zusammenhange stehen könnte, stellte Wackernagel (Altfranzösische Lieder und Leiche p. 173 Anmkg.) für die erstere das Etymon lt(6vt\uog oder Xsiod- vvfiog auf. In der That schien, abgesehen von der verschiedenen Schreibung, die Erklärung eines derartigen Wechsels in der Be- deutung Schwierigkeit zu bieten, da man im allgemeinen unter den versus leonini nur solche Reime im Hexameter und Pentameter zu verstehen pflegt, in denen das vor der Cäsur stehende Wort mit dem Schlufswort des Verses reimt. — Allein schon in der lateinischen Reimpoesie enthalten die versus leonini im engeren Sinne kunstvollere Reime. Deutlich ergiebt sich dies aus der folgenden Stelle, in welcher die versus leonini den versus con- sonantes gegenübergestellt werden. Dieselbe findet sich aus einer Handschrift des zwölften Jahrhunderts ^ gedruckt in Thurots be- kanntem \\'erk über die grammatischen Schriften des Mittelalters (Notices et extraits des manuscrits de la bibliotheque imperiale et
' Andere Handschriften dieses Werkes sind in beiden Katalogen des Fonds latin nicht angeführt. Nach Herrn M. Sepets Meinung gehört die von Thurot benutzte Handschrift jedenfalls nicht ins XHI. Jahrh. ; möglicherweise stamme sie noch aus dem XI. Jahrh. , da der Katalog gewöhnlich um ein Jahrh. zu spät datiere.
14 E. FREYMOND,
autres bibliothcques. Tome XXIP, 2'^™"^ partie. Paris 1868 p. 452) und ist aus Paulus Camaldunensis (s. über diesen ib. p. 24) ent- nommen. — Hr. Dr. Schwan hatte die Güte, die betreffende Hand- schrift auf der Nationalbibliothek einzusehen und hat mir Gelegen- heit geboten, den betreffenden Passus ausführlicher als er in Thurots Werk gedruckt ist, mitteilen zu können. Er lautet in der Hand- schrift Bibl. Nat. fonds latin 7517 fol. ;i2\-^^:
Versus alii dicuniur consonantes alii leoiiini.
De consonantihus vei-sibus. Conso?ia?iles dicuniur qui in principio tertii pedis et in fine ultimi aliquam consonantiam tenent, ut est illnd: Etliiopum terras iam feruida torruit estas.
/// hoc etenim uersu sicut praediximus in principio iertii et in fine Ultimi as consonat.
De leoninis. Leonini dicimtur ad similitudincm leonis qui totatn fortitudinem et pulcritudine?n specialiter in pectore ei in cauda nidetur habere. Similiter isti in secundo uel tertio et in ultimo pede propter duarum uocaliujn armoniam in pectore et in cauda, id est in media et iyi fine uersus suam pulchritudinem iwtantur demonsfrare, ut est: Filius iste dei quem cernitis, o Galilei, Sic est venturus mundo finem positurus.
Den zuerst mitgeteilten Vers nennt Paulus Camaldunensis einen konsonantischen, weil in ihm zu Beginn des dritten Fufses und am Schlufs des letzten as gleichlautet.
In den leoninischen Versen erstreckt sich, wie dies das Bei- spiel venturus : positurus beweist , der Gleichklang auf zwei volle Silben oder er umfalst, vgl. dei : Galilei, den Vokal der zweiten Kürze des zweiten Daktylus und die Länge des dritten einerseits, und den letzten Fufs andererseits, abgesehen von dem am Anfang desselben stehenden Konsonanten. Das Charakteristikum der leo- ninischen Verse ist also, dafs sich im Gegensatz zu den konsonan- tischen ihr Gleichklang auf zwei Silben erstreckt.
In Radewin's um die Mitte des XII. Jahrhunderts verfafsten Gedicht de Theophilo (vgl. Meyers Abhandlung darüber in den Sitzungsberichten der philos.-philol. und histor. Classe der k. bair. Academie Bd. III p. 4g ff.) legt sich in den leoninischen Versen (s. p. 69) der Reim stets auf die dritte Hebung und die vorher- gehende Senkung. Zu beachten ist noch die in Meyers Abhand- lung angeführte Definition über die leoftini, die sich in der besten Handschrift des Laborintus des Everard de Bethunes an den Rand des Textes geschrieben findet und die mit der von Paulus Camal- dunensis gegebenen inhaltlich übereinstimmt. Vgl. Meyer 1. c. p. 74: Leonini dicuniur uersus in qtiibus sextus pes per similitudinem uocalium et consonantium consonanliae respondet ultimae sillahae secimdi pedis et primae tertii.
Wenn also, wie wir gesehen, in der lateinischen Reimpoesie im XII. Jahrhundert Verse mit Reimen (vor Cäsur und am Vers- schlufs) consonantes oder leofiini genannt werden, je nachdem sich
ÜBER DEN REICHEN REIM BEI AFRZ. DICHTERN ETC. I5
der Reim auf eine oder auf zwei Silben erstreckt; wenn wir anderer- seits in der altfranzösischen Kunstpoesie am Ende desselben Jahr- hunderts (vgl. die Stelle im Conte de CjuüI. d'Angleterre) rimes consonantes und koiwncs unterschieden finden, von denen die letz- teren die schwierigeren, kunstvolleren sind, so wird man nicht be- haupten können, dafs diese Termini rein zufällig unabhängig von einander aufgekommen sind. Da die mittellateinische Reimkunst diese Termini der altfranzösischen nicht entlehnt haben kann, so müssen sie aus der lateinischen Reimpoesie in die altfranzösische übergegangen sein. Die beabsichtigte Anwendung reicher Reime im Altfranzösischen verdankt ihr Entstehen daher jedenfalls nicht allein dem Bestreben, bei nicht genügend vollklingenden Endungen den Gleichklang durch Über- einstimmung der vorhergehenden Laute zu verstärken.
Was die Schreibweise leoiiime oder leonyme betrifft, so dürfte sie nur dem Reim mit )-ime zu Liebe gebildet sein. (Im Jardin de plaisance findet sich die Schreibung leonine.) ■ — Über das Etymon des Namens war man sich schon im XII. und XUl. Jahrhundert unklar. Während Paulus Camaldunensis den Terminus der leonini vermittels abenteuerlicher Erklärung von leo ableiten will, eine Etymo- logie, die wir auch später noch mehrfach wiederfinden (vgl. oben P. Fabrys Worte, an deren Richtigkeit schon Fauchet zweifelt), hält der Verfasser des von Zarncke nach einem Leipziger Miscellan- codex des XIIL Jahrhunderts herausgegebenen Traktats de diversi- taie versuum ' diese Etymologie schon für unwahrscheinlich und ist geneigt, den Ausdruck von Leo abzuleiten. Es heifst dort p. 88: Dicimtur aulein leotiini a leone rege feranim, quoniam, sicut hoc genus animalis precellü cclera animalia, ita hoc ge?ms 7>te/ri prccellit cetera gener a; vel dicuntur leojiini a lenieiido eo quod plus aliis lenianl audi- lores; vel, quod magis placet et verius est, a quodam ipsius maneriei inventore, Leone noimne, leonini dicti sunt.
Letztere Etymologie findet sich auch bei Everard de Bethunes in seinem im Anfang des XIII. Jahrhunderts geschriebenen Labo- rintus (vgl. Leyser, Historia poetarum et poematum medii aevi. Halae 172 1 p. 832 V. 113. 14:
Sunl inventoris de nomine cHcta Leonis Carmina, quae tali sunt modulanda modo . . . Gegen diese Etymologie spricht jedoch, wenn es nach den ein- gehenden Erörterun.tren über diesen Punkt in der Hist. litt. XllI
' Vgl. „Berichte über die Verhandlungen der kgl. sächsischen Gesell- schaft der Wissenschaften zu Leipzig" phil. histor. Classe. 23. Bd. Derselbe Traktat findet sich noch, freilich mit vielfachen Varianten in einer Wiener Handschrift des XV. Jahrb., welchen Monc in seinem Anzeiger VII 586 ff. wicdergegel)en hat und in einer Admonter Handschrift des XII. Jahrh. unter dem Titel : ,,De cognitione metri", deren Text Hoffmann v. Fallerslebcn in -den Altdeutschen Blättern Bd. I 212 ff. verüfTcntlichte. Vgl. Zarncke I.e. — Auch in der Wiener Hand-^rlirifl ist die oben mitgeteilte Kvklärung anders gefafst.
l6 E. FREYMOND,
p. 446 ff. noch eines Beweises bedürfte, der Umstand, dafs Paulus Camaldunensis den betreffenden gegen die Mitte des XII. |ahr- hunderts lebenden Leo oder Leonius nicht erwähnt, resp. nicht erwähnen konnte. — Waren also sclion im XII. Jahrhundert die Theoretiker über das Etymon der konini völlig im Unklaren, so ist es nicht gewagt, anzunehmen, dafs die altfranzösischen Dichter die Schreibweise dieses Terminus, um mit rime oder ryme reimen zu können, iuiderten. Das schon erwähnte Etymon Xeicoin^iioq oder Ä£c6vi\uog fällt von selbst; war Wackernagel doch nur durch die im Altfranzösischen übliche, wie wir gesehen haben, falsche Schrei- bung darauf gekommen, dasselbe aufzustellen.
Nach dem Vorstehenden scheint in ältester Zeit der Haupt- unterschied zwischen der rime co7isonatite und der 7-ime leonine darin bestanden zu haben, dafs die letztere einen Gleichklang, der sich auf zwei Silben erstreckt, forderte, während sich die erstere der- selben auf eine Silbe beschränkte; männliche einsilbige Reime mit Stützkonsonant mögen zuerst auch noch zu letzteren gerechnet worden sein und erst allmählich als vollere Reime für leoninische gegolten haben. Zu dieser Annahme berechtigt erstens die schon besprochene Definition Deschamps', zweitens aber der Umstand, dafs — worauf später noch zurückzukommen ist — sich bei Raoul de Houdenc, der im Eingange zu seinem Songe d'enfer verspricht, so viel leoninische Reime als möglich anzuwenden, solche einsilbige reiche Reime in auffallend grofser Zahl finden. Die genügenden weiblichen Reime sind, obgleich eine häufigere Anwendung der- selben nur selten und erst später beabsichtigt worden zu sein scheint, zu den leoninischen zu zählen, da die letzte Silbe der mit weiblichen Endungen versehenen Wörter noch klar und deutlich gesprochen wurde und da dieselben in Folge dessen stets einen gröfseren Gleichklang mit sich brachten, als die einsilbigen Reime. 1
Dafs die rime leonine mit der rime riche et plaie identificiert worden ist (vgl. Pierre Fabry), hatte wahrscheinlich darin seinen Grund, dafs leoninische, d. h. reichere Reime sich am häufigsten in Gedichten vorfinden, die in paarweis gereimten Versen abgefafst sind. — Ist der Terminus der Iconines wirklich je für den durch alle Verse oder wenigstens in einer längeren Reihe von Versen durchgeführten Reim gebraucht worden — wofür, ganz abgesehen
' Was die Aussprache, die Dauer des b betrifft, so scheint das bei Ju- biiial, Jongleurs et trouveres. Paris 1835 ?• 5^ stehende Gedicht: Le privilege aux Bretons darauf hinzudeuten , dafs dies p von den Bretonen in der Aus- sprache unterdrückt wurde. Dies Gedicht, welches offenbar den von den in Paris lebenden Bretonen gesprochenen jargon enthält, zeigt nämlich nicht nur, wie Jub. sagt, eine eigentümliche Orthographie , d. li. dies 3 wird nicht blos in der Schrift unterdrückt, es bleibt auch für das Metrum unbeachtet! Ab- gesehen von den Stellen, wo der Verf. ein reineres Französisch beabsichtigt, ist dies p geschrieben und kommt in der Aussprache nur da zur Geltung, wo es zur Erleichterung derselben nötig war (über den Inhalt des Gedichts s. bist. litt. XXIII 426),
ÜBER DEN REICHEN REIM BEI AFRZ. DICHTERN ETC. I 7
von der besprochenen Ansicht Fauchets, die Überschrift eines Ge- dichtes der Christine von Pisa zu sprechen scheint i - — so ist es nicht unmöglich, dafs die Übertragung der Bedeutung dieses Ter- minus daher rührt, dafs Leonius (vgl. Hist. litt. XIII p. 434 ff.) in seinen beiden gereimten Gedichten mitunter denselben Reim in einer Reihe von Versen wiederkehren läfst.
Schliefslich ist hier noch der Vorschrift eines Theoretikers zu gedenken'-^, die nicht die Fonn und Quantität des Reimes wie alle bisher in Betracht gezogenen im Auge hat, sondern den kunst- reicheren Reim speciell betrifft.
Henry de Croy sagt b i v" : De rigmes en goi'et ei plusieurs autres menues tailles ne fotii les rheloriciens quelque estime potir ce quelles sont vicieuses et condeninahles. Mais qui voult praciiquer la Science choisisse p/aisafis equiuoqnes termes leonismes et laisse7it les ber- giers des champs icser de /cur theorique et rheto?-ique rurale. ■ — Henry de Croy empfiehlt also, sich equivoker und leoninischer Reime zu bedienen; man solle es den Hirten überlassen, ihre gewöhnlichen Reime anzuwenden. (Wir erinnern uns, dafs H. de C. als Beispiel für die rime rurale penser : aller anführt.)
An einer späteren Stelle gegen Schlufs des Werkchens drückt sich Henry de Croy bestimmter aus über die Anwendung gewisser Reime und Reimwörter nach ihrem Inhalt und ihrer Bedeutung. Er sagt daselbst: Tant les plates redictes — darunter versteht er gleiche Reime, s. ib. bllr^ — qtie les redictes fifties en göret et ric- querac^ sont contees en termes de rhetoriqne et condatmees eti rigoureux examen il les fault eniter de toute ptiissance et qnerir termes plus riches et 7/iieulx reconnnandez come dictions aiicunement pareilles sans estre equi- uoquees et contraires en signification. Et est de necessite prendre ces ter7nes cy dessoiihz transcrips.
' S. Quicherat 1. c. p. 454.
2 Dieselbe findet sich teilweise bei Wolf 1. c. p. 172.
^ Unter der ricquerac oder ricqueraqiie versteht Henrj' de Croy (siehe b I r") eine bestimmte Strofenform. Warum er die Anwendung derselben ver- bietet, ist mir unerklärlich ; zeigt sie doch einen verhältnismäfsig künstlerischen Aufbau und sind doch die in dem dazugehörigen Beispiel stehenden Reime gute zu nennen. Mehr Berechtigung hätte es gehabt, die Anwendung der baguenaudes , von denen er ebenda sagt : haguenaudes sont Couplets fais a voulente cofitenant certaines quantites de sillabes sans rime et sajis raisoti pou recommandee ynio reptthee de botis oiiiiriers . . . hier nochmals zu ver- bieten. Überhaupt scheint der in diesem Werkchen des Henry de Croy über- lieferte Text besonders bei den Definitionen so wenig logisch geordnet, dafs man versucht ist, die Verantwortung für die Unklarheit wenigstens einiger Stellen nicht dem Verfasser, sondern vielmehr dem Drucker zuzuschieben. Es sei nur darauf hingewiesen, dafs b II linke Spalte unten, das mit den Worten Que diätes vous de vostre ainant beginnende Beispiel nicht an richtiger Stelle stehen kann. Der ganze Abschnitt b I v" De rigmes en garet etc. bis zu dem eben genannten Beispiel würde ferner besser hinter das erste a III r" stehende Beispiel zu setzen sein. Doch auch dann müfste das vorhin genannte Beispiel b II mit dem Folgenden, mit dem es zusammengehört, einen anderen Platz angewiesen erhalten.
Zeitsohr. f. roui. Phil. VI. 2
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i8 |
E. FREYMOND, Exemple.' |
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fureur |
seuerite |
pavesse |
vaillance |
felicite |
vtilite |
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faueur |
serenite |
proesse |
vengence |
ferocite |
transquilite |
|
verlueux |
huiiiilite |
honeuf |
deuotioii |
])leur |
famine |
|
vicieux |
hostilite |
honeur |
derision |
ßeur |
ferme mine |
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vigeur |
lioiiestete |
purete |
predication |
charite |
comande |
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rigeur |
honteusete |
pourete |
prodition |
cherite |
gourmande |
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puritication |
iiiuite |
langueur |
testue |
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putrefaction |
deiiite |
longueur |
teste nue. |
PareiUement doit le facteur quen'r et serchier aiicinis vers composez de proportiotis comme a | de | re | com | par | sub. Cor ksJis verhes etichaineni en riche rinie et o?it diuerses significations.
Henry de Croy schreibt also vor, dafs vornehmlich Wörter mit verschiedener Bedeutung durch den Reim gebunden werden sollen, sodafs gleiche Reime gänzlich zu meiden sind. • — In der- auf die obenerwähnten Worte folgenden Aufzählung von einfachen Verben und ihren Kompositen, deren Anw^endung H. de C. gut heilst, finden sich unter anderen solche wie prcjidre : repreiidre, faire : refaire, porter : aporter : reporter, d. h. Reimwörter, deren Bedeutungen denn doch so naheliegende sind, dafs sie vom heutigen Standpunkte aus für nichts weniger als gute, sondern vielmehr für heutigen An- sprüchen nicht mehr genügende angesehen werden müssen. Henry de Croy empfiehlt ferner, reichere Reime anzuwenden, auch solche Reimwörter, die, ohne equivoke zu sein, oder einen Gegensatz in der Bedeutung aufzuweisen, in anderer Beziehung Ähnlichkeit haben. Die Beispiele sind hier oben sämmtlich mitgeteilt worden, um zu zeigen, dafs unter dieser letzteren Ähnlichkeit H. de C. nur den gleichen A n laut der zusammengehörigen Wörter ver- standen haben kann ; fureur : faueur, die gar keinen gleichen Stütz- konsonanten haben, bilden einen guten Reim, weil sie, abgesehen von dem Gegensatz in der Bedeutung, gleichen Anlaut haben.
Nachdem ein bestimmtes Princip für die Einteilung der reichen Reime bei den Theoretikern sich nicht hat gewinnen lassen, bleibt nichts übrig, als bei der Untersuchung über das Vorkommen der mehr als genügenden Reime in altfranzösischen Texten eine eigene Einteilung der Reime aufzustellen, mit Hülfe deren die Reim- individualität einer Dichtung, so zu sagen, zu erkennen möglich scheint. Die Quantität des Gleichlautes musste ohne alle Frage die Grundlage einer solchen Einteilung bilden. Nach der Quantität ihres Gleichlautes sind aber die Reime:
I. genügende männliche Reime ( ' ), z. B. ama : douta, amer \ douter; II. genügende weibliche Reime ( _'_ O^ z. B. inie : vie, eure : dure; III. männliche Reime mit Stützkonsonant (K -f ' )> z. B. jnonter :
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ÜBER DEN REICHEN REIM REI AFRZ. DICHTERN ETC. IQ
IV. männliche Reime, in denen der Gleichlaut mit dem Vokal der
vorletzten Silbe beginnt (V -{- ±), z. B. z'em'r : lenir; V. a) weibliche Reime mit Stützkonsonant (K -|- ' ^), •i.'^. mere : amere ;
b) männliche Reime, in denen der Gleichlaut mit dem Kon- sonanten, der vor dem Vokal der vorletzten Silbe steht, be- ginnt (K -j- w ')j z. B. apercevoir : recevoir; VI. Reime, in denen sich der (ileichlaut auf mehr als zwei Silben erstreckt. Um aber ein Kriterium dafür zu gewinnen, in wieweit die ver- schiedenen Dichter in ihren Werken vom heutigen Standpunkt aus im allgemeinen mehr oder weniger gut reimen, müssen die reichen Reime auch nach ihrer Qualität, wenn ich mich so ausdrücken darf, noch eingeteilt werden in:
A. solche, in denen der reiche Reim entsteht durch Bindung von Wörtern mit gleichen Flexions- und Formationselementen. Hierher sind gerechnet worden die Futur- und Conditional- endungen roie, reie; die Endungen der i. und 2. P. Plur. Impf. i-ons, i-ez; die Subjonctifendungen sswns etc. u. a. ; ferner die Adverbialendungen ment, ement', die Substantivendungen ie, i-on und ähnliche; hoffentlich sind wir nicht zu weit gegangen, wenn wir auch Substantiva mit den Endungen ete, üi, tioii, cion hierhergerechnet haben ;
B. solche, in denen die reich reimenden Wörter gleichen Stammes sind, und deren Bedeutungen nicht weit auseinandergehen. Letzteres gilt besonders von Wörtern gleichen Stammes, die „verschiedenen Wortarten angehören"; ferner von Reimen von Simplex und Kompositen oder Kompositen unter einander, deren Bedeutungen naheliegende sind. Hierher gehören auch die sogenannten „gleichen" oder „identischen" Reime.' Dazu die Beispiele: savoir (Inf) : savoir (Inf), avoir (Inf) : avoir (Subst.), yöz"/ (Part.) :_/a2'/ (Subst.) etc.; ferner Reime wie devant : avant, arri'ere : de7-riei-e, plus : surplus, iuit : trestuit, viain (mane) : demain, loiax : desloiax, penser : porpenser, prendre : reprendre, conier : raconter, traire : retraire (retirer), aparter : empörter etc.
Die unter die Rubriken A und B gerechneten Reime kann man bequeme reiche Reime nennen.
C. solche, in denen die Reimwörter gleichen Stammes sind, deren Bedeutungen aber — ich halte mich hier an Toblers Worte 1. c. p. 109 — die Identität des Stammes nicht zu leicht er- kennen lassen, sondern der Schein entsteht, es liegen ver- schiedene blos zufällig homonyme Stämme zu Grunde, ferner solche Bindungen von Simplex und Compositis und Compositis
' Diese Termini sind als Katachresen beibehalten worden; genaugenommen kann man von einem „gleichen" oder ,, identischen" Reim nur bei Gegenüber- überstellung von zwei Reimpaaren sprechen.
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20 E. FREYMOND,
unter einander, deren „Bedeutungen sich so zu einander ver- halten, dals deren Verschiedenheit sich nicht aus der Ver- schiedenheit noch lebender Suffixe allein erklärt"; besonders solche Bindungen von Simplex und Composilis, in denen das eine der Reimwörter eine figürliche Bedeutung angenommen hat. — Dazu die Beispiele ; ferme (adj.) : fenne (3. Pers. Sing. Praes. oder Subj.), science : conscience, entendre : attendre, decevoir : recevoir, prendre : apprendre : siirprendj-e etc., i^criir : Souvenir, con- duire : se deduire, atorner (schmücken, bereiten) : retorner, sembler : assemhler, einploier : desploier, iraire : re/raire (erzählen) etc. D. solche, in denen die Reimwörter verschiedenen Stämmen an- gehören, und wo der den reichen Reim bewirkende Gleichlaut in die Stammsilben eingreift, resp. denselben umfafst. Hierher sind auch die gebrochenen Reime gerechnet worden; z. B. marcher : chercher, douter : monier, lendre (adj.) : attendre; ferner gebrochene Reime, wie se part : ceie pari, face an : fagon, com- pere : 7non pere, les prant : mesprant etc.
Nach diesem Einteilungsprincipe, von welchem allein eine exakte Ansicht über die Reimkunst eines Dichters scheint ausgehen zu können, sind bei den von mir vorgenommenen und im Folgenden mitgeteilten Zählungen die Reime klassificirt worden.
Die erste Kolonne der nachstehenden Tabelle enthält die Titel der untersuchten Gedichte ; die nächstfolgende Vertikalkolonne (I) enthält die Zahl der durchschnittlich in je 100 Reimen der einzelnen Gedichte sich vorfindenden genügenden männlichen Reime ; die folgenden Kolonnen ganz ebenso die relative Häufigkeit der vorhin aufgestellten Reimklassen. Zwischen die Rubriken VI und A ist noch eine Rubrik S eingeschoben worden, in der die jedesmalige Summe der reichen Reime (also die Summe der Rubriken III — VI oder A — D) eingetragen worden ist. — Die in der Tabelle ent- haltenen Procentziftern sind teilweise nur relative Durchnittszahlea ; es war dem Verfasser, was ihm bei der Fülle des Materials ver- ziehen werden mag, nicht möglich, alle aufgezählten Gedichte in ihrer ganzen Ausdehnung zu untersuchen; dies gilt jedoch nur von einer verhältnismäfsig geringen Zahl von Gedichten. [Sie sind in der Tabelle durch ein vorn angebrachtes Sternchen hervorgehoben worden ; die Zahl der untersuchten Verse ist jedesmal in Paren- these beigefügt. Diejenigen Gedichte, die nicht in dieser Weise bezeichnet sind, sind in ihrer ganzen Länge oder der bequemeren Rechnung wegen bis auf die letzten vollen 100 Reime (incl.) unter- sucht worden].
Die Dichtungen sind in der Tabelle nach der Anzahl der nur genügenden männlichen Reime geordnet worden, weil diese Reime vor allem lehren, ob sich ein Dichter des Unter- schiedes des Klangwertes zwischen den reichen und den genügenden Reimen bewufst geworden ist und sich bemühte voller zu reimen. Das in der Kolonne obenanstehende Gedicht enthält die relativ gröfste Anzahl genügender, männlicher Reime. Bei dieser Ordnung
ÜBER DEN REICHEN REIM HEI AEK/. DICHTEkN EIC. 21
wird zugleich am loichlesten erkannt, wie sich die Dichter in bei Dichtern, EHminirung einer Reimart verhalten, die im XV. Jahrh. Bezug auf die die den Anspruch darauf machten, gut zu reimen, verpönt war, die von Henry de Croy rurak genannt wurde und die notwendiger Weise schon früher ganz aufser Gebrauch war.
A.
Die nachstehende Tabelle liefs sich nur auf Gedichte mit gepaarten Reimen anwenden. — Dafs sich der Folgereira im Alt- französischen fast ausschliefslich in Gedichten mit achtsilbigen Versen vorfindet, daran braucht kaum noch erinnert zu werden. Es sind daher die nach unserer Tabelle untersuchten Gedichte mit nur zwei Ausnahmen, auf welche an geeignetem Orte aufmerksam gemacht werden wird, Gedichte, die in achtsilbigen Versen ver- fafst sind. — Für die in anderen Formen verfafsten Gedichte be- sondere Schemata und Tabellen aufzustellen wäre kaum durch- zuführen, aber auch überflüssig gewesen, da in solchen Gedichten das Auftreten und Erstreben von reichen Reimen, wie weiter unten gezeigt werden wird, bei weitem seltner ist.
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30 E. FREYMOND,
Ein flüchtiger Blick auf die Rubrik I vorstehender Tabelle zeigt zunächst, dafs die Anwendung und das Auftreten der ge- nügenden männlichen Reime in den verschiedenen Gedichten sehr verschieden sind, da wir schliefslich zu Gedichten kommen, welche Reime dieser Art gar nicht mehr enthalten. — Die Zahl derselben stellt sich als noch geringer heraus, wenn man gewisse Fälle beachtet, in denen die Dichter genügende Reime aus bestimmten Gründen zugelassen haben, wobei zwischen der im Altfranzösischen und der in heutiger Zeit bestehenden Praxis in einigen Punkten sich eine gewisse Analogie herausstellt. — Um in Bezug auf Gewinnung von Regeln für diese Ausnahmefälle sicher zu gehen, sind besonders die bei den beiden Conde ^ und den Verfassern des Roman de la Rose vorkommenden, genügenden Reime herausgesucht worden. Dafs von diesen Dichtern der reiche Reim erstrebt wurde , lehrt nicht nur die verschwindend kleine Zahl der nur genügenden männ- lichen Reime, sondern auch die Häufigkeit der Bildung gebrochener Reime, die ja keine andere Tendenz haben können, als den reichen Reim durch künstliche Wortstellung zu erreichen.
Es ergiebt sich nun, dafs diese Dichter sich zumeist in folgenden Fällen mit gewöhnlichen, nicht reichen männlichen Reimen be- gnügen, resp. begnügen müssen:
I. Bei Reimen, in denen eins der Reimwörter oder beide ein- silbig sind.
Der Beispiele finden sich so viele, dafs es überflüssig ist, solche hier anzuführen. Dafs für die einsilbigen Wörter der reiche Reim nicht gefordert wurde, resp. nicht gefordert werden konnte, findet auch darin eine Berechtigung, dafs hier das reimende Element stets aus Stammsilben besteht.
II. Bei Reimen, in denen der gleichlautende Tonvokal in einem der Reimwörter oder in beiden isolirt steht, d.h. keinen Stützkonsonant vor sich hat.
Roman de la Rose I.- Guillaume de Lorris: V. 117 coroit : seoit; V. 62g joer \ trover; V. 775 joer : ruer; V. 817 agrea •.pria; V. II 79 hdist : feist; V. 1703 esp2.nir : Jmr; V. 2177 moki'is '. hais; V. 2495 und 4185 paor : losen gcor\ V. 2577 aist : veist; V, 2643 jengUors : priors; V. 292g gengleor : paor\ V. 3053 fois : esbahü; V. 3137 paor : pior; V. 3399 obeir : ha'ir; V. 35 11 envieus : savoreiis; V. 3847 jangUors : Paors; V. 4175 feist : a'/st.
Hier gehören auch noch V. 1303 esciafit : litisant; V. 1365 forme7tt : noient.
Roman de la Rose II. Jean de Meung: V. 4313 und 16273 paor : pior; V. 5923. 6565. 6585. 8825. 14539. 22099 3 pooir : veoir;
' Mit Ausnahme des XX. Gedichts Baudouins, welches noch besprochen werden wird.
^ Diejenijjen Fälle, die sich in den späteren Überschriften befinden, sind nicht berücksichtigt worden.
^ Bd. IV 342 ist, was die Beziiferung betrifft, für 22097. 22079 zu lesen.
ÜBER DEN REICHEN REIM BEI AFKZ. DICHTERN ETC. 3I
V. 8069 trover : joer; V. 8081 pooir : st'oir; V. 9287. 21869 ^'■' '• Chastee\ V. 10927 asseoir '. pooir \ V. 11093 pria \vea\ V. 18735 inireoirs \ pooirs\ V. 19385 viescheoir : doloir. V. 5015 meshaiyig '. gaamg. V. 841 1 dehors : rt/ör^r ist wohl auch hierher zu rechnen.
Baudouin de Cond6: VI 68 verhieus : yeuls (s. Anm. auf p. 417 der Schelerschen Ausgabe).
Prisons d'amours^: V. iog6 pooir s : voloirs.
Jean de Conde: 11 193, IV i^l poons : soions; XII 27 piour :
freour; XV 47 freour : pavotir; XVI 29 pa'is : aßis; XVIII 33, XXXI
121. LXV 91 pooir : veoir; XL 113 povoir : vi'oir; XXUI 391 rekiius
: re/efii/s (in der Turiner Handschrift, welche dieses Gedicht enthält,
steht dafür rekeus \ percheus) — XXIII 443; mescc'i : cai; ib. 707
bruasi '. f\ast; 723 desrecs : effraes; 2015 verroii : pooit; XXX 97
desespoir : pooir; V 133 mourir : air\ 219 cria : releva; XXXIV 809
Imhi : z.mi (dazu die Variante trahi : auire ahi); XXXVII 733 und
929 soions : poons; 1369 looit : veoii', XXXVIII 873 traioit : haoii;
XXXIX 63 iveil : crueil; LIII 125 faon : ^/t'»;/ (in B braon); LXIX 17
losengeur : iricheeur.
III. In Reimen, in denen das eine der Reimwürter oder beide
Eigennamen sind:
Baudouin de Conde: III 159 Sa.thaii : Kdan; XII 283 Mar- lin : chemin.
Jean de Conde: X 57 Venus : esmiis; XXIII 249 Ver tuend iye7i
' Interessant ist es zu beobachten , dafs nicht reiche männliche Reime, namentlich wenn mehrsilbige Wörter im Reim gebunden werden , ferner gleiche Reime in vielen Fällen in der Turiner Handschrift, deren Ab- weichungen Scheler mitteilt, nicht vorhanden sind. Es fehlen z. B. in T die Reime V. 245 garir : fremir ; V. 311 raison : pardon, V. 519 foiidement : souvetit V. 521 tenans : asans ; V. 688 fjioustre : passe; V. 753 plaizir : de- partir ; V. 875 amours : do/ours ; V. 889 atitrui : refui ; V. 1314 folour : lan- goiir ; ferner der gleiche Reim V. 313 avoir : avoir — oder es sind Verse mit solchen Reimen durch andere ersetzt, die reiche oder bessere Reime auf- weisen, z. B.
für V. I. dolours : amours steht in T clamour : amour im Reime.
58. nee : nee ,, ,, senee : nee „ „
148. riant : entendant „ ,, amie : mie „ „
615. aler : noumer „ „ aler : apeler „ „
763. mues : m'ores ,, „ mues : m'oes ,, ,,
1066. esploitier : proyer „ ,, abroyer : proyer „ „
1203 u. 1246. desirier : baisier ,, ,, desiers : baisiers ,, ,,
1244. paours : frem(ftirs ,, ,, freors : paors ,, „
2087. venus : venus „ „ vendus : rendus ,, „
2119. savour ; amour ,, ,, savour : savour „ „
2271. force : force „ „ force : enforce „ „
2438. douchi : ami ,, ,, douchi : merchi ,, „
2511. baissier : jKoiier „ ,, soploier : ploier „ „
2843. joiaus : aniaus „ „ je iauz : jowiauz „ ,,
2904. fort : fort „ ,, con fort : confort ,,
Freilich finden sich auch einige wenige Fälle, wo umgekehrt die in T
befindlichen Lesarten weniger reiche Reime bieten:
V. 193 hat T ranoer : blamer für ranoer : desnoer. 2503 „ „ marison : despitzVm für ten^on : souspe^on.
^2 E. FREYiMOND,
: Ariisien; ib. 673 Camhrisiens : Ariisycfis- (die Turiner Handschrift, in welcher sich dies Gedicht befindet, hat Viermc7idisien : Artisie?i und Cambrisiens : Ariisiens). V 1035 Mofitagu : esru; LXVI 15 Saihan : ahan ; V 207 Jacobin : copin.
IV. Bei Reimen, in denen der Tonvokal aus einem Diphthongen oder Triphthongen besteht, deren erster Bestandteil ein / ist, oder bei Reimen, in denen das eine Reimwort einen solchen Diphthongen oder Triphthongen enthält, während sich in dem anderen vor dem Tonvokal ein zur vorhergehenden Silbe gehörendes i findet, welches ,,in der Aussprache zwei- mal zur Geltung kommt". In beiden Fällen liegt ein / mit „beinahe konsonantischem Charakter" vor.^
Roman de la Rose.'' I 631 sachies : truissies; V. 871 enarchüs \ etivoisies; V. 927 oisiaus : ross/gnaus; V. 1335 vergür : cerc/iier; V. 4037 creniaus : chal&i/iiaus. Ferner V. 1751 espi-er : figieur; V. 2897 aidier : pri-er ; V. 4165 sassies •.paus.
Roman de la Rose IL V. 5823 justicier -./i-er; V. 9593 joiajis : aniaus; V. 19447 coustumiers '. principiers.
Baudouin de Cond6. XU 147 rnzxcü : cQXgie; Prisons d'amours V. 221 castiatis : aniaus; V. 2702 desirier : baisier (in T steht baisier : asuagier); V. 1184 und 1351 desirier : rasasiier (in T desirier '. asasi-er, resp. desirier : aisi-er).
Jean de Cond^. I 433 cangier : encarchier; V. 1432 envoya : otria; II 37 Chevaliers : justiciers; V. 45 apareilliis : caucies; V. 141 pargotiniers : cevaliers ; V. 1 49 droitiirier '. moustier ; VI 7 cheliers : laniers; XXIII 1329 vivicrs '. Chevaliers; V. 1469 viQ.^\.iers : dQ^iriers; V. 2047; lartnoiant : priant; XXIX 75 nouviel : qiiaresmiel ; V. it,T) pryer : ottroyer; XXX 177 ; moitiei : congiei; XXXI 159 soldoyers : escuyers; XXXIV 767 joious : euvioiis; XXXVII 437 pr emiers : pleiniers; V. 1103 cheviaus : oisiaus; XXXVIII 181 und V. 683 m2>xchie : ch-dxgie^; LXVIII 137 descdXgie : 7HdiXchie; LXIX 9 essaucier '. reprouchier.
V. Bei Reimen, die teilweise seltenere Endungen oder sel- tenere Reimwörter enthalten, bei denen es schwerer *fiel, reich reimende passende Wörter zu finden.
Roman de la Rose I. V. 509 engin : jardin; V. 1607 soleil : vermeil; V. 3563 orgueil : aciieil; auch V. 3793 soffert : apert möchte ich hierher rechnen. — Vgl. ferner noch I. V. 655 und V. 3479 aw -.par'a.dis; V. 1347 paradis : devis; V. 1597 aval : cristal.
Roman de la Rose II. V. 17513 gregois : frangois.
' Die Fälle Vermendiyen : Artisien, ■ Cambrisiens : Artisyens sind ebenso gut zu IV zu rechnen.
2 Vgl. hierzu Tobler 1. c. p. 102 und 103. — Hierbei sei daran erinnert, dafs E. Deschamps in der p. 1 1 ff. besprochenen Balade leonime die Wörter Premier : prisonnier reimen läfst.
3 Im Roman de la Rose sind Reime wie nies : soies V. 8073 etc. zu reichen zu rechnen , in denen der Gleichlaut mit dem Vokal der vorletzten Silbe beginnt. Vgl. dazu E. Metzke : Der Dialekt von Isle de France im XIII. und XIV. Jahrh. Herrigs Archiv Bd. LXV.
* Vgl. hierzu Schelers Anmerkung p. 349.
ÜnF.R DRN REICHEN REIM BEI AFR;^. DICHTERN ETC. ^^j
Baudouin de Conde. II 299 vimestrcus : os/eus; Prisons d'amours V. 339 orguel : aqucl.
Jean de Conde. I 891 vassaus : cfiei'aus; V. 991 fn'rau/ : cofisau/; II 27, XXXVII 1461, LXI 89 commun : cascu?r, XXVllI 25 de//'/ : pourfi/; V. 52 e.?,mue/ : es/ue/; XXXIV 467 con/redü : respi/', XXXVU117 avucc \ i//uec\ XLIX 87 und LXVIII 9 escuei/ : orguei/ ; LXIII 61 essil: peri/\ LXXV 75 b^de/ : becha/e/A VI. Bei Reimsilben, die auch ohne hinzutretenden Stützkonso- nanten einen volleren Klang aufweisen, sei es, dafs der- selbe durch eine dunklere Färbung des Tonvokals oder durch die Aussprache der auf den Tonvokal folgenden Konsonanten bedingt war. Hierher gehören vor allem die Endungen or, our, etir :
Roman de la Rose. I 1457 co/ors : odofs; V. 1799 odor : do/or; V. 2761 und 3545 secors : anwrs.
Baudouin de Conde. Prisons d'amours. V. 444 und 875 amoiirs : do/otirs; V. 755 amors : /angors; V. 939 doucors : do/or s.
Jean de Conde. I153 /lounoiir : grigtiour; V. 1207 signour : hoiinour; dasselbe noch II 21, XXIII 1525, XXVI 55, XXXVII 827, LH 77, LVI 61, LXVI 275, LXIX 99, LXXI 217; LXVIII 253 sdgneur : dcs/iouneur; X 3 p/iiisours : amoiirs; XXX 167 doitceurs : /abeurs; XXXII ^^ con/oiirs : oudottrs; XXXVIII 265 metunir : greignour (in A steht dafür menoiir : hoimour). Ferner die Endjang /;-:
Roman de la Rose. I 1159 soffrir : main/cnir', V. 3925 sopir : dormir.
Band, de Conde. XIX 185 /enir : desir.
jean de Conde. I721 raffreschir : issir; II 121 desiervir : cre7nir\ V. 165 fai//ir : /etiir. die Endung er:
Roman de la Rose. I 345 caro/er : mo/ler; V. 511 /rouver : en/rer ; V. 2 3 1 1 recorder : reviembrer.
Baud. de Conde. XVIII 455 escJiiver : jeimer. Prisons d'am. V. 2381 recovLvrer : /rouver; V. 2926 confor/er : fr einer.
Jean de Conde. II 157 moiis/rer : gouvreiier. die Endung o/rin:
Jean de Conde. II 181 es/ouvoir : rou/o/r. femer die Endungen an/ und en/'^:
Roman de la Rose. I977 Biau Seinb/an/ : grevan/; V. 1283 avenati/ : p/aisatü; V. 2851 avan/ : i/aii/; V. 3469 samb/an/ : devait/;
' Hierzu sind auch Endungen wie eitc , ort, ut , die wir vereinzelt in einigen anderen reich gereimten Gedichten unter den genügenden Reimen an- getroffen haben, zu rechnen.
* Diese Endungen dürfen bekanntlich nach den Vorschriften der heutigen Theoretiker nur mit gleichlautendem Stützkonsonanten angewannt werden. — Es sei bemerkt , dafs nach den hierauf bezüglichen Untersuchungen, die auf eine Reihe von entschieden reich gereimten Gedichten ausgedehnt worden sind, imter den genügenden männlichen Reime solche auf aiit und ent am häufigsten vorkommen.
Zeitsclir. f. rom. Phil. VI. 7
34 E- FREYMOND,
V. 4163 pensimt '. auire7nent\ II 5775 ailnidans : gisaus; V. 7271 (/e- vanl : aperteinent.
Baud. de Conde. XVI 143 volanl : alosaiii (in den Hand- schriften AB aber ailosani : alosanl).
lean de Conde. I 983 enwii : hatant; XXII 57 cmprcnl : 7-epent\ XXX 145 erraiiiitcni : maUalent; V. 226 sairmcnl : couvcul\ XXXIl 14g enfant : dcvani; LXXI 27 drrauf : scTJaiit. ferner einige mit den Endungen on, oiis:
Roman de la Rose. II12211 esclnlons : ess'i/lons; W. 17095 ch^vron : c/e"w/.
Jean de Conde. 1175 cntendons '. fnimons.
Es bleiben nunmehr noch folgende genügenden Reime übrig, die auf Konsonanten ausgehen:
Roman de la Rose. I 361 ivioiaulis :ßctris\ V. 1081 cjicwscs : recwles; V. 1513 vioi'ist : requtst; V. 3381 mciicz : avih'x; V. 3667 assai/Iis : hardis.
Roman de la Rose. II 5785 regiioif : vivoi/.^
Jean de Conde. XXIII 55 oisch's : bnti/h's; V. 833 amoil : maintenoint (in der Turiner Handschrift tenoU : maintevoit) ; XXX 20g fcrts : amendcs\ XXXV 201 doulousoil : voloit; LXIX g5 orguülciis : piteus\ LXXI 13g vQ.noit : rece,voil; V. 277 rcccvez : tenez; LXXV 4g descroisi : nourrissoit.
und endlich noch vier Fälle, in denen der Tonvokal allein das reimende Element bildet : *
Roman de la Rose. II 14347 'loiiiiiu' : doiiiu'.
Jean de Conde. XXXIV 271 vi i er cht : mami; V. 103g cell : failli\ LXXI 201 assamhle : fauscte.
Auch andere Dichter als die beiden Verf. des Roman de la Rose und die beiden Conde lassen nur in den oben besprochenen Fällen, besonders in .den vier ersten, geiuigende Reime zu. — Es sei hingewiesen auf Rutebeuf (No. 175 der Tabelle), Gautier de Coincy'(No. 173), ferner auf die Gedichte: Des prelaz qui sont orendroit (No. 172), diz dou vrai aniel (No. 181), les deux changeurs (No. 165), la senefiance de l'ABC (No. 170), dit du Roy (No. 176), ferner auf Baisieux' Gedichte (No. 182), Gauthiers le Long: la veuve (No. 166), liugues' de Cam- bray: la male honte (No. 167), auch auf Hugues' de Piau- cele: De sire Hain et de dame Anieuse (No. 158) etc. — Noch auffallender ist es, dafs sich beinahe alle genügenden Reime unter die oben bezeichneten Ausnahmefälle klassificieren lassen in Gedichten, die eine verhältnismäfsig grofsere Anzahl von genügenden Reimen überhaupt enthalten: vgl. hierzu Chronique des rois de
' Es bleiben im Roman de la Rose iiDcli einige genüj^'ende männliche Reime, die sieh jedoch an Stellen belinden, welche nach Marlcau nachträglich hinzugefügt sind; nämlich V. 17697 avoir : doloir; V. 19087 aniiis : endormis; V. 21865 servis : soiitis vgl. dazu t. IV 386 Note 21, p. 389 Note 27, p. 409 Note 74. — In V. 12321. 2 ist trotz des Bedenkens des Herausgebers niunt : savoif, das sich in der Handschrii't beiludet, vielleicht beizubehalten.
ÜBER DKM REICHEN RF.IM r.EF AFKZ. DICHTRRX ETC. 35
f'rancc (No. 12g), dis des monstiers (No. 142), les doux Chevaliers (No. 138); Combat de St. Pol contre les Carmois (No. 128) und die um 1300 geschriebene Chronique de St. Mag- loire (No. 95).
Aus dem Vorhergehenden ist zu entnehmen, dafs es von l'"in- ilufs auf die Anwendung reicher Reime gewesen ist, ob der Ton- vokal von in der Aussprache zur Geltung kommenden Konsonanten gefolgt war oder nicht. — Reime, in denen der Tonvokal allein das reimende Element bildet, wurden um ihrer Scbwachtonigkeit willen schon im ersten Viertel des XIll. Jahrhunderts von ver- schiedenen Dichter gemieden, i — Diese Scbwachtonigkeit gewisser lüidungen im Altfranzösischen mag Manches dazu beigetragen haben, dafs nach dem Vorbild der in der lateinischen Reimpoesie des Mittelalters gehandhabten Praxis der Gleichklang durch Über- einstimmung der vorhergehenden Laute verstärkt wurde. Damit soll jedoch keineswegs gesagt sein, dafs diejenigen Dichter, welche zu- erst absichtlich reich reimen, vorzugsweise oder gar ausschliefslich bei bestimmten, nicht genügend vollklingcnden Endungen den reichen Reim anwenden.
Bei der Anführung der im Roman de la Rose und in den Gedichten der beiden Conde vorkommenden genügenden Reime ist schon durch den Druck kenntlich gemacht, dafs sich vielfach in denselben „paronyme" Reime vorfinden.- Das verhältmäfsig häufige Auftreten dieser Eä'.le berechtigt wohl zu der Annahme, dafs das- selbe nicht überall dem blofsen Zufall zuzuschreiben sei; diese paronymen Reime erscheinen vielmehr bei reich und gut reimenden Dichtern häufig, gewissermafsen als Ersatz für den reichen Reim. Es darf dies z. B. von dem Reime menti : pimdi ge\\.eTi, dem einzigen genügenden Reim auf blofsen Vokal, der sich in dem Gedicht Com- bat de St. Pol contre les Carmois findet, der sich nicht unter die oben genannten Fälle setzen läfst, in welchen genügende männliche Reime von reich reimenden Dichtern zugelassen wurden. — Meistens werden sich diese paronymen Reime allerdings rein zufällig vor- finden ; sie kommen mehr oder weniger in allen von uns unter-
' In entschieden reich gereimten Gedichten finden sich mehrfach ge- nügende Reime auf ui, die zuzulassen sind, weil es verhältnismäfsig nur wenige Reimwörter auf diesen Diphthong giebt.
- Unter „paronymen" Reimen verstehe ich dasjenige, was Tobler I.e. p. 112 ,, Doppeheim" nennt. Letzterer Terminus ist deswegen nicht beibehalten worden, weil man erstens von einem ,, Doppelreim" wohl nur spreclien kann, wenn in zwei durch den Reim gebundenen Versen die beiden vorletzten Silben einen soklien teilweisen Glcichlaut aufweisen, und weil man zweitens unter dem Doppelreim in neuester Zeit Verschiedenes verstanden hat. Schwan 1. c. P- 373 versteht hauptsächlich diejenigen Reime darunter, die in vorliegender Arbeit ,, gebrochene" genannt sind. Krefsner definirt 1. c. p. 47 folgender- mafsen: Der Doppelreim entsteht, wcim die beiden letzten Wörter reimen. Als Beispiel wird daselbst angeführt:
Que de sujets cfespoir, Arsace, ye i'avoue : Mais d'un soin st critel la fortiine tnt Jone. Sollten Übereinstimmungen dieser Art, die wohl nie beabsichtigt worden sind, einen besonderen Terminus verdienen?
30 E. FRKYMONÜ, ÜRER DEX REICHEN RKIM ETC.
suchten Gedichten vor. Beabsichtigt erscheinen solche Reime je- doch z.B. im Roman de Dolopathos, was einige Beispiele dar- thun mögen.
Bis auf die viertlelztc Silbe erstreckt sich dieser teilweise Gleichlaut z. B. in:
V. loii. 12. Moult ot li rois sens et savoir Honor et puissance et avoir. auf 5 Silben in :
V. 1579. 80. Onkes cest don ne nos changiez Nos vos prions ke vos mengiez. V. 12420. 21. S'ä l'ymaige po'ist veiiir Si k'ä li ce po'ist tenir. auf 6 Silben in V. 11875. 6, wo allerdings die Wörter zum Teil identisch sind :
Sachiez ke Dex garder nel' volt [vout] Por ceu ke Dex garder nel' pot [poul].
Eine gröfsere Übereinstimmung bieten die Verse 3688. 89 : Que tot son voloir li feissent Et tot lor pooir i me'issent.'
Schon oben \\'urde gesagt, dafs eine hriuligc, beabsichtigte An- wendung gebrochener Reime keine andere Tendenz haben könne als die, den reichen Reim durch künstliche Wortstellimg zu erreichen. Der gebrochene Reim , die rima cojitrafacha der Leys d'amors, wird denn auch von reich reimenden Dichtern gern angewandt; er ist jedoch nicht als ein unvermeidlicher Notbehelf anzusehen. In offenbar reich gereimten Gedichten treffen wir ihn mitunter nicht häufiger an als in Gedichten, die nur rein zufällig reiche Reime enthalten. — Aufser in den Gedichten der beiden Conde zeigt sich eine häufige Anwendung dieser Reimart in den- jenigen Gedichten, die in unserer Tabelle aufgeführt sind unter den Nummern: 172. 170. 166. 186. 176. 175. 182. 173. 165. — Im Gegensatz dazu ist auf die Anwendung gebrochener Reime wenig Gewicht gelegt in der Vie de St. Jean Bouche d'or (s. 15g der Tabelle).
Was nun den grammatischen Reim betrifft, so wird er, worauf im Laufe vorliegender Arbeit noch zurückgekommen werden wird, hauptsächlich in Gedichten angetroffen, in denen der reiche Reim erstrebt ist. Nur ausnahmswcis kommt er jedoch auch in solchen Gedichten vor, von denen sich dies nicht sagen läfst. Vgl. Roman de St. Graal V. 86g fT. gankras : commaruleras, garder : Com- mander; Lai d'Equitan (Marie de France) V. 245 ff. seignez : beignez, seignera : baignera; Tristan (Thomas bei Michel II 56) salue : rendue, saht : rendu; Chastiement des dames (Barb. &: Meon. 11 202) V. 561 ff. dire : escondire, dit : escondif.
' Vgl. die rims serpentis in den Leys d'amors (s. o. I 172).
\\. Fkenmoni).
(Schlufs folgt.)
Palmeirim de Inglaterra.
Die Hand aufs Herz! Wer hat ihn gelesen, diesen Ritterroman, den Cervantes * als ein Unikum in seiner Art in einem goldenen Kästchen aufbewahrt wissen w'ollte, demjenigen gleich, welches Alexander aus der Beute des Darius auswählte, um seinen Homer darin zu bergen? Spanische Bücher fanden von jeher und finden immer noch ein Publikum, wenn auch heutzutage ein kleines; vom spanischen Palmerin aber haben sich nur drei oder vier Exemplare erhalten!'^ Der portugiesische ist hingegen in ungleich zahlreicheren Exemplaren (aus diesem und dem vergangenen Jahrhundert) zu- gänglich^; wer aber liest portugiesische Bücher? und noch dazu einen portugiesischen Ritterroman? Und doch haben es viele Spanier und Spanierfreunde gewagt ihr Urteil darüber abzugeben, ob der erste und eigentliche Verfasser des Palmeirim de Inglaterra ein Spanier oder Portugiese war, das erste behauptend, das zweite leugnend. Und zu diesen Kritikern, die mit der Prätension auf- treten das Urteil von zweieinhalb Jahrhunderten, als ein falsches, leichthin aufgestelltes umzustofsen, gehören Vicente Salvä, Pedro Salva, Pascual de Gayangos, Adolfo de Castro, Barrera y Leirado, Dunlop-Liebrecht, Grässe, Brunet, Grenville, Ticknor, Ferdinand Wolf, Braunfels ^ : lauter Namen von gutem und bestem Klange.
') Don Quijote I cap. VI in dem berühmten Bücher-auto-da-fe.
2) Das erste Exemplar, welches 1826 bekannt ward (das einzige, um das z. B. Barrera y Leirado weifs), gehörte zur Bibliothek des Vicente Salvä und scheint später, nach dem Tode von Pedro Salvä (?) in den Besitz des Marquis von Salamanca übergegangen zu sein ; das zweite befindet sich im brittischen Museum imd stammt aus dem Grenvilleschen Fonds; das dritte ruht in der k. k. Wiener Bibliothek, wohin es aus der Reinhartschen Sammlung gelangte, ist jedoch unvollständig, da ihm der zweite Band fehlt. Ein viertes Exemplar scheint sich in der Bibliothek der Kathedrale von Toledo zu befinden , wo F. A. Varnhagen es 1846 gesehen hat. Cfr. i. Salvä, Catalogo No. 1646 und Benjumea p. 4. 2. Bibl. Grenvilliana und Benjumea p. 4. 3. Ticknor- Julius p. 195 und F.Wolf, Prager Romanzensanrmlung p. 125. 4. Varnhagen, Da Litteratura dos Livros de Caballaria p. 94.
•*) Die Ausgaben aus dem XVl. Jahrhundert sind äufserst selten , wie weiter unten gezeigt werden wird ; die aus dem XVIII. Jahrhundert ist auch nicht häufig, hingegen die von 1852 leicht zugänglich.
* 1826. Vicente Salvä, Catalogue of spanish and portuguese books No. 3656.
1827. Pedro Salv;l, Repertorio Americano T. IV p. 42 — 46; und 1872.
3ö c. :michaelis de vasconcellos,
Trotzdem bleibt es Wahrheit, dafs sie alle — diejenigen un- gerechnet, welche ihnen in Encyclopädien und allgemeinen Litteratur- geschichten nachgeschrieben — olme rechte, aus dem Werke selbst geschöpfte, Kenntnis ihr Verchkt für Spanien, und gegen Portugal abgegeben haben, gestützt auf eine gewissenhafte (manchmal aber auch gewissenlose) Lektüre der Titel-, der Widmungs- und der Einleitungs- blätter, d. h. gestützt allein auf ihre im höchsten Grade trügerische, weil immer unvollstänchge, nie wenigstens mit Sicherheit für voll- ständig anzuerkennende bibliographische Scheinkenntnis. ^ Als ob man über ein Buch, das man nicht gelesen, ein zutreffendes Urteil fällen könnte! W^eil die älteste, heute bekannte Ausgabe des Pal- merin eine spanisch geschriebene und in Spanien herausgegebene ist, steht es darum zweifellos fest, dafs wirklich diese Ausgabe die erste ist und dafs sie das echte Originalwerk darbietet? Als ob nicht in mehr denn in einem Falle Originalwerke gänzlich verloren gegangen, und nur Übersetzungen derselben übrig geblieben wären !-
Catalogo de la Bibliotheca de Salvä II No. 1646. An dieser Stelle erklärt Pedro Salvä ausdrücklich, dafz er, und nicht sein Vater, der Entdecker des Akrostichon ist. Trotzdem fährt man fort allenthalben Viccnte Salvä die- selbe zuzusprechen. 1834 u. 43. Brunei, Manuel (T. III p. 420 sq. der ed. Bruxelles).
1842. Gräfse, Litterärgeschichte Bd. II Abth. III p. 425 sq.
1842. Grenville, Bibliotheca Grenvilliana.
1849. Ticknor (ed. Julius 1852, I p. 193).
1850. F. Wolf, Prager Rom. p. 125.
1851. Liebrecht, Dunlop, Prosadichtungen p. 481 Anm. 228 sq. 1860. Barrera y Leirado, Cat. Bibl. y Biogr. p. 188 sq.
1862. Pascual de Gayangos, Del Palmerin de Inglaterra y de su ver- dadero autor; ^Madrid (Abdruck aus der Rev. Esp. de 1862 Heft II und III) und Libros de Caballerias, Discurso Preliminar p. XLI (Rivadeneyra XL).
1876. L. Braunfels, Kritischer Versuch über den Roman Amadis von Gallien p. 145.
Adolfo de Castro soll sich, laut Benjumea, auch über die Palmerinfrage und zwar zu Gunsten der Ansjirüche des Äliguel Ferrer ausgesprochen haben; wo das geschehen, ist mir nicht bekannt. ' — F. Wolf spricht in der Prager Romanzensammlung keine selbständige Meinung aus, sondern führt nur Salväs Meinung an; in der deutschen Ausgabe des Ticknor (I 195 Anm.) spricht er jedoch vom spanischen Originale des Palmerin.
Zuerst haben diesen Verfechtern der spanischen Sache auch die Portu- giesen Innocencio da Silva, Dicc. Bibl. III 15, und F. A. de Varnhagen in einer Anmerkung zu seiner Historia Geral do Brazil zugestimmt; nachher d. h. nach 1862, als sie des Odorico Mendes' Schrift studierten, haben beide ihre ^Icinung wieder zu Gunsten Portugals umgeändert. Cfr. Inn. IX 349 scj., und Varnh. Livros de Caballaria.
^ Klein, Geschichte des spanischen Dramas I 701 ciliert nicht einmal den Namen des vermeintlichen spanischen Palmerin-Verfassers richtig. Er nennt ihn Luiz de ..Mendoza , des guten Glaubens voll , jeder Hurtado sei auch ein ]\Iendoza , wie der berühmte Dichter inid Diplomat Diego Hurtado de Alendoza.
3 Verloren gegangen ist z. B. das Original des 13. Buches des Amadis genannt Esferamundi; der Rilterroman Flortir; die Geschichte von Valeriana von Ungarn ; die Chronik des Ritters Polisman. Alle 4 sind in italienischen Übersetzungen (ki; das erste Werk auch in französischer. — S. Grässc S. 416, 425, 430 und Nie. Ant. II 684.
PAI.MF.IKIM DK IXGLMEKRV. 39
Als ob CS nicht hundertfach bewiesen wäre, dafs Ausgaben ganz verschellen ! Nur wer sich mit der Schale bibliographischer Weis- heit begnügt, wird sagen: ja, die Existenz eines spanischen Palmerin schon zwanzig Jahre vor dem ersten bekannten iiortugiesischen Text sei eine entscheidende Antwort auf die Frage nach der Nationalität des ^Verkes. Wer gern auf den Kern der Sache geht, wird sagen: nein, entschieden sei damit nichts; die Frage bedürfe weiterer, tiefergeliender Erörterungen. Nur der Eine dürfe sie ent- scheiden, der den portugiesischen und den spanischen Text gelesen ; der den Lebensgang des spanischen wie des portugiesischen Prä- tendenten so weit verfolgt habe als die vorhandenen Hülfsmittel es gestatten; nur der welcher vor allem auch die sonstigen Werke beider zum Vergleiche lierbeigezogen habe. Denn wer um das Leben und Lieben und um die \\'erke beider weifs und beider Texte nebeneinanderstellt, der wird erkennen, erstens ob einer, und welcher von ihnen. Selbsterlebtes in seinen Roman hineingeflochten hat, und zweitens, welcher Text den Stempel des echten, originellen in s})rachlicher Beziehung an sich trägt.
Diese Bedingungen hatte bislang, gerade in der Zeit von 182Ö bis 1860, in der die Palmerinfrage eine vielfach erörterte war, niemand erfüllt. Erst in neuester Zeit und nachdem alle Welt sich bei der leichthin gefällten neuen Entscheidung beruhigt hatte, haben Spa- nien und Portugal den Procefs „Francisco de Moraes gegen Ferrer Hur- tado" noch einmal aufgenommen und ihn nun endlich unparteiisch, mit ausreichender Sachkenntnis, unter Herbeiziehung des ganzen Beweismaterials geführt, und, meines Erachtens, endgültig ent- schieden — zu Gunsten Portugals. Den Ausschlag dabei hat ein Spanier gegeben, dessen Zeugnis doch gewifs als argwohnsfrei anerkannt werden wird. Die Portugiesen hatten zwar naturgemäfs — (bis zu dem Meinungsumschwung von 1827) für ihren eigenen Landsmann ohne Schwanken und Wanken gestimmt 1 und auch nachdem die Spanier ihre Ansprüche erhoben, haben sie, im sicheren Gefühle ihres guten Rechtes, ihre alte Meinung verfochten, doch geschah es ohne besonderen Eifer, und ohne Leidenschaft; und vor allem kannten sie den spanischen Text nicht aus eigener An- schauung und waren daher nicht mit so gutem Rüstzeug angethan wie der neueste hispanische Kämpfer, der für ihre Sache auf-
* Dafs zwei davon durch das Auftauchen der spanischen Ausgabe an dem Rechte der portugiesischen Nation irre geworden sind, nachher aber ein- gesehen haben, dafs aucli der Toledaner Text demselben Rechte keinen Eintrag thun kann, ward schon erwähnt (Anm. 4 S. 37). Unbegreiflich ist es, wie ein so gewissenhafter Kritiker wie Ludwig Braunfels sagen kann, da-Silva sei bei seinen portugiesischen Behauptungen einfach stehen geblieben, und habe über Salväs Entdeckung geschwiegen , obschon dieselbe einen unwiederleglichen Beweis bilde (!). An der von Braunfels citierten Stelle (III 15) spricht da-Silva ausführlich über das Akrostichon von Luis Hurtado imd über die Toledaner Ausgabe — freilich nicht direkt nach Salväs , sondern nach Brunets Infor- mationen,
40 C. MICHAELIS DE VASCONCELLOS,
getreten ist, weshalb wie gesagt, diesem der den Namen Nicolas Diaz de Benjumea trägt, der Ruhm des Sieges zufallen mufs.
Durch die INIitthätigkeit der Spanier ward im i6. Jahrh. der Palmeirim de Inglaterra in die europäische Litteratur eingeführt; durch die Spanier ist die Frage nach seiner Herkunft eine um- strittene, damit aber auch eine europäische geworden, Sie haben den Palmerin (wie manche andere winzige und wuchtige Besitz- tümer) noch ehe man jenseits der Pyrenäen von seinem Sein wufste, als wertvoll erkannt und ihn ihren Bewunderern gezeigt ; freilich ohne seinen wahren Ursprung zu erwähnen, so dafs er für echt- spanisch gelten konnte und sollte. In diesem Falle aber waren es auch Spanier die ihn ehrlich und offen, mit Beiseitesetzung alles blinden Nationalstolzes den rechmäfsigen Herren zurückerstattet, so ihren Fehl wieder gut gemacht und etwaigen Anklagen von Seiten Portugals die scharfe Spitze abgebrochen haben.
Dieser Satz bedarf einer Erläuterung. Ein Spanier, Cervantes, war es gewesen, der zu Anfang des 17. Jahrh., tonangebend für die Meinimg der nächsten zwei Jahrhunderte (1605 — 1826), aus- gesprochen hatte, dafs der Ritterroman Palmerin de Inglaterra, trotz der widersprechenden Behauptungen zweier spanischer Pseudoautoren, gemäfs der in seiner Zeit und in seinem Lande herrschenden An- sicht, eines Portugiesen Werk sei. Derselbe Spanier hatte den herrlichen Ritterroman, den er wirklich gelesen, mit enthusiastischem Lobe gepriesen. Auch ein Spanier, Vicente Salva ist es gewesen, auf dessen Veranlassung hin sich dann, vor mehr als einem halben Jahrhundert (1826), das Blatt wendete: Portugal wurde, ohne zu- reichenden Grund , seiner Anrechte beraubt ; Spaniens überreich glänzendes Gefieder ward dagegen noch mit dieser gefundenen Feder geschmückt , die neben so vielen anderen leuchtenderen, doch nur blafs und fahl schien. Und wieder war es ein Spanier, Diaz Benjumea, der 1870 noch einmal die Partei Portugals ergriff, abermals die Schönheiten des Palmerin als unvergleichliche schilderte, und ihn mit glänzender, überzeugender und beweisender Ver- teidigungsrede dem Portugiesen Francisco de Moraes zurück vindi- cierte. Schärfer und klarer kann man sich wohl nicht ausdrücken als in der Versicherung geschieht, dafs Spanien nicht mehr Anrecht an den Palmerin habe, als an Vergils Aeneis, Ariosts Orlando, oder Shake- sj)eares Hamlet ' ; dafs Spanien niemals einen Beweis für sein An- recht hat beibringen können, den gesunde, ehrliche und vorurteils- lose Kritik hätte annehmen dürfen ; und dafs nur krasse Unkenntnis des Werkes selbst, das Märchen von Miguel Ferrers oder Luiz de Hurtados Autorschaft hat in die Welt setzen dürfen.
Ich unterschreibe diesen Ausspruch, und hoffe, dafs in Deutsch- land wenigstens jeder der Benjumeas Arbeit oder diesen meinen Bericht liest, die Überzeugung von seiner Berechtigung gewinnen wird. So viel ich weifs hat man dort die neueste Phase des Pro-
' Benjumea p. i.
PALMKIKIM DK INGT.A l KKRA. 4I
cesses nicht verfolgt; wenigstens hat öffentlich Niemand seine Stimme für die eine oder die andere Partei abgegeben. Daher, meine ich, mufs es allen denen welche ein Interesse an spanisch-portugiesischer I.itteratur nehmen, lieb sein, wenn endlich einmal ein Bericht über den (lang und Inhalt des Processes abgestattet wird. Eigens ge- wonnene Erkenntnisse unterdrücke ich dabei natürlich nicht, möchte aber von vorn herein die Grenzen in denen ich meine Nachprüfung der von anderen erreichten Resultate halten mufste, klarstellen.
Den spanischen Palmerin kenne ich nur aus den Mittheilungen von Salvä (Gayangos), Varnhagen und Benjumea : den portugiesischen habe ich in der Ausgabe von 1789 von a bis z gelesen. Dafs besonders Benjumea in seinen Angaben und Auszügen aus dem unzugänglichen span. Texte nicht noch ausführlicher und genauer ist, habe ich lebhaft bedauert, manche kleine Frage ist mir noch unbeantwortet geblieben; vollkommen befriedigt werde ich erst sein, wenn der spanische Text in einer der schönen spanischen Samm- lungen seltener Bücher Aufnahme gefunden hat, die jetzt im Er- scheinen sind und den Studierenden schon so viel interessantes Material zugänglich gemacht haben. Zum Glück liegen die Sachen in der Palmerinfrage jedoch, nachdem Benjumea genaueres über die spanische Ausgabe berichtet hat, so klar da, und der Indicien für INIoraes, gegen Ferrer und Hurtado sind für den Unparteiischen so viele und so gewichtige, dafs er sich jetzt für berechtigt halten darf, sich nach gründlicher Einsicht nur des por- tugiesischen Textes, eine eigene Meinung zu bilden.
Von all den alten Hypothesen, welche andere als Francisco de Moraos, Miguel Ferrer und Luis de Hurtado zu Autoren des Palmerin machten, darf man schweigen, da sich nicht der geringste Beweis für irgend eine derselben hat auffinden lassen.
Es ist hinlänglich bekannt, dafs Cervantes einen König von Portugal als den mutmafslichen Verfasser hinstellt ' ; dafs der um
' Was Benjumea über den Ursprung der Sage aufstellt, welche den Pal- merin einem portugiesischen Könige zuschreibt, scheint mir wenig stichhaltig. Er sagt: „lo verosiniil es, cjite reconociendo ä im portugiies por atUor del original y hallando ser obra de merito la achacasen d un principe, ftindadus en los advertimientos y consejos qiie contiene respecto d la huena gobernacion de los estndos y conducta qiie deben giiardar los reyes." Auf Seite 39 deutet er jedoch den wahren Grund an, M'enn er sagt: „y como hay en el indicios de ser tradiiccion del portugiies se achacö d un rey de Portugal por la aßcion y aun participacion que algunos monarcas de este pais habian tenido en otros libros de caballerias, y porqiie se pensaba que el Palmerin de Oliva, ahiielo del britdntico era nacido en el vecino reino." Mir wenigstens scheint es natürlich, dafs die Sage sich auf jenes andere in Spanien bekannte Märchen stützt, nach welchem D. Fernando, der zweite Herzog von Braganza, der Verfasser des Amadis sein sollte. Verschiedene andere Thatsachen waren aufserdem bekannt, welche portugiesische Fürsten in Beziehung zu Ritter- büchern setzten : Tirant lo Blanch war dem König von Portugal Dom Fer- nando gewidmet; im Amadis (Buch I Kap. 40) war auf Wunsch des portu- giesischen Infanten Dom Affonso, eine Änderung vorgenommen worden. Der König Johann III. hatte als Kronprinz den für ihn geschriebenen Clarimundo des Joäo de Barros kopiert.
42 C. MICHAKMS DE VASCONCELLOS,
Auskunft nie verlegene Faria e Souza i diese Angabe dahin pr;'i- cisirt. der König D. joäo II. sei gemeint, eine Angabe, die von Pollicer im Coramcntar zum D. Quijote wiederholt Morden ist; dafs hingegen Clemencin in seinem Commentar den Infanten Dom Luis - darin erkennen wollte. "•^
Ebenso bekannt ist, dafs die älteste erhaltene Ausgabe des Palmerin eine spanische ist, die 1547 — -1548 in Toledo gedruckt ward: dais die ältesten Übersetzungen ins Französische (1553 Lyon) und Italienische (1553 — 55 Venezia) auf einen spanischen Text verweisen, der ihnen vorgelegen; dafs hingegen die älteste bekannte datierte portugiesische Ausgabe erst 1567 in Evora erschien, ja dafs der Name Francisco de Moraes vielleicht •* erst 1592 als der des Autors öftentlich erwähnt wird; dafs ferner Vicente Salvä ein erstes Exemplar der spanischen Ausgabe auffand und 1826 be- sprach, so wie dafs dieser Fund für alle spanischen Bibliographen die Frage der Nationalität des Autors zu Gunsten Spaniens entschei- dend beantwortete, ja dafs auch England und Deutschland diese Entscheidung ungeprüft und unbeanstandet acceptierten und weiter- verbreiteten.
Nicht so bekannt ist, was weiter folgte. 1860 publicierte ein Brasilianer (aus Maranhäo), Manuel Odorico Mendes '■>, eine kleine Schrift „Opusculo äccrca do Palmeirim de Inglaterra e do seu auctor, no quäl se prova haver sido a referida obra composta ori-
* Europa Portugueza III (Pe IV c. 8).
- Clemencin, D. Quijote I 125 sq. Der hochgebildete Infant Dom Luis, der an dem Siege von Tunis grossen Anteil gehabt hat, ist der Verfasser verschiedener Camoens zugeschriebener Sonette (S. Storck, Sämmtliche Ge- dichte des Camoens II Anm. zu Sonett 232). Die öffentliche Meinung erklärte ihn überdies für den Autor des ,,Auto dos Captivos, chamado de Dom Luiz e dos Turcos", dessen Held er vielleicht ist, und des ,,Auto de dorn Duardos". An diese letztere, durch die Indices Librorum Prohibitorum auch in Spanien erwähnte, Tragikomödie knüpft wahrscheinlich die Fabel an, dafs er die Ge- schichte Palmeirims verfafst habe , in deren erstem Teil dom Duardos ja die Hauptrolle spielt. Über Dom Luis vgl. man Th. Braga, Hist. do Theat. Port, no sec. XVI, Livro II cap. I imd Poesias de Sä de Miranda, cd. C. M. de Vasconcellos, Nota 105.
^ Grässe (p. 426) und Salvä (Cat. II p. 86) behaupten, Nicolas Antonio zuerteile den Palmeirim dem Infanten Dom Luis, und verweisen auf seine Bibl. Hisp. Nov. II p. 47. In der Originalausgabe von 1672 , der einzigen die mir zugänglich ist, findet sich die bezügliche Bemerkung nicht. Ver- mutlich haben beide ein Citat , das einfach auf die von Nie. Ant. (bei Cle- mencin?) gegebene Notiz über den Infanten verweisen wollte, so aufgefafst, als stände in dieser Notiz eine auf den Palmerim befindliche Angabe.
* Ich sage vielleicht, weil ich nicht daran glauben kann. Gesetzt aber auch, es wäre der Fall, so ändert das an der wahren Sachlage nichts; denn das 1592 mitgeteilte Dokument, aus dem erhellt, dafs Moraes den Palmeirim geschrieben hat, mufs vor 1546 verfafst worden sein.
* Über Odorico Mendes sehe man Inn. da Silva VI 72. Mendes selbst hat kein Exemplar des spanischen Palmerin gesehen , wohl aber nähere Auskunft über das im British Museum aufbewahrte durch Varnhagcn erhalten, welcher es 1858 geprüft hat. Sein Argument dreht sich um die Abenteuer, die Aloracs selbst erlebt und in seinen Roman eingewebt hat.
PALMKIKIM DK IN'CI.A 1 K RKA. 43
ginalmente ein portiiguez" (Lisboa, Typ. do Panoraina 1860, 8'^ gr. de 79 pp.), in der er, wie der Titel zeigt, eine Lanze für den por- tugiesischen Ursprung, genauer für die Autorschaft des Moraes, brach. Ihm stimmten in Portugal Innocencio da Silva (Dicc. Bibl. VI p. 74 und IX p. 349) und Varnhagen (Libros de Caballaria p. 93 SS.) bei, welcher, wie er behauptet, selbständig zu einer Ände- rung seines alten Glaubens gekommen war und seinem Freunde Elendes das IMaterial zu seinem Opusculo geliefert hat; in Frank- reich F. Denis (Nouvelle biographie generale vol. 36).
Dagegen aber erhob sich sofort D. Pascual de Gayangos in der Revista Espanola, vermeinend mit den bekannten bibliographi- schen Daten seinen Gegner aus -dem Felde zu schlagen; nur dann will er an den portugiesischen Ursprung glauben, wenn sich eine authentische portugiesische Ausgabe des Palmeirim findet, die vor 1547 erschienen ist.
Acht Jahre später, also 1870, reichte Nicolas Diaz de Ben- jumea der Lissaboner Akademie, deren korrespondirendes ^litglied er ist, eine ausführliche Denkschrift ein, „Discurso sobre el Palraerin de Inglaterra y su verdadero autor", in dem er gegen Gayangos und alle seine Anhänger energisch auftritt und behauptet oder richtiger beweist, dafs die Frage ohne Auffinden solcher älteren Ausgabe entschieden werden kann. Mit guten sachlichen Gründen, die er aus einem sorgfältigen vergleichenden Studium des spanischen und portugiesischen Textes zieht, weist er nach, dafs kein anderer als !Moraes den Palmeirim geschrieben haben kann ^ und dafs selbst ein Auffinden weiterer spanischer Ausgaben oder anders sprachiger Übersetzungen oder ausdrücklicher Erklärungen unred- licher Plagianten an dieser Thatsache nichts ändern wird. Erst 1877 wurde Renjumeas Aufsatz gedruckt: „Historia e Memorias da Academia Real das Sciencias de Lisboa. Classe de Sciencias Moraes Politicas e Bellas Lettras. Nova Serie. Tomo IV, Parte II." Noch in demselben Jahre zeigte Theophilo Braga ihn in der Revista de Lisboa an- in einem interessanten Artikel, in welchem er zu den von Benjumea zusammengestellten Beweisen noch einige andere hinzufügt, und ein bis heute unbekanntes Dokument aus der Torre do Tombo abdruckt, das bedeutsame Aufschlüsse über des Moraes x\ufenthalt in Paris giebt. ]Mir ist dieser Artikel erst jetzt bekannt geworden, wo er in den Kleinen Schriften des Verfassers Auf- nahme gefunden hat (Questöes de Litteratura e Arte Portugueza. Lisboa 1881). Im Nachfolgenden werde ich oft auf die erwähnten
' Benjumea erwähnt nirgends, welches unter den vorhandenen Exem- plaren er so genau hat prüfen können , doch vermute ich es sei das des Marquis von Salamanca.
^ Th. Braga hatte bisher des Palmeirim immer nur flüchtig gedacht, z. B. in der Tnlroduccao ä Historia (p. II 3); im Manual p. 336; in der Hist. de Cam. (I 121 und 400 und IT 566); in der Bibl. Grit, auf p. 68; in der Hist. do Theatro jjorl. no sec. XVI auf ]>. 266; in der Theoria da Hist. da Litt. Port. 3" ed. p. 76.
44 C. MICHAELIS DE VASCONCEI.LOS,
Arbeiten, besonders auf Benjumea und Th. liraga zurückzuweisen haben.
Ich prüfe erst die portugiesischen, dann die spanischen An- sprüche.
I.
Die portugiesischen Ausgaben des Palmeirim. I. Es soll eine alte Ausgabe des portugiesischen Palmeirim de Inglaterra ohne alle Daten existiert haben; und zwar soll der Anschein dafür sprechen, dafs sie aufserhalb der Halbinsel gedruckt worden ist. Der Herausgeber der Ausgabe von 178g, Agostinho Jos(5 da Costa de Macedo ', sagt 'darüber auf der 4. Seite seiner Einleitung (Prefayäo) : „A't? copiosa Livraria do Convento de S. Fran- cisco da Cidade (d. h. in Lissabon) se cojiserva, posfoque muito estragada e falfa, hurna edicäo d'esla. Obra em car acter entre gothico e redorido, que da a/gtwias mosiras de ser impressa föra do reino. He conforme com a primeira (der Verfasser meint die von 1567), so com algiima pcqticua variedade de orfhographia, e leve transposicäo de algumas palavras. Im Gebäude dieses Franziskanerklosters wurde die 1796 gestiftete Lissaboner Nationalbibliothek untergebracht; ob seine alte Bibliothek derselben einverleibt ward und ob bei solcher Einverleibung der betreffende Band noch vorhanden war, ist bis heute unbekannt. - Alle diejenigen, welche über Moraes geschrieben haben, lassen die obige Stelle ohne nähere Angaben über diesen Punkt. Mendes, Varnhagen, Benjumea und Braga sprechen die Vermutung aus, besagte Ausgabe sei vor 1547, wahrscheinlich noch vor 1543, in Frankreich gedruckt — das warum wird dem Leser klar, sobald er einen Blick in die unten skizzierte Vita des Moraes thut (cfr. Salvä No. 1647). Jedenfalls ist die Aussage des Macedo über die Existenz solcher Ausgabe eine wahrheitsgemäfse: als er schrieb, existierte eine Streitfrage über den Ursprung des Palmerin noch nicht; ja das Alter der datenlosen Ausgabe kümmerte ihn so wenig, dafs er nicht einmal versucht es zu fixieren, sondern sie einfach nach der für die erste geltenden Ausgabe von 1567 anführt. Hätte er doch w-enigstens das Titelblatt (falls es existierte) genau kopiert! Wir wüfsten dann vermutlich, ob Quadrio (Della Storia e della ragione d'ogni poesia, vol. IV p. 515) wohl dieselbe Ausgabe gesehen hat. Er beschreibt nämlich gleichfalls eine datenlose Aus- gabe des Palmerin, deren scheinbar portugiesischen (in der un- genau von ihm kopierten Form aber stark hispanisierten) Titel er wie folgt angiebt: „Libro del famosissimo y valerosissimo Cavallero Palmeirim d'Inglaterra, filho del Rei D. Duarte. Trovasi impresso in-folio e senza altra data." Zu diesem Titel stimmt ziemlich genau der von Nicolas Antonio (II p. 684 col. 1) aufbewahrte, der freilich bei ihm in rein spanische Formen gekleidet ist, denn er
• Inn. da Silva I 17 und III 16. 2 Lissaboner Nationalbibliothek.
PALMRTKLM DE INGLATERRA. 45
lautet: Anonymus scripsit „Libro del famosissimo y muy valeroso Cavallero Palmerin de Inglaterra, hijo del Rey D. Duarte." Be- merkt sei noch, dafs beider Titel gar nicht, weder zu dem portu- giesischen der ed. 1567, noch zu dem der ed. 1592, aber auch nicht ganz genau zu dem der spanischen Ausgabe stimmt. „Ano- nymus scripsit" würde Nicolas Antonio von der bekannten spanischen Ausgabe kaum gesagt haben können; und auch Quadrio's Bemer- kung über das Fehlen jeglicher Orts- und Zeitangabe stimmt nicht zu derselben. Es hat also allem Anschein nach eine portugiesische Ausgabe mehr als die heute bekannten existiert, oder es haben mehrere derartige existiert; — dafs man geneigt ist sie, gerade weil sie ganz verschollen und datenlos ist, für die ältere zu halten, ist naturgemäfs.^
2. Die früheste Ausgabe, von welcher heute noch Exemplare existieren, ward 1567 in Evora gedruckt; sie ist also noch bei Lebzeiten des Verfassers in die ()fl'entlichkeit gelangt. Ihr Titel wird gemeinhin kurz angegeben wie folgt: „Chronica de Palmeirim de Inglaterra. Primeira e segunda Parte." — Barbosa Machado Bd. 11 citiert noch summarischer „Primeira e Segunda Parte do Palmeirim de Inglaterra", fügt jedoch (was von grofser Bedeutung ist) hinzu: „Dedicada ä Infanta D. Maria". In Portugal kann jetzt der volle Titel des Werkes nicht erforscht werden, denn es existieren hier heute nur noch zwei Exemplare dieser Ausgabe, eines in der Bibliotheca das Necessidades (Ajuda), eines im colegio de S. Ber- nardo in Coimbra; beide aber sind unvollständig, denn ihnen fehlen, leider, Titel- und \^'idmungsblatt.- Die heute übliche Titelangabe ist daher eine genaue Kopie derjenigen , welche unmittelbar über dem ersten Kapitel des Werkes selbst steht, oder sie ward aus dem Schlufskolophon entnommen, welcher lautet: „Foy impressa esia Chro- nica de Palmeirim de Inglaterra na mny nobre e sempre leal cidade de Evora, em casa de Andree de Biirgos, impressor e cavaUeiro da casa do Cardeal I ff ante. Acahouse a XXV dias do mes de Jtinho. Anno do nascimento de nosso Senhor Jesu Christo de M.DLXVJI." fol. goth.
' Th. Braga, QuestSes p. 251 identiticiert rundweg die von Nicolas An- tonio erwähnte datenlose Ausgabe mit jener, welche im Franziskanerkloster existiert haben soll, und mit der von Ouadrio angeführten; vielleicht mit Recht, vielleicht mit Unrecht. Jedenfalls thäte er besser seine Ansicht in die Form einer V'^ermutung statt in die einer Behauptung zu kleiden. — Ich vermute, dafs Nie. Ant. seinen Palmerintitel nur aus der italienischen Übersetzung abstrahiert , Exemplare des spanischen und portugiesischen Textes aber gar nicht gesehen hat. Das gilt von fast sämtlichen auf Seite 684 und 685 er- wähnten Werken !
■^ Innocencio da Silva III 15 spricht von einem dritten Exemplare, das in der Lissaboner Nationalbibliothek ruhen soll ; erwähnt aber nicht ob auch dieses unvollständig ist. Er hat es überhaupt wohl kaum selber in Augenschein genommen, da er den Titel ebenso summarisch angiebt, wie alle übrigen es thun , was bei AVerken , die er wirklich geprüft hat, nicht seine Gewohnheit ist. — Oder, ob er vielleicht von dem alten datenlosen Bande des Franziskaner- klosters spricht? ob dieser wirklich erhalten ist? Ich werde es bei erster Gelegenheit festzustellen versuchen. S. oben p. 44 Anm. I.
46 C. MICHAELIS DE VASCONCELLOS,
a 2 col. — Angesichts dieser Sachlage bleibt es unerklärh'ch, wie so viele Berichterstatter und alle Bibliographen kühnlich behaupten können, die Ausgabe von Evora sei anonym erschienen und habe den Widmungsbrief an die Infantin D. Maria nicht enthalten: ein Factum, das doch unbeweisbar ist.' Barbosa Machados Angabe widerspricht dem und es wird sich weiterhin zeigen , welche anderen Judicien noch dieser Ansicht entgegen sind. — Der Her- ausgeber von 1786 führt diese Ausgabe als die älteste an, und als solche wird sie gemeinhin bezeichnet.
3. 25 Jahre später erschien eine neue Ausgabe des Palmeirim. Sie nennt sich die zweite (s.u.); ihr Herausgeber kannte also nur eine der beiden früher veröffentlichten; vermutlich die von 1567; um die andere (datenlose) wufste er nicht, möglicherweise weil sie schnell vergriffen und verschollen war.- Der vollständige Titel lautet, nach Gallardo, „Primeira Parte de Pahneyrim de higlaterra, Dirigida ao Serenissimo Principe Albert Cardeal, Archicluque de Austria (folgt ein Holzschnitt, einen Ritter (Türken) zu Pferde darstellend): „Chronica do famoso c vniyio csfor^'ado cavaleyro P. de /., fillio dcl Rey Dom Dna rdos." No qiial sc contem siias proezas &^ de Floriano do Deserio seil i'niiao e do Principe Florendos fillio de Priinaliäo. Composta per Francisco de I\loraes. Agora novamen/e ini- pressa codi licenga de sancta Inqiiisi^äo e ordinär io. Em Lisboa, por Antonio Alvarez. A ciisia de Alfonso Lopes Ruyz, moco de camara del Rey nosso senhor & de Afonso Fernandez liiireyro defronte da Misericordia. Com privilegio real. Anno ÄIDLXXXXII. fol. a 2 col. de 243 folhas.
Plier ist also, ohne jeglichen Zweifel, der Name des Francisco de Moraes als der des Verfassers genannt; auch enthält diese i.\us- gabe die Widmung des Werkes, welche der Verfasser an die In- fantin D.Maria gerichtet hat: „Prologo de Francisco de Moraes, Autor do Livro, dirigido ä Iliistrissima c viniio esclarecida Princeza Dona
' Unj^cnau , weil zu sicher, ist fieilicli auch Ticknors entgegengesetzte Behauptung (I193), Francisco de Moraes selbst habe 1567 in Evora seinen Roman herausgegeben, eine Bemerkung, welche die Übersetzer in der dazu- gehörigen Anmerkung wiederholen, und die auch Dunlop (p. 164) in ähnlicher Form ausspricht. Barrera thut desgleichen, denn er sagt: Ociilto asi obsti- nadamente [IlurtadoJ, cotisintio que el portugves Francisco de Moraes se apropiase la^ obra al piiblicarla, traducida d su idioma algo alterada y ana- dida en Evora aiio de 1567. ßraga (Ouest. 258) gesellt sich (wie Benjumea stellenweise) zu denen, welche die Anonymität der Ausgabe für bewiesen ansehen, doch glaubt er eine ältere habe bereits den Widmungsbrief an die Infantin gebracht und damit also schon vor 1567 die Person des Autors be- kannt gemacht. JBcnj. (kap. VIII p. 24) schreibt anderwärts irrtümlich die Ausgabe von 1567 sei durch den eborenser Drucker Andre de Burgos dem Erzherzog Albert gewidmet worden (zur Zeit ein achtjähriges Kind). Er widerspicht selbst jedoch dieser Behauptung mehrfach z. B. auf S. 34, wo er sagt, die Ausgabe biete gar keinen Widmungsbrief, und auf S. ir, wo er hin- wiederum augiebl, die Ausgabe enthielte einen Widmungsbrief von Moraes. Seine Angaben sind wie mau sieht nicht immer sichere.
- Cfr. Salvä, ('utalogo No. 1647. Der von ilim angegebene Titel weicht in Kleinigkeiten ab.
PAOIKIRIM DK INGT.ATRRRA. 47
Maria, Ijfanta de Portugal, fiUia del Rcy dorn AranucJ, que sania g/oria aja, e irviä del Rey nosso Seiihor"
Dieser Prolog ist im höchsten Grade beachtenswert, weil er sichere Anhaltspunkte für die Zeit der Abfassung des Prologs giebt, die dicht hinter die Zeit des Abschlusses des Werkes selber fallen mufs. Dafs der Prolog vor dem ii.Juni 1557 geschrieben worden, sagt die Überschrift klar und deutlich, denn sie gedenkt des Bru- ders der D. Maria, des regierenden Königs von Portugal D. Joäo III, als eines lebenden, d. h. er wird Rey nosso senhor genannt, und nicht Rei qiie den Jiaja oder gue sania gloria Jiaja, wie die ver- storbenen Fürsten. Zum Hberflufs geschieht dasselbe mitten im Texte (Zeile 16) noch einmal [dei R>_y nosso SeiiJior e vosso irmäd). Das Todesjahr Johanns 111. ist aber 1557. — Auch wird der Mutter der Infantin, der Kiniigin von Frankreich, D. Leonor, als einer lebenden, ja allem Anschein nach als einer noch auf dem Throne sitzenden gedacht, in den Worten „luas a obrigacam ein qiie csiou d V. Ä. por fiUia da Rayniia ciirisiianissima de Franga, vossa may, de que ja recebi 7nerccs." Diese starb zwar erst am 25. Februar 1558; doch hörte sie viel früher, mit dem Tode ihres Gemahls Franz I., also schon 1547 auf, den Titel einer Königin von Frankreich ohne jeden Beisatz wie etwa „Kiniigin-Wittwe" zu verdienen. Von ihr hat der Verfasser des Palmeirim — oder sagen wir zunächst nur der Verfasser des Prologs — Gunstbezeugungen empfangen; er ist im Auslande gewesen, denn er erziihlt der Infantin, sie sei in fernen Landen ebenso geehrt und geliebt wie im Vaterlande. Dafs das ferne fremde Land, das er bereist, aber wirklich Frankreich und zwar der Hof des Königs Franz I. gewesen, ersehen wir noch ausdrücklich aus dem viel citierten wichtigen Satze des Prologs, der beginnt: „En vie acliei cm Franca os dias passados , em servico ' de dorn Francisco de Norojilia enihaixador del Rey nosso Senhor e vosso irmao." Damit ist deutlich gesagt, dafs der Prolog sehr bald nach der Pleimkehr des Verfassers aus Frankreich geschrieben sein mufs. Es handelt sich also darum, das Datum der Heimkehr fest- zusetzen' : in der Vita werde ich zeigen (was 1786 bereits Macedo
' Aus zahllosen Stellen, in denen Autoren die Phrase „os dias passados" auf eine unlängst entschwundene Vergangenheit zurückbeziehen, die man mit ,, neulich" am besten bezeichnet, will ich einige herausheben, die zu Bemerkungen Anlafs geben. In dem Prologe, welchen der Buchhändler Affonso Fernandez in der auf seine Kosten besorgten Ausgabe des Palmerin, 1492, an den Erz- herzog Albrecht richtete, sagt er: „ubrigacäo muy grande, serenissimo prin- cipe, tein esta cidade de LisOua , e seus moradores grandes e pequenos de servirmos perpetuamente a V. A. assi polla justiga e paz em que nos governa como polla assiiialada merce que nos fez os dias passados, em nos de- fender de huni tarn poderoso exercito de herejes que nos veo a hater ds portas." Die Belagerung Lissabons, aufweiche hier angespielt wird, fiel in die Jahre 1589 und 90; und 92 erschien die Ausgabe ; das genaue Datum an welchem der Buchhändler seinen Prolog verfafste, ist freilich nicht bekannt, er kann es vor Beginn des Druckes aber auch nach Abschlufs desselben gethan hal)cn. Eine zweite Stelle steht im Prologe des Ritterromans Leandro el Bei (Titel in Salvä, Catalogo II No. 1633) der nur in einer Ausgabe, oder in
48 C. MICHAELIS PE VASCON' CELLOS,
nachgewiesen und Mendes, Benjumea und Braga von neuem her- vorheben), dafs sie zwischen Dezember 1543 und Juni 1544 statt- fand. Beim Schreiben dieses Prologs war aber, aller Wahrschein- lichkeit nach, das Werk selbst schon fertig. Die Vermutung, dafs es aus Frankreich bereits gedruckt mitgebracht und der Infantin mit einer handschriftlichen Dedication überreicht ward, hat daher viel für sich.i
Noch einige Phrasen des Prologs müssen die Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen.
a) Der oben begonnene und unterbrochene Satz ,,Eu ine achei em Franca os dias passados'' geht — nach irmäo — weiter wie folgt: „onde vi algüas cronicas francezas e mgresas; anire ellas vi que as princesas e damas louuauäo por estremo a de dorn Duardos que nessas parles atida tresladada em castelhmw e estimada de rmiitos.'' Hatte Moraes wirklich auf bestimmte französische und englische Chro- niken hinweisen wollen, so hätte er sich einer präciseren Ausdrucks- M'eise betleifsigt; die vague Form, in die er seine Gedanken kleidet, scheint darauf hinzudeuten, dafs er nur im Grofsen und (Ganzen auf die Thatsache Bezug nimmt, dafs am französischen Hofe die Ritterbücher in hoher Gunst scanden. Dafs unter selbigen alle bedeutenderen in französischen, englischen und italienischen Übersetzungen und Überarbeitungen nicht weniger als in den spanischen Originalen gelesen und bewundert wurden; und dafs andererseits alle Ritterromane auf fabelhafte Quellen , franzö- sische , englische , oder auch deutsche , griechische , arabische,
2 Ausgaben vom Jahre 1563 bekannt ist. Der Prolog spricht zu D. Juan de Guzman, Grafen von Niebla und sagt demselben unter anderem . . . los dias pasados le ofreci mis Colloquio s matrimoniales .. . despues de hoher sacado d luz el doceno libro de Amadis" (D. Silves de la Selva? cfr. Gayan- gos Lir. Es erschien 1546). Die Colloquios des Pedro de Luxan , auf die er verweist, erschienen mit der betreffenden Widmung bereits 1552 (Toledo bei Juan Ferrer s. Salvä No. 3936) ; es würden die vergangenen Tage also seit elf Jahren zurückliegen , wenn anders die Ausgabe von 63 (eine Fort- setzung des 1521 erschienen Lepolemo, wirklich die früheste wäre! — Das scheint und ist wohl unmöglich.
Die dritte Stelle steht in dem Briefe, welchen Moraes 1541 an Dom Ignacio de Noronha schrieb (Quest. p. 256), und bezieht sich, ohne jedem Zweifel auf die allerjüngste Vergangenheit neulich, die noch nach Tagen berechnet wird: os dias passados se soaram aqui hüas novas do Empe- rador e de sua armada . . . Despoys se tornou a dizer que ele era salvo etc.
Die vierte steht in einem Prologe zum Primaleon, der, wenn ich Salväs Aussage recht verstehe (II 90), sich nur in der venezianischen, von Francisco Delicado besorgten Ausgabe von 1531 findet. Darin heilst ts: por esto no es de maravillar si d Palnierin que los dias pasados publique y saque d luz en vuestro nombre , sucedio Prifnaleon etc. Die Worte sind an D. Luiz de Cordova, Herzog von Sessa gerichtet. — Wer ist der Schreiber dieses Pro- logs und auf welche Ausgabe des Palmerin de Oliva bezieht er sich?
' Dafs Odorico Elendes, Benjumea und Braga dieser Ansicht huldigen, ward bereits erwähnt. Auch Varnhagen schliefst sich ihnen an (p. 104). Er meint in dem Ritterromane Florendo d'Inglaterra der 1545 zu Lissabon ge- druckt ward , möchten sich vielleicht schon Spuren der Nachahmung oder Verweise auf Palmeirim finden. Ich kenne den Roman nicht. Titel bei Grässe p. 428.
PALMEIRIM DE INGLATERRA. 49
chaldäische Quellen zurückweisen, hat den Verfasser des Palmeirim zur Erfindung seines Märleins verleitet. Französisch verstand er selbst kein Wörtchen, wie er in einer seiner Schriften ausdrücklich hervorhebt ^ ; und auch von einer Kenntnis des Englischen findet sich in seinen Werken keine Spur'-^: er selbst hat also besagte „französische und englische Chroniken" sicherlich nicht gelesen oder gar benutzt und ausgebeutet.
Der Hinweis auf eine alte Chronik des Dom Duardos und eine spanische „Version" derselben ist hingegen viel zu bestimmt formuliert, als dafs etwas Unbestin^mtes damit gemeint sein könnte: auch wird derselbe iimerhalb des Palmeirim mit zu grofser Genauigkeit noch einmal wiederholt. Ich glaube den Primaleon darin erkennen zu müssen.«' Von jeher galt er gemeinhin für das Zweite Buch des
1 Er erzählt es in der Desculpa (p. 47). — Er spricht natürlich in seiner Muttersprache zu Dame Torsi — doch sie versteht ihn nicht ; und als er sie nun hedichtet, redet er nicht mehr portugiesisch, da er ja erfahren, dafs sie es nicht versteht, sondern spaniscli, ,,weil es ihm schien, als ob sie diese Sprache leichter verstehen müsse". Etwas später sagt er : ,,ineu natural entendi- me?tto . . . quis me desviar destes pemamentos . . . mostrando rne . . . a falta de niinha ling oagem, porqiie (aindaque com ella quizesse temperar ou en- cobrir estas faltas) nem ine entende as palavras, nem a vontade com qiie as digo. Und bald darauf seufzt er in der Erzählung von dem Abschiede, den Dame Torsi ihm in spanischen Worten gegeben : se fora ein francez, flzeräo ineiios dano por ainda as tiäo entender !
- Benjumea sagt auf p. 73, nachdem er berichtet, dafs ]\Ioraes das Fran- zösische nicht verstand ,,mas hien es de creer, si nos atenemos d stis du- dosas y repetidas afirmaciones , en el ciierpo de la fahiila , que M. sabia el ingles y que de este idioma trasladö al portugites la historia de Palmerin'- ; er nimmt also für möglich an, dafs M. englische Originale benutzt hat. Ich finde im ganzen Werke nicht eine Stelle , welche zu diesem Schlufs berech- tigte. Der Hinweis auf englische Chroniken ist in meinen Augen nicht mehr und nicht weniger glaubwürdig, als der Verweis auf französische und deutsche und griechische und türkische Annalen. Glauben wir dem einen, so müssen wir auch den anderen glauben, und zu welchem Resultate gelangen wir dann ?
Freilich ist der Verweis auf englische Clironiicen häufiger und in bestimmterer Weise ausgesj^rochen , als der auf andersprachige Chroniken ; doch darf uns das wirklich bei einem Werke überraschen , dessen Held Palmerin von England heifst? — Der Wortlaut der einschlägigen Stellen ist wie folgt: escreve se nas cronicas antigas ingresas (c.di\i.^W); escreve se nas cronicas ingresas (cap. XXIV); escreve se nas cronicas antiguas d' Ingla- terra donde esla historia foi tirada (cap. XXXVII) ; conta se nas cronicas ingresas donde esta historia foi tresladada (cap. CXXVI) ; escreve se na cronica d' Inglaterra (cap. CXXIX) ; escreve se na cronica gerat d' Inglaterra donde esta historia se tirou (cap. CLXXII).
Kaum weniger bestimmt heifst es übrigens im 139. Kapitel, in dem der Autor seine eigenen französischen Abenteuer erzählt: Na cronica geeral dos feitos antigos e obras notaveis dos Franceses se achou escrito beni larganiente o modo desta aventiira! In allen spanischen Ritterromanen lassen sich ganz ebenso bestimmte Quellenangaben finden, die alle für ,, ge- fabelte" gelten !
^ Benjumea deutet die AVorte des Prologs in Betreff einer Chronik des D. Duardos in eigentümlicher Weise. Er urteilt, die vermeintliche Chronik müsse ursprünglich jjortugiesisch geschrieben gewesen sein {dibido acaso al hijo de la senora Augustobriga , autcra dcl Friinaleon!) aber in spanischer
Zbitäclir. f. roiu. l^liil. VI, 4.
50 C. MICHAELIS DR VASCONCELLOS,
Palmeirim {de Oliva) und ward als solches bezeichnet; und das aus mehrfachen Gründen. Denn :
Erstens nehmen in der Chronik des Primaleon die Abenteuer des Königs Eduard von Brittanien (Dom Duardos oder D. Duarte de Bertanha, oder de Inglaterra) einen grofsen Raum ein. Seine Thaten und sein Werben um Flerida, die Schwester Primaleons, wird so ausführlich erzählt, dafs sein Name sogar im Titelblatte stehen durfte : Libro SegunJo de Palmerin Qiie trata de los grandes fechos de Pn'ina/eoti y Polendos siis Jijos, y assi ?ms/no de los de don Duardos principe de Inglaterra (ed. 1534), oder auch >' assi inisnw de los altos hechos en armas de Primaleon su fijo y de su hermano Polendos. Damit vergleiche man die Art und Weise, wie Moraes sich auf das „zweite Buch dieser Geschichte, betitelt Do?u Duardos de Bertanha," bezieht.' i\Iit „dieser Geschichte" kann nur der ganze Sagenkreis der Palmerine, mit dem zweiten Buch also der Primaleon gemeint sein.
Zweitens sagt der Verfasser oder Herausgeber des Primaleon: „fue trasladado y traduzido este libro de Primaleon de Grego en nuesiro ro?nattce castellano", eine Behauptung, die also 'mit Moraes' Aussage genau übereinstimmt.
Drittens konnte Moraes zwischen 1540 und 1543 besagten Roman am französischen Hofe in keiner anderen als in spa- nischer Sprache vorfinden, da die älteste italienische Übersetzung erst 1548 und die älteste französische erst 1550 und die älteste
Einkleidung die Pyrenäen überschritten liaben und bis Paris gedrungen sein (p. 72). Weiter unten (p. 75) wirft er die Frage auf ob nicht vielleicht der erste Teil des Palmerin de Inglaterra, dessen Held ja Dom Duardos ist, jene Chronik sei, an welcher die französischen Damen so grofsen Gefallen fanden ; Moraes hätte ihn ja in Paris in spanischer Sprache schreiben und drucken lassen können ! Mir scheint meine Deutung einfacher und natürhcher. Unbegründet ist die Behauptung von Gayangos (Discurso p. XL), die portugiesischen Litterarhistoriker erhöben Ansprüche auf Palmeirim de Inglaterra nur auf Grund der Vermutung, dafs Palmerin de Oliva und Primaleon die Schöpfangen einer portugiesischen Dame seien. AVenn sie nicht bessere Besitztitel auf- zuweisen hätten, so würden Ferrer und Hurtado wohl den Sieg über den portugiesischen Prätendenten davontragen.
' Bd. HI S. 243 und 244: ,,Desta Cnrdiga se conta no segu7ido livro desta Jiistoria, cliainado dotn Dtiardos de Bertanha etc. Es wird nicht unnütz sein zu bemerken, dafs der im zweiten Buche des Palmeirim de Ingla- terra (Kap. 152) gebrauchte Ausdruck no segundo Ih'ro desta tiistoria sich unmöglich auf das Werk selbst beziehen kann. Es könnte der Fall sein, wenn der Verweis im ersten Buche desselben oder in einem dritten Buche vorkäme , so dafs nach vor- oder nach rückwärts gewiesen würde. Freilich wäre dazu auch notwendig, dafs daselbst in Wahrheit etwas von Cardiga erzählt würde.
Leider kann ich nicht sagen, ob dieser Verweis ein fingirter, oder ob er ein wahrhaftiger ist, wie ich glaube, d.h. ob in Primaleon thatsächlich die Riesin Cardiga vorkommt. Ist es der Fall, so würde das, da sich in ihr eine portugiesische Lokalsage verkörpert hat, ein Zeugnis mehr für den um- strittenen portugiesischen Ursprung auch dieses Romanes sein. — Ich spreche über Primaleon nach alten Aufzeichnungen , die ich zu verificieren und zu erweitern nicht im Stande bin.
PALMRIRIM DE INGLATERRA. 5I
englische gar erst 158g veröfientiicht ward.' Es konnte also nur die nach Ritterbrauch so benamste „kastilianische Übersetzung" in Frankreich gelesen werden. Am franz(>sischen Hofe aber, in der Umgebung einer spanischen Königin, der Schwester Karls V,, mufsten sich unter Prinzessinnen und Damen gar viele finden, die mit Freude und Genufs spanische Werke lasen. Moraes selber erzählt in der srhon erwähnten Schrift „Dcsculpa", wie er, um sich einer Hofdame verständlich zu machen, spanisch gedichtet habe.- Viertens aber knüpft der Palmeirim de Inglaterra unmittelbar an den Priraaleon, oder noch specieller an denjenigen Teil desselben an, in welchem die Abenteuer des D. Duardos erzählt werden. Ja er ist recht eigentlich eine Fortsetzung dazu ; und seine ganze erste Hälfte hat noch D. Duardos, den Vater des Palmeirim de Inglaterra, den Schwestersohn des Palmerin de Oliva und Schwager des Prima- leon^ zum Helden. Wenn Moraes (auf S. 243 des dritten Bandes) im 152. Kapitel mit Bezug auf Primaleon sagen kann „wie im zweiten Buche dieser Geschichte erzählt wird", so hat er selber seinen Palmeirim de Liglaterra als dritten Teil des Palmerin de Oliva angesehen, und ihn so benennen wollen, und das vermutlich im Hinblick auf den Amadis, zu dessen drei ersten Büchern ja nach und nach 29 Bücher hinzugefügt worden sind.'^ Daher verweist denn auch Moraes im Verlaufe seines Ritterromans, fortwährend auf den Primaleon mit Phrasen wie „como no Uvi'o de Primaliam se cofita" oder „seg7i?i(/o tio scu livro se conia" oder auf Palmerim de Oliva „como 7ia crotu'ca de Palmeirim se contct\ Verweise ■*, die nicht, wie so viele andere, nur simulierte, sondern wirkliche sind. Dann und wann ändert Moraes sogar an den Ereignissen, die der Prima- leon erzählt; so z.B. im 167. Kapitel, wo der Tod des Palmeirim de Oliva ganz anders als im 218. Kapitel des Prirqalion dargestellt und zur Erläuterung hinzugefügt wird: „Nä faca duvida nd con- formar isto com 0 qiie 710 seil liiiro diz, porqiie cm ser desta viayieira e em tal iempo conceriam os viais antigos e autenticos atito7-es." •'
b) Moraes sagt weiter: Islo me vioiieo ver se acharia oiiti-a aiiii- gualha que podesse treslada7-, pe7-a que co7iuersei Alhejio de Renes e7n Paris, famoso crojtisia deste te7npo, ej)i ciijo poder achei algüas memorias de iiaqdes estranJias, e antre cllas a cro7iica de Pabneirifii de Ingla- terra filho de dom Duardos, tarn gasiada da anligiiidade de seu nacimenio que com asaz trahalho a pitde ler : tresladeya , por me
' Cfr. Grässe p. 423 und 424.
* S. oben S. 49 Anm. I, wo berichtet ward wie selbst Dame Torsi im Stande ist einige Bröckclien S])anisch zu verstehen und zu sagen.
-* Die Thatsache, dafs Moraes oft auf den Primaleon verweist, hat Bar- bosa Machado verleitet ihm auch diesen Rilterroman zuzusprechen.
'* Ganz bestimmte Verweise auf Primaleon finden sich im Anfang des 14. Kapitels, wie auch in Kap. i. 3. 7. 156. — Solche auf Palmerin de Oliva in Kap. 7. 79. 156.
•'' Man vergleiche auch das 15 I.Kap, des Primaleon mit Kap. 6, 7, 50 151 des l^almeirini ; Ka]). lio und 21 i des ersten Werkes mit dem Anfangs- kapitel des letzteren.
52 C. MICHAELIS DE VASCONCELLOS.
parecer que polla afcicao de seil pay se estiiiiaria em toda a park e com desejo de a dirigir a V. A. etc. Und weiter unten: Vay tresladada na verdadc quanto äs auenturas c acoiitecimentos: se tiuer algüa falta seraa na composicao das palavras, de que meu engenho ca7-ece: traduzia em poriugues etc. Im Besitze eines Alberto de Renes ^ will Moraes also „einige Memoiren fremder Nationen und darunter die Chronik P. de I." gefunden und diese ins Portugiesische übersetzt haben? Kann man aus dieser Behauptung ein Fünkchen Wahrheit heraus- klauben? Moraes sagt nicht einmal, in welcher Sprache die berühmte Chronik geschrieben war! Französisch und englisch verstand er nicht. An fremden Sprachen dem Anschein nach überhaupt nur das Spanische. Hätte aber wohl ein Portugiese jener Zeit für eine portugiesische Fürstin ein Buch aus dem Spanischen übersetzt, das sie ja gerade so gut, vielleicht noch besser verstand als ihre eigene Muttersprache? Der portugiesische Text selbst aber straft die Versicherung der Einleitung Lüge; denn nicht auf ein und dasselbe Original weist er zurück, das er etwa frei übersetzt hätte , und auf das die endlos oft wieder- kehrenden Formeln „diz a historia", „aqui nä fala a hisloria delles"', „aqui deixa a hisforia de falar nella", „segundo conta a historia"- und ähnliche mehr sich beziehen könnten, sondern auf eine Überfülle von benutzten Originalen. Wie fortwährend in be- stimmter Weise auf Primaleon und Palmerin de Oliva verwiesen wird und hie und da aucli auf die Sergas de Esplandian, auf Amadis, auf einzelne bekannte Ereignisse aus dem bretonischen Sagenkreise (Tristan und Isolde cap. 25, Lanzelot cap. 40), auf Lisuarte (cap. 36) u. s. w., so nebenbei noch in ganz unbestimmter Weise auf „alte authentische Autoren", auf alte deutsche und englische, französische und griechische und türkische Chroniken, auf Specialchroniken einzelner Ritter, z. B. des Damenritters (cap. 128) und des Kaisers Marcellus (II 67), auf alte Königschroniken (cap. loö) u. s. w.- Angesichts dieser Sachlage , und wenn nian die in allen Ritter- büchern herrschende Mode in Betracht zieht, einen möglichst mythischen Ursprung zu snnulieren, so ist es wohl erlaubt, wenn
' Benjumea p. 31 olaubt in Alberto de Kenes den Krzbischof von Bouiges Alberic von Rheims erkennen zu dürfen , den Moraes als eine halbmythische Person aus dem 12. Jahrh. hervorj^eholt )iabe. — Ob der Portugiese den- selben vielleicht mit dem Chronisten Albericus Trium Fontium zu einer Person verschmolzen hat ?
'■' Kapitel 9 verweist auf cionicns aiitigax d' Alle man ha. Kap. 81 auf cronicas dos cmperadores de Grecia; Kap. 87 auf cronicas do emperador Mar- cello; Kaj). iü8 auf cronicas antigas dos reys; Kap. 128 auf cronicas de Floriano do Deserto; Kap. 155 auf cronicas do gram Turco; und das Schlufskapitel 172 beruft sich auf vier ,, authentische Schriftsteller" als auf Gewährsmänner. Sie heifsen der Macedonier Tornelo, Joannes de Esbrec, Jaymes Biut und Anrico Frustro. Aufserdem gedenkt es einer Chronik eines zweiten D. Duardos „que sähe deste liuro e inda nä he tresladada". — Von den Hinweisen auf englische und französische Quellenschriften sind bereits einige erwähnt worden.
PAI.MFJKIM DE INGLAl'ERKA. 53
nicht geboten, Alberto de Renes mit der in seinem besitz befind- lichen handschriftlichen Chronik Palmeirim de Inglatc^ra für eine gerade so glaubwürdige Figur anzusehen wie des Cervantes Cide Hamete Benengeli; wie den (kriechen Alquife des Lisuarte de Grecia; den Araber Xarton, auf den sich Lepolemo, der Caballero de la Cruz stützt; wie Cirfea, die Königin von Argines, welche der Florisel de Niquea als seine INIuse nennt; den griechisclien Meister Elisabad, von dem Montalvo in den Sergas de Esplandian fabelt; Falistes Campaneo und Galersis und Philastes Campaneo, denen wir im Rogel de Grecia und im Florisel de Niquea begegnen ; den weisen Fristen aus dem Eelianis de Grecia; den weisen K(3nig Artidoro aus Leandro el Bei. Ganz nebensächlich ist es ob um 1540 in Paris wirklich irgend ein berühmter Chronist Alberto de Renes gelebt hat oder nicht.' Die &klärung des Moraes stimmt in Ton, Erfindung und Einkleidung genau zu den bei allen Verfassern von Ritterbüchern ül)lichen Erklärungen — und das genügt. — Für nichts als für eine „bescheidene Verhüllung seiner eigenen Ver- dienste", wie Ticknor (I 93) - sagt, hat man diese Angabe über Alberto de Renes und die ihm gehörige Chronik denn auch lange Zeit gehalten. Die an und für sich schon schief gestellte Frage nach einem französischen Originale aber, hat im Ernste nie erhoben werden können; die eben so schiefe nach englischen Quellen erhebt Benjumea ; ob wohl in vollem Ernste? —
Aufser der, hiermit erledigten, von Francisco de Moraes ge- schriebenen Widmung an die Infantin Donna Maria enthält die Ausgabe von 1592 eine Specialwidmung des Buchhändlers Affonso Fernandez an den Kardinal Albrecht (oder Albert), Erzherzog von Ostreich, der seit 1583 als Statthalter Philipps IL das portugiesische Reich verwaltete. Die INIilde und Gerechtigkeit des Statthalters wird gepriesen, vor allem aber die Kühnheit und Entschlossenheit, mit der er „unlängst" [os dias passados) Lissabon gegen ein mäch- tiges Heer von Ketzern verteidigt. Damit kann wohl nur der letzte Versuch des Prätendenten und Priors D. Antonio, die Krone Por- tugals zu gewinnen, gemeint sein, d. h. die Sendung einer englischen Flotte unter Franz Drake gegen Lissabon (1589 — 90).^ — Fernan-
' Die Mode cvlieischte gebieterisch , dafs jeder Verfasser eines Ritter- romanes sein Werk für eine ,, Übersetzung" ausgalj, so dafs in der Schreibweise derselben nach der Meinung aller Sachverständigen „traditcir und trasladar == übersetzen (wie auch eninendar, corregir, mejorar, revisar, reconocer, adi- cionar) Synonyme von componcr ;= verfassen, selbständig erdichten, sind. Cfr. Gayangos, Discurso p. XXV Anm. i Salvä Cat. p. 78 (No. 1632) und Braun- fels S. 83 — 85. — Die Berechtigung die portugiesischen Dichter nach einer anderen Norm als die spanischen zu beurteilen mufs erst noch gefunden werden. — Cfr. Benj. kap. IX e X.
'■^ Die Ticknorschen Worte ,, Moraes gebe an er habe seinen Roman aus dem Französischen übersetzt" sind recht ungenau. Wo behauptet er das? Konnte er, der kein Wörtchen französisch verstand, im Ernste solchen Satz schreiben ? Dunlop ist weit vorsichtiger in seinen Aufstellungen.
3 Cfr, Santarem, Quadro III 513.
54 C. MICHAELIS DE VASCONCELLOS,
dez nennt die von ihm besorgte mid dem Kardinal gewidmete Ausgabe scgimda iiiipressao und sagt, die Infantin D. IMaria habe die erste, ihr vom Autor dedicirte Ausgabe huldvoll angenommen.' Diese Worte machen es zur Gewifsheit, dafs ein älterer Druck (der eine, um den der Herausgeber eben Avufste) nicht anonym gewesen ist, sondern den Namen des Verfassers zum mindesten an der Spitze der Dedication genannt hatte. Widrigenfalls hätte Fernandez Rechenschaft über die Herkunft des Prologs geben müssen. Die Sicherheit, mit welcher einige Berichterstatter aussprechen, die Ausgabe von 1567 sei von Francisco de Moraes der Infantin D. Maria gewidmet worden, zeigt, dafs sie die Worte des Fernan- dez nur in diesem Sinne auslegen zu dürfen wähnten. Auch ich wähne es; ein eigentliches Wissen ist bei dem schlechten Zustande der beiden erhaltenen Exemplare leider unmöglich."-
Der Herausgeber sagt zum Schlufs seiner Einleitung: „E assi por i'sso, como por hir emendado pelo Padrc reuedor dos liuros, offe- r(go\j-o\ com mayor confiaiica a V. A., pois nelle ndo vay palaura algiia que possa äffender os bons costumes e honesfidade christäa. Welches die von der Censur vorgenommenen Änderungen sind, hat leider der Veranstalter der 4. Ausgabe, von der gleich gesprochen werden wird, nicht im einzelnen angegeben. P> sagt darüber nur: „Esta cdicäo acha-se dtssimilhante das dzias anlecedentes nao so na 7Hiriacao da ortho- graphia, na perpctiia c escusada vmdanga de palavras e pe nodos hiteiros, mas tainheni na nmtilaräo de nmifos Ingares.^' 3
4. Diese vierte Ausgabe erschien 1786: „Cronica de Palmeirivi de Inghiierra. Primeira e Segunda Parte por Francisco de Moraes a que se ajuniäo as mais ob ras do inesmo auior. Lisboa, Officina de Simäo Thaddco Ferreira 1786. — 3 voll. — Der Name des Heraus- gebers, der zu gleicher Zeit der Verfasser der biographisch-biblio- graphischen, 16 nicht gezählte Seiten umfassenden P^inleitung ist, wird nicht genannt: Innocencio da Silva (I p. 17 und III p. 16) sagt, es sei A. J. da Costa de Macedo. Dafs derselbe die drei alten Ausgaben gekannt und benutzt hat, ward bereits gesagt. Die von 1567 hat er reproduciert. Zu den Quellen, die er für die Lebens-
' . . . este livro de Palineirim Je Inglaterra . . . content em si boas scn- tcni^as e elegante estilo, pellas qiiais razöes a Serenissima dona Maria, que hüj'e estd no Ceo täo chea de gloria, como na terra o foy de vertudes 0 receheo e estimou midto , sendolhe dedicado a prmieira vez poIlo auior delle. O que tambem ^ne den atreuimento a o dirigir a V. A., parecendome que se fazia agravo a tarn excelente princesa se se dedicasse a outreni, ein quem näo ouuesse as mesmas calidades que 7iella ouue.
- S. oben S. 46 Anm. i. ßavbosa Machados Anj,^abe hat sicherlich auch dazu beigetragen die Vertreter jener Meinung in ihrem GLaubcn zu bestärken.
^ Innocencio da Silva erzählt : der Sohn des Herausgebers der cd. 1 786 habe ihm, so er sich recht erinnere, berichtet, er besäfse eine im Jahre 1564 gedruckte Ausgabe des port. ralmcirim, welche im Tilelblatte die dritte genannt werde. Ich erwähne dies „Märchen" nur als solches: es hat seil 185g weder Bestätigung noch Widerlegung gefunden.
PALMEIRIM DE INGLATERRA. 55
beschreibung des Moracs verwertet und die zum 'l'eil liand.schriftüche sind, ist heule nur eine, ein Ikief des Moracs selbst, hinzugekommen.' — Die kleineren Werke, welche in dieser Ausgabe dem Palmeirim angehängt worden sind, haben eine besondere Pagination (i — 58) und ein besonderes 'J'itelblatt: Dia/ogos de Francisco de 3foracs, Autor da Palmeirim de Inglaicrra, com hum dcsoigano de Amor sohre certos amorcs qiie 0 aufor tcve em Fran<;a com huma dama fraiiceza da raynha Dona Leonor, offer ccidos a Gaspar de Faria Severim, executor mor do rcyno etc. eine Kopie nach demjenigen der ersten Ausgabe (Evora, Manoel Carvalho 1624). Die drei Dialoge- sind interessant, doch bieten sie für den Zweck dieser kleinen Arbeit nichts. Wichtig als auto- biographische Dokumente sind hingegen die beiden anderen Opuskel, die Caria de Dom Inacio pera El Rey Dom Joao III , nofada por Fr. de M. und mehr noch die Dcsculpa de huns amores <jiie tinha. em Pariz com hica dama franceza da Rainha D. Leonor, per nojjie Torsi, sendo portuguez; pella quäl fez a historia das damas francesas no seil Palmeirim. Von wie hoher Bedeutung dieses kleine rüh- rende Liebesbekenntnis eines halbergrauten Macias für die Lösung der Palmeirimfrage ist, das wird sich bald zeigen. — Drei weitere kleine Schriften von Moraes scheinen verloren oder doch bis heute nie gedruckt worden zu sein. Barbosa Machado (II p. 210) citiert sie als handschriftliche. Alle drei können, wie die Vita des Autors ergiebt, sehr wohl von ihm herrühren; Gerüchte darüber, dafs sie noch jetzt in der Torre do Tombo d. h. im Staatsarchive liegen, bedürfen der Bestätigung. Der Titel der ersten der drei Schriften soll lauten : „Rela^ao das festas que El Rey de Franga Francisco I fez nas vodas do Duque de Clcves e a Princeza de Navarra no anno de 1541", der der zweiten „Relagäo das exequias e enterra7nento del Rey D. Francisco I no anno de 1546 (sie)", der der dritten „Relafäo dos Torneyos do Pri?icipe em Xabregas a 5 de Agosto de 1550" (sage 1552).
5. 1852 wurde ein Abdruck der vierten Auflage in Lissabon besorgt. Er bildet den 8. bis lO. Band einer Bibliotheca Portugueza (Obras de Erco jMoraes).
• Diesen Brief hat Th. Braga in seinem kritischen Artikel über Ben- jumea veröffentlicht [Quest. p. 253]; wie aus seinen Angaben hervorzugehen scheint, nach einer im Jahre 1837 ^^^ dem 1867 verstorbenen Dr. Antonio Nunes de Carvalho gefertigten Kopie. Das Original , von der Hand des Moraes, befindet sich im Staatsarchiv (Torre do Tombo; gaveta 2, ma^o 5, No. 6r), trägt die Aufschrift: Ao Conde de Lmhares, meu seiihor, ist datiert: De Meliin, a X de Dezemhro de 1541 und ist unterschrieben: Cryado de vossa senhoria Francisco de Moraes. Der Graf, an welchen der Brief ge- richtet ist, kann nur Dom Ignacio de Noronha, der ältere Bruder des Dom Francisco sein, den Moraes als Mentor nach Paris begleitet hatte, denn erst später erbat Dom Ignacio , des Ranges und des Titels seines hochverdienten Vaters unwert, freiwillig oder unfreiwillig, die königliche Erlaubnis dazu den Grafentitel seinem jüngeren Bruder übertragen zu dürfen.
^ I. Dialogo entre um fidalgo e um escudeiro. 2. entre um cavalleiro e um doutor. 3. entre uma regateira e um moi^o de esiribo.
56 C. MICHAELIS DE VASCONCELLOS,
II.
Lebenslauf des Fraucisco de ^loraes. Von den Fragen nach dem Orte seiner Geburt, nach den Namen seiner Eltern etc. kann ich füglich hier absehen, da sie zur Lösung der anderen Frage, die uns beschäftigt, ob Francisco de Moraes den Pahncirim de Inglaterra verfafst haben kann, nichts beitragen. Wichtiger ist sein Verhältnis zum portugiesischen Hofe : seine Biographen behaupten, er sei Schatzmeister des Königs D. |oäo III. gewesen. Wie mir scheint, nicht mit Recht. Wenigstens könnte es sich nur um die Privatschatulle des Königs handeln, oder um eine untergeordnete Stellung im Dienste des Oberschatz- meisters. Das schliefse ich daraus, dafs sein Name in den Listen der Hofbeamten Johanns III. nicht vorkommt 1, weder unter den 15 homens do thesouro noch anderwärts; und daraus dafs Fernäo Ah'ares de Andrade, der Schwiegervater seines Herrn, des zweiten Grafen von Linhares, 154g das Amt des thesoureiro mör verwaltet hat (cfr. Souza V 257). Auch im Dienste der Königin kann er nicht das fragliche Amt bekleidet haben, wie man vielleicht daraus schhefsen möchte, dafs der Graf von Linhares zeitweilig ihr mor- domo mör gewesen, und ferner daraus, dafs die Königin dem Dichter in Xabregas, wo die Linhares ihr Erbbegräbnis haben, eine kleine Besitzung abgekauft und auf derselben einen Palast erbaut haben soll. 2 Das wesentlichste, absolut feststehende Faktum aus seinem Leben ist , dafs er, wie bereits gesagt ward , im nächsten persön- lichen Dienstverhältnis zu den erlauchten Grafen von Linhares ge- standen hat, besonders zu dem zweiten dieses Titels, D. Francisco de Noronha, dem Vater jenes jugendlichen Freundes von Camöcs, D. Antonio de Noronha, den dieser unsterblich gemacht hat durch das Klagelied (Egloga I), das er sang, als der kaum 17jährige mit der Blüte der Ritterschaft am 18. April 1553 in Genta fiel. Moraes hat seinen Herrn, wie er in der Dedication des Palmeirim erzählt, an den französischen Hof Franz' I. begleitet, wohin jener als Botschafter seines Königs gesandt war. Wann geschah das? Historische Dokumente aller Art, z. B. die von Francisco de Andrade geschriebene Chronik Johanns III. (vol. III cap. go) und Santarem's „Aus archivalischcn Studien geschöpfte Grundzüge" (Quadro III p. 283 — 304), haben treue Nachrichten über Zeit, Motiv und Er- gebnis dieser Gesandtschaft aufl)ewahrt und zeigen, dafs D. Fran- cisco de Noronha, welchem Moraes wahrscheinlich in der amtlichen Stellung eines Secretärs und in der vertrauten eines Berathers und erfahrenen Freundes beigegeben war, vor Dezember 1541 bereits in Paris weilte und vor April 1544 bereits nach Portugal zurück- berufen war. Das Datum der Ankunft wird noch durch andere
' Cfr. Caetano de Souza, Hist. Geneal. Provas II 786—844 und VI 576 — 624: Moradores da Casa del Ray D. Joäo III.
2 Souza, Provas "VI 626. Dort wird Diogo Zalema als Schatzmeister der Königin angeiiilnl.
PALMEIKIM DE INGI.ATEKKA. 57
mehr littcrarische Dokumente bestätigt. Erstens durch einen — leider nicht gedruckten, heute unbekannten, vielleicht gar verlore- nen — Bericht über che Festlichkeiten welche 1541 zur Feier der Scheinheirat oder Verlobung des Herzogs Wilhelm von Cleve mit jeanne d'Albret, der Krbin von Navarra, der Tochter ]Margarethes und Ähitter Heinrichs IV., veranstaltet wurden. Diesen Bericht hat INIoraes geschrieben und vermutlich an D. Ignacio de Noronha, den älteren Bruder seines Herrn gesandt. Zweitens durch einen am 10. Dezember desselben Jahres in Melun entworfenen Brief an den ebengenannten D. Ignacio, aus welchem deutlich hervorgeht, dafs Moraes schon längere Zeit in Frankreich weilte, schon andere Nachrichten uiid Festberichte an denselben gesandt hatte, ja dafs er es überhaupt für seine Plhcht ansah alle Neuigkeiten und pikanten Anekdoten aus dem französischen Hofleben nach Portugal zu melden, aber auch über seines Herrn Befinden, Auftreten und Ge- lingen Rechenschaft abzulegen, ebenso wie über der Königin Wohl und Wehe einzelne marquante Äufserungen zu thun.
Die Königin von Frankreich, Eleonore, war die ältere Schwester des Kaisers Karl V. und Wittwe Emanuels des Grofsen von Por- tugal. Nach dessen Tode (152 1) war sie nach Castilien zurück- gekehrt, ungern, weil sie in Portugal ihr einziges Kind, die 7 Monate alte Infantin D. Maria zurückliefs, die am Hofe des nun regierenden Bruders aufwuchs. Es ist bekannt, dafs dieser sie bei Hofe fest- zuhalten suchte, und dafs alle zum Zwecke ihrer Vermählung an- geknüpften Fäden absichtlich immer wieder aus der Hand gelassen wurden — weil der König nicht willens oder nicht im Stande war, die ihr gebührende ungeheure Mitgift herauszugeben. Seit die Schwester Karls V. die Gemahlin Franz' I. geworden war, also seit 1530, wurden die Fragen betreffs der Herausgabe der Infantin an ihre Mutter oder zunächst wenigstens einer Zusammenkunft mit der- selbeji aufserhalb Portugals, sowie ihrer Vermählung bald mit por- tugiesischen, bald mit spanischen, bald mit französischen Prinzen von den beteiligten Parteien dauernd und mit egoistischstem Eifer erwogen; jeder der Herrscher der drei beteiligten Länder, Franz I., Karl V. und Johann IIL, wollte die Infantin gern in seine Gewalt bekommen : ein gegenseitiges Versteckspielen ward Notwendigkeit. D. Leonor schwankte hin und her zwischen ihrem sehnlichen Wunsche ihre Tochter in ihrer Nähe zu haben, und der Befürchtung Franz I. würde die reiche INIitgift zu Kriegszügen gegen ihren Bru- der Kaiser Karl benutzen. Jeder portugiesische Gesandte am fran- zösischen Hofe trug gewifs geheime Botschaften der Tochter für die Mutter und der Mutter für die Tochter hin und her, und jeder Botschafter mochte Eleonoren daher angenehm und willkommen sein. So gewifslich D. Francisco de Noronha und auch sein Ad- junct, dem ja, wie er selbst erzählt, die allerchristlichste Königin mehrfach Gunst bewiesen. In den Jahren der Gesandtschaft, zwischen 1540 — 43, wurde der Plan verhandelt D. Maria mit dem Herzog von Orleans zu vermählen ; der Tod desselben hinderte die
58 C. MICHAELIS DE VASCONCELLOS,
*
Ausführung. Die Widmung des Palmeiriin, eines Werkes, das Mo- raes am Hofe der D. Leonor geschrieben, gerade an ihre Tochter Maria, deren hohe Geistesbildung bekannt ist, erklärt sich so auf das Allernatürlichste. Doch fassen wir zunächst noch die persön- lichen Erlebnisse des Autors weiter ins Auge.
In den drei bis vier Jahren, die sein Aufenthalt in Frankreich währte, nahm jMoraes mit seinem Herren Teil an all den munteren Festlichkeiten, die zu Fontainebleau, Dijon etc. begangen wurden. Fr sah natürlich die her\orragenden Persönlichkeiten aus der Nähe, lernte den französischen Charakter, die Landessitten und Gebräuche kennen und urteilte darüber mit der leichten Skepsis die der Fremde gern an alles das legt, was von der heimatlichen Gewohnheit abweicht. In dem erhaltenen Briefe an D. Ignacio Conde de Linhares nennt er die Dauphine und madame Marguaryta, die zweite Tochter des Königs Franz ; madame de Ftampes ; die Herzogin von Mon- pensier; den Herzog von Orleans; und zwei Hofdamen mesdames INIamsy und Latranja bei Namen. Fr selbst verliebte sich, obwohl er bejahrt war „em idade ja desviada de pensamentos ociosos", mit jenem Enthusiasmus der den Portugiesen den Namen der „Verliebten" ver- schafft hat, in ein ganz jugendliches Hoffräulein der Königin, mit Namen Torsi, huldigte ihr mit troubadourartiger Demut und Unterwürfigkeit und besang sie in portugiesischen und spanischen Vilancetes. Doch wies sie — die einem jungen Herzog von Chätillon geneigt war — den ältlichen , ihr unverstandenen, hyperromantischen und nicht nach französischer Hofsitte geschulten, fremden, platonischen Anbeter, der an Rang wohl auch weit unter ihr stand, mit kühlem Stolze und etwas höhnischem Lachen zurück. Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen; der abgewiesene Macias scheint das erfahren zu haben. Wenigstens hielt er es für gut eine in ihrer naiven Romantik ganz allerliebste „Entschuldigung" — wohl für seine Freunde und Gönner, in deren Augen er nicht lächerlich erscheinen mochte, — aufzuschreiben, in der er die Glut und Innigkeit seiner Liebe schildert und die bittere Enttäuschung, die er erlitten. Es ist die „Desculpa de huns amores", deren genauer Titel schon oben mitgeteilt ward. Sie mufs ohne jeden Zweifel noch in Frankreich gleich nach der „Ent- täuschung" geschrieben worden sein. Die in den Titel eingeflochtene Bemerkung, um seiner Liebe zur Torsi willen, habe er die „Ge- schichte der französischen Damen" in den Palmeirim eingefügt, hat einige von denjenigen, welche die Palmeirimfrage studiert haben, längst zu der Erkenntnis gebracht, dafs wirklich persönliche Abenteuer den Kern jener Episode ausmachen, welche sich von Kapitel 137 bis 148 erstreckt, und dafs somit ein innerer Grund gewonnen war, Moraes die Autorschaft des Ritterroraanes zuzu- schreiben.
1543, wie man gewöhnlich angiebt, jedenfalls aber vor April 1544, da zu dieser Frist bereits D. Gon^alo Pinheiro den Ge- sandtenposten ausfüllte, kehrte Moraes nach Portugal zurück, wo
pal:mrtkim de inglatfrra. 5Q
er sich verhciralrl zu haben schcM'iU. — iSn mufs er abermals in Frankreich ge'wesen sein, wenn anders der Bericht über die Leichenfeier Franzi, (f 31. März 1547), den Barbosa Machado ver- zeichnet, wirklich von ihm ist. — 1549 war D. Francisco de No- ronha noch einmal für ganz kurze Zeit als aufserordentlichcr Bot- schafter am französischen Hofe Heinrichs II. (Cfr. Santarem II 31 7). Ob Moraes ihn begleitet hat oder nicht, ist unbekannt, da kein amtliches oder privates einschlägiges Dokument aus diesem Jahre vorhanden ist. W'ar es aber der Fall, so kommt das dennoch für die Palmeirimfrage nicht in Betracht, da dieser durchaus ge- schrieben sein mufs, so lange D. Leonor den Titel einer Königin von Frankreich trug, also vor 1547. — 1552 scheint Moraes bei der berühmten Schwertleite des 15 jährigen portugiesischen Kronprinzen D. ]oäo zugegen gewesen zu sein, vermutlich als Ayo des Sohnes seines Herren, jenes D. Antonio, von dem schon oben gesprochen ward.' Denn dieser that hier mit seinem gleich- altrigen königlichen Freunde den ersten Waffengang. — I57- starb Moraes, als Vater einer grofsen Familie; wie man sagt, ermordet von irgend einem Rachsüchtigen. -
Es wird behauptet der Kcuiig D. Joäo III. (f 1554) habe ihm, in Anmerkung für den Pahueirim de Inglaterra, den Beinamen Pal- meirim gegeben, den seine Nachkommen tatsächlich getragen haben.-^ Ein Dokument über diesen Beinamen ist, meines Wissens, nicht gefunden worden. ^
' Cfr. Jorge Ferreira de Vasconcellos, Memorial das Proezas da Segunda Tavola Redonda (211 edi9äo, Liboa 1867). Kap. XL VII : £>o torneo que fcz ho esclarecido Principe cm idade de qiiinze annos.
'^ Über den gewaltsamen Tod des Moraes erzählt man sich die ver- schiedenartigsten Gerüchte. In der an seltenen Schätzen reichen Bibliothek von Camillo Castello Branco sollen sich Manuscripte. aus dem 17. Jahrhundert befinden, welche den an Moraes begangenen ^Mord einem Diener des Hauses Braganza zuschreiben. Derselbe soll damit Beleidigungen gerächt haben, die Moraes in einem seiner Dialoge (in der Person von Barbadao de Veiros) den Braganzas angethan hat. Aus der Ausgabe von 1624 sind diese Beleidigungen ausgemärzt worden. Cfr. ^Manual Bibl. Portuguez p. R. Pinto de Mattos, Porto 1878 p. 408. — Benjumea spricht die Vermutung aus, ein französischer Edelmann hätte den Dichter aus Groll über seine satyrischen Schilderungen des französischen Hoflebcns erstochen (p. 39).
3 Die genealogischen Schriftsteller, welche über den Verfasser des Pal- merin berichten, sind: i. Belchior Leitao de Andrade, dessen Souza Er- wähnung thut (I No. 197). Sein grofses genealogisches "Werk ruht hand- schriftlich in der Bibliothek das Necessidades, die bekanntlich der königl. Bibliothek von Ajuda einverleibt ward. Der 13. Band soll sich auf Seite 364 mit den Moraes-Palmeirim beschäftigen. 2, Gaspar Barreto, den Souza I unter No. 187 bespricht (ms.). — Aufserdem bringt der Urenkel, der Jesuitenpater Balthasar Teiles (Hist. da Ethiopia I kap. I p. 22) Nachrichten über seinen Urahnen.
* In Portugal gaben diejenigen fidalgos, welche an die Ritterromane wie an weltliche Bibeln glaubten, gern ihren Söhnen die Namen ihrer Lieb- linge; den Namen Esplandiäo Amadis Lan^arote TristSo Lisuarte begegnet man in den Listen der bei Hofe Bediensteten. Den Namen Palmeirim habe ich als Vornamen nie gefunden ; als Vatersname kommt er heute noch vor.
6o C. MICHAELIS DK VASCONCELLOS,
III.
Die Torsi -Episode im Palmeiiiin.
Die Torsi-Episode, auch „Episode mit den vier französischen Damen" genannt, bedarf einer ausführlichen Behandlung.
Das 137. Kapitel des Palmeirim beginnt mit folgendem Satze:
,,Amda que esk liuro e hisioria seja de Palmeirim de Inglatei-ra e do caualh'iro do Salttajc, scu irmäo, como 110 tempo que ellcs forecia, outiesse oiüros principes e cnualleiros quasi vgoacs eo' el/es em obras, e merecedores de se fazer memoria dcihs , quis 0 aulor na os deisar cm esquecimento, coutando algüs feitos seus , crendo que na 0 fazefido assi, seria muUo de reprender. E tamhem iiraria seu preco äs damas, pflis por el/as e em seu nome se fizera muilas cauallerias e obras mere- cedoras de Tnuila lembranca e de se sabere em qualquer parte. A esfa causa Ihe pareceo he cscrcuer algüas cousas, que acontecerä naquelles dias 710 reyno de Fraji^a a viuitos catialleiros aiulantes, algüas de gosto e outras ao contrairo, segundo a fortuna ou a dita de cada lue as orde- naua. E diz que como naquelle tempo a fama da fermosura de Poli- na r da em Grecia, Miraguarda em Lusitania, Lionarda em Tracia soasse ianio que fazia eseurecer e ler cm pouco todalas princesas e damas das out ras tcrras, como Franca antre as da christandade seja hiia das mais notaueis e famosa por antiguedade d^obräs, algüas damas della que em parecer e fermosura cuydauam preceder todas, envejosas da fama alhea, cnsohrcbecidas da sua confianca, queixosas dos eaualleiros fran- cescs, por cu/a fal/a ou fraqueza d^amor Ihes parecia que seus nomes nam soauä por sima de todos os out ras, ajuntadas quatro della s, que nessc tempo em todo 0 reyno e corte, onde o mais do tempo era sua abiia^am, cuydavam que faziam vantaja äs outras, ordenaram antre si hum modo d'aventura , onde muitos eaualleiros andantes viessem e per combate e armas fizcssem prova de suas pessoas cm seu nome dellas, peraque, a custa do sangue de muitos, suas fermosuras iivessem scu logar cm toda parte. Estas senhoras se chamavam Mansi, Telensi Latranja, Torsi."
Bis zum 137. Kapitel hatte der Autor sorglich vermieden seinem Werke eigentliche Episoden einzufügen, und Personen in seinem Romane anzubringen , die in keinem direkten Zusammenhang mit den Helden desselben stehen. Vä war der Versuchung stets aus- gewichen mit Bemerkungen wie : tido se relata aqui por que seria erro, pois a principal historia deste liuro näo he sua oder de que aqui noni se diz nada polla historia nä ser sua etc. — Zur Einfügung der z\völf Kapitel langen Episode mit den vier französischen Damen hat den Autor also ein persönliches Motiv verleitet; den Autor, und nicht einen etwaigen portugiesischen Übersetzer, denn in dem spanischen Texte fehlt die Episode ebensowenig wie in der italienischen, fran- zösischen und englischen Übersetzung. Sie stand also im Originale und dies Original kann nur Francisco de Moraes geschrieben haben, der Anbeter der Hofdame Torsi, der in den Festen von Fontainebleau die Grazie und Munterkeit von madame Latranja und madame Mansi bewundert hatte.
PALMKIRIM DE INGLATERKA. 6l
Wie einzelne Züge, die er den sobenannten Figuren seines Romans beilegt, der Wirklichkeit nachgeschrieben sind, sei kurz bewiesen :
i) Im Roman heifst es (III 69), Mansi, Latranja mid Torsi seien Hofdamen der Königin von Frankreich gewesen ; und als solche lernen wir die beiden ersteren in der Carta a D. Ignacio, die letztere in der Desculpa kennen. 1
2) Im Roman heift es: Mansi, Latranja e Torsi serviam a raynha; \e\ tocadas das proprias qualidades de Telensi S^que era niuito altiva e soberba . . . c ia confiada de seu pareccr que desprezava tudo\ usavam do mesmo desprezo, se na quanto Mansi tinlia d'avatitage ser aiiiada c servida del rey com que se en- sobervecia muito. Und im Briefe wird Mamsy ausdrücklich a viimosa del rey genannt.
3) Im Roman heifst es, von den vier Damen seien drei ver- heiratet und nur Torsi wird donzella por casar genannt. Dafs dies mit der Wahrheit übereinstimmt, geht aus der Desculpa deutlich hervor, in welcher der Autor z. B. erzählt, wie er ihr im Zimmer der Königin selbst, in derer und ihrer Damen Gegenwart, seine Liebe gestanden habe.
4) Telensi -, über die im Briefe und in der Desculpa keine Notiz steht, wird im Roman als Dame der Infantin Gratiamar, der (zweiten) Tochter des Königs von Frankreich (Arnedos) hingestellt. In Gratiamar nichts anderes als ein Anagramm von Margarita, der Dauphine, sehen zu wollen, ist wohl berechtigt.
5) Benjumea hat einen Vergteich der Charaktereigenschaften der wirklichen Torsi, wie sie in der Desculpa geschildert ist, und der romanhaften im Palmeirim vorgenommen^ und hat gezeigt, wie an beiden ein und dieselben Fehler, nämlich grenzenloser Stolz, kühlste Gleichgültigkeit etc., hervorgehoben sind. Er hat ferner darauf aufmerksam gemacht, wie in der ersten Hälfte des Palmeirim alle Frauencharaktere (Flerida, Paudricia, Polinarda etc.) rein ideal ge- halten sind, und wie die der zweiten Hälfte (Miraguarda, Arnalta, Targiana) herzlose Coquetten sind, welche der plötzlich (von Ka- pitel 66 an) zum Weiberfeind gewordene Autor mit scharfen und recht bitteren Epigrammen geifselt, und daraus hat er geschlossen, dafs Moraes sein Werk begonnen, ehe er sich von der Vergeblich- keit seiner Liebesmühe, Torsi gegenüber, überzeugt hatte. Ich kann es also unterlassen weiter auf diesen Punkt einzugehen.
' Madame de Mansy und madame de Latranja werden nur ,,damas" «ge- nannt, werden uns aber in der nächsten Umgebung der Königin gezeigt; don- zella Torsi wird in der Überschrift der Desculpa ausdrücklich hiia dama franceza da rainha D. Leonor genannt; und eine der Hauptscenen des kleinen Liebesdramas spielt im Zimmer iler Königin.
- Th. Braga, Quest. p. 253 und 257 irrt in der Versicherung, bei dem Ballspiele in Fontainebleau (Dez. 1541) sei auch die dritte der französischen Hofdamen Talensi oder Telensi zugegen gewesen.
^ Benjumea, cap. XVII und XXIII.
02 C, MICHAELIS DE VASCONCELLOS,
IV.
Or tsschil <1 e riin gen im Palmeirim.
Wenn ein Autor wohlbekannte Hauptstädte wie London, Con- stantinopel, Buda etc. zum Schauplatz der Handlungen wählt, über die er berichtet, oder ganz unbestimmt nur von einer grofsen Stadt, einem Ritterschlosse in Frankreich, Ungarn, P'ngland erzählt, so kann man keinen Schlufs auf seine Nationalität daraus ziehen; wenn nun aber ganz unbedeutende (Jrtschaften zum Theater grofser Thaten auserwählt, und eingehend geschildert werden, so darf man mit Recht annehmen , dafs ein persönhches Interesse und intime Vertrautheit den Autor an diese Stätten knüpft.
Southey ist der erste gewesen, der die Frage aufgeworfen, ob nicht im Palmeirim de Inglaterra genaue und realistisch gefärbte Schild(M-ungen kleinerer Ortschaften vorkommen, welche Gegenden malen, die der Verfasser notwendigerweise gesehen haben mufs, Gegenden, deren er mit so viel Sympathie gedenkt, dafs man an- nehmen mufs, er habe lange darinnen gelebt. Auch Benjumea hat diese Frage gestellt und herausgefunden, dafs allen anderen abstrakt und ganz allgemein gehaltenen Landschaftsbildern gegenüber einige und zwar nur portugiesische sich durch Genauigkeit und aller- hand ihnen aufgedrückte lunzelmerkmale auszeichnen. Es sind die, welche die Umgegend des Schlosses Miraguarda ausmalen.
Im 53. Kapitel des Romans (1 p. 403) wird erzählt, wie Flo- rendos von der englischen Küste nach der des kriegerischen oder ritterreichen Lusitaniens verschlagen wird {a guerreira oder hellkosa Lusitania) und in der Stadt „Altaroxa" landet. Der Verfasser (der diesen Namen wohl erfunden hat?) fügt hinzu, die Stadt sei später Lisboa geheifsen worden, „ein Name, der ihr nach ihren (jründern gegeben ist". Florendos reitet landeinwärts den Tejo hinauf, der mit seinen sanften und lieblichen Wassern die bedeutendsten Gefilde des kriegerischen Lusitaniens bespült, ehe er sich in den Ocean ergiefst. So dicht war (damals, wie der ortskundige Sohn des 16. Jahrhunderts hinzufügt) der Flufs von Waldungen umgeben, dafs man wandernd seine Wasser oft nicht bemerkte. Auf seinem Wege kommt Florendos, nach nicht langer Zeit, an eine kleine Insel, auf der ein hohes Felsenschlofs steht, nach dem Riesen, der es bewohnt, Almourol benannt (und nicht Amarol, wie Dunlop sagt). ('fr. cap. 60, p. 407. Der Dichter des Palmeirim sagt (I p. 359): „pois cüMÜihando por ella acima, 7iam andou muUo que no tneo d'agoa tin Jiiim pequeno ilheo, que 0 rio fazia, vio huni castello roqueiro iam bevi asseniado e guerreiro que era muUo pera ver", und an einer anderen Stelle (II p. 273) erzählt er: Almourol habe in der Nähe der Stadt Riocraro gelegen, die, sagt er weiter, heute Thomar heifse; den alten Namen habe sie von dem Flusse bekommen, der sie durch- schnitte. Nun wohl , der moderne Verfasser eines geographischen Lexikons schildert das Schlofs Almourol in ganz ähnlicher Weise: „Almourol {Castello de). Esld pitloresca?nefile sHuado sob?-e titn ilheu de rochedos no meio de Tejo, proximo e 71a freguezia de Payo de Pelle,
PALMEIRIM DR INGLATKRRA. 63
provincia de E:\ire?nadura, comarca de Torres-Novas ... a 15 kilo- metros a S. E. de Thomar, 2 de Tancos e \o^ a Este de IJsboa." — Doch kehren wir zu den Ortsschilderungen des Moraes zurück. Noch etwas weiter stromab stand, eine Meile von Almourol, ein anderes Schlofs des Riesen, Torre- Bella genannt, welches derselbe jedoch nach seiner Verniilhlung mit dem Ricsenfräulein Cardiga, der Tochter des Giganten Bataru, dieser zum Ilochzeitsgeschenk machte, worauf es natürlich nach ihr umgetauft wurde (III 243). Nun wohl, eine alte Villa Cardiga liegt noch heute unweit Thomar, also auch laicht allzufern von Almourol, sagenumwoben wie dieses. — Der Dichter erzählt ferner, dem Riesenelternpaare sei ein Sohn geboren worden, dem man den Namen des Vaters gegeben habe. Und bei dieser Gelegenheit berichtet er eine Einzelheit, die er ebenso gut hätte ver- schweigen können. Andere Chronisten, sagt er nämlich, nennen den Sohn Tranconio und erzählen eines Tages sei er bei einer Überfahrt über den Tejo in der Nähe von Almourol ertrunken, weshalb die Stelle „pego de Tranconio" Strudel des Tranconio be- nannt worden sei. Später sei dieser Name zu „pego de Tancos" verderbt worden und danach heifse die Ortschaft, welche man in der Nähe, in den Tagen des Dichters erbaut, gleichfalls Tancos. Und Tancos liegt in der That unweit AluKjurol, Cardiga und Thomar. Die Bezeichnung castello de Tancos soll sogar für das Schlofs üblich sein, wie andererseits das was Moraes pego de Tancos heilst in einer alten Schenkungsurkunde von 1169 pelego de Almourol ge- nannt wird.
Ist es anzunehmen, dafs ein anderer als ein Portugiese um solche Einzelheiten gewufst und es für der Mühe wert gehalten hätte, sie anzuführen? Ich glaube nicht.
Moraes scheint an ganz l)estimmte, ihm bekannte Sagen über Almourol gedacht zu haben, deren Bestätigung er im Primaleon zu finden glaubte; ¥ä selbst nennt den Namen Cardiga nur zweimal und erstattet über denselben Bericht nur nach dem was das zweite Buch des Palmeirim d. h. was Primaleon darüber weifs, und fügt dann, aus eigener Einsicht hinzu : So ist also nicht falsch, dafs in anderen alten Zeiten Almourol und Cardiga Mann und Frau gewesen und dafs nach beiden den Schlössern, wo sie wohnten, die Namen gegeben worden, die sie noch heutzutage tragen.
Carolina Michaelis de Vasconcellos.
(Schlufs folj^t.)
Eine subselvauische Liederhandschrift.
Der subselvanischen Texte giebt es nicht allzu viele und schon insofern, als Probe jenes Dialektes, wie er in Schams und Rheinwald gesprochen wird, mag die vorliegende kleine Lieder- sammlung nicht unwillkommen sein. Zudem liefert sie auch inhaltlich einen hübschen Beitrag zur Kenntnis des rätorom^mischen Volksliedes überhaupt und des subselvanischen Kirchenliedes im besonderen.
Die Handschrift umfafst 14 an Charakter und Wert sehr ver- schiedene Stücke die der Herausgeber, da sie keine Überschriften tragen, mit Nummern versehen hat.
Die No. 2. 3 und 14 sind dem Andenken Verstorbener ge- widmet und gehören zu jener Art von „Todtenklagen", die unter der subselvanischen, wie der engadinischen Bevölkerung noch zu Anfang dieses Jahrhunderts in Übung war. Im Engadin liebte man es, diesen Todtenklagen dramatische Anordnung zu geben, indem da Vater und Mutter, Bruder und Schwester, Ikaut und Freunde um den Todten trauern und von ihm getröstet werden. Einen Anklang hieran finden wir in dem verwandten Liede No. 3, in welchem der Todte mit tröstenden Worten Abschied von der Braut nimmt, ohne dafs übrigens diese selbst redend aufgeführt wird. Sehr hoch kann der poetische Wert dieser von Sitte und Her- kommen diktierten Todtenklagen nicht taxiert werden. Frischer und naturwüchsiger ist No. 4, ein echtes Volkslied vom „Scheiden und Meiden", zu dem sich im Sürselvischen ein Seitenstück findet, das im 16. Jahrhundert bereits bekannt war. Unvollständig ist No. 5, ein Stück, das zu den Todtentanzdichtungen zu rechnen ist. Weggefallen ist der Anfang, der uns vermutlich mit der Person, zu welcher der Tod spricht, bekannt machen würde. Dafs es ein Mönch ist, erhellt aus der Rede selbst; die bittere, ja grimmig höhnische Art, in welcher der Tod diesen zum Tanze ladet, weist auf einen protestantischen Bearbeiter hin. Irren wir nicht, so lag diesem ein älteres Lied vor, das dieser specifisch protestantischen Färbung entbehrte. Vielleicht ist es jenes sürselvische vom „saltar della' mort", das wir in mehreren Handschriften getroffen haben, ein Lied, dessen Herkunft aus vorreformatorischer Zeit feststehen dürfte.
Die religiöse Dichtujig ist vertreten durch die No. 6. 9. 10. I 2. No. I ist eine poetische Umschreibung der Sj)rüche Salomons zum Lobe der guten Frau ; No. 1 2 ist eine Bearbeitung der Lob-
EINK SUHSELVANIRCHI': LIEDERHS.
6.S
psalmen, wie wir solche auch im ladinischen und sürselvischeii Dialekte haben, No. 6. 9. 10 qualiticieren sich als freie Über- setzungen aus dem Deutschen. Weltlicher Natur sind No. 7. 8 von denen das letztere in der im M. A. beliebten Weise den Wciltstreit zwisclien Wein und Wasser behandelt. Auch hierfür fehlen im Sürselvischen Seitenstücke nicht; eine ladinische Version siehe bei Campell, Chiantzuns spirituelas.
Resondere Beachtung aber verdient No. 1 1 der kleinen Samm- lung, eines jener politischen Lieder, an denen die rätoromanische Volkspoesie, der ungemein bewegten Geschichte des Landes ent- sprechend, so reich ist. Und zwar dürfte das vorliegende zu den besten seiner Art zählen. In kühner, packender, rücksichtslos- derber Sprache, wie sie leidenschaftlichem Hasse entströmt, eifert es gegen ein Bündnis der 3 Bünde mit Frankreich. Als Zeit der Entstehung ergiebt sich mit ziemlicher Sicherheit die jähre 1700 — 17 10, in welchen Frankreich um die Erneuerung seines alten Bundes- verhältnisses sich bewarb. No. 13 endlich mahnt in Form eines Neujahrswunsches, unter Hinweis auf die Waldenser Verfolgungen, die protestantischen Bündner, auf Gott den Herrn allein zu ver- trauen und vor „römischer Tücke" sich zu hüten.
Unsere Handschrift kann als ein Muster jener zahlreichen, als kostbare F.rbstücke von einer Generation der anderen überlieferten „Cudisch de canzuns" gelten , deren Durchforschung und Publi- cation so ziemlich die Hebung des ganzen reichen Schatzes, der die rätoromanische Poesie auf dem Gebiete des Volksliedes auf- zuweisen hat, bedeuten würde. Die Handschrift, ein Heft ohne Decke, umfafst 20 Bll. (Papier) in 8", ohne Paginatur oder Signatur. Auf dem letzten Blatte steht geschrieben: Johann Cantieni, Maton 1725. Jenes ist offenbar der Name des Schreibers und Besitzers; Maton liegt im Schamserthale | Val de Schoms | . Der Herausgeber erwarb die Handschrift im Jahre 1881 von Herrn Archivar von Sprecher in Chur. Er hat nur die sehr mangelhafte Interpunktion einigermafsen verbessert; im Übrigen ist der Abdruck, wie bei der Magelona, diplomatisch genau.
Quel ha afflau in bien scatzi Ilg quäl Deus ilg ho bein dau Una dunna sin quest mun, Chei prussa, fig realla.
Tut eu sagirameng. 10 La sa bein urden dar, Sia cassa reger bein, La sa tut schi bein domchiar Cun teisser a fillar.
5 La Viva castameng ; Parchira Deus la talla, Avont zanur feimeng, Sieu hum sa po fidar.
La sa tut sieu don dustar. 15 Avont naf da marchadont Cun beara custeivladat Ei ella zund somlgionta.
' Ina canzun davart las dunauns pardertas. Zeitttchr. f. rum. Pli. VI.
66
C. DECURTINS,
Fa rauba en vardat; La leva bein marveljj, 20 La sempchia da maugiar; Fumelgs ad er fantscheallas Sa ela far luvrar.
La sa prada ad erse A vingiass tut cumprar 25 Tut cun ilg blut daner, Saseza quei tut pagar, Saseza quei tut luvrar Quei tut cun sess agien mauns Quei tut fa sia lavur.
7- 30 La tschinto anturn sess tschung Lai ela munchar nilgiur, La vei chei grond gudoing Ord sia fadia cresclia
Cura se silg baung 35 La prend la rocca prest, La lai salgir sieu fliss, La maj na va a spass.
9- La va tard a durmir, La porscha sieu rieh maun, 40 Lgi pover a malsaun Dost ella freid a fom.
Igls sess han er buc freid, Eis ean tuts schi bein vaschj Eis hon nc fom ne seid, 45 La braigia buc sparngiau.
II. En tuts cunselgs a plaz Sieu hum ha ina grond honur, Deus dostig da zanur, La plaida sabiameng.
12. 50 Davart ilg plaid da Deus Quai ei sieu legrament, La Icgra sieu marieu, La fuj la niurschadingia.
13-
La cassa la ha adaig, 55 Trei bein sia fuvantinna Ramet a Deus sieu faig; Als sess ufonts schi chars Fan ubadienscha algi Honur a laud lgi daten 60 A vulten pli a pli.
14. Sieu hum lgi porscha honur Caretzia a bear dilg bein; Deus tutpusent Signiur Nus gide zund feimeng.
15- 65 Bear filgiass han richezia, Argient ad aur schi fin, Lass dovran fig loschetzia, Quelas ancanuscha minchin.
16. Teass dunss quels valen pli 70 Ca quels en verdat, Ti eiss bein traichia si Cuntut tia honastat.
17- Bealtezia, vaunadat, Luschetzia malla zund, 75 Dunauns cun nauschadat Sa aflei partut ilg mund.
18. Inna dunna sabia, prussa Scadin dei dar honur, Deus vilgig quella spussa 80 Dafender da zanur.
19. Mi dai, o Deus, trass gratzia In dunna cun beals dunss, Quei ei in custeivel scatzi, In scatzi dils pli bunss.
85 Mi dei ina buna costa, Ca detig bien agid. Da mallass arts mi dosta, Mi dei ilg ver salid. Finnis , Amen !
KINK SUP.SELVA MISCH K LIKDERIIS.
67
n.
I.'
La moil partui sarassa La va da cass en cassa, Sco nuss ussa vassein In dar exemiiel vein]
5 Vid ilg niess bien amig, Hg Scrivont Jon Janig; Duss ons lei stau scrivont En niess cumin da Tschonts.
Dens veva tut vivont A Igi niess bien Scrivont 35 Nodas a terms er mess Quont gig el er duvess
Bein viver sin quest mund, Sieu temps ei stau curl /.und, Sess giss hal cumplanieu 40 Enten ilg num da Deu.
El ha saflissiau, 10 Er gieu zund grond quitau Bein dilg uffizi sieu Et ha schi bein sarvieu.
Milli set tschient numnar A tredisch tiers schantar Ils nof giss da Satember Sco Igei bein da cumprender,
Zund flissi eiss el stau Tut ha ilg daul Igi dau, 15 Ün uffiezi cun honur Eis Unna niebla flur.
Da Deus vev' el ratschiert Beals duns ad er ilg spiert Bein da quintar a scriver, 20 Ün bien spiert er da leger.
6. Quei figeva lagrar Sia mama a sieu bab char Da gi en gi vassevan Ch' el tiers schi bein parneva.
45 tln Alargiss eissei stau, Chei han ilg sutarau Bein cun ün cumber grond Ilg niess char bien Scrivont.
13-
Sia muma a sieu bab char 50 Han gieu fig da plirar Er par ilg lur unfont A filg, ilg Scrivont Jon.
14. Veng set onss hal gieu, Er sin quest mund vivieu, 55 Quels ha el cumplanieu Elg ver ruvauss vangieu.
25 Mo chei eiss ei squntrau, Ilg ei bault davantau, Bein enten vossa vingia La pli juvna fadingia.
Tiers quella zund dabot 30 Ei ngida lur la mort, Ha frieu a terra quella, Scha ge ch'el era bella.
El ei ussa spindrau Da tut mal a puccau, Or da ber andirar 60 Ilg ha Deus lieu spindrar
16. Parchei cha sin ilg mund Uss da quest temps cunzund Co ei dat schi da far Andreg da sassalvar.
' Üna canzun davart la mort dilg Scrivont Jon Jonig da Doneth en Tschonts.
68
C. DECUKTINS,
17-
65 Ah quontas mallass lieunguass
Cha gin aschi manssengiass
Bein ad Unna parssuna,
La qualla ei prussa bunna.
18. Parquei prend Deus navend 70 Saventz ils sess conlents, Par chilg godloss buc possig Sur eis ver anqual forza.
19. Cuntut ha Deus navent Vulieu clumar par temps 75 Ilg niess char bien Scrivont Enten ilg juvan saung.
20. El ei er stau carin Cun Igi iester a vaschin, Gronda honur purscheva 80 Scadin, ca el vasseva.
El era carschieu si Angual ent ilg pli bi Ad er elg melger esser, Scheit vuss po buc ancrescher.
22. 85 Ils miteis veits duvrau A cust buca sparngiau, Ils miediss era duvrar Par el en peiss gidar.
23- La malsoingia ch' el veva 90 Pli tiers a tiers parneva, Antrouqua lei ngieuss ariva Giu da la mar mattida.
24. Vuss veits bein faig ilg viess, Veits er manigiau bien, 95 Mo Deus veva lugau Tut sin ün auter grau,
25- El ha schi bein midau, Er faig ün bien marcau Ilg mund da bandunar 100 La "liert'ia en tschiel hartar.
26. Cuntut buca plireigias, Cun quest vuss cunfurteiass Ca vuss ilg veits pudieu Tras ilg agid de Deus
27. 105 A cassa ilg parchirar, Andreg bein cunfertar; La sia bunna fin Han vieu parents, vaschins.
28. El ha bein vandligiau, IIO En terrass eastras stau, La bein sa depurtau, Deus ilg ha parchirau.
29. En terrass lunsch navent Nuss sa Deus tutpussent 115 Er el nus parchirar, Bein sco a cassa star.
30. Cur el elg iester steva. Als sess fig ancarscheva, A cassa cur el turnava, 120 Ils sess fig salagraven.
31- Ilg ei bault davantau Ad er zund fig midau Qual enten vossa cassa Unna gronda midada,
32. La quala ha stuvieu far 130 Ilg VOSS jivan filg char, Tillar or cassa vossa Ad ir enten la fossa,
33-
125 Ir ent' ilg ver ruvauss Tils aungels a beauss, Cun eis er salagrar A semper triumphar.
34- Damai chel ha afflau Ün stand aschi beau, 135 Hei! scha bucca bargeiass, Par el aschi plireigiass.
EINE SUBSRLVANISCIIK LIEOFKIIS.
69
Ei crescha en naj,'inss oils Ervas avont la mort; Ei fuss bers da afflar 140 Ca ngiessen a cumprar.
36. La mort salascha buc Nagin cumprar or sut, La prend' er buc daners Aung ber meins praus ad ers.
37- 145 O quonts Singiurs silg mund, Can berra rauba zund, Vangissan cun la mort Bein a far in acort.
38. Seh' ella ils schanigiass 150 A buc ils surcurdass, Pir lur la sastalegia, Cun eis bein er vuregia.
39- Ella ha sieu dalleg Dad ir spas culg reg, 155 Ella ilg fa dar a terra, Sto callar da far guerra.
40. Insuma tuts carstiaunss Ston ad ella ngir a maunss, Sco sagi elg sprichvort: 160 „Chi ha la vitta, ha la mort."
41. Quei nuss ha mess avont La mort et ilg nies Scirvont, El ha bein vurigiau La cardienscha er salvau.
42. 165 Nuss vein er bucä tschau Ün stateivel marcau, Mo nuss anqurin quel Cha da vangir en tschiel. Hebr. 13.
43- Quei savein nuss zund bein, 170 Scha la cassa ca nuss vein Da quest mund ven spazada, Ün antra bagiada. 2. Cor. 3.
44.
Alcinsa nuss en tschiel
Tils aungels a ligieus,
La quala ei cun mauns
180 Buc fachia da carstiaunss.
45- Ilg ei quei bi marcau, Cha Dens ha bagiau, 1 75 Scadin dei suspirar Enten quel da rivar.
46. Vuss sa cunferteit aschia Culg soing Spiert tutavia, Cun David veiass spronza Dilg catar en lavdonza.
47- 185 En tschiel cun Dens el viva, Ilg quäl el ancuriva, Uss ei lolmeta sia En soinchia cumpangia.
48. Er Simeon vont peda Luc. 3. 190 Cumgiau el setz parneva, A Paul uss suspirava Spindronza dumandava.
49. Scha quel a Dens plascheva Tont bein, chel ilg parneva, 185 Scheit, Deus ha dau a prieu, Sieu num seig banadieu!
50. Uss vi iou serrar, La canzun er callar, Damai chel ha afflau 200 Ils aungels a beauss.
Schi vegliass ?.r nuss bault Manar ent ilg tschiel ault Tiers ils noss pardavonts, Babs, mumass ad unffonts.
52. 205 Ca nuss pudeian lur
Cun Christum niess Singiur Esser en cumpangia, Guder la gliergia sia.
70
C. DECURTINS,
53- Nuss meine tuts von/.ei ;io Bein enten tschiel tiers tei Chi teng Christum char Dei Amen giavischar. Finis da qiiela canziin.
III.
25 Quei vei iou vieu tschels giss Viel ün mieu bien vaschin, Ilg Baltisar Caflisch, Ilg quäl ei stau cliarin.
8. Da Deus vev' el er gieu 30 Zund bels duns tutavia Ils quals Igi han sarvieu En tut la vitta sia.
Mireit ampau tuts ussa Ilg mund CO lei schi vaun, Lezperienzia mussa Tgei vanitad mundaun.
Cun zund ent' ilg cantar Hai gieu ün dun parfeg, 35 Ad auters da mussar Vev' el tut sieu daleg.
5 Ilg mund quel varga via Cun tut ilg sieu daleg,, Vuss flissigeit aschia Da viver bein andreg.
Elg jester eiss el ieu La bein sa depurtau La scolla lial tanieu 40 In bien schuoUmeister stau.
Co tgei sin aquest mund 10 Schi zund spir vanitad. Las caussas vargen zund, Quei gig iou en verdad.
!Milli set tschient a quindisch Qual en quest secullo Ad emdass bein er tschieung La scolla hal salvo.
Cuntut, o ti carstiaun, Arva tess ölgs andreg 15 Mira co ilg mund ei vaun A varga vi aneg.
5- Ilgs noss amparmerss velgs Quels han gieu surpassau. Cur eis elg paradiss 20 Ilg pum han gieu mangiau.
45 Par ün schuoUmeister eiss el Er Staus bein enten Tschonts En Lohn, sco vuss saveits. Eil stau schantau quest on.
13-
Tut ilg ha fig ludau 50 A tut Igi leva bein,
Chel ha sclii bein mussau ; Mo Deus lg ha prieu navend.
La mort, la ven minchia hura A maza aschi la Igieut Ei seigian, nu chi vullen A cassa ner elg jester.
14.
Ils siis giss da Schauer
Ha el tut survantscliieu,
55 Sco quei han vieu er bers,
Ch' el ha cumpngiau bein prieu.
da Trin.
Ina cantzun sur dala mort dil hundreivel juvan Baltissar Caflisch
EINE SUHSELVANISCHK LIEDERHS.
71
'5- Inna {jievrjia atiuiin mietz gi Ha el zund fig plirau Er gig chci vcngig sciir, 60 En quei sa (liinnaiitau.
16. Dcus veva ilg sieu temps Ad una bcin liigau, Quel ei er staus zund ferms Cur lei vi liers bein stau,
17- 65 Ha Deus ilg vissiitau
Ina greva malssoingia lial gieu
Mo buca gig cutzau,
En siss giss survantschieu.
Angida ei lur la mort, 70 Ha gig, ti stoss callar, Chi dar vi ilg passporta Or da quest niund manar.
19. Ilg temps ch' el ha vivieu Vi iou er giu tschantar, 75 Veng a noff on hol gieu, En quels ber d'andirar.
20. Deus eiss ün bab graziuss Cun tuts ils sess unffonts, Tras mittels marvigliuss 80 Cunssalv el en sess mauns.
2T.
Lur ilg agid da carstiaun Tiers nuss ei tut pardieu Scha ven Deus cun sieu maun A spindra sess ligieuss.
85 Ilg Senger quel ha gig, Vangit tiers mei vuss tuts, Ch' essas graviai zund fig; Iou vi gidar vuss uss.
La meldra madaschina 90 Sagir ei buc da aflar.
Ca Christum lev' adinna Enten sieu cor salvar.
24. Ilg text quel cloma a gi: Iou gareg da ngir schligiauss, 95 Esser cun Christ lau si En tschiel elg ver ruvauss.
-5- La mort ci schculda spina Bein era el ilg puccau, Cuntut la sgolla adinna 100 Anturn, antuvn niess chiau.
26. Chilg chierp en la combreta Deig' er ün temps durmir, Quei ei en la fosseta Antrouqua el leva si.
27. 105 Er Pauluss quei saveva Che! par gudoing salvass Da sia mort el scheva Tut mal el bandunass.
Er quei ha observau iio Ilg niess char bien amig Sia olma racumandau A Deus Bab, Filg, soing Spiert.
29. Cun soing Steffan er clumau : Prend si mieu spiert, Bab mieu! 115 Lur hal sadurmantau Enten ilg num da Deus.
30.
Rasposta: O ti, mia spussa chara! Iou gig uss pietigot. Iou sunt uss enten barra 120 Faschine ti dabot!
31- Par mei er cumpangiar Bein ent' ilg ver ruvauss En tschiel veng iou rivar Tiers tuts ils pruss beauss.
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C. DECURTINS,
125 Scha ge ca iou a clii
Sund stauss paissuls a chars
Buc ragurdavas ti
Chiou ngiss tci bandunar.
Mo ti stos uss oune star 130 Silg mund bein oune in temps, En tschiel Dens veng clumar Tiers mei a tuls cartents.
34- Hass li, la mia schi chara Stuvieu vangir tschau ent 135 En terra sut curclar
Ilg tieu char lagrament.
35- Schi buc ta cumbriar Par mei aschi zund fig, Deus velgig tei lagrar 140 Puspei cun sieu soing Spiert.
36. Vuss bab a chara muma, Par mei buc schi plireit! Caleit da sponder larniass, A vuss sa cunferteit!