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Immanuel ^ant
Sämtliche Werke
Herausgegeben von
O. Bück. P. Gcdan, W. Kinkel, J« H. V. Kirchmann, K. Vorländer, F. M. Schiele, Th. Valentiner
Erster Band Kritik der reinen Vernunft
Leipzig Verlag von Felix Meiner
'6
^
IMMANUELKANT
KRITIK DER REINEN VERNUNFT
NEU HERAUSGEGEBEN VON
THEODOR VALENTINER
MIT SACHREGISTER
ELFTE,
MIT DER ZEHNTEN GLEICHLAUTENDE
AUFLAGE
DER PHILOSOPHISCHEN BIBLIOTHEK BAND 37 LEIPZIG 1919 / VERLAG VON FELIX MEINER
/93.Z
' Vi
Druck von C. Gruinbach in Leipzig
Vorwort zur zehnten Auflage.
Dem Wunsche des Verlegers, der neuen Auflage von Kants Kritil^ der reinen Vernunft ein Register beizugeben, bin ich um so lieber gefolgt, als ich weiß, wie sehr ein solches dazu dienen l^ann, das Verständnis des schv/ierigen Werkes zu erleichtern. Kant hat seine eigene Sprache; und wenn er auch fast jeden Begriff, der für das Verstehen seines Systems von Bedeutung ist, irgendwo erklärt und durch den Zu- sammenhang, in den er ihn hier und da bringt, deutlich macht, so sind doch die für die Erklärung des Be- griffes wichtigen Stellen nicht immer da, wo sie der Leser wünscht. Das beigegebene Sachregister möchte hierin dem Leser zur Hand gehen und, wenn möglich, auf diese Weise mit als Kommentar für das Studium von Kants Hauptwerk dienen. Demgemäß ist die Aus- wahl der Begriffe, sowie der Stellen, die aufgenommen wurden, getroffen. Dementsprechend ist aber auch die Ordnung, die in der Gruppierung der angeführten Erklärungen innerhalb der einzelnen größeren Artikel vorgenommen wurde. Hierbei wurde tunlichst nach folgendem Schema verfahren: An erster Stelle wurde angeführt, was der betr. Begriff bei Kant allgemein bedeutet oder bezeichnet. Danach folgte ein Beispiel, das dazu diente, die allgemeine Bedeutung im einzelnen oder an einem konkreten Falle zu erläutern. An dritter Stelle wurde die psychologische, logische, transscenden-
^ Vorwort zur zehnten Auflage.
tale, metaphysische Erklärung angeführt, die Kant irgendwo zu dem Begriffe gibt. Und zuletzt wurden sekundäre Merkmale oder besondere Anwendungs- weisen des Begriffes aufgeführt. Natürlich konnte nur in beschränktem Umfange nach diesem Schema ver- fahren werden. Damit für den Leser das lästige Auf- schlagen zitierter Stellen wegfällt, wurden fast alle wichtigeren Stellen mit vollem Wortlaut wiedergegeben. Den meisten Lesern ist nach meiner Meinung damit mehr gedient, als wenn eine große Zahl von Parallel- stellen nur zahlenmäßig aufgeführt werden.
Wertvolle Dienste leistete rxiir bei Herstellung des Sachregisters das bekannte Vorländersche Register zu Kants Kritik der reinen Vernunft, das besonders für die philologische Kantforschung unentbehrlich bleiben wird.
Bremen, Juni 1913.
Dr. Th. Valentiner.
Aus dem Vorwort zur neunten Auflage.
Herr Dr. Valentiner hat den ganzen Text der achten Auflage noch einmal der sorgfältigsten Durch- sicht unterzogen, und eine nicht unerhebliche Zahl von Verbesserungen in dieser neunten Auflage ist die Fi-ucht seiner Mühe. Soweit nötig und soweit an- gängig, sind dabei wichtige Textänderungen aus Erd- manns neuebter Edition („Ak." — in der von der Berliner Akademie veranstalteten Kant -Ausgabe be- rücksichtigt worden, nicht ohne das, was Ludwig Goldschmidt gegen sie eingewendet hat, mit zu Rate zu ziehen.
Leipzig, Dezember 1905.
Die Verlagsbuchhandlung,
Aus dem Voi^ort zur achten Auflage.
Da Erdmann schon in den früheren Auflagen seiner Ausgabe sämmtliche derzeit bekannten Ver- besserungsvorschläge mit Nennung sowohl der Emen- datoren als auch der Herausgeber, welche die Aende- rungen aufgenommen hatten, berücksichtigt hat, so habe ich mich von Anfang an darauf beschränkt, von den in den Apparaten und Anmerkungen der Ausgaben, sowie in älteren Abhandlungen gegebenen kritischen Bemerkungen nur eine grössere Auswahl zu ver- zeichcen. Dabei habe ich mich begnügt, nur den Namen dessen, der die Aenderung zuerst vorgeschlagen hat, zu nennen. Vollständiger berücksichtigt wurden die bei Uebernahme der Revision gerade erschienenen kritischen Beiträge von Wille und Vaihinger (im
IV Vorwort.
i. Bd. der Kantstudien) und die eich in der damals
neuesten Auppnhe von Vorländer findenden Aende- ruiigen des Oüirinaltexles. Eine Collation des Vor- länder'schen Textes habe ich au? dem Gi-unde vor- irenonimen, um mit den sprachlichen Modern isirungen fier neuesten Herausgeber bekannt zu werden und 'lieselben, wo es thunlich ßchien, in der vorliegenden Ausgabe zu verwerten.
Zu Grunde gelegt ist dem Druck die zweite Aus- •^ahe der Kiitik der reinen Vernunft von 1787. Die Abweicliiiiigen dieses Grundtextes von dem Texte der ersten Ausgabe (ersch. 1781) finilon sich in den An- merkungen und Beilagen verzeichnet. Dabei war ich bemüht, Varianten der beiden Originaltexte auch da anzugeben, wo es sieh nur um Verschiedenheit eines Wortes oder einer Form handelte. Nicht erwähnt wurde :
1) wenn ein in der ersten Ausgabe nicht gesperrtes \7ort in der zweiten gesperrt war oder umgekehrt;
2) orthographische Verschiedenheit (z. B. soll nent ' — soiite, nennt; Eine, Selbst — eine, selbst);
3) Verschiedenartigkeit der Interpunktion;
4) eine sprachliche Differenz von geringer Be- deutung (z.B. denen ?.Iännern — den Männern; gelten vor — gelten für u. ühnl.),
Abv;eichungen, welche in der Kehrbach^schen Aus- gabe, am vollständigsten in dem Anhang zur lünften Auflage der Ausgabe von Erdmann gegeben sind.
Hinsichtlich der Behandlung des Originaltextes habe ich dahin gestrebt, die altertümliche Sprache, insbesondere die Kant'schen Eigenthüuilichkeiten, die oft mit den syntaktischen Regeln unserer Gram- matik unvereinbar sind, möglichst zu bewahren. Als leitend galt mir daher der Grundsatz, nur da von den vorgeschlagenen Veränderungen Gebrauch zu machen, wo es die Glätte erforderte und durch eine kleine Aenderung das Verstand niss erleichtert wurde.
Ob in vielen FälUii Druckfehler resp. Versehen des Abschreibers oder Spracheigenthümlichkeiten den
Vorwort. V
orsten Aupj^aben anhaften (hinsichtlich der Spracii- gewohnheiten Kants vergleiche mmi die in dem Erd- mann'schen Anhang an vielen Stellen eingestreuten Bemerkungen), ist und bleibt schwer zu entscheiden. Ich möchte mir nicht erlauben, in solche Fragen schon jetzt einzugreifen und will auch hier nur an- geben, welche Gesichtspunkte mir bei der Ausgabe massgebend w^aren. Und ohne die Frage nach der einen oder anderen Seite zu berühren, kann man in der Hauptsache folgende Rubriken festhalten:
1) Häufig weicht in den Originaltexten ein Pro- nomen in Genus oder Numerus von dem Substantiv ab, auf das es sich grammaüsch bezieht, z.B.
S.364 Z. 34 ff. „zum Gebrauche anzuwenden;
welches-, wenn e.s"
S. 365 Z.lSff. „Ebenso kann das Subject
ihr eigen Dasein nicht bestimmen"
S. 560 Z. 36ff. „Das dritte vereinigt jene beiden, indem sie vorschreibt"
S. 656 Z. 5ff. „Folgen ..... zu diesem«
Hielt ich in diesen und ähnlichen Fällen eine Aenderung für erforderlich, so wurde andererseits die ursprüngliche Lesart beibehalten, wenn eine dem Sinn nach passende Ergänzung zu dem Pronomen nahelas, z. B.
S. 641 Z. 28 ff. „einen einzigen G<?gonsta:id
aussiunen und sie (sc. reale Möglichkeit des Gegen- standes) ..... zum Grunde legen" ;
auch unterliess ich zu ändern, wenn zweifelhaft war, ob das Pronomen an das Substantiv oder letzteres aii ersteres anzupassen sei, z.B.
S. 87 Z. 6ff. „ Erfahrungeji möglich sind,
und belehren uns vor derbelben, und nicht durct; dieselbe"
2) Bisweilen stimmt das Verbum im Numerus oder Genus nicht zu der Form des Subjectes:
im Kumeras z. B. S. 20 Z. 35ff.S. 21 Z. 1 „Die voll- kommene Einheit ..... machew"
VT Vorwort.
S. 683 Z. 7 ff. „andere BediDgungen kenne, die . . . führe"
im Genus z.B. S. 453 Z. 37 „weil sie solche nicht
als BcHngung vorausgesetzt (bat), sondern (weil
■solche) nur hinzugesetzt wird."
3) Statt eines zu erwartenden Singulars findet sich lue Pluralform eines Substantivs resp. umgekehrt^ z. B.
S. 28 Z. 1 9 „mit den ersten Gedanken" st „mit dem "
S. 88 Z. 16/7 „so vieler synthetischer Erkenntniss a priori" tt. „ Erkenntnisse a priori"
i) Störungen im Tempus und Modus des Verbums sind nicht selten:
z. B. S. 279 Z. 20/1 „wird nichts gegeben, was . . . könne."
S. 296 Z. 26 „erschienen** st. „erscheinen"
S. 466 Z. 14 5 „mithin angenommen werden
Qjüsste. Es würde" ^t „ musste. Es wurde"
5) Es sind öfters ein oder mehrere Woite weg- gelassen, die wir nicht missen können;
z. B. S. 516 Z. 15ff*. „da dieser Vorzug nur den analytischen (Sätzen) zukommt."
S. 457 Z. 8/9 „der Erscheinungen (als Dingtn) an sich selbst"
S.466 Z.31ff.467Z.l „indem (wir), so wie wir... blieben, eben so hatten."
S. 213 Z. 9 ff. „dass der Verstand... (anticij-irf n könne;) und es ist"
Die Einsetzung des fehlenden Wortes imterblieb in Fällen, wo es leicht aus dem Zusammenhang er- gänzt werden konnte:
z. B. S. 467 Z. 25, 6 „der Causalverbindung sowohl als der (Vtrbindung) des Nothwendigen"
S. 124 Z. 1 ff. „welche uns Gegenstände darbietet
und (uns) unterrichten kann."
S. 548 Z. 27,8 „wenn ihre Bedeuliing verkannt (wird) und i^ie genon:mrn werden,"
Vorwort vrr
6) Andererseits finden sich hie und da sog. Ditto- graphieeu und überflüssige Worte:
z.B. S. 25 Z. 15/6 „dass er, um zu wissen,
[er] der Saclie"
S. 366 Z. 17ff. „Gleichwohl wird hiedurch
[hiebei] nicht das mindeste verloren"
S. 656 Z. llff. „wenn es darum zu thun ist, [um] etwas zu beweisen."
Da ein grosser Theil der bisher gemachten Ver- besserungsvorscbiäge einen dieser 6 Punkte trifft, so glaube ich auf eine weitere Zusammenstellung in dieser Richtung verzichten zu dürfen, obgleich sich unschwer noch einige Punkte mehr aufstellen liessen. Kam es mir doch nur darauf an, für schwerwiegendere Aenderungen, welche sich bisweilen im Sinne des oben ausgesprochenen Grundsatzes empfahlen, Belege bez. Beispiele zu geben.
Hieran reihen sich folgende einfachere Aende- rungen, die ich in dem Originaltexte vornahm:
1) Dem heutigen Sprachgebrauche wurden an- gepasst Formen wie:
siebet, löset, zugehet, anschauet (3. pers. praes.), eingeräumet, angeschauet, erfüllet, gebauet (part.); nachahmete, gehörete, bestimmete, correspondirete, beruhete, stellete (3. pers. des ind. u. conj. impf.) — Idealis?/i, Prosyllogis/w, Geschäfte (nom. u. acc. sg.) ; Axiomen, Organe?*, Sinnew (plur.) — die beide übrige Analogien, alle sinnliche Anschauungen, die- selbe (pl.); ein vollständig System, anderer denken- de« Wesen — kläresten, vielfarbiges; bekömmt; zusammenhangenden; ausgedruckt — Erawgniss; Kwssen (st. Kissen); oÄnerachtet; (al3-)denn — weit- läufüge, schief winklicÄ^e — eriodert] womach — im letzter« Falle, einen besonder« Theil, nichts amdres.
2) Die neuere Orthographie wurde angewandt auf Schreibungen wie:
bei/, zwei/te, hleyerne, mancherlei/, me;i/nen, frei/- lieh, se^/n, gedei/lichen — tat-tologisch, Propädeu- tik — nemlich, vorsetzlich, anderwerts, Herzehlung; Erfahrungsgränze — gleich wo/, wo/, allmä7ig; ver-
V Ti Vorwort.
löhre, au?raa7?,len, uii^estö/irt, Rät/jsel — gesamten, vortre/Tich ; beschä//'ligt — vernio/7t, maniii(/mal — Cüiper, Ci'itik, a])odictisch, Punct; Poücey — nichts wiigewöhnliches, etwas äusseres; anfangs, E'rstlich, um ^-lller willen — viel mehr (st. viel- mehr) eben so (st. ebenso), so bald (st. sobald).
3) Hinsichtlich der Interpunktion wurden nach dem Vorgange der Herausgeber überflüssige Kommata zum grossen Tbeil weggelassen; für Kolon oder Semikolon wuide oft (z.B. vor „dass") ein Komma gesetzt
Zu den genannten kommen noch einige leichtere, meist sprachliche Aenderungen, zu denen die ur- sprüngliche Form resp. Lesart in der alten Schreib- weise in [ ] unter dem Texte gegeben ist. Hier glaubte ich auf Nennung des ersten Correctors verzichten zu dürfen, und möchte ich nur hervorheben, dass ich mich da, wo nur bei genauer Kenntniss des Sprach- gebrauchs entschieden werden kann, ob das Kant'sche „seyn" einem „seien" oder „sind" entspricht, fast durchweg Erdmann angeschlossen habe.
In allen Fällen ist eine gleichraässige bezw. con- eequente Durchführung mir äusserst schwer, ja un- möglich geworden. Ich hofie aber, durch obige An- führungen die wesentlichen Punkte zum Ausviruck gebi?cht zu haben. Doch möchte ich noch auf die Schwierigkeit in dieser Hinsicht hinweisen, die mir durch den verfrühten Abdruck der ersten Bogen er- wachsen ist. Ich habe an manchen Regeln der Gleich- mässigkeit wegen festhalten müssen, die ich geändert haben würde, wenn der Druck erst nach vollkommener Vollendung und Durcharbeitung der Druckvorlage hätte beginnen können. Indessen war durch meine sonstige Pflicht der Druck zeitweise schon derartig' verz()gert worden, dass ich die Geduld des Herrii Verlegers nicht in noch höherem Masse in Anspruch nehmen durfte.
Was die Anmorkunt.en betriü't, so dürfte durch das Vorige das Wesentlichste gesagt sein; für die Bequemlichkeit des Lesers stelle ich die Erklärung der Bezeichnungen an dieser Steile übcrtichtlicb zusammen.
Vorwort. rx
Es bedeutet:
erste Ausg. — die erste Ausgabe der Kritik der reinen Vernunft, ersch. 1781.
zweite Ausg. — die zweite Ausgabe der Kr. d. r. V.,
ersch. 1787.
Orig. — die Originalausgaben der Kr. d. r. V., d. i die erste und die zweite bez. diejenige dieser beiden Ausgaben, in der die betr. Stelle steht.
N. . — No. . . der „Nachträge zu Kants Kr. d. r. V." hsg. von Erdmann (1881), in denen die Textverände- rungen abgedruckt und behandelt sind, die Kant selbst in sein Handexemplar der Kr. d. r. V. ein- getragen hat.
Mellin — die Berichtigungen, welche G. S. A. Mellin in den „Marginalien und Kegister zu Kant's Kr. d. r. V." (Züllichau 1794) gegeben hat. (Einen Auszug derselben nebst einigen Ergänzungen giebt der neue Herausgeber der genannten Schrift: L. Goldschmidt, Gotha 1900, S. 160.)
Grillo — das Druckfehlerverzeichniss Grillo's im „Phi- losophischen Anzeiger" der „Annalen der Philo- sophie und des philosophischen Geistes" (L. H. Jakob, Halle), 37.— 40. Stück v. Sept. 1795.
5. Aufl. — die 5. Auflage der Kr. d. r. V., ersch. 1799.
U. — eine mir noch unbekannte alte Hand, welche in die auf der Leipziger Universitätsbibliothek befindliche Originalausgabe (1787) hinein corrigirt und geschrieben hat.
Schopenhauer — die Verbesserungsvorschläge von Schopenhauer (zuerst verwerthet in der Ausgabe von Rosenkranz).
Rosenkranz — die Ausgabe von Rosenkranz, 1838 (2. Bd. aus I. Kant's sämmtl. Werke).
Hartenstein — die Hartenstein'schen Ausgaben der Kr. d. r. V. (bez. di o eine oder andere derselben) : 2.Bu.: I. Kant's sämmtl. Werke, 1838. Separatausgabe von 1853. 3. Bd.: I. Kaut's säiu mtl. Werke, 1867
X Vorwort.
V. Kirrhmann — die 1. Auflage der Kirchraann'schen Ausgabe der Kr. d. r. V. von 1868 bezvv. die 7. kaum veränderte von 1891, die mir als Manuscript vorlag.
Frederichs — Fr. Frederichs „Der phaenomenale Idealismus Berkeley's und Kant's" (Schulprogr.), Berlin 1871.
V. Leclair — A. v. Leclair's „Kritische Beiträge zur Kategorien lehre KantV, Prag 1877 S. 104/5.
Kehrbach — die Ausgabe von Kehrbach in der Reclam 'sehen üniversalbibliothek, 2. Aufl., 1878.
Vaihinger (Com 1 . .) — Vaihinger's Commentar zu Kant's Kr.d.r.V. Bd. I, 1881 S. . .
Laas — Laas' Idealismus und Positivismus, 3 Bände, 1879 bis 1884 (die zu S. 84 Z. 13 herangezogene Stelle steht Bd.IU S.330 anm. 7).
Paulsen — textkritische Vorschläge Paulsen'a (in den Erdmann'schen Ausgaben),
Erdmann — die 4. Auflage von Erdmann's Ausgabe der Kr.d.r.V., 1889.
Adickes — Adickes' Ausgabe der Kr. d. r. V., 1889.
Wille — die in den „Philosophischen Monatsheften", Bd. XXVI (1890) S. 399 ff. vorgetragenen Verbesse- rungsvorschläge Wille's.
Vaihinger (Com II . .) — Bd. II 1892 ö. .. des oben genannten Commentars.
Vorländer — Vorländer's Ausgabe der Kr.d.r.V., 1899.
Wille (C.) — No. .. der „Conjekturen zu Kant's Kr.
d.r.V." von Wille in den Kantstudien 4. Bd. 1900
S. 311 ff Wille (XK..) — No. .. der „Neuen Konjekturen zu
Kant's Kr.d.r.V." von Wille a.a.O. S. 448 ff. Vaihinger (Kg . .) — No. . . der „Siebzig textkritischen
Randglossen zur Analytik" von Vailiinger a. a. O.
S. 4 52 ff.
Wille^ (Tf.) — No. . . von Wille's Bemerkungen „Über einige Textfchler in Kant's Widerlegung des Idealismus" Kuutstud. 5. Bd. 1901 S. 123/4.
Vorwort. XI
Erdmann * — die 6. Aufl. von Erdmann's Ausgabe
der Kr.d.r.V. 1900. Erdinann(5^ — die 6. Aufl. der genannten Ausgabe
in UeDereinstimmung mit der 4. von demselben
Herausgeber. Erdmann* (A.): ? — Erdmann bezeichnet in dem
„Anhang" zur fünften Auflage seiner Ausgabe
die mit ? versehene bez. zuletzt genannte Lesart
als nicht ausgeschlossen.
eorr. — hat verbessert del. — hat gestrichen, add. — hat zugefügt. *) — Anmerkungen Kant's.
a) b) u. s. w. — die der vorliegenden Auegabe bei- gefügten Anmerkungen.
Femer bedeuten die [. .] Randziffern die Seiten- zahlen der Originalausgaben (der ersten Ausg. nur für diejenigen Abschnitte, die sich in der zweiten nicht finden). Der Anfang der Originalseite ist, wenn er nicht mit dem Anfang der betr. Zeile zusammen- fällt, durch einen senkrechten Strich nach dem letzten Wort der vorhergehenden Seite gekennzeichnet.
Hinsichtlich der äusseren Anordnung der Ausgabe sei noch erwähnt, dass ich dahin trachtete, sie der zu Grunde gelegten möglichst conform zu gestalten; die Seiten- und Kapitelüberschriften, Schlusszeichen u. dergl. sind derselben genau angepasst.
Leipzig, im März 1901.
Theodor Valentiner.
Kaot, Kricik 4er reicea Veriiuaft.
lahaltsverzeichDiss.
Zuei^unf 1%
Vonr«de zur ersten Ausgabe 13
Vorrede lur zweiten Ausgabe 22
Einleitung*) 47—71
I. Von dem üntersehiede der reinen und empirischen
Erkenntniss • • • ^
n. Wir sind im Besitze gewisser Erkenntnisse a priori, und selbst der gemeine Verstand ist niemals ohne solche . 48
III. Die Philosophie bedarf einer Wissenschau, welche die
Möglichkeit, die Principien und den Umfang aller Erkenntnisse a priori bestimme h2
IV. Von dem Unterschiede analytischer und synthetischer
Urtheile 55
V. In allen theoretischen Wissenschaften der Vernunft sind synthetische Urtheile a priori als Principien
enthalten 5§
VI. Allgemeine Aufgab« der reinen Vernunft . . 63
Vn. Idee und Eintheilung einer besonderen Wissenschaft,
unter dem Namen einer Kritik der reinen Vernunft 67
I. Transscendentale Elementarlehro . . 73—591
Erster Tlieil. Die transscendentale Aesthetik . . 75—105
Einleitung. §1 7S
1. Abschn. Von dem Räume. §2,3 78
2. Abschn. Von der Zeit. §4—7 .86
Allgemeine Anmerkungen zur transseendentalen Am«
thetik. §8 .... ...96
a) Ein Inhaltsverzeichniss zur Kritik der reinen Vernunft von dem Umhange wie das nachstehende findet sich erst in der 4. Auflage (1794); die zweite Ausg. hat übarhnupt keiaes, das dar ersten folgt als Beilage III im Anhang.
1*
4 InhaltsverzeichniBS.
Zweiter ThelL Die transsoendentale Logik . . . 108 — 501 Einleitung. Idee einer transso«ndentalen Logik . 106 — 116
I. Von der Logik überhaupt 103
IL Von der transscendentalen Logik HO
III. Von der Eintheilung der allgemeinen Logik in Aji»-
lytlk und Dialektik 111
IV. Von der Eintheilung der transscendentalen Logik in
die transscendentale Analytik und Dialektik . . 115 Erst« Abtheilunsr. Die transscendentale Analytik 117—813
ET8t«s Buch. Die Analytik der Begriffe 118—177
l.Hauptst Von dem Leitfaden der Entdeckung alUr
reinen Verstandesbegriffe 119
1. Ab sehn. Von dem logischen Verstandesgebrauche
überhaupt 120
2, Abschn. Von der logischen Function des Ver-
standes in Urtheilen. §9 122
8. Abschn. Von den reinen Verstandesbegriffen oder
Kategorien. §10—12 127
1. H au p 1 8 1. Von der Deduction der reinen Verstandes-
begriffe 138
1. Abschn. Von den Principien einer transscenden-
talen Deduction überhaupt. § 13 138
Uebergang zur transscendentalen Deduction der Kategorien. § 14 146
2. Abschn. Transscendentale Deduction d«r reinen
Verstandesbegriffe. §15—27 14«
Zweites Bach. Die Analytik der Grundsätze (transscen- dentale Doctrin der Urtheilskraft) 177—318
Einleitung. Von der transscendentalen Urtheils- kraft überhaupt 179
l.Hauptst. Von dem Schematismus der reinen Ver- standesbegriffe 182
2. Haupts t. System aller Qrunds&tze des reinen Ver-
standes 100
1. Abschn. Von dem obersten Grundsätze aller ana- lytischen Urtheile 198
2 Abschn. Von dem obersten Grundsatz« aller syn- thetischen Urtheile 194
8. Abschn. Systematische Vorstellung aller synthe- tischen Grundsätze des reinen Verstandes ... 198
1) Axiome der Anschauung 202
2) Anticipatlonen der Wahrnehmung 806
3) Analogien der Erfahrung 214
iDhaltsverzeichnisB. 5
Erste Analoj^e Grundsatz der Beharrlichkeit
der Substanx 219
Zweite Analogie. Grundsatz der Zeltfolge nach
dem Gesetze der Causalität 335
Dritte Analogie. Grundsatz des Zugleichseins nach dem Gesetze der Wechselwirkung oder
Gemeinscliaft 242
4) Die Postulate des empirischen Denkens überhaupt 249
Widerlegung des Idealismus 255
Allgemeine Anmerkung zum System der Grundsätze 265 3. Haupt st. Von dem Grunde der Unterscheidung aller Gegenstände überhaupt in Fhaenomena und
Noumena 270
Anhang. Von der Amphibolie der Reflexions begriffe 290
Anmerkung zur Amphibolie der Eeflexionsbegriffe 296
Zweite Abtheilungf. Di« traniscendentale Dialektik. 314—591
Einleitung 314—326
I. Vom transscendentalen Schein tl4
11. Von der reinen Vernunft, als dem Sitz« dei transsc«ii-
dentalen Scheins 818
A. Von der Veraunft überhaupt 318
B. Vom logischen Gebrauche der Vernunft .... 821
C. Von dem reinen Gebrauche der Veraunft .... 322 Erstes Buch. Von den Begriffen der reinen Vernunft 326—347
1, Ab sehn. Von den Ideen überhaupt 827
3. Ab sehn. Von den transscendentalen Ideen . . . 834
3. Abschn. System der transscendentalen Ideen . . 342 Zweites Bnch. Von den dialektischen Schlüssen der reinen
Veruunft 347—591
1. Hauptst. Von den Paralogismen der reinen Vernunft Z4S Widerlegung des Mendelssohnschen Beweises der Be- harrlichkeit der Seele 8Si
Allgemeine Anmerkung, den Uebergang von der rt*
tionalen Psychologie zur Kosmologie betreffend . 369
2. Hauptst. Die, Antinomie der reinen Vernunft . . 372 1. Abtchn. System der kosmologischen Ideen . . . 875 9. Abschn. Antithetik der reinen Vernunft ... 384
Erste Antinomie 388
Zweite Antinomie 394
Dritte Antinomie 402
Vierte Antinomie 410
3. Abschn. Von dem Interesse der Vernunft bei
diesem ihrem Widerstreite 418
InhftJtsverzeichniB».
4. Abs eh m, V^n den transscendentalen Anfgabea d«r reinen Vernunft, in lo fern sie Bchlpchterdings müssen aufgelöst werden können 428
6, Ab sehn. Skeptisch« Vorstellung der kofmolo- gischen Fragen durch alle vier transscendentalen Ideen 434
6. Abschn. Der transscendentale Idealismus, als
der Schlüssel zu Auflösung der kosmologischen Dialektik 438
7. Abschn. Kritische Entscheidung des kosmolo-
gischen Streit« der Vernunft mit sich selbst . . 443
8. Abschn. Regulatives Princip der reinen Vernunft
in Ansehung der kosmologischen Ideen .... 451
0. Abschn. Von dem empirischen Gebrauche de«
regulativen Princips der Vernunft in Ansehung
aller kosmologischen Ideen 456
I. Auflösung der kosmologischen Idee von der Totalität der Zusammensetzung der Erschei- nungen zu einem Weltganzen 458
II. Auflösung der kosmologischen Ide« von der Totalität der Theilung eines gegebenen Gangen
in der Anschauung 462
Schlussanmerkung und Vorerinnerung .... 465 III. Auflösung der kosmologischen Idee von der Totalität der Ableitung der Weltbegebenheiten
aus ihren Ursachen 469
Möglichkeit der Causalität durch Freiheit ... 473 Erläuterung der kosmologischen Idee einer
Freiheit 476
rV. Auflösung der kosmologischen Idee von der Totalität der Abhängigkeit der Erscheinungen, ihrem Dasein nach überhaupt ...... 467
Bchlussanmerkung zur ganzen Antinomie <ler
reinen Vernunft 492
3. Hanptst Das Ideal der reinen Vernunft .... 494
1. Abschn. Von dem Ideal überhaupt 494
2. Abschn. Von dem transscendentalen Ideal (Pro-
totypon transscendcntiile) 497
3. Abschn. Von den Beweisgründen der specula-
tiven Vernunft, auf das Dasein eines höchsten "Wesens zu schliesscn .... 506
4. Abschn. Von der Unmöglichkeit eines ontolo-
gischen Beweises vom Dasein GottM 612
iBhaltsverzeichnisB. 7
5.Abs«hii. Von der Unmöglichkeit tints kosnielo-
giscben Beweises vom Dasein Gotte« 620
Entdeckung und Erklärung des dialeictischen Scheins In allen iransscendentalen Beweise« vom Dasein eines noth wendigen Wesens 628
0. Ab sehn. Von der Unmöglichkeit des physiko-
theologischen Beweises 633
7. Abschn. Kritik aller Theologie aus speculatiyen
Frincipien der Vernunft 540
Anhang zur transscendentalen Dialektik 513
Von dem regulativen Gebrauch der Ideen der
reinen Vernunft 548
Von der Endabsicht der natürlichen Dialektik dor menschlichen Vernunft . 567
n. Transscendcntale Methodenlehre . 503—703
Einleitung .595
Erstes Haoptst. Di« Disciplin der reinen Vernunft . 506
1. Abschn. Die Disciplin der reinen Vernunft im
dogmatischen Gebrauche . 599
9. Abschn. Die Disciplin der reinen Vernunft in An- sehung ihres polemischen Gebrauchs .... 618 Von der Unmöglichkeit einer skeptischen Befriedi- gung der mit sich selbst Teruneinigten reluen
Vernunft 633
S. Ab sehn. Die Disciplin der reinen Vernunft in
Ansehung der Hypothesen 641
i. Abschn. Di« Disciplin der reinen Vernunft ui
Ansehung ihrer Beweis« 850
Zweites Hauptst. Der Kanon der reinen Vernunft 659~-703 1. Abschn. Von dem letzten Zwecke des reinen Ge- brauchs unserer Vernunft 661
3. Abschn. Von dem Ideal des höchsten Guts . . 666
3. Abschn. Vom Meinen, Wissen und Glauben . . 677
Drittes Hauptst. Die Architektonik der reinen Vernunft 685
Viertes Hauptst. Die Geschichte der reinen Vernunft . 699
Beilagren ans der ersten Ausgrabe , 703—769 Beilag'« Z. Der Deduction der reinen Verstandesbegriffe
zweiter und dritter Abschnitt 705—729
3. Abschn. Von den Gründen % priori zur Möglich-
keit der Erfahrung 706
g Inhaltsverzeichniss.
3. Abschn. Von dem Verhiltnisse des Verstandes zu Gegenständen überhaupt und der Möglichkeit,
diese a priori zu erkennen 719
Summarische Vorstellung der Richtigkeit dieser
Dcduction der reinen Verstandesbegriffe .... 728 Beilag-e ZI. Zu dem Hauptstück von den Paralogismen
der reinen Vernunft 729 — 769
Erster Paralogismus: der Substantialität .... 729
Zweiter Paralogismus: der Simplicität 731
Dritter Paralogismus: der Personalität 739
Vierter Paralogismus: der Idealität 742
Betrachtung über die Summ« der reinen Seelen-
Ichre 752
Beilage III. Inhaltsverzeichniss 769
Verbesserungen 770
Kritik
der
reinen Vernunft
von
Immanuel Kant,
Professor In Königsberg,
der KönJgl. Akademie der Wisseusehaften in Berlia
MltgUed.
Zweite hin und wieder verbessert« Auflage.»)
1787.
a) Der Text der ersten Ausgabe von 1781 Itt, eoirelt ef ab- deicht, in Noten und Zusätzen beigefügt.
10
Baco de Yrulamio.
Instanratio n
De nobis ipsis si!^"" pctimiis: ut hominis ■ cogitcnt; ac pro cort aut I'laciti, sed util ' damenta moliri. Deinde ut commune consulant — ') ^t terea ut beno spcrent. n- quiddam infinitum et ul: concipiant; quum revera si minus legitimus*'^
Trar^itio.
re ckutem , qoM t^'itiir,
rinioncm, wtd Opui «sm
taa DO« alicuiat,
'.s bomaiu« fon-
, cooiii.v^is afqui — •) in
n partera TenUnt Prio-
ta'irationfra nostrani it
.tale ßn^ant, et aniiDO
initi erroris finis et Ur-
ft) Kant bat hier elm^*
b) Dieses Motto fehlt i: Uebersetzung lAut«t :
BaeoD TOD ^ruljun. Instanratio mafn. Vorr^d«
Von mir selbst schwele» '-^ -'^^ d«( G*fenct*n Im aK»r, am den es sich handelt, bif a man ihn nicht aU »Id«
blosse Meinung, sondern al» ■ ..tue« Werk aaffa*44 nn<i
überzeugt sei, dass ich dabei nir i 1« Grundlagan;; eintr R«kt« oder einer beliebigen Meinun • "-^•m die der ra»n»<hlich«o Wohlfahrt beabsichtige. \ j#» man , eingedenk dm
eigenen Vorteils — für d. .eine D«sU raten — ond
persönlich sich beteiligen. Auen o^e man getrotten Mat»« »«Id und sich meine Instauratio nx i menschliches Torstellen uud d
etwas Endlos«« und Cb«r- dA sie doch in W^hrkMÜ
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4ad Ende and dio richtige Orem» oei nnendlicb«« LxrWma Ut
«««fti^^»
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11
'l «
Sr. -xcellenz,
dem
König 1. Itaats minister
Freihcr^ von Zedlitz.
Onidior Herr!
Den Wtchsthnm d- Wissenschaften an seinom Theilt bffirdern, beisst tu K. Exccllenz eigenem Interesse arbeiten; dfnn di." ~ \\ jenen, nicht bloss durch den erbAbcnei) Posten hfitzeri, sondcm durch dai
riel TertiTiutere») e lUrs und erleuchteten Kennort,
inni^t verbunden. wegen bediene ich mich auch dei •inigen Mittels, das grissermassen in meinem Vormögen ist n-eine DankbajW Ir das gnädige Zutrauen zu be-
ft) In einem Bri<»fe ??»t'ii an Biester, datirt vom 8. JonI 1781
findet fli-h f"lpende \ ich wpJM nicht ob dne«at mich der vor wonlen ! Yjk tolte i daj Tiel vertmutcr- KrI- PreuM. Ak»d Bd. I «riciL Berlin
-i^'liche Stelle: „Unter den Fehlem, - (xlcr meines Abschreibers, ver- irr Reibst in der Zuschrift be^'angen in der sechsten Zeile hei.ssen: Durch Tiis." Kant'i ges. Sehr. hsg. v. d. Bd. X. Zweit« Abt. Briefwechsel,
10
Baco de Vcrulamio.
Instauratio magna. Praefatio.
De nobis ipsis silemus: De re autem, qnae a^tnr, pctimus: ut homines eara non Opinionem, sed Opus esse cogitent; ac pro certo habeant, non Scctae nos alicuius, aut Placiti, sed utilitatis et araplitudinis humanae fun- damenta moliri. Deinde ut suis commodis aequi — *) in commune consulant — *) et ipsi in partem veniant. Prae- terea ut beno sperent, neque Instaurationem nostram nt quiddam infinitum et ultra mortale fingant, et animo coDcipiant; quum revera sit infiniti erroris finis et ter- minus legitimus.'')
r) Kant bat hier einige Zwischensätze Bacons weggelaMen. b) Dieses Motto fehlt in der ersten Aasgabe, die deatscbe üebersetzung lautet :
Bacon Ton Ternlam. Instanratio magna. Vorrede.
Von mir selbst schweige ich ; betreffs des Gegenstandes aber, am den es sich handelt, bitte ich , dass man ihn nicht als eine blosse Meinung, sondern als ein wichtiges Werk auffasse und überzeugt sei, dass ich dabei nicht die Grundlegung einer Sekte oder einer beliebigen Meinung, sondern die der menschlichen Wohlfahrt beabsichtige. Ferner möge man , eingedenk de« eigenen Vorteils — für das allg«meine Beste raten — und persönlich sich beteiligen. Auch möge man getrosten Mute« sein und sich meine Instauratio nicht als etwas Endloses und Über- menschliches Torstellen und denken; da sie doch in W^ahrheit i?ii Ende und dio richtige Grenz« eines unendlicb«n Irrtums iti.
11
Sr. Exeellenz,
dem
König 1. Staats minister
Eieilierrn von Zedlitz.
Gnädiger Herr!
Den Wachsthum der Wissenschaften an seinem Theilt befördern, beisst an Ew. Excellenz eigenem Interesse arbeiten; denn dieses ist mit jenen, nicht bloss durch den erhabenen Posten eines Beschützers, sondern durch das viel vertrautere*) eines Liebhabers und erleuchteten Kennen, innigst verbunden. Deswegen bediene ich mich auch dei einigen Mittels, das gewissermassen in meinem Vermögen ist, meine Dankbarkeit für das gnädige Zutrauen zu be-
a) In einem Briefe Kant's an Biester, datirt vom 8. JnnI 1781 findet sich folgende hierher bezügliche Stelle: „Unter den Fehlem, ich weiss nicht ob des Drucks oder meines Abschreibers, ver- driesst mich der vorzüglich, der selbst in der Zuschrift begangen worden 1 Es solte nämlich in der sechsten Zeile heissen: Durch das viel vertrautere Verhältnis/' Kant's ges. Sehr. hsg. v. d. Kgl. Preuss. Akad. d. Wiss. Bd. X. Zweite Abt. Briefwechsel, Bd. I ersch. Berlin 1900, p. 256.
12
zeigen, womit Ew. Excel lenz mich beehren, al« könne»)
ich zu dieser Absicht etwas beitragen.
Demselben gnädigen Augenmerke, dessen Ew. Ex- cellenz die erste Auflage dieses Werks gewürdigt haben, widme ich nun auch diese zweite und hiemit zugleich^) alle übrige Angelegenheit meiner literarischen Bestimmung, und bin mit der tiefsten Verehrung
Ew. Excellenz
oDtortliÄnig gehorsamster Diener
Königsberg den 23sten April 1787.o) Immanutl Kant.
a) Erste Ansg. „kSnnte"
b) statt: „Demselben gnädigen — ungleich" steht in der ersten Aasg&be: ,,Wen das specnlative Leben vergnügt, dem ist, unter massigen Wünschen, der Beifall eines aufgeklärten, gültigen Richters eine kräftige Aufmunterung eq Bemühungen, deren Nutzen gross . obzwar entfernt ist , und daher von ge- meinen A\igon gänzlich verkannt wird.
Kinem Solchen und Dessen gnädigem Augenmerke widme ich nun diese Schrift und, Seinem Schutze," u. s. w.
o) Erste Ausg. „Königsberg den 29 8ten März 1781."
13
Vorrede.*) i
l)ie menschliche Vernunft hat das besondere Schicksal in einer Gattung ihrer Erkenntnisse: dass sie durch Fragen belästigt wird , die sie nicht abweisen kann ; denn sie sind ihr durch die Natur der Vernunft selbst aufge- geben, die sie aber auch nicht beantworten kann; denn sie übersteigen alles Vermögen der menschlichen Vernunft
In diese Verlegenheit geräth sie ohne ihre Schuld. Sie fängt von Grundsätzen an, deren Gebrauch im Laufe der Erfahrung unvermeidlich und zugleich durch diese hinreichend bewährt ist. Mit diesen steigt sie 10 (wie es auch ihre Natur mit sich bringt) immer höher, zu entfernteren Bedingungen. Da sie aber gewahr wird, U dass auf diese Art ihr Geschäft jederzeit unvollendet bleiben müsse, weil die Fragen niemals aufhören, so sieht sie sich genöthigt, zu Grundsätzen ihre Zuflucht zu nehmen, die allen möglichen Erfahrungsgebrauch überschreiten und gleichwohl so unverdächtig scheinen, dass auch die gemeine Menschenvemunft damit im Ein- verständnisse steht. Dadurch aber stürzt sie sich in Dunkelheit und Widersprüche, aus welchen sie zwar ab- 20 nehmen kann, dass irgendwo verborgene Irrthümer zum Grunde liegen müssen, die sie aber nicht entdecken kann, weil die Grundsätze, deren sie sich bedient, da sie über die Grenze aller Erfahrung hinausgehen, keinen Probirstein der Erfahrung mehr anerkennen. Der Kampfplatz dieser endlosen Streitigkeiten heisst nun Metaphysik.
Es war eine Zeit, in welcher sie die Königin aller Wissenschaften genannt wurde, und wenn man den Willen für die That nimt, so verdiente sie, wegen der vorzüglichen Wichtigkeit ihres Gegenstandes, aller- 80 dings diesen Ehrennamen. Jetzt bringt es der Modeton des Zeitalters so mit sich, ihr alle Verachtung zu beweisen und die Matrone klagt, Verstössen und verlassen, wie
a) Dies« Vorrede zur ersten Ausgabe vom Jfthr« 1781 hat Kant bei der zweiten Ausgabe weggelassen,
14 Vorrede.
III Hecuba: modo maxima rerum, tot generis natisque potens — nnnc tralior exul, inops*) — Oy/r/. Metam.
Anränglich war ihre Herrschaft unter der Ver- waltung der Dogmatiker, despotisch. Allein, weil die Gesetzgebung noch die Spur der alten Barbarei an sich hatte, so artete sie durch innere Kriege nach und nach in völlige Anarchie aus und die Skeptiker, eine Art Nomaden, die allen beständigen Anbau des Bodens verabscheuen, zertrennten von Zeit zu Zeit die bürger-
10 liehe Vereinigung. Da ihrer aber zum Glück nur wenige waren, so konnten sie nicht hindern, dass jene sie nicht immer aufs neue, obgleich nach keinem unter sich einstimmigen Plane, wieder anzubauen ver- suchten. In neueren Zeiten schien es zwar einmal, als sollte allen diesen Streitigkeiten durch eine gewisse Physiologie des menschlichen Verstandes (von dem berühmten Locke) ein Ende gemacht und die Recht- mässigkeit jener Ansprüche völlig entschieden werden; es fand sich aber, dass, obgleich die Geburt jener vor-
20 gegebenen Königin aus dem Pöbel der gemeinen Erfahrung abgeleitet wurde und dadurch ihre Anmassung mit Recht hätte verdächtig werden müssen, dennoch, weil diese Genea- logie ihr in der That fälchlich angedichtet war, sie ihre
IV Ansprüche noch immer behauptete, wodurch alles wiederum in den veralteten wurmstichigen Dogmatismus und daraus in die Geringschätzung verfiel, daraus man die Wissenschaft hatte ziehen wollen. Jetzt, nachdem alle Wege (wie man sich überredet) vergeblich versucht sind, herrscht üeberdruss und gänzlicher Indifferentis-
30 mus, die Muttor des Chaos und der Nacht, in Wissen- schaften, aber doch zugleich der Ursprung, wenigstem das Vorspiel einer nahen Umschaffung und Aufklärung derselben, wenn sie durch übel angebrachten FleLss dunkel, verwirrt und unbrauchbar geworden.
Es ist nämlich umsonst, Gleichgült igkeit in An- sehung solcher Nachforschungen erkünsteln zu wollen, deren Gegenstand der menschlichen Natur nicht gleich- gültig sein kann. Auch fallen jene vorgeblichen In- differentisten, so sehr sie sich auch durch die Ver-
») Noch vor kurzfm die Mäcljtijrste von Allen und H«rrsch«rin dnrch so Tl«le Schwiegersöhne und Kinder — werde iohJeUt dem Vaterlaade eutrlttsen uAd biUflo» fortgeführt.
Vorrede, 15
Änderung der Schulsprache in einem populären Tone unkenntlich zu macheu gedenken, wofera sie nur überall etwas denken, in metaphysische Behauptungen unver- meidlich zurück, gegen die sie doch so viel Verachtung vorgaben. Indessen ist diese Gleichgültigkeit, die sich mitten in dem Flor aller Wissenschaften ereignet und gerade diejenigen trifft, auf deren Kenntnisse, wenn der- gleichen zu haben wären, man unter allen am wenigsten V Verzicht thun würde, doch ein Phänomen, das Auf- merksamkeit und Nachsinnen verdient. Sie ist offenbar 10 die Wirkung nicht des Leichtsinns, sondern der ge- reiften Urtheilskraft*) des Zeitalters, welches sich nicht länger durch Scheinwissen hinhalten lässt und eine Auflorderung an die Vernunft, das beschwerlichste aller ihrer Geschäfte, nämlich das der Selbsterkenntniss aufs neue zu übernehmen und einen Gerichtshof einzusetzen, der sie bei ihren gerechten Ansprüchen sichere, da^^^egen aber alle grundlosen Anmassungen, nicht durch Macht- VT Sprüche, sondern nach ihren ewigen und unwandel- baren Gesetzen, abfertigen könne, und dieser ist kein anderer 20 als die Kritik der reinen Vernunft selbst.
Ich verstehe aber hierunter nicht eine Kritik der Bücher und Systeme, sondern die des Vernunftvermögens überhaupt, in Ansehung aller Erkenntnisse, zu denen sie, unabhängig von aller Erfahrung, streben mag,
'^j Man hört hin und wieder Klagen über Seicbtigkoit der Denkungsart unserer Zeit und den Verlall gründlicher Wisse;i- scbaft. Allein ich sehe nicbt, dass die, deren Grund gut go^ legt ist, als Mathematik, Naturlehre u. s. w. diesen Vorwurf im mindesten verdienen , sondern vielmehr den alten Ruhm der Gründlichkeit behaupten, in der letzteren aber sogar übertreflFon. Eben derselbe Geist würde sich nun auch in anderen Arten von Erkenntniss wirksam beweisen, wäre nur allererst für di« Berichtigung ihrer Principleu gesorgt worden. In Ermanglung derselben sind Gleichgültigkeit und Zweifel und endlich, strenge Kritik, vielmehr Beweise einer gründlichen Denkungsart. Unser Zeitalter bt das eigentliche Zeitalter der Kritik, der sich ailes unterwerfen muss. Keligion, durch ihre H eiligkeit, und Gesetzgebung durch ihre Majestät, wuileu sich gemeinigiich derselben entziehen. Aber alsdann erregen sie gerechten V^ er- dacht wider sich und können auf unverstellte Achtung nicht Anspruch machen, di« die Vernunft nur denijeaigen bewilligt, was ilir« freie and ötTentlieii« Prüfung hat aushalten können.
16 Vorrede.
mithin die Entscheidung der Möglichkeit oder Unmöglich- keit einer Metaphysik überhaupt und die Bestimmung sowohl der Quellen, als des Umfanges und der Grenzen derselben, alles aber aus Principien.
Diesen Weg, den einzigen, der übrig gelassen war, bin ich nun eingeschlagen und schmeichle mir, auf demselben die Abstellung aller Irrungen angetroffen EU haben, die bisher die Vernunft im erfahrungsfreien Gebrauche mit sich selbst entzweit hatten. Ich bin
10 ihreu Fragen nicht dadurch etwa ausgewichen, dass ich mich mit dem Unvermögen der menschlichen Ver- nunft entschuldigte; sondern ich habe sie nach Prin- cipien vollständig specificirt und, nachdem ich den Punkt des Missverstandes der Vernunft mit ihr selbst VU entdeckt hatte, sie zu ihrer völligen Befriedigung auf- gelöst. Zwar ist die Beantwortung jener Fragen gar nicht so ausgefallen, als dogmatisch schwärmende Wiss- begierde entarten mochte; denn die könnte nicht anders als durch Zauberkräfte, darauf ich mich nicht verstehe,
SO befriedigt werden. Allein, das war auch wohl nicht die Absicht der Naturbestimmung unserer Vernunft; und die Pflicht der Philosophie war: das Blendwerk, das aus Missdeutung entsprang, aufzuheben, sollte auch noch soviel gepriesener und beliebter Wahn dabei zu nichte gehen. In dieser Beschäftigung habe ich Aus- führlichkeit mein grosses Augenmerk sein lassen und ich erkühne mich zu sagen, dass nicht eine einzige metaphysische Aufgabe sein müsse, die hier nicht auf- gelöst, oder zu deren Auflösung nicht wenigstens der
80 Schlüssel dargereicht worden. In der That ist auch reine Vernunft eine so vollkommene Einheit: dass, wenn das Princip derselben auch nur zu einer einzigen aller der Fragen, die ihr durch ihre eigene Natur aufgegeben Bind, unzureichend wäre, man dieses immerhin nur weg- werfen könnte, weil es alsdann auch keiner der übrigen mit völliger Zuverlässigkeit gewachsen sein würde.
Ich glaube, indem ich dieses sage, in dem Gesichte
Vlli des Le?ors einen mit Verachtung vermischten Unwillen
über, dem Anscheine nach, so ruhmredige und un-
40 bescheidene Ansprüche wahrzunehmen, und gleichwohl Bind sie ohne Vergleichung gemässigter, als die, eines jed«n Verfassers des gemeinsten Programms , der darin
Torrede. 1?
etwa die einfaclie Natur der Seele, oder die Noth- wendigkeit eines ersten Weltanfanges zu beweisen vor- giebt. D^n dieser macht sich anheischig, die mensch- liche Erkenntniss über alle Grenzen möglicher Er- fahrung hinaus zu erweitern, wovon ich demüthig ge- stehe: dass dieses mein Vermögen gänzlich übersteige, an dessen Statt ich es lediglich mit der Vernunft selbst und ihrem reinen Denken zu thun habe, nach deren ausführlicher Kenntniss ich nicht weit um mich suchen darf, weil ich sie in mir selbst antreifo und wovon mir 10 auch schon die gemeine Logik ein Beispiel giebt, dasa sich alle ihre einfachen Handlungen völlig und syste- matisch aufzählen lassen; nur dass hier die Frage auf- geworfen wird, wie viel ich mit derselben, wenn mir aller Stoff und Beistand der Erfahrung genommen wird, etwa auszurichten hoffen dürfe.
So viel von der Vollständigkeit in Erreichung eines jeden, und der Ausführlichkeit inErreichung aller Zwecke zusammen, die nicht ein beliebiger Vor- satz, sondern die Natur der Erkenntniss selbst uns auf- 20 giebt, als der Materie unserer kritischen Untersuchung.
Noch sind Gewissheit und Deutlichkeit zwei IX Stücke, die die Form derselben betreffen, als wesent- liche Forderungen anzusehen, die man an den Ver- fasser, der sich an eine so schlüpfrige Unternehmung wagt, mit Recht thun kann.
Was nun die Gewissheit betrifft, so habe ich mir selbst das Urtheil gesprochen: dass es in dieser Art ▼on Betrachtungen auf keine Weise erlaubt sei, zu meinen und dass alles, was darin einer Hypothese 80 nur ähnlich sieht, verbotene Waare sei, die auch nicht für den geringsten Preis feil stehen darf, sondern sobald sie entdeckt wird, beschlagen werden muss. Denn das kündigt eine jede Erkenntniss, die a priori feststehen soll, selbst an: dass sie für schlechthin nothwendig gehalten werden will, und eine Bestimmung aller reinen Erkenntnisse a priori noch viel mehr, die das Richtmass, mithin selbst das Beispiel aller apo- diktischen (philosophischen) Gewissheit sein soll. Ob ich nun das, wozu ich mich anheischig mache, in 40 diesem Stücke geleistet habe, das bleibt gänzlich dem ürtheüe des Lesers anheimgestellt , weil es dem Ver-
Kant, Kritik der reinen Vemtmft. 2
18 Vorrede.
fasser nur geziemt, Gründe vorzulegen, nicht aber über die Wirlv'ung derselben bei seinen Riclitem zu urtheilen. Damit aber nicht etwas unschuldigerweise an der Schwä- X chung derselben Ursache sei, so mag es ihm wohl erlaubt sein, diejenigen Stellen, die zu einigem Misstrauen Anlass geben könnten, ob sie gleich nur den Nebenzweck an- gehen, selbst anzumerken, um den Einfluss, den auch nur die mindeste Bcdonklichkeit des Lesers in diesem Punkte auf sein ürtheil, in Ansehung des Hauptzwecks, haben
10 möchte, bei Zeiten abzuhalten.
Ich kenne keine Untersuchungen, die zur Er- gründung des Vermögens, welches -wir Verstand nennen, und zugleich zur Bestimmung der Eegeln und Grenzen seines Gebrauchs, wichtiger wären, als die, welche ich in dem zweiten Hauptstücke der transscendentalen Ana- lytik, unter dem Titel der Deduction der reinen Verstandesbegriffe, angestellt habe; auch haben sie mir die meiste, aber, wie ich hoffe, nicht unver- goltene Mühe gekostet. Diese Betrachtung, die etwas
20 tief angelegt ist, hat aber zwei Seiten. Die eine be- zieht sich auf die Gegenstände des reinen Verstandes, und soll die objective Gültigkeit seiner Begriffe a priori darthun und begreiflich machen ; eben darum ist sie auch wesentlich zu meinen Zwecken gehörig. Die an- dere geht darauf aus, den reinen Verstand selbst, nach seiner Älöglichkeit und den Erkenntnisskräften, auf
XI denen er selbst beruht, mithin ihn in subjectiver Be- ziehung zu betrachten und, obgleich diese Erörterung in Ansehung meines Hauptzwedcs von grosser Wichtig-
30 keit ist, so gehört sie doch nicht wesentlich zu demselben; weil die Hauptfrage immer bleibt, was und wie viel kann Verstand und Vernunft, frei von aller Erfahrung, erkennen und nicht, wie ist das Ver- mögen zu denken selbst möglich? Da das letztere gleichsam eine Aufsuchung der Ursache zu einer ge- gebenen Wirkung ist, und insofern etwas einer Hypo- these Aehnliches an sich hat, (ob es gleich, wie ich bei anderer. Gelegenheit zeigen werde, sich in der That nicht so verhält), so scheint es, als sei hier der
40 Fall, da ich mir die Erlaubniss nehme, zu meinen, und dem Leser also auch freistehen müsse, anders zu meinen. In Betracht dessen muss ich dem Leser mit
Vorwde. \9
der Erinnerung zuvorkommen: dass, im Fall meine subjective Deduction nicht die ganze Ueberzeugung , die ich erwarte, bei ihm gewirkt hcätte, doch die objective, um die es mir hier vornehmlich zu thun ist, ihre ganze Stärke bekomme, wozu allenfalls dasjenige, was Seite 92 bis 93 gesagt wird*), allein hinreichend sein kann.
Was endlich die Deutlichkeit betrifft, so hat der Leser ein Recht, zuerst die discursive (logische) Deutlichkeit, durch Begriffe, dann aber auch XII eine intuitive (ästhetische) Deutlichkeit, durch 10 Anschaunngen, d. i. Beispiele oder andere Erläute- rungen in concreto zu fordern. Für die erste habe ich hinreichend gesorgt. Das betraf das Wesen meines Vorhabens, war aber auch die zufällige Ursache, dass ich der zweiten, obzwar nicht so strengen, aber doch billigen Forderung nicht habe Genüge leisten können. Ich bin fast beständig im Fortgange meiner Arbeit unschlüssig gewesen, wie ich es hiemit halten sollte. Beispiele und Erläuterungen schienen mir immer nöthig und flössen daher auch wirklich im ersten Entwürfe an 20 ihren Stellen gehörig ein. Ich sähe aber die Grösse meiner Aufgabe und die Menge der Gegenstände, wo- mit ich es zu thun haben würde, gar bald ein und, da ich gewahr ward, dass diese ganz allein, im trockenen, bloss scholastischen Vortrage, das Werk schon genug ausdehnen würden, so fand ich es unrathsam, es durch Beispiele und Erläuterungen, die nur in populärer Absicht nothwendig sind, noch mehr anzuschwellen, zumal diese Arbeit keineswegs dem populären Gebrauche angemessen werden könnte und die eigentlichen Kenner 80 der Wissenschaft diese Erleichterung nicht so nöthig haben, ob sie zwar jederzeit angenehm ist, hier aber sogar etwas Zweckwidriges nach sich ziehen konnte. Abt Terrassen sagt zwar: wenn man die Grösse HI' eines Buchs nicht nach der Zahl der Blätter, sondern nach der Zeit misst, die man nöthig hat, es zu ver- stehen, so könne man von manchem Buche sagen: dass es viel kürzer sein würde, wenn es nicht «e
a) Nämlich der ersten Ausg.; die beieichnete Stolle selbst ist der „Uebergang zur transscendentalen Deduction der Kate- gorien" und steht in d. zweit. Ausg. auf S. 124—126.
2*
2% Vorfddo.
kurz wäre. Andererseits aber, wenn man auf die Fasslichkcit eines weitläufigen, dennoch aber in einem*) Princip zusammenhängenden Ganzen speculativer Erkennt- niss seine Absiebt richtet, könnte man mit eben so gutem Rechte sagen: manches Buch wäre viel deut- licher geworden, wenn es nicht so gar deut- lich hätte werden sollen. Denn die Hülfsmittel der Deutlichkeit helfen^) zwar in T heilen, zerstreuen aber öfters im Ganzen, indem sie den Leser nicht
10 schnell genug zur Ueberschauung des Ganzen gelangen lassen und durch alle ihre hellen Farben gleichwohl die Artikulation, oder den Gliederbau des Systems rer- kleben und unkenntlich machen , auf den es doch um über die Einheit und Tüchtigkeit desselbtn urthoilen zu können, am meisten ankommt.
Es kann, wie mich dünkt, dem Leser zu nicht ge- ringer Anlockung dienen, seine Bemühung mit der des Verfassers, zu vereinigen, wenn er die Aussicht hat, ein grosses und wichtiges "Werk, nach dem vorgelegten XJV Entwürfe, ganz und doch dauerhaft zu vollführen. Nun ist Metaphysik, nach den Begriffen, die wir hier davon geben werden, die einzige aller Wissenschaften, die sich eine solche Vollendung und zwar in kurzer Zeit, und mit nur weniger, aber vereinigter Bemühung, versprechen darf, so dass nichts für die Nachkommenschaft übrig bleibt, als in der didaktischen Manier alles nach ihren Absichten einzurichten, ohne darum den Inhalt im min- desten vermehren zu können. Denn es ist nichts als das Inventarium aller unserer Besitze durch reine
30 Vernunft, systematisch geordnet. Es kann uns hier nichts entgehen, weil, was Vernunft gänzlich aus sich selbst hervorbringt, sich nicht verstecken kann, sondern selbst durch Vernunft ans Licht gebracht wird, so- bald man nur das gemeinschaftliche Princip desselben entdeckt hat. Die vollkommene Einheit dieser Art Er- kenntnisse, und zwar aus lauter reinen Begriffen, ohne dass irgend etwas von Erfahrung, oder auch nur be- sondere Anschauung, die zur bestimmten Erfahrung leiten sollte, auf sie einigen Einfluss habsn kann, sie lü er-
a) „im" 8t. „in •inem" t. Kirchmaiiu.
b) Oritf. „f«hUn'' «orr. Harteusl«iii.
Vorrcd«. 21
weitem mnd »n Teruiehien, macht*) (Mose unbecMngte Voll- stündigkeit nicht allein thimlich, sondern auch nothwendig, Tecum hubita etnoris, quam sit tibi curla supeUex.^) Persius.
Ein solches System der reinen (spoculativen) Ter- XV nunft hoffeich unter dem Titel: Metaphysik der Natur, selbst zu liefern, welches, bei noch nicht der Hälfte der Weitläufigkeit, dennoch ungleich reicheren Inhalt haben soll, als hier die Kritik, die zuvörderst die Quellen und Bedingungen ihrer Möglichkeit darlegen musste, und einen ganz verwachsenen Boden zu reinigen 10 und zu ebnen nöthig hatte. Hier erwarte ich an meinem Leser die Geduld und Unparteilichkeit eines Richters, dort aber die Willfährigkeit und den Beistand eines Mithelfers; denn, so vollständig auch alle Principien zu dem System in der Kritik vorgetragen sind, so ge- hört zur Ausführlichkeit des Systems selbst doch noch, dasses auch an keinen abgeleiteten Begriffen mangle, die man a priori nicht in Ueberschlag bringen kann, sondern die nach und nach aufgesucht werden müssen, imgleichen, da dort die ganze Synthesis der Begriffe er- 20 schöpft wurde, so wird überdem hier gefordert, dass eb^n dasselbe auch in Ansehung der Analysis geschehe, welches alles leicht und mehr Unterhaltung als Arbeit ist.
Ich habe nur noch einiges in Ansehung des Drucks anzumerken. Da der Anfang desselben etwas verspätet war, so konnte ich nur etwa die Hälfte der Aushänge- bogen zu sehen bekommen, in denen ich zwar einige, den XTT i^jnn aber nicht verwirrende, Druckfehler antreffe, ausser demjenigen, der S. 379. Zeile 4«) von unten vorkommt, da speci fisch anstatt skeptisch ge^^sen werden musa. 80 Die Antinomie der reinen Vernunft, von Seite 425 bis 461 *), ist so, nach Art einer Tafel , angestellt , dass alles was zur Thesis gehört, auf der linken, was aber zur Antithesis gehört, auf der rechten Seite immer fortläuft, welches ich darum so anordnete, damit Satz und Gegen- satz desto leichter miteinander verglichen werden könnte.
a) Orig. „machen" corr. Hartenstein.
b) Sieh dich in deiner eigenen Behausung um, und du wirst erkennen, wie einfach dein Inventarium ist.
c) s. die 2. Bei!a<?e zur erst. Ausg.
d) =» S. 454— 489 d. 2. Ausgr.
Vorrede
vn zur zweiten Auflage.*)
Ob die Bearbeitung der Erkenntnisse, die «um Yer- nunftgeschäfte gehören, den sicheren Gang einer Wissen- schaft gehe oder nicht, das lässt sich bald aus dem Erfolg beurtheilen. Wenn sie nach viel gemachten Anstalten und Zurüstungen, sobald es zum Zweck kommt, in Stecken geräth, odei-, um diesen zu erreichen, öfters 'vrieder zurückgehen und einen andern Weg ein- schlagen muss; imgleichen wenn es nicht möglich ist, die verschiedenen Mitarbeiter in der Art, wie die ge-
10 meinschaftliche Absicht verfolgt werden soll, einhellig zu machen; so kann man immer überzeugt sein, dass ein solches Studium bei weitem noch nicht den sicheren Gang einer Wissenschaft eingeschlagen, sondern ein blosses Herumtappen sei, und es ist schon ein Verdienst um die Vernunft, diesen Weg wo möglich ausfindig zu machen, sollte auch manches als vergeblich aufgegeben werden müssen, was in dem ohne Ueberlegung vorher genommenen Zwecke enthalten war. VIII Dass die Logik diesen sicheren Gang schon von
20 den ältesten Zeiten her gegangen sei, lässt sich daraus ersehen, dass sie seit dem Aristoteles keinen Schritt rüclrwärts hat thun dürfen, wenn man ihr nicht etwa die Wegschaffung einiger entbehrlicher Subtilitäten, oder deutlichere Bestimmung des Vorgetragenen als Verbesserungen anrechnen will, welches aber mehr zur Eleganz , als zur Sicherheit der Wissenschaft gehört. Merkwürdig ist noch an ihr, dass sie auch bis jetzt
a) Vom Jahre 1787.
Vorrede zur zweiten Auflage. 28
Keinen Schritt vorwilrts hat tlmn können, und also allem Ansehen nach geschlossen und vollendet zu sein scheint Denn, wenn einige Neuere sie dadurch zu erweitern dachten, dass sie theils psychologische Kapitel von den verschiedenen Erkenntnisskräften (der Einbildungs- kraft, dem Witze), theils metaphysische über den Ursprung der Erkenntniss oder der verschiedenen Art der Gewissheit nach Verschiedenheit der Objecto (dem Idealismus, Skepticismus u. s. w.) theils anthropo- logische von Vorurtheilen (den Ursachen derselben 10 und Gegenmitteln) hineinschoben, so rührt dieses von ihrer Unkunde der eigenthümlichen Natur dieser Wissen- schaft her. Es ist nicht Vermehrung, sondern Verun- staltung der Wissenschaften, wenn man ihre Grenzen in einander laufen lässt; die Grenze der Logik aber ist dadurch ganz genau bestimmt, dass sie eine Wissenschaft ist, I welche nichts als die formalen Regeln alles Denkens ix (es mag a priori oder empirisch sein, einen Ursprung oder Object haben, welches es wolle, in unserem Gemüthe zufällige oder natürliche Hindernisse antreffen) ausführ- 20 lieh darlegt und strenge beweist.
Dass es der Logik so gut gelungen ist, diesen Vor- theil hat sie bloss ihrer Eingeschränktheit zu verdanken, dadurch sie berechtigt, ja verbunden ist, von allen Objecten der Erkenntniss und ihrem Unterschiede zu abstrahiren, und in ihr also der Verstand es mit nichts weiter, als sich selbst und seiner Form, zu thun hat. Weit schwerer musste es natürlicher Weise für die Vernunft sein, den sicheren Weg der Wissenschaft einzuschlagen, wenn sie nicht bloss mit sich selbst, 30 sondern auch mit Objecten zu schaffen hat; daher jene auch als Propädeutik gleichsam nur den Vorhof der Wissenschaften ausmacht, und wenn von Kenntnissen die Eede ist, man zwar eine Logik zur Beurtheilung derselben voraussetzt, aber die Erwerbung derselben in eigentlich und objectiv so genannten Wissenschaften suchen muss.
Sofern in diesen nun Vernunft sein soll, so muss darin etwas a priori erkannt werden, und ihre Erkennt- niss kann auf zweierlei Art auf ihren Gegenstand be- zogen werden, entweder diesen und seinen Begriff 40 (der anderweitig gegeben werden muss) bloss zu | be- X stimmen, oder ihn auch wirklich zu machen..
24 Vorrede
Die träte ist theoretische, die »ndere praktitohe Erkenntniss der Vernunft. Von beiden muss der reine Theil, so viel oder so wenig er auch enthalten mag, nämlich derjenige, darin Vernunft gänzlich a priori ihr Object bestimmt, vorher allein vorgetragen werden, und dasjenige, was aus anderen Quellen kommt, damit nicht vermengt werden; denn es giebt üble Wirthschaft, wenn man blindlings ausgiebt, was einkommt, ohne nachher, wenn jene in Stecken geräth, unterscheiden
10 zu können, welcher Theil der Einnahme den Aufwand tragen könne, und von welchem*) man denselben be- schneiden muss.
Mathematik und Physik sind die beiden theo- retischen Erkenntnisse der Vernunft, welche ihre Ob- jecto a priori bestimmen sollen, die erstere ganz rein, die zweite wenigstens zum Theil rein, dann aber auch nach Massgabe anderer Eikenntnissquellen als der der Vernunft. Die Mathematik ist von den frühesten Zeiten her, wohin die Geschichte der menschlichen Vernunft reiclit,
20 in dem bewundernswürdigen Volke der Griechen den sicheren Weg einer Wissenschaft gegangen. Allein man darf nicht denken, dass es ihr so leicht geworden, wie der Logik, wo die Vernunft es nur mit sich selbst
XI zu thun hat, jenen königlichen Weg zu treffen, | oder vielmehr sich selbst zu bahnen; vielmehr glaube ich, dass es lange mit ihr (vornehmlich noch unter den Aegyptem) beim Herumtappen geblieben ist, und diese Umänderung einer Kevolution zuzuschreiben sei, die der glückliche Einfall eines einzigen IFannes in einem
30 Versuche zu Stande brachte, von welchem an dio Bahn, dio man nehmen musste, nicht mehr zu ver- fehlen war, und der sichere Gang einer Wissenschaft für alle Zeiten und in unendliche Weiten eingeschlagen und vorgezeichnet war. Die Geschichte dieser Revolution der Denkart , welche viel wichtiger war , als dio Ent- deckung dos Weges um das berühmte Vorgebirge, und des Giücldichen, der sie zu Stande brachte, ist uns nicht aufbehalten. Doch beweist die Sa.ij^e, welche Diogenes der Laertier uns überliefert, der von den
40 kleinsten, und, nach dem gemeinen Urthcil, gar nicht
») Orig. „walcber" porr. Erdmaim.
Äiir zweitea Anflftge. 96
einmal eines Beweises bcnöthigteu , Elementen der geo- metrischen Demonstrationen den angeblichen Erfinder nennt, dass das Andenken der Veränderung, die durch die erste Spur der Entdeckung dieses neuen Weges be- wirkt wurde, den Mathematikern äusserst wichtig ge- schienen haben müsse, und dadurch unvergesslich ge- worden sei. Dem ersten, der den gleichschenkligen*) Triangel demonstrirte (er mag nun Thaies oder wie man will geheissen haben,) dem ging ein Licht auf; denn er fand, dass | er nicht dem, was er in der xil Figur sah^), oder auch dem blossen Begriffe derselben nachspüren und gleichsam davon ihre Eigenschaften ablernen, sondern durch das, was er nach Begriffen selbst a priori hineindachte und darstellte (durch Con- struction), hervorbringen*') müsse, und dass er, um sicher etwas a priori zu wissen, der^) Sache nichts beilegen müsse, als was aus dem nothwendig folgte, was er seinem Begriffe gemäss selbst in sie gelegt hat.
Mit der Naturwissenschaft ging es weit langsamer zu, bis sie den Heeresweg der Wissenschaft traf; denn 20 es sind nur etwa anderthalb Jahrhunderte, dass der Vorschlag des sinnreichen Bacovon Verulam diese Entdeckung theils veranlasste, theils, da man bereits auf der Spur derselben war, mehr belebte, welche eben sowohl durch eine schnell vorgegangene Revolution der Denkart erklärt werden kann. Ich will hier nur die
*) Orig. „gleichseitigen"; doch vgl. von Kirchmanns Phil. Bihl. 60. Bd., p. 455 u. 456, Kant'« z\reiten Brief an Schüta: „Wenn Sie eine Recension dieser zweiten Auflag© zu ver- anstalten nöthig finden, so bitte ich gar sehr, einen mir Unangenehmen Fehler der Abschrift darin bemerken zu lassen, tingelähr auf folgende Art: In der Vorrede S. XI, Z. 3 von unten ist ein Schreibfehler anzutreffen, da gleichseitiger Triangel statt gleichschenklichter (Euclid. Elem. Lib. I. prop. 5) ge- setzt worden."
b) [Orig. „Pahe'l
c) Orig. ,, sondern durch das darstellte, (durch Con-
struetion) hervorliringen' ; Erdmann ergänzt zu hervorbringen „seinen Gegenstand allererst" und stellt (w.o.) das Komma um; U., Hartenstein,,.,., (durch Construction) sie hervorbringen''; Adickea ,, sondern das . ..." • ergän?;©: ihre Eigenschaften
d) [Orig. „er der"]
25 Vorrede
Naturwissenschcaft, so fern sie auf empirische Piincipien
gegründet ist, in Erwäj^ung ziehen.
Als Galilei seine Kugeln die schiefe FLache mit einer von ihm selbst gewählten Schwere herabrollen, oder Tor ri colli die Luft ein Gewicht, was er sich zum voraus dem einer ihm bekannten Wassersäule gleich gedacht hatte, tragen Hess, oder in noch späterer
XIII Zeit Stahl Metalle in Kalk und diesen wiederum | in Metall verwandelte, indem er ihnen etwas entzog und
10 wiedergab*); so ging allen Naturforschern ein Licht auf. Sie beo;riffen, dass die Vernunft nur das einsieht, was sie selbst nach ihrem Entwürfe hervorbringt, dass sie mit Principion ihrer Urtheile nach beständigen Ge- setzen vorangehen und die Natur nöthigen müsse auf ihre Fragen zu antworten, nicht aber sich von ihr allein gleichsam am Leitbande gängeln lassen müsse ; denn sonst hängen zufällige, nach keinem vorher entworfenen Plane gemachte Beobachtungen gar nicht in einem nothwendigen Gesetze zusammen, welches doch die
20 Vernunft sucht und bedarf. Die Vernunft muss mit ihren Principien, nach denen allein übereinkommende Erscheinungen für Gesetze gelten können, in einer Hand, und mit dem Experiment, das sie nach jenen ausdachte, in der anderen, an die Natur gehen, zwar um von ihr belehrt zu werden, aber nicht in der Quali- tät eines Schülers, der sich alles vorsagen lässt, was der Lehrer will, sondern eines bestallten Richters, der die Zeugen nöthigt, auf die Fragen zu antworten, die er ihnea vorlegt. Und so hat sogar Physik die so
30 vortheilhafte Revolution ihrer Denkart lediglich dem
XIV Einfalle zu verdanken, demjenigen, | was die Vernunft selbst in die Natur hineinlegt, gemäss, dasjenige in ihr zu suchen (nicht ihr anzudichten), was sie von dieser lernen muss, und wovon sie für sich selbst nichts wissen würde. Hicdurch ist die Naturwissenschaft allererst in den sicheren Gang einer Wissenschaft gebracht worden, da sie so viel Jahrhunderte durch nichts weiter als ein blosses Herumtappen gewesen w^ar.
XIII *) Ich folge hier nicht genau dem Faden der Geschichte
der Experimontalmethode, deren erste Anfönge auch nicht wohl behinnt sind.
aur z^dtan Auflage. 27
Der Metaphysik, einer ganz iaolirton speculativen Vernunfterkenntniss , die sicli gänzlich über Erfahrungs- belehrung erhebt, und zwar durch blosse Begriffe (nicht wie Mathematik durch Anwendung derselben auf An- schauung), wo also Vernunft selbst ihr eigener Schüler sein soll, ist das Schicksal bisher noch so günstig nicht gewesen, dass sie den sicheren Gang einer Wissen- schaft einzuschlagen vermocht hcätte; ob sie gleich älter ist, als alle übrigen, und bleiben würde, wenn gleich die übrigen insgesammt in dem Schlünde einer 10 alles vertilgenden Barbarei gänzlich verschlungen werden sollten. Denn in ihr geräth die Vernunft con- tinuirlich in Stecken, selbst wenn sie diejenigen Ge- setze, welche die gemeinste Erfahrung bestätigt, (wie sie sich anmasst) a priori einsehen will. In ihr muss man unzählige Male den Weg zurück thun, weil man findet, dass er dahin nicht führt, wo man hin will, und was die Einhelligkeit ihrer Anhänger in Be- hauptungen betrifft, so ist sie noch so w^eit davon entfernt, XV dass sie vielmehr ein Kampfplatz ist, der ganz eigent- 20 lieh dazu bestimmt zu sein scheint, seine Kräfte im Spielgefechte zu üben, auf dem noch niemals irgend ein Fechter sich auch den kleinsten Platz hat er- kämpfen und auf seinen Sieg einen dauerhaften Besitz gründen können. Es ist also kein Zweifel, dass ihr Verfahren bisher ein blosses Herumtappen, und, was das Schlimmste ist, unter blossen Begriffen, gewesen sei.
Woran liegt es nun, dass hier noch kein sicherer Weg der Wissenschaft hat gefunden werden können? Ist er etwa unmöglich? Woher hat denn die Natur 80 unsere Vernunft mit der rastlosen Bestrebung heim- gesucht, ihm als einer ihrer wichtigsten Angelogcnheiton nachzuspüren? Noch mehr, wie wenig haben wir Ur- sache, Vertrauen in unsere Vernunft zu setzen, wenn sie uns in einem der wichtigsten Stücke unserer Wiss- begierde nicht bloss verlässt, sondern durch Vorspiege- lungen hinhält und am Ende betrügt! Oder ist er bisher nur verfehlt; welche Anzeige können wir benutzen, um bei erneuertem Nachsuchen zu hoffen, dass wir glücldicher sein werden, als andere vor uns gewesen sind ? 40
Ich sollte meinen, die Beispiele der Mathematik und Naturwissenschaft, die durch eine auf einmal 1 zu XVI
21 Torr«tle
Stande gebrachte Eeroltition das geworden sind, waa sie jetzt sind, wären*) merkwürdig genug, um dem wesent- lichen Stücke der Umänderung der Denkart, die ihnen so vortheilhaft geworden ist, nachzusinnen, und ihnen, so viel ihre Analogie, als Vernunfterkenntnisse, mit der Metaphysik verstattet, hierin wenigstens zum Versuche nachzuahmen. Bisher nahm man an, alle unsere Erkenntniss müsse sich nach den Gegenständen richten; aber alle Versuche über sie a priori etwas
10 durch Begriffe auszumachen, wodurch unsere Erkennt- niss erweitert würde, gingen unter dieser Voraus- setzung zu nichte. Man versuche es daher einmal, ob wir nicht in den Aufgaben der Metaphysik damit besser fortkommen, dass wir annehmen, die Gegenstände müssen sich nach unserem Erkenntniss richten, welches so schon besser mit der verlangten Möglichkeit einer Er- kenntniss derselben a priori zusararaonstimmt, die über Gegenstände, ehe sie uns gegeben werden, etwas fest- setzen soll. Es ist hiemit ebenso, als mit den") ersten
20 Gedanken des Köpern ikus bewandt, der, nachdem e* mit der Erklärung der Himmelsbewegungen nicht gut fort wollte, wenn er annahm, das ganze Sternenheer drehe sich um den Zuschauer, versuchte, ob es nicht besser geUngen möchte, wenn er den Zuschauer sich drehen , und dagegen die Sterne in Ruhe Hess. In der XVII Metaphysik kann man | nun, was die Anschauung der Gegenstände betrifft, es auf ähnliche Weise versuchen. Wenn die Anschauung sich nach der Beschaffenheit der Gegenstände richten müsste, so sehe ich nicht ein,
30 wie man a priori von ihr etwas wissen könne; richtet sich aber der Gegenstand (als Object der Sinne) nach der Beschaffenheit unseres Anschauungsvermögens, so kann ich mir diese ?>IÖglichkcit ganz wohl vorstellen. Weil ich aber bei diesen Anschauungen, wenn sie Er- kenntnisse werden sollen, nicht stehen bleiben kann, sondern sie als Vorstellungen auf irgend etwas als Gegenstand beziehen und diesen durch jene bestimmen muss, so kann ich entweder annehmen, die Begriffe, wodurch ich diese Bestimmung zu Stande bringe, richten
a) [Orig. „wäre"]
b) Erdmann ,,dom*
aur zweiten Auflage. 29
üich auch nach dem Gegenstände, und dann bin ich wiederum in derselben Verlegenheit, wegen der Art, ^vie ich a priori hievon etwas wissen könne; oder ich nehme an, die Gegenstände oder, welches einerlei ist, die Erfahrung, in welcher sie allein (als ge- gebene Gegenstände) erkannt werden, richte sich nach diesen Begriffen, so sehe ich sofort eine leichtere Aus- kunft, weil Erfahrung selbst eine Erkenntnissart ist, die Verstand erfordert, dessen Regel ich in mir, noch ehe mir Gegenstände gegeben werden, mithin a priori 10 voraussetzen muss, welche in Begriffen a priori aus- gedrückt Avird, nach denen sich also alle Gegenstände der Erfahrung | nothwendig richten und mit ihnen XVIII übereinstimmen müssen. Was Gegenstände betrifft, so- fern sie bloss durch Vernunft und zwar nothwendig ge- dacht, die aber (so wenigstens, wie die Vernunft sie denkt) gar nicht in der Erfahrung gegeben werden können, so werden die Versuche sie zu denken (denn denken müssen sie sich doch lassen,) hernach einen herrlichen Probirstein desjenigen abgeben, was wir als 20 die veränderte Methode der Denkangs;irt annehmen, dass wir nämlich von den Dingen nur das a priori er- kennen, was wir selbst in sie legen.*)
Dieser Versuch gelingt nach Wunsch, und verspricht
*) Diese dem Naturforscher nacligealirate Methode besteht XVIIJ also darin: die Elemente der reinen Vernunft in dem zu suchen, was sich durch ein Experiment bestätigen oder widerlegen las st. Nun lässt sich zur Prüfung der Sätze der reinen Vernunft, vornehmlich wenn sie über alle Grenze möglicher Erfahrung hinaus gewagt werden, kein Experiment mit ihren Objecteu machen (wie in der Naturwissenschaft): also wird «s nur mit Begriffen und Grundsätzen, die wir a priori annehmen, thunlich sein, indem man sie nämlich so •inrichtet, dass dieselben Oegenstände einerseits als Gegen« stände der Sinne | und des Verstandes für die Erfahrunp;, XIX andererseits aber doch als Gegenstände, die man bloss denkt, allenfalls für die isolirte und über Erfahrungsgrenze hinaus- gtrebende Vernunft, mithin von zwei verschiedenen Seiten be- trachtet werden können. Findet es sich nun , dass , wenn mau die Ding« aus jenem doppelten Gesichtspunkte betrachtet, Ein- stimmung mit dem Princip der reinen Vernunft stattfinde, bei einerlei Gesichtspunkt© aber ein unvermeidlicher Widerstreit der Vernunft mit sich selbst entspringe, so entscheidet das Ex- peiiinaMt ftlr die Richtigkeit jeuer ünterscheidujjg.
30 Vorrede
der Metaphysik in ihrem ersten Theile, da sie sich nämlich mit Begriffen a priori beschäftigt, davon die correspondirenden Gegenstände in der Erfahrung jenen
XIX angemessen gegeben werden können, den j sicheren Gang einer Wissenschaft. Denn man kann nach dieser Ver- änderung der Denkart die Möglichkeit einer Erkennt- niss a priori ganz wohl erklären, und, was noch mehr ist, die Gesetze, welche a priori der Natur, als dem Inbegriffe der Gegenstände der Erfahrung, zum Grunde
10 liegen, mit ihren genugthuendon Beweisen versehen, welches beides nach der bisherigen Verfahrungsart un- möglich war. Aber es ergiebt sich aus dieser Deduc- tion unseres Vermögens a priori zu erkennen, im ersten Theile der Metaphysik ein befremdliches und dem ganzen Zwecke derselben, der den zweiten Theil be- schäftigt, dem Anscheine nach sehr nachtheiliges Ro- sultat, nämlich dass wir mit ihm nie über die Grenze möglicher Erfahrung hinauskommen können, welches doch gerade die wesentlichste Angelegenheit dieser
XX Wissenschaft ist Aber hierin | liegt eben das Experi- ment einer Gegenprobe der Wahrheit des Resultats jener ersten Würdigung unserer Vemunfterkenntniss a priori, dass sie nämlich nur auf Erscheinungen gehe. die Sache an sich selbst dagegen zwar als für sich wirklich, aber von uns unerkannt, liegen lasse. Denn das, was uns nothwendig über die Grenze der Erfah- rung und aller Erscheinungen hinaus zu gehen treibt, ist das Unbedingte, welches die Vernunft in den Dingen an sich selbst nothwendig und mit allem Recht
30 zu allem Bedingten, und dadurch die Reihe der Be- dingungen als vollendet verlangt. Findet sich nun, wenn man annimt, unsere Erfahrungserkenntniss richte sich nach den Gegenständen als Dingen an sich selbst, dass das Unbedingte ohne Widerspruch gar nicht ge- dacht werden könne; dagegen, wenn man annimt, unsore Vorstellung der Dinge, wie sie uns gegeben werden, richte sich nicht nach diesen, als Dingen an sicii selbst, sondern diese Gegenstände vielmehr, als Erscheinungen, richten sich nach unserer Vorstellungs-
40 art, der Widerspruch wegfalle; und dass folglich das Unbedingte nicht an Dingen, sofern wir sie kennen, (sie uns gegeben werden ,) wohl aber an ihnen , so-
zur aweiten Auflage. Sl
fern wir sie nicht keniieu, als Sachen an sich selbst, angetroffen werden müsse: so zeigt sich, dass, was wir anfangs nur zum Versuche annahmen, gegründet | sei.*) XXI Nun bleibt uns immer noch übrig, nachdem der specu- lativen Vernunft alles Fortkommen in diesem Felde des Uebersinnlichen abgesprochen worden, zu versuchen, ob sich nicht in ihrer praktischen Erkenntniss Data finden, jenen transscendenten Vernunftbegriff dos Un- bedingten zu bestimmen, und auf solche Weise, dem Wunsche der Metaphysik gemäss, über die Grenze 10 aller möglichen Erfahrung hinaus mit unserem, aber nur in praktischer Absicht möglichen Erkenntnisse a priori zu gelangen. Und bei einem solchen Verfahren hat uns die speculative Vernunft zu solcher Erweiterung immer doch wenigstens Platz verschafft, wenn sie ihn gleich leer lassen musste, und es bleibt uns also noch unbenommen, ja wir sind gar dazu durch sie auf- gefordert, ihn durch | praktische Data derselben, wenn XXII wir können, auszufüllen.**)
*) Dieses Experiment der reinen Vernunft hat mit dem der XXI Chemiker"), welclies sie manchmal den Versuch der Re- duetion, im Allgemeinen aber das synthetische Ver- fahren nennen, viel Aehnliches. Die Analysis des Meta- physikers schied die reine Erkenntniss a priori in zwei sehr ungleichartige Elemente, nämlich die der Dinge als Er- scheinungen, und dann der Dinge an sich selbst. Die Dialektik verbindet beide wiederum zur Einhelligkeit mit der noth- wendigen Vernunftidee des Unbedingten und findet, dass diese Einhelligkeit niemals anders, als durch jene Unter- scheidung herauskomme, welche also die wahre ist.
**) So verschafften die Centralgesetze der Bewegung der XXII Himmelskörper dem, was Kopernikus, anfanglich nur als Hypothese annahm, ausgemachte Gewissheit und bewiesen zu- gleich die unsichtbare, den Weltbau verbindende Kraft (der Newtonischen Anziehung), welche auf immer unentdeckt geblieben wäre, wenn der erstere es nicht gewagt hätte, auf eine widersinnische, aber doch wahre Art, die beobachteten Bewegungen nicht in den Gegenständen des Himmels, sondern in ihrem Zuschauer zu suchen. Ich stelle in dieser Vorrede die in der Kritik vorgetragene , jener Hypothese analogische, Umänderung der Denkart auch nur als Hypothese auf, ob sie gleich in der Abhandlung selbst aus der Beschaffenheit
ft) [Orig. „Chymiker"]
SS Vorrede
In jenem Versuche, das bisherige Vorfahren der Metaphysik umzuändern, und dadurch**), dass wir nach dem Beispiele der Geometer und Naturforscher eine gänzliche Revolution mit derselben vornehmen, besteht nun das Geschäft dieser Kritik der reinen spekulativen Vernunft. Sie ist ein Tractat von der Methode, nicht ein System der Wissenschaft selbst; aber sie verzeichnet gleichwohl den ganzen ümriss derselben sowohl,*') in XXIII Ansehung ihrer Grenzen, als auch | den ganzen inneren
10 Gliederbau derselben"). Denn das hat die reine speku- lative Vernunft Eigenthümlichcs an sich, dass sie ihr «igen Vermögen, nach Verschieueuheit der Art, wie sie sich Objecto zum Denken wählt, ausmessen, und auch selbst die mancherlei Arten , sich AufM'aben vor- zulegen, vollständig vorzählen, und so den ganzen Vor- riss zu einem System der Metaphysik verzeichnen kann und soll; weil, was das erste betrifft, in der Erkennt- niss a priori den Objecten nichts beigelegt werden kann, als was das dunkcnde Suhject aus sich selbst
20 hernimt , und, was das zweit« anlangt, sie in An- sehung der Erkenntnissprincipien eine ganz abgeson- derte, für sich bestehende Einheit ist, in welcher ein jedes Glied, wie in einem organisirten Körper, um aller anderen und alle um eines willen da sind, und kein Princip mit Sicherheit in einer Beziehung genommen werden kann, ohne es zugleich in der durch- gängigen Beziehung zum ganzen reinen Vernunft- gebrauch untersucht zu haben. Dafür aber hat auch die Metaphysik das seltene Glück, welches keiner anderen
30 Vernunftwissenschaft, die es mit Objecten zu thun hat, (denn die Logik beschäftigt sich nur mit der Form des Denkens überhaupt,) zu Theil werden kann, dasa,
unserer Vorstellungen von Raum iiud Zeit und den Elemdutsr- begrifFen des Verstandes, nicht hypothetisch, sondern apodiktiich bewieitn wird, um nur die ersten Versuche einer solchen Um- Ituderung, weh he allenjal liypothetisch sind, bemerklich au machen.
tt) flier scheinen etwa die Wort« „ihr den üicheren Gang •iner Wissenschaft zu geben" ausgefallen zu bein, (vjjl. S. 22 Z. 2, S. 27 Z. 7, S. :?0 Z. 4 u. ö.) Erdmann.
b) i. d. Orig. steht das Komma vor , .sowohl"
•) Erdmann ,,d«i ganzen inneren Gliodorbau* dei selben."
zur zweiten Auflage. t$
wenn sie durch diese Kritik in den sicheren Gang einer Wissenschaft gebracht worden, sie das ganze Feld der für sie gehörigen Erkenntnisse völlig befassen und also ihr Werk vollenden und für die Nachwelt, XXIV als einen nie zu vermehrenden Hauptstuhl, zum Ge- brauche niederlegen kann, weil sie es bloss mit Prin- cipien und den Einschränkungen ihres Gebrauchs zu thun hat, welche durch jene selbst bestimmt werden. Zu dieser Vollständigkeit ist sie daher, als Grundwissenschaft, auch verbunden, und von ihr muss gesagt werden können: 10 nil actum reputans, st quid super esset agendum*).
Aber was ist denn das, wird man fragen, für ein Schatz, den wir der Nachkommenschaft mit einer solchen durch Kritik geläuterten, dadurch aber auch in einen beharrlichen Zustand gebrachten Metaphysik, zu hinter- lassen gedenken? Man wird bei einer flüchtigen TJeber- sicht dieses Werks wahrzunehmen glauben, dass der Nutzen davon doch nur negativ sei, uns nämlich mit der speculativen Vernunft niemals über die Erfahrungs- grenze hinaus zu wagen, und das ist auch in der That 20 ihr erster Nutzen. Dieser aber wird alsbald po- sitiv, wenn man inne wird, dass die Grundsätze, mit denen sich speculative Vernunft über ihre Grenze hinauswagt , in der That nicht Erweiterung, sondern, wenn man sie näher betrachtet, Verengung unseres Vemunftgebrauchs zum unausbleiblichen Erfolg haben, indem sie wirklich die Grenzen der Sinnlichkeit, zu der sie eigentlich gehören, i über alles zu erweitern XXV und so den reinen (praktischen) Vernunftgebrauch gar zu verdrängen drohen. Daher ist eine Kritik, welche 30 die erstere einschränkt, sofern zwar negativ, aber, indem sie dadurch zugleich ein Hinderniss, welches den letzteren Gebrauch einschränkt oder gar zu ver- nichten droht, aufhebt, in der That von positivem und sehr wichtigem Nutzen, sobald man überzeugt wird, dass es einen schlechterdings nothwendigen praktischen Gebrauch der reinen Vemuntt (den moralischen) gebe, in welchem sie sich unvermeidlich über die Grenzen der Sinnlichkeit erweitert, dazu sie zwar von der spe-
a) Sie hält noeh nicht« ttlr gethan, so laug© noch etwas zu thun übrig ist.
Kant, Kritik der reinen Vernunft. w
^ Vorrede
culativen keiner Beihülfe bedarf, dennoch aber wider ihre Gegenwirkung gesichert sein muss, um nicht in Widerspruch mit sich selbst zu gerathen. Diesem Dienste der Kritik den positiven Nutzen abzusprechen, wäre eben so viel, als sagen, dass Polizei keinen posi- tiven Nutzen schaffe, weil ihr Hauptgeschäft doch nur ist, der Gewaltthätigkeit, welche Bürger von Bürgern zu besorgen haben, einen Riegel vorzuschieben, damit ein jeder seine Angelegenheit ruhig und sicher treiben
10 könne. Dass Raum und Zeit nur Formen der sinn- lichen Anschauung, also nur Bedingungen der Existenz der Dinge als Erscheinungen sind, dass wir ferner keine Verstandesbegriffe, mithin auch gar keine Elemente zur XXVI Erkenntniss der Dinge haben, als sofern | diesen Be- griffen correspondirende Anschauung gegeben werden kann, folglich wir von keinem Gegenstande als Dinge an sich selbst, sondern nur sofern er*) Object der sinn- lichen Anschauung ist, d. i. als Erscheinung, Erkennt- niss haben können, wird im analytischen Theile der
20 Kritik bewiesen; woraus denn freilich die Einschränkung aller nur möglichen speculativen Erkenntniss der Ver- nunft auf blosse Gegenstände der Erfahrung folgt Gleichwohl wird, welches wohl gemerkt werden muss, doch dabei immer vorbehalten, dass wir eben dieselben Gegenstände auch als Dinge an sich selbst, wenn gleich nicht erkennen, doch wenigstens müssen denken können*). Denn sonst würde der ungereimte Satz XX VII daraus folgen, dass Erscheinung | ohne etwas wäre, was
*) Einen Gegenstand erkennen, dazu wird erfordert, dass ich seine Möglichkeit (es sei nach dem Zeugniss der Er- fahrung aus seiner Wirklichkeit, oder a priori durch Vernunft) beweisen könne. Aber denken kann ich, was ich will, wenn ich mir nur nicht selbst widerspreche, d. i. wenn mein Begriflf nur ein möglicher Gedanke ist, ob ich zwar dafür nicht stehen kann, ob im Inbegriffe aller Möglichkeiten diesem auch ein Object corrospondire oder nicht. Um einem solchen Begriffe aber objective Gültigkeit (reale Möglichkeit, denn die erstere war bloss die logische) beizulegen, dazu wird etwas mehr er- fordert. Diesps Melirore aber braucht eben nicht in theoro tischen Erkenntuissquellen gesucht zu werden, es kuuu auch in praktisclien liegen.
a) Orig. „os" corr. Erdmann.
sur zweiten Auflage. SS
da erscheint. Nun wollen wir annehmen, die durch unsere Kritik nothwendig gemachte Unterscheidung der Dinge als Gegenstande der Erfahrung, von eben den- selben als Dingen an sich selbst, wäre gar nicht ge- macht, so müsste der Grundsatz der Causalität und mithin der Naturraechanismus in Bestimmung derselben durchaus von allen Dingen überhaupt als wirkenden Ursachen gelten. Von eben demselben Wesen also, z. B. der menschlichen Seele, würde ich nicht sagen können, ihr Wille sei frei, und er sei doch zugleich 10 der Naturnoth wendigkeit unterworfen, d. 1. nicht frei, ohne in einen offenbaren Widerspruch zu gerathen; weil ich die Seele in beiden Sätzen in eben der- selben Bedeutung, nämlich als Ding überhaupt (als Sache an sich selbst) genommen habe, und, ohne vor- hergehende Kritik, auch nicht anders nehmen konnte. Wenn aber die Kritik nicht geirrt hat, da sie das Ob- ject in zweierlei Bedeutung nehmen lehrt, näm- lich als Erscheinung, oder als Ding an sich selbst; wenn die Deduction ihrer Verstandesbegriffe richtig ist, 20 mithin auch der Grundsatz der Causalität nur auf Dinge im ersten Sinne genommen, nämlich sofern sie Gegenstände der Erfahrung sind, geht, eben dieselben aber nach der zweiten Bedeutung ihm nicht unterworfen sind, so wird eben derselbe Wille in der | Erscheinung XX VIII (den sichtbaren Handlungen) als dem Naturgesetze nothwendig gemäss und sofern nicht frei, und doch andererseits, als einem Dinge an sich selbst angehörig, jenem nicht unterworfen, mithin als frei gedacht, ohne dass hiebei ein Widerspruch vorgeht. Ob ich nun 80 gleich meine Seele, von der letzteren Seite betrachtet, durch keine speculative Vernunft (noch weniger durch empirische Beobachtung,) mithin auch nicht die Frei- heit als Eigenschaft eines Wesens, dem ich Wirkungen in der Sinnenwelt zuschreibe, erkennen kann, darum weil ich ein solches seiner Existenz nach, und doch nicht in der Zeit, bestimmt erkennen müsste, (welches, weil ich meinem Begriffe keine Anschauung unterlegen kann, unmöglich ist,) so kann ich mir doch die Frei- heit denken, d. i. die Vorstellung davon enthält wenig- 40 stens keinen Widerspruch in sich, wenn unsere kri- tische Unterscheidung beider (der sinnlichen und intellec-
8*
86 Vorr«d«
tuellen) VorstoUungsartcn und die davon herrührende Einschniulamg der reinen Verstandesbegriffe, mithin auch der aus ihnen fiiessenden Grundsatze, statt hat Gesetzt nun, die Moral setze noth wendig Freiheit (im strengsten Sinne) als Eigenschaft unseres Willens vor- aus, indem sie praktische in unserer Vernunft liegende ursprüngliche Gnmdsätze als Data derselben a priori XXIX anfuhrt, die ohne Voraussetzung der Freiheit | schlechter- dings unmöglich wären, die speculative Vernunft aber
10 hätte bewiesen, dass diese sich gar nicht denken lasse, 80 muss nothwendig jene Voraussetzung, nämlich die moralische, derjenigen weichen, deren Gegentheil einen offenbaren Widerspruch enthalt, folglich Freiheit und mit ihr Sittlichkeit (denn deren Gegentheil enthält keinen Widerspruch, wenn nicht schon Freiheit voraus- gesetzt wird,) dem Natur mechanismus den Platz einräumen. So aber, da ich zur Moral nichts weiter brauche, als dass Freiheit sich nur nicht selbst wider- spreche, und sich also doch wenigstens denken lasse,
20 ohne nöthig zu haben, sie weiter einzusehen, dass sie also dem Xaturmechauismus eben derselben Handlung (in anderer Beziehung genommen) gar kein Hinderniss in den Weg lege: so behauptet die Lehre vou^) der Sitt- lichkeit ihren Platz, und die Naturlehre auch den ihrigen, welches aber nicht stattgefunden hätte, wenn nicht Kritik uns zuvor von unserer unvermeidlichen Unwissen- heit in Ansehung der Dinge an sich selbst belehrt, und alles, was wir theoretisch erkennen können, auf blosse Erscheinungen eingeschränkt hätte. Eben diese
80 Erörterung des positiven Nutzens kritischer Grundsätze der reinen Vernunft, lässt sich in Ansehung des Begriffs von Gott und der einfachen Natur unserer Seele y.eigen , die ich aber der Kürze halber vorbeigehe. Ich XXX kann also | Gott, Freiheit und Unsterblichkeit zum Behuf des nothwendigen praktischen Gebrauchs meiner Vernunft nicht einmal annehmen, wenn ich nicht der speculativen Vernunft zugleich ihre An- massung überschwenglicher Einsichten benehme, weil sie sich, um zu diesen zu gelangen, solcher Grund-
40 Bätze bedieuöu mus>s, die, indem sie in der That blois
») [„vou" t«LU i d. Orig.J
ÄiLT aiToiten Auflajt. 17
auf Gc^^enstÄTide iriöglicher Erfahrung reichen, wenn sie gleichwohl auf das angewandt werden, was nicht «in Gegenstand der Erfahrung sein kann, wirklich dieses jederzeit in Erscheinung verwandeln, und so alle prak- tische Erweiterung der reinen Vernunft für unmöglich erklären. Ich musste also das Wissen auf- heben, um zum Glauben Platz zu bekommen, und*) der Dogmatismus der Metaphysik, d.i. das Vorurtheil, in ihr ohne Kritik der reinen Vernunft fortzukommen, ist die wahre Quelle alles der Moralität widerstreitenden 10 Unglaubens, der jederzeit gar sehr dogmatisch ist. — Wenn es also mit einer nach Massgabe der Kritik der reinen Vernunft abgefassten systematischen Metaphysik eben nicht schwer sein kann,, der Nachkommenschaft ein Vermächtniss zu hinterlassen, so ist dies kein für gering zu achtendes Geschenk; man mag nun bloss auf die Kultur der Vernunft durch den sicheren Gang einer Wissenschaft überhaupt, in Vergleichung mit dem grundlosen Tappen und leichtsinnigen i Herumstreifen XXXI derselben ohne Kritik sehen, oder auch auf bessere 20 Zeitanwendung einer wissbegierigen Jugend, die beim gewöhnlichen Dogmatismus so frühe und so viel Auf- munterung bekommt, über Dinge, davon sie nichts ver- steht, und darin sie, so wie niemand in der Welt, auch nie etwas einsehen wird, bequem zu yerntinfteln, oder gar auf Erfindung neuer Gedanken und Meinungen auszugehen, und so die Erlernung gründlicher Wissen- schaften zu verabsäumen; am meisten aber, wenn man den unschätzbaren Vortheil in Anschlag bringt, allen Einwürfen wider Sittlichkeit und Eeligion auf sokra- 30 tische Art, nämlich durch den klarsten Beweis der Unwissenheit der Gegner, auf alle L^ünftige Zeit ein Ende zu machen. Denn irgend eine Metaphysik ist immer in der Welt gewesen, und wird auch wohl ferner, mit ihr aber auch eine Dialektik der reinen Vernunft, weil sie ihr natürlich ist, darin anzutreffen sein. Es ist also die erste und wichtigste Angelegenheit der Philo- sophie, einm.al für allemal ihr dadurch, dass man die Quelle der Irrthümer verstopft, allen nachtheiligen Ein- fluss zu benehmen. 40
a) Es soll statt „und" wobl „denn" ll^^ssen. Erdtnana.
38 Vorrede
Bbi dieser wiciitigen Veränderung im Felde der Wi'^senschaften , und dem Verluste, den speculative Vernunft an ihrem bisher eingebildeten Besitze erleiden
XXXII inu.ss, bleibt dennoch alles mit der allgemeinen | mensch- lichen Angelegenheit, und dem Nutzen, den die Welt bisher aus den Lehren der reinen Vernunft zog, in demselben vortheilhaften Zustande, als es jemalen war, und der Verlust trifft nur das Monopol der Schulen, keineswegs aber das Interesse der Menschen. Ich
10 frage den unbiegsamsten Dogmatiker, ob der Beweis von der Fortdauer unserer Seele nach dem Tode aus der Einfachheit der Substanz, ob der von der Freiheit des "Willens gegen den allgemeinen Mechanismus durch die subtilen, obzwar. ohnmächtigen Unterscheidungen subjectiver und objectiver praktischer Noth wendigkeit, oder ob der vom Dasein Gottes aus dem Begriffe eines allerrealsten Wesens, (der Zufälligkeit des Veränder- lichen, und der Noth wendigkeit eines ersten Bewegers,) nachdem sie von den Schulen ausgingen, jemals haben
20 bis zum Publikum gelangen und auf dessen Ueberzeu- gung den mindesten Einfluss haben können? Ist dieses nun nicht geschehen, und kann es auch, wegen der Untauglichkeit des gemeinen Menschenverstandes zu so subtiler Speculation, niemals erwartet werden; hat viel- mehr, was das erstere betrifft, die jedem Menschen bemerkliche Anlage seiner Natur, durch das Zeitliche (als zu den Anlagen seiner ganzen Bestimmung unzu- länglich) nie zufrieden gestellt werden zu können, die Hoffnung eines künftigen Lebens, in Ansehung des
XXXIII zweiten die blosse | klare Darstellung der Pflichten im Gegensatze aller Ansprüche der Neigungen das Bewusst- sein der Freiheit, und endlich, was das dritte an- langt, die herrliche Ordnung, Schönheit und Fürsorge, die allerwärts in der Natur hervorblickt, allein den Glauben an einen weisen und grossen Welturheber, die sich aufs Publikum verbreitende Ueberzeugung, so- fern sie auf Vorn unftg runden beruht, ganz allein be- wirken müssen: so bleibt ja nicht allein dieser Besitz ungestört, sondern er gewinnt vielmehr dadurch noch
40 an Ansehen, dass die Schulen nunmehr belehrt wer- den, sich keine höhere und ausgebreitetere Einsicht in einem Punkte anzumassen, der die allgemeine mensch-
zur zweiten Auflage. 89
liebe Angelegenheit betrifft, als diejenige ist, zu der die grosse (für uns acbtungswürdigste) Menge auch eben so leicht gelangen kann, und sich also auf die Kultur dieser allgemein fasslichen und in moralischer Absicht hinreichenden Beweisgründe allein einzuschrän- iven. Die Veränderung betrifft also bloss die arrogan- ten Ansprüche der Schulen, die sich gerne hierin (wie sonst mit Kecht in vielen anderen Stücken) für die alleinigen Kenner und Aufbewahrer solcher Wahrheiten möchten halten lassen, von denen sie dem Publikum 10 nur den Gebrauch mittheilen, den Schlüssel derselben aber für sich behalten (quod mecum nescit, solus vult scire videri). Gleichwohl ist doch auch für einen billigeren Anspruch des speculativen Philosophen ge- XXKIV sargt. Er bleibt immer ausschliesslich Depositär einer dem Publikum ohne dessen Wissen nützlichen Wissen- schaft, nämlich der Kritik der Vernunft; denn die kann niemals populär werden, hat aber auch nicht nöthig, es zu sein; weil, so wenig dem Volke die fein gespon- nenen Argumente für nützliche Wahrheiten in den Kopf 20 wollen, eben so wenig kommen ihm auch die eben so subtilen Einwürfe dagegen jemals in den Sinn; dagegen, weil die Schule, so wie jeder sich zur Speculation er- hebende Mensch, unvermeidlich in beide geräth, jene dazu verbunden ist, durch gründliche Untersuchung der Rechte der speculativen Vernunft einmal für allemal dem Scandal vorzubeugen, das über kurz oder lang selbst dem Volke aus den Streitigkeiten aufstossen muss, in welche sich Metaphysiker (und als solche endlich auch wohl Geistliche) ohne Kritik unausbleiblich ver- 30 wickeln, und die selbst nachher ihre Lehren verfälsclien. Durch diese kann nun allein dem Materialismus, Fa- talismus, Atheismus, dem freigeisterischen Un- glauben, derSchwärmerei und dem*) Aberglauben, die allgemein schädlich werden können, zuletzt auch dem Idealismus und Skepticismus, die mehr den Schulen gefährlich sind und schwerlich ins Publikum übergehen können, selbst die Wurzel abgeschnitten werden. Wenn Regierungen | sich ja mit Angelegen- XXXV heiten der Gelehrten zu befassen gut finden, so würde 40
0 [„dorn'* fehlt i. d. Orig.]
40 Vorrcd«
es ihror weisen Fürsorg-e für Wissenschaften sowohl als Menschen weit gemässer sein, die Freiheit einer solchen Kritik zu begünstigen, wodurch die Vernunft- bearbeitungen allein auf einen festen Fuss gebracht werden können , als den lächerlichen Despotismus der Schulen zu unterstützen, welche über öffentliche Gefahr ein lautes Geschrei erheben, wenn man ihre Spinne- weben zcrreisst, von denen doch das Publikum niemals Notiz genommen hat, und deren Verlust es also auch nie
10 fühlen kann.
Die Kritik ist nicht dem dogmatischen Verfah- ren der Vernunft in ihrem reinen Erkenntniss als Wissen- schaft entgegengesetzt, (denn diese mnss jederzeit dog- matisch, d. i. aus sicheren Principien a priori strenge beweisend sein), sondern dem Dogmatismus d. i, der Anmassung, mit einer reinen Erkenntniss aus Be- griffen (der philosophischen), nach Principien, so wie sie die Vernunft längst im Gebrauche hat, ohne Erkun- digung der Art und des Rechts, wodurch =') sie dazu ge-
20 langt ist, allein fortzukommen. Dogmatismus ist also das dogmatische Verfahren der reinen Vernunft, ohne vorangehende Kritik ihres eigenen Vermögens. Diese Entgegensetzung soll daher nicht der geschwätzi- gen Seichtigkeit, unter dem angemasston Namen der XXXVI Popularität , | oder wohl gar dem Skepticismus , der mit der ganzen Metaphysik kurzen Prozess macht, das Wort reden; vielmehr ist die Kritik die nothwendige vorläufige Veranstaltung zur Beförderung einer gründ- lichen Metaphysik als Wissenschaft, die nothwendig
80 dogmatisch und nach der strengsten Forderung syste- matisch, mithin schulgerecht (nicht populär) ausgeführt - werden muss; denn diese Forderung an sie, da sie sich anheischig macht, gänzlich a priori, mithin zu völliger Befriedigung der spoculativen Vernunft ihr Geschäft auszuführen, ist unnachlässlich. In der Ausführung also des Plans, den die Kritik vorschreibt, d.i. im künftigen System der Metaphysik, müssen wir dereinst der strengen Metliode des berühmten Wolf, des gröss- ten unter allen dogmatischen Philosophen, folgen, der
40 zuerst das Beispiel gab, (und durch dies Beispiel der
fll Orijf. „womit" corr. Grillo.
zur zweiten Auflago. 41
Urheber des bisher noch nicht erloschenen Geistes der Gründlichkeit in Deutschland wurde,) wie durch gcsctz- mnssige Feststellung der Principien , • deutliche Bestim- mung der Begriife, versuchte Strenge der Beweise, Ver- hütung kühner Sprünge in Folgerungen der sichere Gang einer Wissenschaft zu nehmen sei, der auch eben darum eine solche, als Metaphysik ist, in diesen Stand zu versetzen vorzüglich geschickt war, wenn es ihm beigefallen wäre, durch Kritik des Organs, nämlich der reinen Vernunft | selbst, sich das Feld vorher zu XXXVII bereiten: ein Mangel, der nicht sowohl ihm, als viel- mehr der dogmatischen Denkungsart seines Zeitalters beizumessen ist, und darüber die Philosophen seiner sowohl, als aller vorigen Zeiten einander nichts vorzu- werfen haben. Diejenigen, welche seine Lehrart und doch zugleich auch das Verfahren der Kritik der reinen Vernunft verwerfen, können nichts anderes im Sinne haben, als die Fesseln der Wissenschaft gar abzu- werfen, Arbeit in Spiel, Gewissheit in Meinung und Philosophie in Philodoxie zu verwandeln. 20
Was diese zweite Auflage betrifft, so habe ich, wie billig, die Gelegenheit derselben nicht vorbei lassen wollen, um den Schwierigkeiten und der Dunkel- heit so viel wie möglich*) abzuhelfen, woraus manche Miss- deutungen entsprungen sein mögen, welche scharfsinni- gen Männern, vielleicht nicht ohne meine Schuld, in der Beurtheilung dieses Buchs aufgestossen sind. In den Sätzen selbst und ihren Beweisgründen, imgleichen der Form sowohl als der Vollständigkeit des Plans, habe ich nichts zu ändern gefunden ; welches theils der 80 langen Prüfung, der ich sie unterworfen hatte, ehe ich ßie^) dem Publikum vorlegte, theils der BeschafTenheit der Sache selbst, nämlich der Natur einer reinen spe- culativen Vernunft, beizumessen ist, die einen wahren Gliederbau enthält, worin alles Organ ist, nämlich alles um eines willen und ein j jedes Einzelne um aller XXXVTH willen, mithin jede noch so kleine Gebrechlichkeit, sie sei ein Fehler (Irrthum) oder Mangel, sich im Gebrauche unausbleiblich verrathen muss. In dieser Unveränder-
*'-^' [Orig. „so viel möglich".] h) Orig. „es" coiT. Erdmann,
42 Vorrede
lichlreit wird sich dieses System, wie ich hoffe, auch fernerhin behaupten. Nicht Eigendünkel, sondern bloss die Evidenz, welche das Experiment der Gleichheit des Resultats, im Ausgange von den mindesten Elementen bis zum Ganzen der reinen Vernunft, und im Kückgange vom Ganzen, (denn auch dieses ist für sich durch die Endabsicht derselben im Praktischen gegeben) zu jedem Theile bewirkt, indem der Versuch, auch nur den klein- sten Theil abzuändern, sofort Widersprüche, nicht bloss 10 des Systems, sondern der allgemeinen Meuschenvernunft herbeiführt, berechtigt mich zu diesem Vertrauen. Allein in der Darstellung ist noch viel zu thun, und hierin habe ich mit dieser Auflage Verbesserungen versucht, welche theils dem Missverstande der Aesthetik, vor- nehmlich dem im Begriffe der Zeit, theils der Dunkel- heit der Deduction der Verstandesbegriffe , theils dem vermeintlichen Mans^el einer genügsamen Evidenz in den Beweisen der Grundsätze des reinen Verstandes, theils endlich der Missdeutung der der rationalen Psychologie 30 vorgerückten Paralogismen abhelfen sollen. Bis hieher (nämlich nur bis zu Ende des ersten Hauptstücks der XXXIX transscendentalen | Dialektik) und weiter nicht erstrecken sich meine Abänderungen der Darstellungsart*), weil
XXXIX *) Eigentliche Vormehrung, aber doch nur in der Beweis-
Art, könnte ich nur die nennen, die ich durch eine neue Wider- legung des psychologischen Idealismus, und einen strengen (wie ich glaube auch einzig möjijliclieii) Beweis von der objec- tiven Realität der äusseren Anschauung S. 275 gemacht habe. Der Idealismus mag in Ansehung der M'esentlichen Zwecke der Metaphysik für noch so unschuldig gehalten werden, (das er in der That nicht ist,) so bleil)t es immer ein Scandal der Phi- losophie und allgemeinen Menschenvernunft, das Dasein der Dinge ausser uns (von denen wir doch den ganzen StoflF zu Eikeuntnisseu selbst für unseren inneren Sinn her haben) bloss auf Glauben annehmen zu müssen, und, wenn es jemand ein- fällt es zu bezweifeln, ihm keinen geuugthuenden Beweis ent- gegen stellen zu könvnen. Weil sich in den Ausdrücken des Beweises von der dritten Zeile bis zur sechsten einige Dunkel- heit findet, so bitte ich diese Periode so umzuändern: „Dieses Beharrliche aber kann nicht eine Anschauung in mirsein. Denn a Ue Bestimmungsgrü nde meines Da-
zur zweiten Auflage. 43
die Zeit «u kurz und mir in Ansehung des übrigen XL auch kein Missverstand sachkundiger und unparteiischer Prüfer vorgekommen war, welche, auch ohne dass ich XLI sie mit dem ihnen gebührenden Lobe nennen | darf, die XLII Kücl\sicht, die ich auf ihre Erinnerungen genommen habe, schon von selbst an ihren Stellen antreffen wer- den. Mit dieser Verbesserung aber ist ein kleiner Ver-
seins, die inmir angetroffen werden können, sind Vorstellungen, und bedürfen, als solche, selbst ein von ihnen unterschiedenes Beharrliches, worauf in Be- «iehung der Wechsel derselben, mithin mein Dasein in der Zeit, darin sie wechseln, bestimmt werden könne." Man wird gegen diesen Beweis vermuthlich sagen: ich bin mir doch nur dessen, was in mir ist, d.i. meiner Vorstellung äusserer Dinge, unmittelbar bewusst; folglich bleibe es immernoch unausgemacht, ob etwas ihr Korrespondirondes ausser mir sei, oder nicht. Allein ich | bin mir meines Daseins in der Zeit XL (folglich auch der Bestimmbarkeit desselben in dieser) durch innere Erfahrung bewusst, und dieses ist mehr, als bloss mir *) meiner Vorstellung bewusst zu sein, doch aber einerlei mit dem empirischen Bewussts ein meines Daseins, welches nur durch Beziehung auf etwas, was mit meiner Existenz verbunden, ausser mir ist, bestimmbar ist. Dieses Bewusst- sein meines Daseins in der Zeit ist also mit dem Bewusstsein eines Verhältnisses zu etwas ausser mir identisch verbunden, und es ist also Erfahrung und nicht Erdichtung, Sinn und nicht Einbildungskraft, welches das Aeussere mit meinem inneren Sinn unzertrennlich verknüpft; denn der äussere Sinn ist schon an sich Beziehung der Anschauung auf etwas Wirk- liches ausser mir, und die Realität desselben, zum Unterschiede von der Einbildung, beruht nur darauf, dass er mit der inneren Erfahrung selbst, als die Bedingung der Möglichkeit derselben unzertrennlich verbunden werde, welches hier geschieht. Wenn ich mit dem intellectuellen Bewusstsein meines Daseins, in der Vorstellung Ich bin, welche alle meine Urtheile und Verstandeshandiungen begleitet , zugleich eine Bestimmung meines Daseins durch intellectuelle Anschauung ver- binden könnte, so wäre zu dersolben das Bewusstsein eines Ver- hältnisses zu etwas ausser mir nicht nothwendig gehörig. Nun aber jenes intellectuelle Bewusstsein zwar vorangeht, aber die innere Anschauung, in der mein Dasein allein bestimmt werden kann, sinnlich und an Zeitbedingung gebunden ist, diese Be-
a) [Orig. „mich", vgl. unmittelbar vorher zweimal: „mir bewus8t".J
44 Vorrede
Inst für den Loj^or verbunden, der nicht zu verhüton war, ohne das Buch gar zu voluminös zu machen, näm- lich dass verschiedenes, was zwar nicht wesentlich zur Vollständigkeit des Ganzen gehört, mancher Leser aber doch ungern missen möchte, indem es sonst in anderer Absicht brauchbar sein kann, hat weggelassen oder abgekürzt vorgetragen werden müssen, um meiner, wie ich hoffe, jetzt fasslicheren Darstellung Platz zu machen, die im Grunde in Ansehung der Sätze und
10 selbst ihrer Beweisgründe schlechterdings nichts ver- ändert, aber doch in der Methode des Vortrags hin und wieder so von der vorigen abgeht, dass sie durch Einschaltungen sich nicht bewerkstelligen Hess. Dieser kleine Verlust, der ohnedem, nach jedes Belieben, durch Vergleichung mit der ersten Auflage ersetzt werden kann, wird durch die grössere Fasslichkeit, wie ich hoffe, überwiegend ersetzt. Ich habe in verschie- denen öffentlichen Schriften (theils bei Gelegenheit der Recension mancher Bücher, theils in besonderen Ab-
20 handlungen) mit dankbarem Vergnügen wahrgenommen,
XLI
stiimnung aber, mithin die innere Erfahrung selbst', von et- was Beharrlichem, welches in mir nicht ist, folglich nur in etwas ausser | mir , wogegen ich mich in Relation betrachten muss, abhängt: so ist die Realität des äusseren Sinnes mit der des inneren , zur Möglichkeit einer Erfahrung überhaupt, nothwendig verbunden: d. i. ich bin mir eben so sicher be- wusst, dass es Dinge ausser mir gebe, die sich auf meinen Sinn beziehen , »Is ich mir bewusst bin , dass ich selbst in der Zeit bestimmt existire. Welchen gegebenen Anschauungen nun aber wirklich Objecto ausser mir correspondiren, und die also zum äusseren Sinne gehören, welchem sie und nicht der Ein- bildungskraft zuzuschreiben sind, muss nach den Regeln, nach welchen Erfahrung überhaupt (selbst innere) von Einbildung unterschieden wird, in jedem besonderen Falle ausgemacht werden, wobei der Satz: dass es wirklich äussere Erfahrung gebe, immer zum Grunde liegt. Man kann hiezu noch die Anmerkung fügen: die Vorstellung von etwas Beharrlichem im Dasein ist nicht einerlei mit der beharrlichen V or- tteil ung; denn diese kann sehr wandelbar und wechselnd sein, wie alle unsere und selbst die Vorstellungen der Materie, und bezieht sich doch auf etwas Beharrliches , welches also ein von allen meinen Vorstellungen unterschiedenes und äusseres Ding «ein muss, dessen Existenz in der Bestimmung meines eigenen Daseins nothwendig mit eingeschlossen wird,
Mir Eweiten Auflage. 4f»
dass der Geist der Gründliclikoit in Deutschland nicht erstorben, sondern nur durch den Modeton einer genie- mäösigen Freiheit | im Denken auf kurze Zeit überschrieen XLIl worden, und dass die dornigen Pfade der Kritik, die zu einer schulgerechten, aber als solche allein dauer- haften und daher höchstnoth wendigen Wissenschaft der reinen Vernunft führen, muthige und helle Köpfe nicht gehindert haben, sich derselben zu bemeivStern. Diesen verdienten Männern, die mit der Gründlichkeit der Einsicht noch das Talent einer lichtvollen Darstellung 10 (dessen ich mir eben nicht bewusst bin) so glücklich verbinden, überlasse ich meine in Ansehung der letz- teren hin und wieder etwa noch mangelhafte Bearbei- tung zu vollenden; denn widerlegt zu werden ist in diesem Falle keine Gefahr, wohl aber nicht verstanden zu werden. Meinerseits kann ich mich auf Streitig- keiten von nun an nicht einlassen, ob ich zwar auf alle "Winke, es sei von Freunden oder Gegnern, sorg- fältig achten werde, um sie in der künftigen Aus- führung des Systems dieser Proprädeutik gemäss zu 20 benutzen. Da ich während dieser Arbeiten schon ziemlich tief ins Alter fortgerückt bin (in diesem Mo- nate ins vierundsechzigste Jahr,) so muss ich, wenn ich meinen Plan, die Metaphysik der Natur sowohl als der Sitten, als Bestätigung der Eichtigkeit der Kritik der speculativen sowohl als praktischen Vernunft, zu liefern, ausführen will, mit der Zeit sparsam verfahren, und die Aufhellung sowohl der in diesem Werke | an- XLIX fangs kaum vermeidlichen Dunkelheiten , als die Ver- theidigung des Ganzen von den verdienten Männern, 30 die es sich zu eigen gemacht haben, erwarten. An einzelnen Stellen lässt sich jeder philosophische Vor- trag zwacken, (denn er kann nicht so gepanzert auf- treten, ala der matheniaüsche,) indessen, dass doch der Gliederbau des Systems, als Einheit betrachtet, dabei
und mit derselben nur ein© einzige Erfahrung ausmacht , die nicht einmal innerlich stattfinden würde, wenn sie nicht (zum Theil) zugleich äusserlich wäre. Das Wie? lässt sich hier ehen so wenig weiter erklären, als wie wir überhaupt das Stühende in der Zeit denken, dessen Zugleichäein mit dem Wechseliidon dea lie^iiriff d.fr Veränderung hervorbringt.
46 Vorrede zur zweiten Auflage.
nicht die mindeste Gefahr läuft, zu dessen Uehersicht, wenn es neu ist, nur wenige die Gewandtheit dea Geistes, noch wenigere aber, weil ihnen alle Neuerung ungelegen kommt, Lust besitzen. Auch scheinbare Widersprüche lassen sich, wenn man einzelne Stellen, aus ihrem Zusammenhange gerissen, gegeneinander vergleicht, in jeder, vornehmlich als freie Kede fort- gehenden Schrift ausklauben, die in den Augen dessen der sich auf fremde Beurtheilung verlässt, ein nach- 10 theiliges Licht auf diese werfen, demjenigen aber, der sich der Idee im Ganzen bemächtigt hat, sehr leicht aufzulösen sind. Indessen, wenn eine Theorie in sich Bestand hat, so dienen Wirkung und Gegenwirkung, die ihr anfänglich grosse Gefahr drohten, mit der Zeit nur dazu, um ihre Unebenheiten abzuschleifen, und wenn sich Männer von Unparteilichkeit, Einsicht und wahrer Popularität damit beschäftigen, ihr in kurzer Zeit auch die erforderliche Eleganz zu verschaffen.
Königsberg im Aprilmonat 1787.
[1] Einleitung.
Von dem Unterschiede der reinen und empirischen Erl<enntniss.
l'ass alle unsere Erkenntniss mit der Erfahrung an- fange, daran ist gar kein Zweifel; denn wodurch sollte das Erkeniitnissvennögen sonst zur Ausübung erweckt werden, geschähe es nicht durch Gegenstände, die unsere Sinne rühren und theils von selbst Vorstellungen bewirken, theils unsere Verstandesthätigkeit in Bewegung bringen, diese zu vergleichen, sie zu verknüpfen oder 7M trennen, und so den rohen Stoff sinnlicher Eindrücke zu einer Erkenntniss der G-egenstände zu verarbeiten, die Erfahrung heisst? Der Zeit nach geht also keine 10 Erkenntniss in uns vor der Erfahrung vorher, und mit dieser fängt alle an.
Wenn aber gleich alle unsere Erkenntniss m i t der Erfahrung anhebt, so entspringt sie darum doch nicht eben alle aus der Erfahrung. Denn es könnte wohl sein, dass selbst unsere Erfahrungserkenntniss ein Zu- sammengesetztes aus dem sei, Tvas wir durch Eindrücke empfangen, und dem, was unser eigenes Erkenntniss- vermögen (durch sinnliche Eindrücke bloss veranlasst,) aus sich selbst hergiebt, welchen Zusatz wir von jenem 20 Grundstoffe nicht eher unterscheiden, als bis lange [2] üebung uns darauf aufmerksam und zur Absonderung desselben geschickt gemacht hat.
Es ist also wenigstens eine der näheren Unter- suchung noch benötliigte und nicht auf den ersten An- schein sogleich abzufertigende Frage: ob es ein der-
n.) s. S. 61 Anm. »)
48 Einleitung.
gleichen von der Erfahrung und selbst von allen Ein- drücken der Sinne unabhängiges Erkenntniss gebe. Man nennt solche Erkenntnisse a priori, und unter- scheidet sie von den empirischen, die ihre Quellen a posteriori, nämlich in der Erfahrung, haben.
Jener Ausdruck ist indessen noch nicht bestimmt genug, um den ganzen Sinn, der vorgelegten Frage an- gemessen, zu bezeichnen. Denn man pflegt wohl von mancher aus Erfahrungsquellen abgeleiteten Erkenntniss
10 KU sagen, dass wir ihrer a priori fähig oder theilhaftig Bind, weil wir sie nicht unmittelbar aus der Erfahrung, sondern aus einer allgemeinen Kegel, die wir gleich- wohl selbst doch aus der Erfahrung entlehnt haben, ableiten. So sagt man von jemand, der das Funda- ment seines Hauses untergTub: er konnte es a priori wissen, dass es einfallen würde, d. i. er durfte nicht auf die Erfahrung, dass es wirklich einfiele, warten. Allein gänzlich a priori konnte er dieses doch auch nicht wissen. Denn dass die Körper schwer sind, und
20 daher, wenn ihnen die Stütze entzogen wird, fallen,
musste ihm doch zuvor durch Erfuhrung bekannt werden.
Wir werden also im Verfolg, unter Erkenntnissen a
priori nicht solche verstehen, die von dieser oder jener,
[3] sondern die schlechterdings von aller Erfahrung unabhängig stattfinden. Ihnen sind empirische Erkennt- nisse oder solche, die nur a posteriori d.i. durch Er- fahrung möglich sind, entgegengesetzt. Von den Er- kenntnissen a priori heissen aber diejenigen rein, denen gar nichts Empirisches beigemischt ist. So ist z. B.
30 der Satz: eine jede Veränderung hat ihre Ursache, ein Satz a priori, allein nicht rein, weil Veränderung ein Begnff ist, der nur aus der Erfahrung gezogen werden kann.
n.
Wir sind im Besitze gewisser Ericenntnisse a priori,
und selbst der gemeine Verstand ist
niemals ohne solche.
Es kommt hier auf ein Merkmal an, woran wir lieber «in reinw Erl-ienntniss von empirischen unter-
Rinleitunu'. 49
scheiflen können. Erfahrung lehrt uns zwar, dass et^N'as so oder so beschaffen sei, aber nicht, dass es nichb anders sein könne. Findet sich also erstlich ein Satz, der zugleich mit seiner Nothwendigkeit gedacht wird, so ist er ein TJrtheil a priori; ist er Überdom auch von keinem abgeleitet, als der selbst wiederum als ein nothwendiger Satz gültig ist, so ist er schlechter- dings a priori. Zweitens: Erfahrung giebt niemals ihren TJrtheilen wahre oder strenge, sondern nur an- ^fi^enoramene und comparative Allgemeinheit (durch In- 10 duction), so dass es eigentlich heissen muss: so viel wir bisher wahrgenommen | haben, findet sich von dieser [4] oder jener Regel keine Ausnahme. Wird also ein ür- theil in strenger Allgemeinheit gedacht, d. i. so, dass gar keine Ausnahme als möglich verstattet wird, so ist es nicht von der Erfahrung abgeleitet, sondern schlechterdings a priori gültig. Die empirische AU- , gemeinheit ist also nur eine willkürliche Steigerung 'der Gültigkeit, von der, welche in den meisten Fällen, zu der, die in allen gilt, wie z.B. in dem Satze: alle 20 Körper sind schwer; wo dagegen strenge Allgemein- heit zu einem Urtheile wesentlich gehört, da zeigt diese auf einen besonderen Erkenntnissquell desselben, nämlich ein Vermögen des Erkenntnisses a priori. Nothwendigkeit und strenge Allgemeinheit sind also sichere Kennzeichen einer Erkenntniss a priori, und gehören auch unzertrennlich zu einander. Weil es aber im Gebrauche derselben bisweilen leichter ist, die em- pirische Beschränktheit derselben, als die Zufälligkeit in den TJrtheilen*), oder es auch manchmal einleuchtender 80 ist, die unbeschränkte Allgemeinheit, die wir einem Urtheile beilegen, als die Nothwendigkeit desselben zu zeigen, so ist es rathsam, sich gedachter beider Kri- terien, deren jed« fQr sich unfehlbar ist, abgesondert zu bedienen.
a) Vaihinger (Comm. I 210) schlägt vor, folgendermassen amznfltellen : , »bisweilen leichter ist, die Zufälligkeit in dea örtlieilen als die empirische Boschränktheit derselben"; Erd- mann findet jedoch die „vorhandene nachlä.'isigo Ausdrncksweise, Kants Sprachgebrauch angemeaseaer, als die vorgeschlfigene elegant© Wendung."
Kant, Kritik der retaeii Vernunft. 4
50 Einleitung.
Dass es nun dergleichen nothwendicre und im strengsten Sinne allgemeine, mithin reine Urtheile a priori, im menschlichen Erkenntniss wirklich gebe, ist leicht zu zeigen. Will man ein Beispiel aus Wissen- schaften, so darf man nur auf alle Sätze der Mathe- matik hinaussehen; will man ein solches aus dem ge-
[ö] meinsten Verstandesgeb rauche, | so kann der Satz, dass alle Veränderung eine Ursache haben müsse, dazu die- nen; ja in dem letzteren enthält selbst der Begriff
10 einer Ursache so offenbar den Begriff einer Nothwen- digkeit der Verknüpfung mit einer Wirkung und einer strengen Allgemeinheit der Kegel, dass er gänzlich verloren gehen würde, wenn man ihn, wie Hume that, von einer öfteren Beigesellung dessen, was geschieht, mit dem, was vorhergeht, und einer daraus entsprin- genden Gewohnheit, (mithin bloss subjectiven Nothwen- digkeit,) Vorstellungen zu verknüpfen, ableiten wollte. Auch könnte man, ohne dergleichen Beispiele zum Be- weise der Wirklichkeit reiner Grundsätze a priori in
20 unserem Erkenntnisse zu bedürfen, dieser ihre Unent- behrlichkeit zur Möglichkeit der Erfahrung selbst, mit- hin a priori darthun. Denn wo wollte selbst Erfahrung ihre Gowissheit hernehmen, wenn alle Kegeln, nach denen sie fortgeht, immer wieder empirisch, mithin zu- fällig wären; daher man diese schwerlich für erste Grundsätze gelten lassen kann. Allein hier können wir uns damit begnügen, den reinen Gebrauch unseres Erkenntniss Vermögens als Thatsacho sammt den Kenn- zeichen desselben dargelegt zu haben. Aber nicht bloss
80 in Urtlioilen, sondern selbst in Begriffen zeigt sich ein Ursprung einiger derselben a priori. Lasset von eurem Erfahrungsbegriffe eines Körpers alles, was daran empirisch ist, nach und nach weg: die Farbe, die Härte oder Weiche, die Schwere, selbst die Undurchdring- lichkeit, so bleibt doch der Kaum übrig, den er (welcher
[6] nun ganz verschwunden ist), einnahm, und den | könnt ihr nicht weglassen. Ebenso, wenn ihr von eurem empirischen Begriffe eines jeden körperlichen oder nicht körperlichen Objects, alle Eigenschaften weglasst, die
40 euch die Erfahrung lehrt, so könnt ihr ihm doch nicht diejenige nehmen, dadurch ihr es als Substanz oder einer Substanz anhangend denkt, (obgleich dieser Be-
Einleitung. hl
griff mehr Bestimmung entliält, als der eines Objects überhaupt). Ihr müsst also, überführt durch die Noth- weiidigkeit, womit sich dieser Begriff euch aufdrängt, ge- stehen, dass er in eurem Erkenntnissvermögen a priori seinen Sitz habe.*)
a) Statt dieser beiden ersten Abschnitte der Einleitung hat die erste Ausgabe, wo die Einleitung nur in Bvrei Ab- schnitte („I. Idee der Transscendental - Philosophie" mit der Unterabteilung „Von dem Unterschiede analytischer und lynthe- tiscber Urteile." s. S. 55 o. und „II. Eintheilung der Trans- scendental-Philosophie") zerßillt, folgende kürzere Darstellung: „Erfahrung ist ohne Zweifel das erste Product, welches unser Verstand hervorbringt , indem er den rohen Stoff linnlicher Empfindungen bearbeitet. Sie ist oben dadurch die erste Be- lehrung, und im Fortgange so unerschöpflich an neuem Unter- richt, dass das zusammengekettete Leben aller künftigen Zeugungen an neuen Kenntnissen , die auf diesem Boden gesammelt werden können, niemals Mangel haben wird. Gleichwohl ist sie bei weitem nicht das einzige Feld, darin sich unser Verstand einschränken lässt. Sie sagt uns zwar, was da sei, aber nicht, dass es nothwendiger Weise so und nicht anders sein müsse. Eben darum giebt sie uns auch keine wahre Allgemeinheit, und die Vernunft, welche nach dieser Art von Erkenntnissen so begierig ist, wird durch sie mehr gereizt als befriedigt. Solche allgemeine Erkenntnisse nun, die zugleich den Charakter der inneren Nothwendigkeit haben, müssen, von der Erfahrung unabhängig, für sich selbst klar und gewiss sein; man nennt sie daher Erkenntnisse a priori: da im Gegentheil das, was lediglich von der Erfahrung erborgt ist, wie man sich ausdrückt, nur a posteriori oder empirisch erkannt wird.
Nun zeigt es sich , welches überaus merkwürdig ist, dass selbst unter unsere Erfahrungen sich Erkenntnisse mengen, die ihren Ursprung a priori haben müssen und die vielleicht nur dazu dienen, um unseren Vorstellungen der Sinne Zusammenhang zu verschaffen. Denn , wenn man aus den ersteron auch alles wegschafft , was den Sinnen angehört, »o bleiben dennoch gewisse ursprüngliche Begriffe und aus ihnen erzeugte Urtheile übrig, die gänzlich a priori, unabhängig von der Erfahrung entstanden sein müssen, weil sie machen, dass man von den Gegenständen, die den Sinnen erscheinen, mehr sagen kann, wenigstens es sagen zu können glaubt, als blosse Erfahrung lehren würde, und dass Behauptungen wahre All- gemeinheit und strenge Nothwendigkeit enthalten, derglticheo die bloss empirische Erkenntnis« nicht liefern kann."
4*
(2 Einleitung.
III.
Die Philosophie bedarf einer Wissenschaft, welche
die Möglichkeit, die Principien und den Umfang aller
Erkenntnisse a priori bestimme/)
Was noch weit mehr sagen will, als alles vorige, ist dieses^), dass gewisse Erkenntnisse sogar das Feld aller möglichen Erfahrungen verlassen, und durch Begriffe, denen überall kein entsprechender Gegenstand in der Er- fahrung gegeben werden kann, den Umfang unserer Ur-
10 tiieile über alle Grenzen derselben zu erweitern den An- schein haben.
Und gerade in diesen letzteren Erkenntnissen, welche über die Sinnenwelt hinausgehen, wo Erfahrung gar keinen Leitfaden, noch Berichtigung geben kann, liegen die Nachforschungen unserer Vernunft, die wir, der
[7] Wichtigkeit nach, für v»^oit vorzüglicher und ihre End- absicht für viel erhabener halten, als alles, was der Verstand im Felde der Erscheinungen lernen kann, wobei wir, sogar auf die Gefahr zu irren, eher alles wagen,
20 als dass wir so angolegene Untersuchungen aus irgend einem Grunde der Bedenklichkeit, oder aus Geringschätzung und Gleichgültigkeit aufgeben sollten. Diese unvermeid- lichen Aufgaben der reinen Vernunft selbst sind Gott, Freiheit und Unsterblichkeit. Die Wissenschaft aber, deren Endabsicht mit allen ihren Zurüstungen eigentlich nur auf die Auflösung derselben gerichtet ist, heisst Metaphysik, deren Verfahren im Anfange dogmatisch ist, d. i. ohne vorhergehende Prüfung des Vermögens oder Unvermögens der Vernunft zu einer
30 so grossen Unternehmung zuversichtlich die Ausführung tibernimt. •)
Nun scheint es zwar natürlich, dasf, so bald man den Boden der Erfahrung verlassen hat, man doch nicht mit Erkenntnissen, die man besitzt, ohne zu wissen woher, und auf den Kredit der Grundsätze,
a) Die Bezeichnung ,,in/' und die ü«bericbrift f«hlt In der ersten Ausg.
b) Erste Auig. ,,\Va8 aber noeh weit mehr 8*:^«n will, Ut dieies."
c) Die Worto: ,,I>ieie uuvemioidliclitn AufjjabeE — ^'& Aisfülirung üboruirat" felilou in der ©rstoii Ausg.
Einleitung. ftt
dorfii Ursprung man niclit kennt, sofort ein Gebäude errichten werde, ohne der Grundlegung desselben durch sorgfältige Untersuchungen vorher versichert zu sein, dass man also vielmehr*) die Frage vorlängst werde auf- geworfen haben, wie denn der Verstand zu allen diesen Erkenntnissen a priori kommen könne, und welchen Umfang, Gültigkeit und Werth sie haben mögen. In der That ist auch nichts natürlicher, wenn man unter dem Worte natürlich das^) versteht, was billiger und vernünftiger Weise geschehen | sollte ; versteht man aber [8] darunter das, was gewöhnlichermassen geschieht, so ist hinwiederum nichts natürlicher und begreiflicher, als dass diese Untersuchung lange «) unterbleiben musste. Denn ein Theil dieser Erkenntnisse, als**) die mathematischen, ist im alten Besitze der Zuverlässigkeit, und giebt da- durch eine günstige Erwartung auch für andere, ob diese gleich von ganz verschiedener Natur sein mögen. Ueberdem, wenn man über den Kreis der Erfahrung hinaus ist, so ist man sicher, durch Erfahrung nicht widerlegt«) zu werden. Der Eeiz, seine Erkenntnisse zu 20 erweitern, ist so gross, dass man nur durch einen klaren Widerspruch, auf den man stösst, in seinem Fortschritte aufgehalten werden kann. Dieser aber kann vermieden werden, wenn man seine Erdichtungen nur') behutsam macht, ohne dass sie deswegen weniger Erdichtungen bleiben. Die Mathematik giebt uns ein glänzendes Beispiel, wie weit wir es, unabhängig von der Erfahrung, in der Erkenntniss a priori bringen können. Nun beschäftigt sie sich zwar mit Gegen- ständen und Erkenntnissen bloss so weit, als sich solche 80 in der Anschauung darstellen lassen. Aber dieser Um- stand wird leicht übersehen, weil gedachte Anschauung selbst a priori gegeben werden kann, mithin von einem blossen reinen Begriff kaum unterschieden wird. Durch einen solchen Beweis von der Macht der Vernunft ein- genommen &), sieht der Trieb zur Erweiterung keine
a) „vielmehr" fehlt in der ersten Ausg.
b) ETst<^ Ausg. ,, unter diesem Wort« das"
c) Erste Ausg. „lange Zeit"
d) „als" fehlt in der ersten Ausg.
e) Erste Ausg. „widersprochen"
f) „nur" fehlt in der ersten Au ig.
g) Erst« Ausg. „aufgemunUrt"
54 Einliituiig.
Grenzen. Die leichte Taube, indem sie im freien Fluge die Luft theilt, deren Widerstand sie fühlt, könnte die Vorstellung fassen, dass es ihr im luftleeren
[9] Kaume noch viel 1 besser gelingen werde. Ebenso ver- liess Plato die Sinnenwelt, weil sie dem Verstände so enge Schranken setzt*), und wagte sich jenseit derselben, auf den Flügeln der Ideen, in den leeren Raum des reinen Verstandes. Er bemerkte nicht, dass er durch seine Bemühungen keinen Weg gewönne ; denn er hatte
10 keinen Widerhalt, gleichsam zur Unterlage, worauf er sich steifen und woran er seine Kräfte anwenden konnte, um den Verstand von der Stelle zu bringen. Es ist aber ein gewöhnliches Schicksal der mensch- lichen Vernunft in der Speculation, ihr Gebäude so früh wie möglich fertig zu machen und hintennach allererst zu untersuchen, ob auch der Grund dazu gut gelegt sei. Alsdann aber werden allerlei Beschönigungen herbeigesucht, um uns wegen dessen Tüchtigkeit zu trösten, oder auch^) eine solche späte und gefährliche
20 Prüfung lieber gar *=) abzuweisen. Was uns aber während des Bauens ^) von aller Besorgniss und Verdacht frei hält und mit scheinbarer Gründlichkeit schmeichelt, ist dieses: Ein grosser Theil, und vielleicht der grösste, von dem Geschäfte unserer Vernunft besteht in Zer- gliederungen der Begriffe, die wir schon von Gegen- ständen haben. Dieses liefert uns eine Menge von Erkenntnissen, die, ob sie gleich nichts weiter als Auf- klärungen oder Erläuterungen desjenigen sind, was in unsem Begriffen (wiewohl noch auf verworrene Art)
30 schon gedacht worden, doch wenigstens der Form nach neuen Einsichten gleich geschätzt werden, wiewohl sie der Materie oder dem Inhalte nach die Begriffe, die wir haben, nicht erweitern, sondern nur auseinander setzen. [10] Da dieses Verfahren nun eine wirkliche Erkenntniss a priori giebt, die einen sicheren und nützlichen Fortgang hat, so erschleicht die Vernunft, ohne es selbst zu merken, unter dieser Vorspiegelung Behauptungen von ganz anderer Art, wo die Vernunft zu gegebenen
a) Erste Ausg. ,,so vielfältige Hindernisst legi"
b) „auch" fehlt in der ersten Ausg.
c) „lieber gar" fehlt in der ersten Auif . d; fOrig. ,,während dem Bauen"]
Einleitung. 55
Begriffen ganz fremde und zwar a priori •) hinzu thut, ohne dass man weiss , wie sie dazu gelange , und ohne sich eine solche^) Frage auch nur in die Gedanken kommen zu lassen. Ich will daher gleich anfangs von dem Unterschiede dieser zwiefachen Erkenntnissart handeln.
IV/)
Von dem Unterschiede analytischer und synthetischer Urtheile.
In allen Urtheilen, worinnen das Verhältniss eines Subjects zum Prädicat gedacht wird, (wenn ich nur die 10 bejahenden erwäge, denn auf die verneinenden ist nachher*^) die Anwendung leicht,) ist dieses Verhältniss auf zweierlei Art möglich. Entweder das Prädicat B gehört zum Subject A als etwas, was in diesem Be- griffe A (versteckter Weise) enthalten ist; oder B liegt ganz ausser dem Begriff A, ob es zwar mit dem- selben in Verknüpfung steht. Im ersten Fall nenne ich das Urtheil analytisch, in dem anderen«) syn- thetisch. Analytische Urtheile (die bejahenden) sind also diejenigen, in welchen die Verknüpfung des Prädi- 20 cats mit dem Subject durch Identität, diejenigen aber, in denen diese Verknüpfung ohne Identität ge- dacht wird, sollen synthetische Urtheile | heissen. Die [11] ersteren könnte man auch Erläuterungs-, die anderen Er weiterungsurtheile heissen, weil jene durch das Prädicat nichts zum Begriff des Subjects hin- zuthun, sondern diesen nur durch Zergliederung in seine Theilbegriffe zerfallen, die in selbigem ^ schon (obgleich») verworren) gedacht waren: dahingegen die letzteren zu dem Begriffe des Subjects ein Prädicat 30 hinzuthun, welches in jenem gar nicht gedacht war, und durch keine Zergliederung desselben hätte können
a) Erste Ausg. „Begriflen a priori ganz fremde"
b) Erste Ausg. „sich diese"
c) ,^IV." fehlt in der ersten Ausg.
d) j^nachher'' fehlt in der ersten Ausg.
e) Erste Ausg. „im anderen"
f) Orig. „selbigen" corr. Hartenstein.
g) Erste Ausg. „obschon"
56 Einleitung.
hrraasgeiogen werden. Z. B. wenn ich sage: alle Körper sind ausgedehnt, bo ist dies ein analytische! llrtheil. Denn ich darf nicht über den Begriff*), den ich mit dem Wort^) Körper verbinde, hinausgehen, xim die Ausdehnung, als mit demselben verknüpft, zu finden, sondern jenen Begriff nur zergliedern, d.i. des Mannig- faltigen, welches ich jederzeit in ihm denke, mir*) nur bewusst werden, um dieses I^rädicat darin an- zutreffen; es ist also ein analytisches Urtheil. Dagegen,
10 wenn ich sage: alle Körper sind schwer, so ist das Prädicat etwas ganz anderes, als das, was ich in dem blossen Begriff eines Körpers überhaupt denke. Die Hinzufügung eines solchen Prädicats giebt also ein synthetisches Urtheil.
Erfahrungsurtheile, als solche, sind insge- sammt synthetisch. Denn es wäre ungereimt, ein analytisches Urtheil auf Erfahrung zu gründen, weil ich aus meinem Begriffe gar nicht hinausgehen darf, um das Urtheil abzufassen, und also kein Zeugniss der Erfahrung
20 dazu nöthig habe. Dass ein Körper ausgedehnt sei, ist ein Satz, der a priori feststeht, und kein Erfahruugsurtheü. [12] Denn, ehe ich zur Erfahrung gehe, habe ich alle Be- dingungen zu meinem Urtheile schon in dem Begriffe, aas welchem ich das Prädicat nach dem Satze des AVidorspruchs nur herausziehen, und dadurch mir*^) zugleich der Nothwendigkeii des Urtheils bewusst werden kann, welche mir Erfahrung nicht einmal lehren würde, l'ugegen ob ich schon in dem Begriff eines Körpers überhaupt das Prädicat der Schwere gar nicht ein-
30 schliesse, so bezeichnet jener doch einen Gegenstand der Erfahrung durch einen Theil derselben, zu welchem if'h also noch andere Theile eben derselben Erfahrung, iils zu dem ersteren gehörten«), hinzufügen kann. Ich Lann den Begriff des Körpers vorher analytisch durch
a) Erbte Ausg. „aus dem Begriffe"
\)t „Wort" ist na<;h ErdmaxiD'i Yorgaiijj; aus der trst. ▲.usg. ülurnommcn.
c) „mir" fehlt in der »rsten Ausg.
dj „mir" add. Erdmanu gemäss dem Wortlaut von Prüle- giimcna 27.
e) Erste Ausg. „Denn ob ich . . . so bezeichnet er doch die vcll-tüiuligc Erlahiuug durch . . . zu welchem also ich noch . . . zu dem ersteren gehörig." Die Aenderung von „gehörig" in „ge- hörten" beruht viellt'icht auf einem Versehen. Eidmann.
Einleituag. S7
dif Merkmale der AusdehDung, der Undurchdringlichkeit, der Gestalt etc. die alle in diesem Begriffe gedacht werden, erlvennen. Nun erweitere ich aber meine Erkenntniss, und indem ich auf die Erfahrung zurück- sehe, Yon welcher ich diesen Begriff des Körpers ab- gezogen hatte, so finde ich mit obigen Merkmalen auch die Schwere jederzeit verknüpft, und füge also diese als Prädicat zu jenem Begriffe synthetisch hinzu. Es ist also die Erfahrung, worauf sich die Möglichkeit der Synthesis des Prädicats der Schwere mit dem Be- 10 griffe des Körpers gründet, weil beide Begriffe, ob zwar einer nicht in dem anderen enthalten ist, dennoch als Theile eines Ganzen, nämlich der Erfahrung, die selbst eine synthetische Verbindung der Anschauungen ist, zu einander, wiewohl nur lufälliger Weise, ge- hören.»)
a) Statt der Sätze: „ Erfafarungsurtheile als solche (S. 56 Z. 15) — zufälliger Weise, gehören'' hat die erste Ausgab» Folgendes: „Nun ist hieraus klar: 1) dass durch analytisch« ürtheile unsere Erkenntniss gar nicht erweitert werde, sondern der Begriff, den ich schon habe, auseinander gesetzt und mir selbst rerstftndlich gemacht werde; 2) dass bei synthetischen Urtheilen ich ausser dem Begriffe des Subjects noch etwas anderes (X) haben müsse, worauf sich der Verstand stützt, um ein Prädi- eat, das in jenem Begriff« nicht liegt, doch als dazu gehörig SU erkennen/*
„ Bei empirischen oder Erfahmngsurtheilen hat es hiemft gar keine Schwierigkeit. Denn dieses X ist die vollständige Erfahrung von dem Gegenstande , den ich durch einen Begriff A denke, welcher nur einen Theil dieser Erfahrung ausmacht. Denn ob ich schon in dem Begriff eines Körpers überhaupt das Prädicat der Schwere gar nicht einschliesse , so bezeichnet er doch die vollständige Erfahrung durch einen Theil der> selben, su welchem also ich noch andere Theile eben derselben Erfahrung, als zu dem ersteien gehörig, hinzufügen kann. Ich kann den Begriff des Körpers vorher analytisch durch 4is Merkmale der Ausdehnung, der Undurchdringlichkeit, der Qe* stalt etc., die alle in diesem Begriffe gedacht werden, erkennen. Nun erweitere ich aber meine Erkenntniss, und, indem ich auf die Erfahrung zuiücksehe, von welcher ich diesen Begriff des Körpers abgezogen hatte, so finde ich mit obigen Merk- malen auch die Schwere jederzeit verknüpft. Es ist also die Erfahrung jenes X, was ausser dem Begriffe A liegt, und worauf sich die Möglichkeit der Synthesis des Prädicats der Schwere B mit dem Begriffe A gründet."
68 Einleitung.
Aber bei synthetischen Urtheilen a priori fehlt dieses Hülfsmittel ganz und gar. Wenn ich über den Be- [13] griff A*) hinausgehen soll, um einen anderen B als da- mit verbunden zu erkennen, was ist das, worauf ich mich stütze, und wodurch die Sjnthesis möglich wird? da ich hier den Vortheil nicht habe, mich im Felde der Erfahrung darnach umzusehen. Man nehme den Satz: Alles, was geschieht, hat seine Ursache. In dem Begriff von Etwas, das geschieht, denke ich zwar ein
10 Dasein, vor welchem eine Zeit vorhergeht etc., und daraus lassen sich analytische Urtheile ziehen. Aber der Begriff einer Ursache liegt ganz ausser jenem Begriffe und zeigt etwas von dem, was geschieht, Verschiedenes an, ist also in^) dieser letzteren Vorstellung gar nicht mit enthalten. Wie komme ich denn dazu, von dem, was überhaupt geschieht, etwas davon ganz Verschiedenes zu sagen, und den Begriff der Ursache«*), ob zwar in jenem '^) nicht enthalten, dennoch, als dazu und sogar noth wendig®) gehörig, zu erkennen? Was
20 ist hier das Unbekannte =0 x, worauf sich der Ver- stand stützt, wenn er ausser dem Begriff von A ein dem- selben fremdes Prädicat B aufzufinden glaubt, welches er gleichwohl damit verknüpft zu sein erachtet?«) Erfahmng kann es nicht sein, weil der angeführte Grundsatz nicht allein mit grösserer Allgemeinheit, als die Erfahmng verschaffen kann,^) sondern auch mit dem Ausdruck der Nothwendigkeit, mithin gänzlich a priori und aus blossen Begriffen, diese zweite Vor- stellung*) zu der ersteren hinzufügt^) Nun beruht auf
a) Ersto Ausg. ,,Wenn ich ausser dem BegriflFe A"
b) Erste Ausg. ,,Ursache zeigt etwas von dem, was geschieht, Verschiedenes an, und ist in"
c) Erste Ausg. „Ursachen"
d) Erste Ausg. „jenen"
e) „und sogar nothwendig" fehlt in der ersten Ausg.
f) „Unbekannte =" fehlt in der ersten Aust?.
g) Erste Ausg. „Prädicat, aufzufinden glaubt, das gleichwohl damit verknüpft sei."
h) Die Worte „als die Erfahrung verschnfFen kann" sind nach Ilartenstein's Vorgang aus der erst. Ausg. übernommen.
i) Orig. „Vorstellungen" corr. Grillu.
k) Die Lesart der zweiten Ausg. „hinzugefügt" ist von Erd- inann nach der erst. Ausjj. verbessert.
Emleitong. 59
solchen B3mthetischen d. i. Erweitenmgs-Grundsätzen die ganze Endabsicht unserer speculativen Erkenntniss a priori; denn die analytischen sind zwar höchst wichtig und nöthig, aber nur | um zu derjenigen Deutlichkeit der [14] Begriffe zu gelangen, die zu einer sicheren und aus- gebreiteten Synthesis, als zu einem wirklich neuen Erwerb,*) erforderlich ist.
In allen theoretischen Wissenschaften der Vernunft sind synthetische Urtheiie a priori als Principien lo enthalten.
1. Mathematische Urtheiie sind insgesammt synthetisch. Dieser Satz scheint den Bemerkungen der Zergliederer der menschlichen Vernunft bisher ent- gangen, ja allen ihren Vermuthungen gerade entgegen- gesetzt zu sein, ob er gleich unwidersprechlich gewiss, und in der Folge sehr wichtig ist. Denn weil man fand, dass die Schlüsse der Mathematiker alle nach dem Satze des Widerspruchs fortgehen, (welches die Natur einer jeden apodiktischen GoAvissheit erfordert,) 20 80 überredete man sich, dass auch die Grundsätze aus dem Satze des Widerspruchs erkannt würden; worin sie sich irrten; denn ein synthetischer Satz kann aller- dings nach dem Satze des Widerspruchs eingesehen
a^ Erste Ausg. „Anbau"
b) Statt des V. und VI, Abschnittes finden sich in der ersten Ausgabe nur folgende Worte, die den Uebergang zu dem VII. Abschnitt der zweiten Ausgabe ausmachen: ,,E3 liegt also hier ein gewisses Geheimniss verborgen *) , dessen Aufschluss allein den Fortschritt in dem grenzenlosen Felde der reinen Verstandeserkenntniss sicher und zuverlässig machen kann: nämlich mit gehöriger Allgemeinheit den Grund der Möglich- keit synthetischer Urtheiie a priori aufzudecken , die Bedin-
*) Wäre es einem von den Alten eingefallen, auch nur diese Frage aufzuwerfen, so würde diese allein allen Systemea der reinen Vernunft bis auf unsere Zeit mächtig widerstanden haben, und hätte so viele eitle Versuche erspart, die, ohne zu wissen, womit man eigentlich zu thun hat, blindlings unternommen worden.
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60 Einleitung.
werden, aber nur eo, dass ein anderer Bynthetisclier Satz vorausgesetzt wird, aus dem er gefolgert werden kann, niemals aber an sich selbst.
Zuvörderst muss bemerkt werden, dass eigentliche mathematische Sätze jederzeit Urtheile a priori und nicht empirisch siud,*) weil sie Nothwendigkeit bei sich führen, welche aus Erfahrung nicht abgenommen werden kann. [151 "Will man aber dieses nicht einräumen, wohlan, so schränke ich meinen Satz auf die reine Mathematik ein, deren
10 Begriff es schon mit sich bringt, dass sie nicht em- pirische, sondern bloss reine Erkenntniss a priori enthalte. Man sollte anlänglich zwar denken, dass der Satz 7 -}- 5 = 12 ein bloss analytischer Satz sei, der aus dem Begrifie einer Summe von Sieben und Fünf nach dem Satze des Widerspruchs erfolge. Allein, wenn man es näher betrachtet, so findet man, dass der Begriff der Summe von 7 und 5 nichts weiter enthalte, als die Vereinigung beider Zahlen in eine einzige, wodurch ganz und gar nicht gedacht wird, welches diese einzige
20 Zahl sei, die beide zusammenfasse Der Begriff von Zwölf ist keineswegs dadurch schon gedacht, dass ich mir bloss jene Vereinigung von Siebon und Fünf denke, and ich mag meinen Begriff von einer solchen möglichen Summe noch so lange zergliedern, so werde ich doch darin die Zwölf nicht antreffen. Man muss über diese Begriffe hinausgehen, indem man die Anschauung bu Hilfe nimmt, die einem von beiden correspondirt, etwa seine fünf Finger, oder (wie Segner in seiner Arith- metik) fünf Punkte, und so nach und nach die Ein-
30 heilen der in der Anschauung gegebenen Fünf zu dem Begriffe der Sieben hinzuthut. Denn ich nehme zuerst die Zahl 7, und indem ich für den Begriff der ö die Finger meiner Hand als Anschauung zu Hilfe nehme, so
gungen , die eine Jede Art derselben möglich machen , elniu- «ehen und diese ganze Erkenntniss (die ihre eigene Gattung ausmacht) , in einem System nach ihren ursprünglichen Quellen, Abtlieilungen , Umfang und Grenzen , nicht durch einen flüch- tigen Umkreis zu bezeichnen , sondern vollständig und zu jedem Gebrauche hinreichend zu bestimmen. So viel vorläufig von dum Eigenthümlicben , was die synthetischen Urtheile an sich hüben."
a) [Orig. „seyn".]
Einleitung. 61
tliue icli dio Einliciton, die ich vorher zusammoniiahm, 1 um [16] die Zahl 5 auszumachen, nun an jenem meinem Bilde nach und nach zur Zahl 7, und sehe so die Zahl 12 outspringen. Dass 5 zu 7») hinzugethan werden sollten^), habe ich zwar in dem Begriff einer Summe «»7 + 6 gedacht, aber nicht, dass diese Summe der Zahl 12 gleich sei. Der arithmetische Satz ist also jederzeit synthetisch, welches man desto deutlicher inne wird, wenn man etwas grössere Zahlen nimmt, da es dann Ida«" einleuchtet, dass, wir möchten unsere Begriffe drehen und 10 wenden, wie wir wollen, wir, ohne die Anschauung zu Hilfe zu nehmen, vermittelst der blossen Zergliederung unserer Begriffe die Summe niemals finden könnten.
Eben so wenig ist irgend ein Grundsatz der reinen Geometrie analytisch. Dass die gerade Linie zwischen zwei Punkten die kürzeste sei, ist ein synthetischer Satz. Denn mein Begriff vom Geraden enthält nichts von Grösse, sondern nur eine Qualität. Der Begriff des Kürzesten kommt also gänzlich hinzu, und kann durch keine Zer- 20 gliederung aus dem Begriffe der geraden Linie gezogen werden. Anschauung muss also hier zu Hülfe genommen werden, vermittelst deren aUeia die Synthesis möglich ist.
Einige wenige Grundsätze, welche die Geometer voraus- setzen, sind zwar wirklich analytisch und beruhen auf dem Satze des Widerspruchs; sie dienen aber auch«) nur wie identische Sätze zur Kette der Methode und | nicht als [IT] Principien, z. B. a «■ a, das Ganze ist sich selber gleich, oder (a + b) > a, d. i. das Ganze ist grössor als sein Theü. Und doch auch diese selbst, ob sie gleich 30 nach blossen Begriffen gelten, werden in der Mathematik nur darum zugelassen, weil sie in der Anschauung können dargestellt werden. Was uns hier*) gemeiniglich glaubea madit, aJj läge das Fradicat sok^her apodiktasehaii
r) Orig. „7 zu I". corr. Erdmaum.
b) Erdmann „sollt«*'
«) „auch" fehlt L d. erit. Ausg.
d) Da dem Oedaukengang m&oh und aus spra«hli«heB tfrüadeo („hiw" Z. 83 und „solcher" Z. 34 kann »ich nur auf unmittelbar V©rhergehende« beziehen) der Satz „Was uns hier** etc. an „ — möglich i£t**Zu23 aogeiügt wexdeu mua»(VaihiQgerCoaiaa.I 303}
62 Einleitung.
Urtheile schon in unserem Begriffe und das Urtbeil sei also analytisch, ist bloss die Zweideutiglieit des Ausdrucks. Wir sollen nämlich zu einem gegebenen BesrrifTe ein gewisses Prädicat hinzudenken, und diese Nothwendigkeit haftet schon an den Begriffen. Aber die Frage ist nicht, was wir zu dem gegebenen Begriffe hinzu denken sollen, sondern was wir wirklich in ihm, obzwar nur dunkel, denken, und da zeigt sich, dass das Prädicat jenen Begriffen zwar noth- 10 wendig, aber nicht als im Begriffe selbst gedacht, sondern vermittelst einer Anschauung, die zu dem Be- griffe hinzukommen muss, anhänge.
2. Naturwissenschaft (Physica) enthält syn- thetische Urtheile a priori als Principien in sich. Ich will nur ein Paar Sätze zum Beispiel an- fuhren, als den Satz, dass in allen Veränderungen der körperlichen Welt die Quantität der Materie unver- ändert bleibe, oder dass in aller Mittheilung der Be- wegung Wirkung und Gegenwirkung jederzeit einander
20 gleich sein müssen. An beiden ist nicht allein die Nothwendigkeit, mithin ihr Ursprung a priori, sondern [18] auch, dass sie synthetische | Sätze sind, klar. Denn in dem Begriffe der Materie denke ich mir nicht die Be- harrlichkeit, sondern bloss ihre Gegenwart im Eaume durch die Erfüllung desselben. Also gehe ich wirklich über den Begriff von der Materie hinaus, um etwas a priori zu ihm hinzuzudenken, was ich in ihm nicht dachte. Der Satz ist also nicht analytisch, sondern synthetisch und dennoch a priori gedacht, und so in den
30 übrigen Sätzen des reinen Theils der Naturwissenschaft.
3. In der I^letaphysik, wenn man sie auch nur für eine bisher bloss versuchte, dennoch aber durch die Natur der menschlichen Vernunft unentbehrliche Wissen-
so i»t es möglich , dass Kant die Worte „Einige wenige Grundsätze — dargestellt werden" als Anmerkung zu dem. Ab- schnitt ,,Eben so wenig (Z. 15) — möglich ist (Z. 24)" bestimmt hatte, was aber beim Drucke übersehen wurde. (Vgl. über ein ähnliches Yerhiiltnis von Anmerkung und Text, indem in der Anm. uuf einen möglichen Einwand zu dem im Texte Ge- engten eingegangen wird, beispielsweise die Aum. auf S. 54, 2b2 der zweiten Auig. und den jeweils entsprechenden Text). So ist eine Umit«llung, wie sie Vaihinger a. a O. vorschlügt, nicht notwendig.
Einleitung. 63
Schaft ansieht, sollen synthetische Erkenntnisse a priori enthalten sein, und es ist ihr gar nicht darum zu thun, Begriffe, die wir uns a priori von Dingen machen , bloss zu zergliedern und dadurch analytisch zu erläutern , sondern wir wollen unsere Erkenntniss a priori erweitem, wozu wir uns solcher Grundsätze bedienen müssen, die über den ») gegebenen Begriff etwas hinzuthun, was in ihm nicht enthalten war, und durch synthetische Urtheile a priori wohl gar so weit*') hinaus- gehen, dass uns die Erfahrung selbst nicht so weit 10 folgen kann, z. B. in dem Satze: die Welt muss einen ersten Anfang haben u. a. m. ; und so besteht Meta- physik wenigstens ihrem Zwecke nach aus lauter synthetischen Sätzen a priori.
[19] VI.
Allgemeine Aufgabe der reinen Vernunft
Man gewinnt dadurch schon sehr viel, wenn man eine Menge von Untersuchungen unter die Formel einor einzigen Aufgabe bringen kann. Denn dadurch erleich- tert man sich nicht allein selbst sein eigenes Geschäft. 20 indem man es sich genau bestimmt, sondern auch jedem anderen, der es prüfen will, dasUrtheil, ob wir unserem Vorhaben ein Genüge gethan haben oder nicht. Die eigent- liche Aufgabe der reinen Vernunft ist nun in der Frage enthalten: Wie sind synthetische Urtheile a priori möglich?
Dass die Metaphysik bisher in einem so schwan- kenden Zustande der üngewissheit*') und "Widersprüche geblieben ist, ist lediglich der Ursache zuzuschreiben, dass man sich diese Aufgabe und vielleicht sogar den 80 Unterschied der analytischen und synthetischen Urtheile, nicht früher in Gedanken kommen liess. Auf der Auflösung dieser Aufgabe, oder einem genug- thuenden Beweise, dass die Möglichkeit, die sie erklärt zu wissen verlangt, in der That gar nicht stattfinde, beruht nun das Stehen und Fallen der Metaphysik David Hume, der dieser Aufgabe unter allen Philo-
a) Erdmann „su dem" nach S. 55, Z. 26.
b) Erdmann ,,so weit über ihn** nach S. 56, Z. 3.
c) Erdmann ,, Unwissenheit"
64 Einleitung.
sonhen noch am nächsten trat, sie aber sich bei wei- tem nicht bestimmt genug und in ihrer Allgemeinheit dachte, sondern bloss bei dem synthetischen Satze der Verknüpfung der Wirkung mit ihren Ursachen (princi- [20] pium causalitatis) stehen blieb, glaubte | heraus zu brin- gen, dass ein solcher Satz a priori gänzlich unmöglich sei, und nach seinen Schlüssen würde alles, was wir Metaphysik nennen, auf einen blossen Wahn von ver- meinter Vemunfternsicht dessen hinauslaufen, was in
lö der That bloss aus der Erfahrung erborgt ist*) und durch Gewohnheit den Schein der Nothwendigkeit überkommen hat; auf welche alle reine Philosophie zerstörende Be- hauptung er niemals gefallen wäre, wenn er unsere Aufgabe in ihrer Allgemeinheit vor Augen gehabt hätte, da er denn eingesehen haben würde, dass nach seinem Argumente es auch keine reine Mathematik geben könnt«, weil diese gewiss synthetische Sätze a priori enthält, vor welcher Behauptung ihn alsdann sein guter Verstand wohl würde bewahrt haben.
20 In der Auflösung obiger Aufgabe ist zugleich die Möglichkeit des reinen Vernunftgebrauchs in Gründung und Ausführung aller Wissenschaften, die eine theore- tische Erkenntniss a priori von Gegenständen enthalten, mit begriffen, d.i. die Beantwortung der Fragen: Wie ist reine Mathematik möglich? Wie ist reine Naturwissenschaft möglich? Von diesen Wissenschaften , da sie wirklich gegeben sind, lässt sich nun wohl geziemend fragen, wie sie möglich sind; denn dass sie möglich sein müssen,
30 wird durch ihre Wirklichkeit bewiesen*). Was aber [21] Metaphysik betrifft, | so muss ihr bisheriger schlechter
a) „iit" add. Erdmann.
[20] *) Von dar reinen Naturvrlssen»chafk könnte mancher diese»
lotater» noch bezweifeln. Allein man darf nur die verschie-
[21] denen [Sätae, die im Anfange der eigentlichen (empirischen) Physik vorkommen, naclisebeu, ah den von der Beliarrlichkeit derselben QuantitÄt Materie, von der Trägheit, der Gleichheit der Wirkung und Gegenwirkung u, 8. w. , so wird man bald überzeugt werden, dass sie eine physicam puram (oder ratio- nalem) ausmachen, die es wohl verdient, aU eigene Wissenschaft, in ihrem engen oder weiten, aber doch ganzen Umfange ab- geaondoit aufgestellt an werden.
Einleitung. 65
Fortgang, und weil man von keiner einzigen bisher vorgetragenen, was ihren wesentlichen Zweck angeht, sagen kann, sie sei wirklich vorhanden, einen jeden mit Grund an ihrer Möglichkeit zweifeln lassen.
Nun ist aber diese Art von Erkenntniss in ge- wissem Sinne doch auch als gegeben anzusehen, und Meta- physik ist, wenn gleich nicht als Wissenschaft, doch als Naturanlage (metaphysica naturalis) wirklich. Denn die menschliche Vernunft geht unaufhaltsam, ohne dass blosse Eitelkeit des Vielwissens sie dazu bewegt, durch 10 •igenes Bedürfniss getrieben bis zu solchen Fragen fort, die durch keinen Erfahrungsgebrauch der Vernunft und daher entlehnte Principien beantwortet werden können, und so ist wirklich in allen Menschen, so bald Ver- nunft sich in ihnen bis zur Speculation erweitert, irgend eine Metaphysik zu aller Zeit gewesen und wird auch immer darin bleiben. Und nun ist auch von dieser die Frage: | Wie ist Metaphysik als Naturanlage [22] möglich? d. i. wie entspringen die Fragen, welche reine Vernunft sich aufwirft, und die sie, so gut als 20 sie kann, zu beantworten durch ihr eigenes Bedürfniss getrieben wird, aus der Natur der allgemeinen Menschen- vernunft?
Da sich aber bei allen bisherigen Versuchen, diese natürlichen Fragen, z. B. ob die Welt einen Anfang habe, oder von Ewigkeit her sei, u. s. w. zu beantworten, jederzeit unvermeidliche Widersprüche gefunden . jiaben, 80 kann man es nicht bei der blossen Naturäiiiage^ iur lletaphysik, d. i. , dem reinött Vernunftvei;B|ogen selbst, wötes zwar immer irgend eine Metaphysik (6s sei 30 welche es wolle) erwächst, bewenden lassen, sondern •s muss möglich sein, mit ihr es zur Gewissheit zu bringen, entweder im Wissen oder Nicht-Wissen der Gegenstände, d. i. entweder der Entscheidung über die GJegenstände ihrer Fragen, oder über das Vermögen und Unvermögen der Vernunft, in Ansehung ihrer etwas zu urtheilen, also entweder unsere reine Vernunft mit Zuverlässigkeit zu erweitem, oder ihr bestimmte und sichere Schranken zu setzen. Diese letzte Frage, die aus der obigen allgemeinen Aufgabe fliesst, würde mit Recht 40 diese sein: Wie ist Metaphysik als Wisseiuiehaft möglich?
BftDt, Kritik d»c rdinofi Ternunft. 5
66 Einleitung.
Die Kritik dov Vernunft führt also zuletzt nothwendig
zur Wissenschaft; der dogmatische Gebrauch derselben
[23] ohne Kritik dagegen auf grundlose Behauptungen, | denen
man eben so scheinbare entgegensetzen kann, mithin zum
Skepticismus.
Auch kann diese Wissenschaft nicht von grosser ab- schreckender Weitläufigkeit sein, weil sie es nicht mit Objecten der Vernunft, deren Mannigfaltigkeit unendlich ist, sondern bloss*) mit sich selbst, mit Aufgaben, die ganz 10 aus ihrem Schoosse entspringen und ihr nicht durch die Natur der Dinge, die von ihr unterschieden sind, sondern durch ihre eigene vorgelegt sind, zu thun hat; da es denn, wenn sie zuvor ihr eigen Vermögen in Ansehung der Gegenstände, die ihr in der Erfahrung vorkommen mögen, vollständig hat kennen lernen, leicht werden rauss, den Umfang und die Grenzen ihres über alle Erfahrungs- grenzen versuchten Gebrauchs, vollständig und sicher zu bestimmen.
Man kann also und muss alle bisher gemachten Ver- 20 suche, eine Metaphysik dogmatisch zu Stande zu brin- gen, als ungeschehen ansehen; denn was in der einen oder der anderen Analytisches, nämlich blosse Zerglie- derung der Begriffe ist, die unserer Vernunft a priori beiwohnen, ist noch gar nicht der Zweck, sondern nur eine Veranstaltung zu der eigentlichen Metaphysik, nämlich seine Erkenntniss a priori synthetisch zu er- weitern, und ist zu diesem untauglich, weil sie bloss zeigt, was in diesen Begriffen enthalten ist, nicht aber, wie wir a priori zu solchen Begriffen gelangen, um 30 darnach auch ihren gültigen Gebrauch in Ansehung der [241 Gegenstände | aller Erkenntniss überhaupt bestimmen zu können. Es gehört auch nur wenig Selbstverleugnung dazu, alle diese Ansprüche aufzugeben, da die nicht ab- zuleugnenden und im dogmatischen Verfahren auch un- vermeidlichen Widersprüche der Vernunft mit sich selbst jede bisherige Metaphysik schon längst um ihr Ansehen gebracht haben. Mehr Standhaftigkeit wird dazu nöthig sein, sich durch die Schwierigkeit innerlich und den Widerstand äusserlich nicht abhalten zu lassen, eine der 40 menschlichen Vernunft uuentbehrliche Wissenschaft, von
a) Orig. „soßdem e« blos«" ,,••" d«l. Grillo.
Etnleitimg. 67
der man wohl jeden hervorgeschossenen Stamm abhauen, die Wurzel aber nicht ausrotten kann, durch eine andere, der bisherigen ganz entgegengesetzte Behandlung endlich einmal zu einem gedeihlichen und fruchtbaren Wüchse zu befördern.
VIL
Idee und Eintheilung einer besonderen Wissen- schaft, unter dem Namen einer Kritil< der reinen Vernunft.
Aus diesem allen*) ergiebt sich nun die Idee einer 10 besonderen Wissenschaft, die Kritik der reinen Vernunft heissen kann. Denn Vernunft ist^) das Vermögen*), welches die Principien der Erkenntniss a priori an die Hand giebt. Daher ist reine Vernunft diejenige, welche die Principien, etwas schlechthin a priori zu erkennen, enthält. Ein Organon der reinen Vernunft würde ein Inbegriff derjenigen Principien sein, nach denen alle | reinen Erkenntnisse a priori können [25] erworben und wirklich zu Stande gebracht werden. Die ausführliche Anwendung eines solchen Organon 20 würde ein System der reinen Vernunft verschaffen. Da dieses aber sehr viel verlangt ist, und es noch dahin steht, ob auch hier*) überhaupt eine«) Erweiterung unserer Erkenntniss und in welchen Fällen sie möglich sei, so können wir eine Wissenschaft der blossen Beurtheilung der reinen Vernunft, ihrer Quellen und Grenzen, als die Propädeutik zum System der reinen Vernunft
a) Mit den Worten ^,Aus diesem allen" beginnt in der ersten Ausg. ein neuer Abschnitt, der sich an den S. 57 a abgedruckten anschliesat.
b) Zweit« Ausg. „Denn ist Vernunft" corr. U. Mellin
c) Erste Ausg: „Wissenschaft, die zur Kritik der reinen Vernunft dienen könne. Es heisst aber jede Erkenntniss rein, die mit nichts Fremdartigen vermischt ist. Besonders aber wird eine Erkenntniss schlechthin rein genannt, in die sich überhaupt keine Erfahrung oder Empfindung einmischt , welche mithin völlig a priori möglich ist. Nun ist Vernunft das Vw- mögen" u. s. w.
d) ,,hier" fehlt in der ersten Ausg.
e) Erste Ausg. ,,«ine solche"
68 Eialeitung.
ansehen. Eine «olche würde nicht eine Doctrin, sondern nur Kritik der reinen Vernunft heissen müssen, und ihr Nutzen würde in Ansehung der Spoculation*) wirklich nur negativ sein, nicht zur Erweiterung sondern nur zur Läuterung unserer Vernunft dienen, und sie von Irrthümern frei halten, welches schon sehr viel gewonnen ist. Ich nenne alle Erkenntnisa trans- Bcendental, die sich nicht sowohl mit Gegenständen, sondern mit unserer Erkenntnissart von Gegenständen,
10 sofern diese a priori möglich sein solP), überhaupt beschäftigt Ein System solcher Begriffe würde Tran SS c enden tal-Philosphie heissen- Diese ist aber wiederum für den Anfang noch«) zu viel. Denn, weil eine solche Wissenschaft sowohl die analytische Erkenntniss, als die synthetische a priori vollständig enthalten müsste, so ist sie, so weit*) es unsere Absicht betrifft, von zu weitem Umfange, indem wir die Ana- lysis nur so weit treiben dürfen, als sie unentbehrlich noth wendig*) ist, um die Principien der Synthesis a priori,
20 als warum es uns nur zu thun ist, in ihrem ganzen l'JQ] Umfange einzusehen. Diese Untersuchung, die wir eigentlich nicht Doctrin, sondern nur transscen dentale Ki'itik nennen können, weil sie nicht die Erweiterung der Erkenntnisse selbst , sondern nur die Berichtigung derselben zur Absicht hat und den Probirstein des Werths oder Unwerths aller Erkenntnisse a priori ab- geben soll, ist das, womit wir uns jetzt beschäftigen. Eine solche Kritik ist demnach eine Vorbereitung, wo möglich zu einem Organen , und wenn dieses nicht
30 gelingen sollte, wenigstens zu einem Kanon derselben, nach welchem 0 allenfalls dereinst das vollständige System der Philosophie der reinen Vernunft, es mag nun in Erweiterung oder blosser Begrenzung ihrer Er- kenntniss bestehen, sowohl anal}üsch als synthetisch dargestellt werden könnte. Denn dass dieses möglich sei, ja dass ein solche» System von nicht gar grosaem
li) „In Ijisehuüj der Speculation" fehlt In der ersteii Aujg. b) EtiU Aosg. ^,imt QiiBerQ Begrläea a priori yob Qegoa- Btäcdeu"
•) „noch" fehlt In der ersteu Aui»g.
d) Erste Ausg. „insofern"
•) Brst« Aug. „nütia^ /) firct« A«^. „w\<sii9n'*
Ehüeftiuig. 69
Umftmyt min könne, um zu hoffen, es ganz su roll- enden, lässt 8ich schon zum voraus daraus ermesson, dass hier nicht die Natur der Dinge, welche uner- schöpflich ist, sondern der Verstand, der über <lie Natur der Dinge urtheilt, und auch dieser wiederum nur in Ansehung seiner Erkenntniss a priori den Gegen- stand ausmacht, dessen Vorrath, weil wir ihn doch nicht auswärtig suchen dürfen, uns nicht verborgen bleiben kann, und allem Vermuthen nach klein genug ist, um vollständig aufgenommen, nach seinem Werthe lo oder Unwerthe beurtheilt und unter richtige Schätzung gebracht zu werden. | Noch weniger*) darf man hier eine [27 Kritik der Bücher und Systeme der reinen Vernunft erwarten, sondern die des reinen Vernunftvermögens selbst.*) Nur allein, wenn diese zum Grunde liegt, hat man einen sicheren Probirstein, den philosophischen Gehalt alter und neuer Werke in diesem Fache zu •chätzen; widrigenfalls beurtheilt der unbefugte Ge- schichtschreiber und Kichter grundlose Behauptungen anderer durch seine eigenen, die ebenso grundlos sind. fO
Die Transscendental - Philosophie ist die Idee einer Wissenschaft, wozu«) die Kritik der reinen Ver- nunft den ganzen Plan architektonisch d. i. aus Prin- cipien entwerfen soll, mit völliger Gewährleistung der Vollständigkeit und Sicherheit aller Stücke, die dieses Gebäude ausmachen. Sie ist das System aller Prin- cipien der reinen Vernunft. Dass diese*) Kritik nicht schon selbst Transscendental -Philosophie heisst, beruht lediglich darauf, dass sie, um ein vollständiges System 2T1 sein, auch eine ausführliche Analysis der ganzen 80 menschlichen Erkenntniss a priori enthalten müsste. Nun muss zwar unsere Kritik allerdings auch eine
ft) „Noch — weniger grundlo« sind" fehlt In der «raten Angg., in welcher statt dessen die Überschrift des zweiten Abschnitte« der Einleitung: „II. Eintheilung der Transscendental-Philosophie" folgt.
b) Vgl. hierzn den Satz in der Vorrede zur ersten Aus?. S. 15, Z. 22ff., dessen etwas veränderter A bdruck er ist. Erdmnnn.
c) In der ersten Ausg. lauten die ersten Worte des zweiten Abschnittes der Einleitung: ,,Die Transscendental-Philosophie ist hier nur eine Idee, wozu".
d) Erste Ausg. „die dieses Gebäude ausmacht. Dass diese".
70 EkklttitQDg.
vollitändige Herzählung aller Stammbegrilfe , welche die gedachte reine Erkenutniss ausmachen, vor Augen legen. Allein der ausführlichen Analysis dieser Be- griffe selbst, wie auch der vollständigen Kecension der daraus abgeleiteten, enthält sie sich billig, theils weil [28] diese Zergliedemng nicht zweckmässig wäre, | indem sie die Bedenklichkeit nicht hat, welche bei der Synthesis angetroffen wird, um deren willen eigentlich die ganze Kritik da ist, theils weil es der Einheit des Plans
10 zuwider wäre, sich mit der Verantwortung der Voll- ständigkeit einer solchen Analysis und Ableitung zu befassen, deren man in Ansehung seiner Absicht doch tiberhoben sein konnte. Diese Vollständigkeit der Zer- gliederung sowohl, als der Ableitung aus den künftig zu liefernden Begriffen a priori, ist indessen leicht zu ergänzen, wenn sie nur allererst als ausführliche Prin- cipien der Synthesis da sind, und*) in Ansehung dieser wesentlichen Absicht nichts ermangelt.
Zur Kritik der reinen Vernunft gehört demnach
10 alles, was die Transscendental - Philosophie ausmacht, und sie ist die vollständige Idee der Transscendental- Philosophie, aber diese Wissenschaft noch nicht selbst, weil sie in der Analysis nur so weit geht, als es zur vollständigen Beurtheilung der synthetischen Erkenntniss a priori erforderlich ist.
Das vornehmste Augenmerk bei der Eintheilung einer solchen Wissenschaft ist: dass gar keine Be- griffe hineinkommen müssen, die irgend etwas Em- pirisches in sich enthalten, oder dass die Erkenntniss
30 a priori völlig rein sei. Daher, obzwar die obersten Grundsätze der Moralität und die Grundbegriffe der- selben, Erkenntnisse a priori sind, so gehören sie doch nicht "in die Transscendental -Philosophie, weil sie die [29] Begriffe | der Lust und Unlust, der Begierden und Neigungen etc., die insgesammt empirischen Ursprungs sind, zwar selbst nicht ihren Vorschriften zum Grunde^) legen , aber doch im Begriffe der Ptiicht, als Hinderniss, das tiberwunden, oder als Anreiz, der nicht zum Be- weguugsgrunde gemacht werden soll, nothwendig in
a) Erst« Ausg. „und ihnen"
b) Ofig. „zum Grundo ihrer Vorschriften"
Einleitung, 71
die Abfassung des Systems der reinen Sittlichkeit mit hineinziehen müssen.») Daher ist die Transscendontal- Philosophie eine "Weltweisheit der reinen bloss specu- lativen Veraunft. Denn alles Praktische, so fern es Triebfedern^) enthält, bezieht sich auf Gefühle, welche zu empirischen Erkenntnissquellen gehören.
Wenn man nun die Eintheilung dieser Wissenschaft aus dem allgemeinen Gesichtspunkte eines Systems überhaupt anstellen will, so muss die, welche wir jetzt vortragen, erstlich eine Elementar-Lehre, zweitens lO eine Methoden -Lehre der reinen Vernunft enthalten. Jeder dieser Haupttheile würde seine Unterabtheilung haben, deren Gründe sich gleichwohl hier noch nicht vortragen lassen. Nur so viel scheint zur Einleitung oder Vorerinnerung nöthig zu sein, dass es zwei Stämme der menschlichen Erkenntniss gebe, die vielleicht aus einer gemeinschaftlichen, aber uns unbekannten Wurzel entspringen, nämlich Sinnlichkeit und Verstand, durch deren ersteren uns Gegenstände gegeben, durch den zweiten aber gedacht werden. So fern nun die Sinn- 20 lichkeit Vorstellungen a priori enthalten sollte, welche die Bedingung'') ausmachen, unter | der uns Gegenstände [30] gegeben werden, so würde sie zur Transscendental- Philosophie gehören. Die transscendentalo Sinnenlehre würde zum ersten Theile der Elementar- Wissenschaft ge- hören müssen, weil die Bedingungen, worunter allein die Gegenstände der menschlichen Erkenntniss gegeben werden, denjenigen vorgehen, unter welchen selbige gedeicht werden.
a) Erste Ausg. „well die Begriffe der Last und Unlust, der Begierden und Neigungen, der Willkür u. s. w., die ins- ^osammt empirischen Ursprungs sind , dabei Yorausj^ekätTit; werden müssten.''
b) Erste Ausg. „Bewegungsgründe"
c) Erste Ausg. „Bedini^ungen"
Kritik
der
reinen Vernunft.
Transsoendentale
Elementarlehre.
[33]
Der
Transscendentalen Elementarlelire
Erster Theil.
Die Trans^cendentale Aesthetik.
§.1.')
Aiif welche Art und durch welche Mittel sich auch immer eine Erkenntniss auf Gegenstände beziehen mag, so ist doch diejenige, wodurch sie sich auf dieselben unmittelbar bezieht, und worauf alles Denken als Mittel abzweckt, die Anschauung. Diese findet aber nur lo statt, so fem uns der Gegenstand gegeben v/ird; dieses aber ist wiederum, uns Menschen wenigstens,*») nur dadurch möglich, dass er das Gemüth auf gewisse Weise afficire. Die Fähigkeit (Kecepti\atät) , Vorstellungen durch die Art, wie wir von Gegenständen afficirt werden, zu bekommen, heisst Sinnlichkeit. Vermittelst der Sinn- lichkeit also werden uns Gegenstände gegeben, und sie alleinliefert uns Anschauungen; durch den Verstand aber werden sie gedacht, und von ihm entspringen Be- griffe. Alles Denken aber muss sich, es sei geradezu 20 (directe) oder im Umschweife (indirecte), vermittelst gewisser Merkmale,*) zuletzt auf Anschauungen, mithin bei uns auf Sinnlichkeit beziehen, weil uns auf andere Weise kein Gegenstand gegeben werden kann.
Die Wirkung eines Gegenstandes auf die Vorstellungs- rg^n fähigkeit, so fern wir von demselben afficirt werden, ist Empfindung. Diejenige Anschauung, welche sich auf den Gegenstand durch Empfindung bezieht, heisst empirisch. Der unbestimmte Gegenstand einer empi- rischen Anschauung heisst Erscheinung. 30
a) Die Bezeichnung ,,§ i." fehlt in der erst. Ausg.
b) ^,uns Menschen wenigstens" fehlt in der ersten Ausg.
c) ^^vermittelst gewisser Merkmale" fehlt in der ersten Ausg.
76 Eleiii«ntarlehre. I. Tbeil.
In der Erscheinung nenne ich das, was der Em- pfindung correspondirt, die Materie derselben, das- jenige aber, welches macht, dass das Mannigfaltige der Erscheinung in gewissen Verhältnissen geordnet werden kann,"^) nenne ich die Form der Erscheinung. Da das, worinnen sich die Empfindungen allein ordnen, und in gewisse Form gestellt werden können, nicht selbst wiederum Empfindung sein kann, so ist uns zwar die Materie aller Erscheinung nur a posteriori gegeben, die 10 Form derselben aber muss zu ihnen insgesammt im Gemüthe a priori bereit liegen, und daher abgesondert Ton aller Empfindung können betrachtet werden.
Ich nenne alle Vorstellungen rein (im transscen- dentalen Verstände), in denen nichts, was zur Empfin- dung gehört, angetroffen wird. Demnach wird die reine Form sinnlicher Anschauungen überhaupt im Gemüthe ft priori angetroffen werden, worinnen alles Mannigfaltige der Erscheinungen in gewissen Verhältnissen angeschaut wird. Diese reine Form der Sinnlicbkeit wird auch [86] selber reine | Anschauung heissen. So, wenn ich Ton der Vorstellung eines Körpers das, was der Ver- stand davon denkt, als Substanz, Kraft, Theilbarkeit etc., imgleichen, was davon zur Empöndung gehört, als Ündurchdringlichkeit, Härte, Farbe etc. absondere, so bleibt mir aus dieser empirischen Anschauung noch etwas Übrig, nämlich Ausdehnung und Gestalt. Diese gehören zur reinen Anschauung, die a priori, auch ohne einen wirklichen Gegenstand der Sinne oder Empfindung, als eine blosse Form der Sinnlichkeit im 80 Gemüthe stattfindet.
Eine Wissenschaft von allen Principien der Sinn- lichkeit a priori nenne ich die transscendentale Aesthetik*). Es muss also eine solche Wisionschaft
a) Ertt« Auag. „geordnet, angeachiiut wird"
*) Die Deutscheu sind die einzigen , welch« »ich j«tat des Worts Aesthetik bedienen, um dadurch das zu bezeichnen, was andere Kritik des Geschmacks heissen. Es liegt hier eine verfehlte Hoffnung zum Grunde, die der vortreffliche Analyst Baumgarten fasste, die kritische Beurtheilung des Schönen unter Vernunttprincipien zu bringen, und die Regeln derselben zur Wissenschaft zu erheben. Allein diese Be-
Die TraoBiceudeuiale Aeethetik 77
geben, die | den ersten Theil der transsc endentalen Elementar- [36] lehre ausmacht, im G-egensatz mit*) derjenigen, welche die Principien des reinen Donkens enthält, und transscen- dentale Logik genannt wird.
In der transscendentalen Aesthetik also werden wir zuerst die Sinnlichkeit isoliren, dadurch, dass wir alles absondern, was der Verstand durch seine Begriffe dabei denkt, damit nichts als empirische Anschauung übrig bleibe. Zweitens werden wir von dieser noch alles, was zur Empfindung gehört, abtrennen, damit nichti 10 als reine Anschauung und die blosse Form der Er- scheinungen übrig bleibe, welches das einsige ist, dag die Sinnlichkeit a priori liefern kann. Bei dieser Unter- suchung wird sich finden, dass ds zwei reine Formen sinnlicher Anschauung, als Principien der Erkenntniss a priori gebe, nämlich Eaum und Zeit, mit deren Er- wägung wir uns jetzt beschäftigen werden.
mllhung ist vergeblich. Denn gedachte Regeln oder Kriterien sind ihren vornehmsten ) Quellen nach bloss empirisch und können also niemals bu bestimmten*) Gesetzen a priori dienen, wonach sich unser Geechmacksurtheil richten mtisste, Tielmehr macht das letztere den eigentlichen Probirstein der Richtigkeit der ersteren aus. | Um deswillen ist es rathsam, diese Benennung [86] entweder ) wiederum eingehen zu lassen und sie derjenigen Lehre aufzubehalten, die wahre Wissenschaft Ist (wodurch man auch der Sprache und dem Sinne der Alten näher treten würde, bei denen die Eintheilung der Erkenntniss in aluO-Tjxa xa\ vorjTa') sehr berühmt war), ) oder sich in die Benennung mit der speculativoa Philosophie zu theilen und die Aesthetik theils im transscenden- talen Sinne, teils in psychologischer Bedeutung *a nehmefa.
a) „mit" zugef. nach d. erst. Ausg.
b) „vornehmsten'' fehlt in der ersten Ausg. •) „bestimmten" fehlt in der eiaten Auag.
d) „entweder'' fehlt in der ersten Ausg.
e) Erste Ausg. „voTj-ca" ; im übrigen fehlen in den Orlginalausg. die Aecente.
f) In der ersten Ausg. fehlen die Klammern zu den vorher- gehenden Nebensätzen , sowie die nächsten Worte „oder — nehmen", indem mit «war." die Anmerkung absciiiiesst.
[37]
78 Elementarlehre. 1. Th. Traus&c. Aeöthetik.
Der
Transscondentaleii Aestlietik
Erster Abschnitt.
Von dem Räume.
§. 2. Metaphysische Erörterung dieses Begriffs.*)
Vermittelst des äusseren Sinnes, (einer Eigenschaft unseres Gemüths,) stellen wir uns Gegenstände als ausser uns , und diese insgesammt im Räume vor.
10 Darinnen ist ihre Gestalt, Grösse und Verhältniss gegen einander bestimmt oder bestimmbar. Der innere Sinn, vermittelst dessen das Gemüth sich selbst, oder seinen inneren Zustand anschaut, giebt zwar keine Anschauung von der Seele selbst, als einem Object; allein es ist doch eine bestimmte Fonn, unter der die Anschauung ihres inneren Zustandes allein möglich ist, so dass alles, was zu den inneren Bestimmungen gehört, in Verhältnissen der Zeit vorgestellt wird. Aousserlich kann die Zeit nicht angeschaut werden, so wenig wio
20 der Baum als etwas in uns. "Was sind nun Raum und Zeit? Sind es wirkliche Wesen? Sind es zwar nur Bestimmungen, oder auch Verhältnisse der Dinge, aber doch solche, welche ihnen auch an sich zukommen würden, wenn sie auch nicht angeschaut wilrden, oder sind sie solche, die nur an der Form der Anschauung [38J allein haften und mithin an | der subjectiven Beschaffen- heit unseres Gemüths, ohne welche diese Prädicate gar keinem Dinge beigelegt werden können? Um uns hierüber zu belehren, wollen wir zuerst den Begriff des
30 Raumes erörtern^). Ich verstehe aber unter Er- örterung (expositio) die deutliche (wenn gleich nicht ausführliche) Vorstellung dessen, was zu einem Begriffe gehört; metaphysisch aber ist die Erörterung, wenn sie dasjenige enthält, was äen Begriff, als a priori ge- geben, darstellt.
a) Die Bezeichnung „§ 2." und die Überschrift ^^Metaphyiische Erörterung dieses Begriffs" fehlt in der ersten Ausg.
b) Erste Ausg. „tuerst den Raum betrachten"; das Folgende: ,,Ich verstehe nber — darstellt" f«hlk in d«r «rsten Ausg.
I. Abäcliüitt. Von dem Räume. 79
1) Der Eaum ist kein empirischer Begriff, der von äusseren Erfalinmgcn abg-i'zogen worden. Denn damit gewisse Empfindungen auf etwas ausser mir*) bezogen werden (d. i. auf etwas in einem anderen Orte des Kaames, als darinnen ich mich befinde), imgleichen damit ich sie als ausser und neben*) einander, mithin nicht bloss verschieden, sondern als in verschiedenen Orten vorstellen könne, dazu muss die Vorstellung des Eaumes schon zum Grunde liegen. Demnach kann die Vorstellung des Eaumes nicht aus den Verhältnissen 10 der äusseren Erscheinung durch Erfahrung erborgt sein, sondern diese äussere Erfahrung ist selbst nur durch gedachte Vorstellung allererst möglich.
2) Der Raum ist eine nothwendige Vorstellung a priori, die allen äusseren Anschauungen zum G-runde liegt. Man kann sich niemals eine Vorstellung davon machen, dass kein Raum sei, ob man sich gleich ganz wohl denken kann, dass keine Gegenstände darin an- getroffen I werden. Er wird also als die Bedingung der [39] Möglichkeit der*^) Erscheinungen, und nicht als eine von 20 ihnen abhängende Bestimmung angesehen, und ist eine Vorstellung a priori, die nothwendiger Weise äusseren Erscheinungen zum Grunde liegt*).
a) [Orig, ,,mich'']
b) „und neben" fehlt in der ersten Ausg.
c) Vaihinger (Comm. H. 192) konstatirt hier eine kleine ün. genauigkeit des Textes, indem Kant vor „Erscheinungen" da« adj. „äusseren" weggelassen habe.
d) Hiernach kommt in der ersten Ausg. folgender Absatz: „8) Auf diese Nothwendigkeit a priori gründet sich die apodik- tische Gewissheit aller geometrischen Grundsätze und die Möglichkeit ihrer Konstructionen a priori. Wäre nämlich diese Vorstellung des Raumes ein a posteriori erworbener Begriff, der au» der allgemeinen äusseren Erfahrung ge- schöpft wäre, so würden die ersten Grundsätze der mathie- matischen Bestimmung nichts als Wahrnehmungen sein. Sie hätten also alle Zufälligkeit der Wahrnehmung, und es wäre eben nicht nothwendig, dass zwischen zwei Punkten nur eine gerade Linie sei, sondern die Erfahrung würde es so jederzeit lehren. Was von der Erfahrung entlehnt ist, hat auch nur komparative Allgemeinheit, nämlich durch Induction. Man würde also nur sagen können: so riel zur Zeit noch be- merkt worden, ist kein Raum gefunden worden, der mehr als
80 Elementarlehre. I. Th. TranÄSC. Aesthetik.
3)») Der Raum ist kein discursiver oder, wie man sagt, allgemeiner Begriff von Verhältnissen der Dinge überhaupt, sondern eine reine Anschauung. Denn erstlich kann man sioh nur einen einigen Raum vorstellen, und wenn man von vielen Räumen redet, so versteht man darunter nur Theile eines und desselben alleinigen Raumes. Diese Theile können auch nicht vor dem einigen allbefassenden Räume gleichsam als dessen Bestandtheile (daraus seine Zusammensetzung möglich
lÖ sei), vorhergehen, sondern nur in ihm gedacht werden. Er ist wesentlich einig, das Mannigfaltige in ihm, mit- hin auch der allgemeine Begriff von Räumen Über- haupt, beruht lediglich auf Einschränkungen. Hieraus folgt, dass in Ansehung seiner eine Anschauung a priori (die nicht empirisch ist), allen Begriffen von demselben zum G-runde liegt. So werden auch alle geometrischen Grundsätze, z. E. dass in einem Triangel zwei Seiten zusammen grösser sind, als die dritte, niemals aus allgemeinen Begriffen von Linie und Triangel, sondern
20 aus der Anschauung und zwar a priori mit apodiktischer Gewissheit abgeleitet.
4)^) Der Raum wird als eine unendliche gegebene Grösse vorgestellt. Nun muss man zwar einen jeden [40] Begriff | als eine Vorstellung denken, die in einer unend- lichen Menge von verschiedenen möglichen Vorstellungen (als ihr gemeinschaftliches Merkmal) enthalten ist, mithin diese unter sich enthält; aber kein Begriff, als ein solcher, kann so gedacht werden, als ob er eine unendliche Menge von Vorstellungen in sich enthielte.
36 Gleichwohl wird der Raum so gedacht (denn alle Theile
drti Abraeäsungen hätte.'' Dies« Bestimmungen änden «leb etwas anders gefasät und weiter ausgeführt in der zweiten Aosg. zu An^g des § 3.
a) Erste Ausg. „4)." Abeata 3) der ersten Ausg. ist •. 79 i ab- gedruckt.
b) Der Abschnitt i) lautet in der «r8ten Ausg. ,,0) Der Kaum wird als eine unendliche Grösse gegeben Torge»tel]t. Bin allgemeiner Begriff Tom Raum (der sowohl einem Fusse,*) als einer Elle gemein ist) , kann in Ansehung der Grösse nicht« be- stimmen. Wäre es nicht die Grenzenlosigkeit im Fortgänge der Ansehauung, so würde kein Begriff ron Verhältniasea ein Prin- •ipkim der Unendlichkeit derselben bei sich fUhroa.'*
c) Orig. „la den Fusse" o«rr. Kehrbaeh.
I. Abschnitt Von dem Räume. 81
des Baumes ins Unendliche sind zugleich). Also ist (li> ursprüngliche Vorstellung vom ßaume Anschauung' a priOTi, und nicht Begriff.
§. 3.*)
Transscendentale Erörterung des Begriffs vom Eaume.
Ich verstehe unter einer transscendentalen Er- örterung die Erklärung eines Begriffs als eines Priii- cips, woraus die Möglichkeit anderer synthetischer Er- kenntnisse a priori eingesehen werden kann. Zu dieser 10 Absicht wird erfordert, 1) dass wirklich dergleichen Erkenntnisse aus dem gegebenen Begriffe herfliessen, 2) dass diese Erkenntnisse nur unter der Voraussetzung einer gegebenen Erldärungsart dieses Begiiffs mög- lich sind.
Geometrie ist eine Wissenschaft, welche die Eigen- schaften des Eaumes synthetisch und doch a priori bestimmt. Was muss die Vorstellung des Raumes denn sein, damit eine, solche Erkenntniss von ihm möglich sei? Er muss ursprünglich Anschauung sein; denn aus 20 einem | blossen Begriffe lassen sich keine Sätze, die [41] über den Begriff hinausgehen, ziehen, welches doch in der Geometrie geschieht (Einleitung V). Aber diese Anschauung muss a priori d. i. vor aller Wahrnehmung eines Gegenstandes in uns angetroffen werden, mithin reine, nicht empirische Anschauung sein. Denn die geometrischen Sätze sind insgesammt apodiktisch d. i. mit dem Bewusstsein ihrer Nothwendigkeit verbunden, z. B. der Raum hat nur drei Abmessungen; dergleichen Sätze aber können nicht empirische oder Erfahrungs- SO urtheile sein, noch aus ihnen geschlossen werden (Ein- leit. n.).
Wie kann nun eine äussere Anschauung dem Ge- müthe beiwohnen, die vor den Objecten selbst vorher- geht, und in welcher der Begriff der letzteren a priori bestimmt werden kann? Offenbar nicht anders, als 80
a) Dieser ganse Paragraph: „§. S — werden." fehlt in der ersten Ausg.
Kant, Kritik der relnea Vernunft. 6
CO
82 Elementarlehre. I.Th. Transsc. Aeathetik.
fern sie bloss im Subjecte, als die formale Beschaffen- heit desselben , von Objecten afficirt zu werden i. d dadurch unmittelbare Vorstellung derselben und Anschauung zu bekommen, ihren Sitz hat, also nur als Form des äusseren Sinnes überhaupt.
Also macht allein unsere ErkläriiUi^ die Möglich- keit der Geometrie als einer synthetischen Erkennt- niss a priori begreiflich. Eine jede Erklärungsart, die dieses nicht liefert, wenn sie gleich dem Anscheine 10 nach mit ihr einige Aehnlichkeit hatte, kann an diesen') Kennzeichen am sichersten von ihr unterschieden werden.
[42] Schlüsse aus obigen Begriffen.
a) Der Raum stellt gar keine Eigenschaft irgend, einiger Dinge an sich, oder sie in ihrem Verhältniss zu**) einander vor, d. i. keine Bestimmung derselben die an Gegenstanden selbst haftete, und welche bliebe, wenn man auch von allen subjectiven Bedingungen der Anschauung abstrahirto. Denn weder absolute, noch
20 relative Bestimmungen können vor dem Dasein der Dinge, welchen sie zukommen, mithin nicht a priori an- geschaut werden.
b) Der Raum ist nichts anderes, als nur die Form aller Erscheinungen äusserer Sinne, d. i. die subjective Bedingung der Sinnlichkeit, unter der allein uns äussere Anschauung möglich ist. Weil nun die Receptivität des Subjects, von Gegenständen afficirt zu werden, nothwendiger Weise vor allen Anschauungen dieser Objecto vorhergeht, so lässt sich verstehen, wie die
30 Form aller Erscheinungen vor allen wirklichen Wahr- nehmungen, mithin a priori, im Gemüthe gegeben sein könne, und wie sie als eine reine Anschauung, in der alle Gegenstände bestimmt werden müssen, Principien der Verhältnisse derselben vor aller Erfahrung enthalten könne
Wir können demnach nur aus dem Standpunkte eines Menschen, vom Raum, von ausgedehnten Wesen etc. reden. Gehen wir von der lubjectiven Bedingung
a) Hartenstein ,, diesem"; Erdmann 5 : ? t*) [Orig. „auf";
L Abschnitt. Von dem Raum«. 88
ab, nnter welcher wir allein äussere Anschauung be- kommen können, so wie wir nämlich von den Gegen- ständen afficirt werden mögen, so bedeutet die Vor- stellung vom ßaume | gar nichts. Dieses Prädicat wird [A^\ den Dingen nur in so fern beigelegt, als sie uns er- scheinen, d. 1. Gegenstände der Sinnlichkeit sind. Die bestandige Form dieser Keceptivität, welche wir Sinnlich- keit nennen, ist eine nothwendige Bedingung aller Verhältnisse, darinnen Gegenstände als ausser uns an- geschaut werden, und, wenn man von diesen Gegen- 10 ständen abstrahirt, eine reine Anschauung, welche den Namen Raum führt. Weil wir die besonderen Be- dingungen der Sinnlichkeit nicht zu Bedingungen der Möglichkeit der Sachen, sondern nur ihrer Erscheinungen machen können, so können wir wohl sagen, dass der Raum alle Dinge befasse, die uns äusserlich erscheinen mögen, aber nicht alle Dinge an sich selbst, sie mögen nun angeschaut werden oder nicht, oder auch von welchem Subject man wolle. Denn wir können von den Anschauungen anderer denkender Wesen gar nicht 20 urtheilon, ob sie an die nämlichen Bedingungen gebunden seien/) welche unsere Anschauung einschränken und für uns allgemein gültig sind. Wenn wir die Einschränkung eines Urtheils zum Begriff des Subjects hinzufügen, so gilt das Urtheil alsdann unbedingt. Der Satz: Alle Dinge sind*) neben einander im Raum, gilt nur^) unter der Einschränkung, dass«) diese Dinge als Gegenstände unserer sinnlichen Anschauung genommen werden. Füge ich hier die Bedingung zum Begriffe und sage; Alle Dinge, als äussere Erscheinungen, sind neben SO •inander im Raum, so gilt diese Regel allgemein und ohne Einschränkung. Unsere | Erörterungen lehren dem- [44] nach die Realität (d. i. die objective Gültigkeit) des Raumes in Ansehung alles dessen, was äusserlich all Gegenstand uns vorkommen kann, aber zugleich di« Idealität des Raumes in Ansehung der Dinge, wenn ti« durch di« Vernunft an sich selbst erwogen werden, d. L ohne Rücksicht auf die Beschaffenheit
a) [Orlg. „..yü"]
b) „mmr" i»t aaeh CrdnaAB*« ▼•rfaag &«• de« «Mt»« A«2g. iWraomiDcn.
•) [Oriff. „w*«««]
•*
84 Elementar lehre. I. Th. Transsc, Aesthetik.
unserer Sinnlichkeit zu nehmen. Wir behaupten also die empirische Realität des Raumes (in Ansehung aller möglichen äusseren Erfahrung), ob zwar zugleich*) die transscendentale Idealität desselben, d. i. dass er Nichts sei, so bald wir die Bedingung der Möglich- keit aller Erfahrung weglassen und ihn als etwas, was den Dingen an sich selbst zum Grunde liegt, annehmen. Es glebt aber auch ausser^ dem Raum keine andere subjective und auf etwas Äusseres bezogene Vor-
10 Stellung, die a priori objectiv heissen könnte. Denn man kann von keiner derselben synthetische Sätze a priori, wie von der Anschauung im Räume, herleiten § 3. Daher ihnen, genau zu reden, gar keine Idea- lität^) zukommt, ob sie gleich darin mit der Vorstellung des Raumes übereinkommen, dass sie bloss zur sub- jectiven Beschaffenheit der Sinnesart gehören, z.B. des Gesichts, Gehörs, Gefühls, durch die Empfindungen der Farben, Töne und Wanne, die aber, weil sie bloss Empfindungen und nicht Anschauungen sind, an sich
JO kein Object, am wenigsten a priori, erkennen lassen.«)
a) „zugleich" ist aas der ersten Ausg. übernommen; in Kant's Handexemplar ,,aber auch zugleich" s. Erdmann N. XXV.
b) Laas „Realität" (vgl. S. 93 Z. '>5).
e ) Statt der Sätze ,,üenn man kann (Z. lOflO — erkennen lassen" hat die erste Ausg. Folgendes: „Daher diese subjective Bedingung aller äusseren Erscheinungen mit keiner anderen kann verglichen werden. Der Wohlgeschmack eines Weines gehört nicht zu den objectiven Bestimmungen de» Weine», mithin eines Objectes sogar als Erscheinung betrachtet, sondern zu der besonderen Beschafifenheit de» Sinne» an dem Subjecte, was ihn geniesst. Die Farben sind nicht Be- »chaffenheiten der Körper , deren Anschauung »ie anhängen, sondern auch nur Modificationen des Sinne» des Gesicht», welche» vom Lichte auf gewisse Weise afficirt wird. Dagegen gehört der Raum als Bedingung äusserer Objecte nothwendiger Weise ■ur Erscheinung oder Anschauung derselben. Geschmack und Farben »ind gar nicht nothweudige Bedingungen, unter welchen die Gegenstände allein für uns Objecto der Sinne werden können. Sie sind nur als zufallig beigefügte Wirkungen der beiondern Organisation mit der Erscheinung verbunden. Daher sind sie auch keine Vorstellungen a priori, sondern auf Empfindung, der Wohlgeschmack aber »ogar auf Gefühl (der Lust und Un- lust) als einer Wirkung der Empfindung gegründet. Auch kann niemand a priori weder eine Vorstellung einer Farbe
II. Abaclmitt. Von dem Räume. 8$
Die Absicht dieser Anmerkung geht nur dahin: zn [45] rerhüten, dass man die behauptete Idealität des Raumes nicht durch bei weitem unzulängliche Beispiele zu erläutern sich einfallen lasse, da nämlich etwa Farben, Geschmack etc. mit Recht nicht als Beschaffenheiten der Dinge, sondern bloss als Veränderungen unseres Subjects, die sogar bei verschiedenen Menschen verschieden sein können, betrachtet werden. Denn in diesem Falle gilt das, was ursprünglich selbst nur Erscheinung ist, z. B. eine Rose, im empirischen Verstände für ein Ding 10 an sich selbst, welches doch jedem Auge in Ansehung der Farbe anders erscheinen kann. Dagegen ist der transscendentale Begriff der Erscheinungen im Räume eine kritische Erinnerung, dass überhaupt nichts, was im Räume angeschaut wird, eine Sache an sich, noch dass der Raum eine Form der Dinge sei, die ihnen etwa an sich selbst eigen wäre, sondern dass uns die Gegenstände an sich gar nicht bekannt sind,*) und was wir äussere Gegenstände nennen, nichts anderes als blosse Vorstellungen unserer Sinnlichkeit sind,*) deren 20 Form der Raum ist, deren wahres Correlatum aber d. 1. das Ding an sich selbst, dadurch gar nicht erkannt wird, noch erkannt werden kann, nach welchem aber aach in der Erfahrung niemals gefragt wird.
noch irgend eines Geschmacks haben ; der Raum aber betrifft nur die reine Form der Anschauung, schliesst also gar keine Empfindung (nichts Empirisches) in sich, und alle Arten und Bestimmungen des Raumes können und müssen sogar a priori vorgestellt werden können, wenn Begriffe der Gestalten sowohl als der Verhältnisse entstehen sollen. Durch denselben ist es allein möglich, dass Dinge für ans äussere Gegenstände sind^)." ») [Orig. „seyn'«]
86 Elcmentarlehro. I.Tk TranMe. A«6th«filk.
[46] Der
Transscendentalen Aesthotlk
Zweiter Abschnitt
Von der Zeit
Metaphysische Erörterung dei Begriffe der Zeit.»)
Die Zeit ist 1*) kein empirischer Begriff, der ron irgend einer«) Erfahrung abgezogen worden. Denn das
10 Zugleichsein oder Aufeinanderfolgen würde selbst nicht in die Wahrnehmung kommen, wenn die Vorstellung der Zeit nicht a priori zum Grunde läge. Nur unter deren Voraussetzung kann man sich vorstellen, dass einiges zu einer und derselben Zeit (zugleich) odtr in verschiedenen Zeiten (nach einander) sei.
2) Die Zeit ist eine noth wendige Vorstellung, di« allen Anschauungen zum Grunde liegt. Man kann in Ansehung der Erscheinungen überhaupt die Zeit selbst nicht aufheben, ob man zwar ganz wohl die Erscheinungen
20 aus der Zeit wegnehmen kann. Die Zeit ist also a priori gegeben. In ihr allein ist alle "Wirklichkeit der Er- scheinungen möglich. Diese können insgesammt weg- fallen , aber sie selbst (als die allgemeine Bedingung ihrer Möglichkeit) kann nicht aufgehoben werden. [47] 3) Auf diese Nothwendigkeit a priori gründet sich auch die Möglichkeit apodiktischer Grundsätze von den Verhältnissen der Zeit, oder Axiomen von der Zeit überhaupt. Sie hat nur Eine Dimension: verschiedene Zeiten sind nicht zugleich, sondern nacheinander (sowie
30 verschiedene Käume nicht nacheinander, sondern zu- gleich sind). Diese Grundsätze können aus der Er-
a) Statt der Bezeichnung „§. 4." und der Überschrift „Meta- physische Erörterung des B.-^'iiffs der Zeit" steht in der ersten .\ isg. nur eine I. über dem Text.
b) „1)" fehlt in der ersten Ausg
c) Orig. „irgend von einer" corr. VorJ&nder.
II. Abadmitt. Von der Zeit, 87
fahmDg nicht gezogen werden, denn diese würde weder itrenge Allgemeinheit, noch apodiktische Gewissheit geben. "Wir würden nur sagen können: so lehrt es die gemeine Wahrnehmung; nicht aber: so muss es sich verhalten. Diese Grundsätze gelten als Regeln, unter denen überhaupt Erfahrungen möglich sind, und belehren uns vor derselben, und nicht durch dieselbe*).
4) Die Zeit ist kein discursiver, oder, wie man ihn nennt, allgemeiner Begriff, sondern eine reine Form der sinnlichen Anschauung. Verschiedene Zeiten sind 10 nur Theile eben derselben Zeit. Die Vorstellung, die nur durch einen einzigen Gegenstand gegeben werden kann, ist aber Anschauung. Auch würde sich der Satz, dass verschiedene Zeiten nicht zugleich sein können, aus einem allgemeinen Begriff nicht herleiten lassen. Der Satz ist synthetisch, und kann aus Begriffen allein nicht entspringen. Er ist also in der Anschauung und Vorstellung der Zeit unmittelbar enthalten.
5) Die Unendlichkeit der Zeit bedeutet nichts weiter, als dass alle bestimmte Grösse der Zeit nur durch 20 Einschränkungen einer einigen zum Grunde liegenden [48] Zeit möglich sei. Daher muss die ursprüngliche Vor- stellung Zeit als uneingeschränkt gegeben sein. Wo- von aber die Theile selbst und jede Grösse eines Gegen- standes nur durch Einschränkung bestimmt vorgestellt werden können, da muss die ganze Vorstellung nicht durch Begriffe gegeben sein (denn die enthalten nur Theilvorstellungen)*') sondern es muss ihnen •) unmittelbare Anschauung lum Grunde liegen.
§•5.') 30
Transscendentale Erörterung des Begriffs der Zeit. Ich hinn mich deshalb auf Nr. 3 berufen, wo ich,
a) Rosenkrani „vor denselben, und nicht durch dieselben." wegen des vorausgeh. plur. ; doch findet sich nach Erdmann 5 ein Bolcher Wechsel wiederholt bei Kant vgl. z. B. S. 76 Z. 8—10 S. 89 Z. 30-32.
b) Erste Ausg. „(denn da gehen die Theilvorstellungen vorher)"
c) IC „den Theilen" nach ErdmaanS; erste Ausg. „ihre", Kehrbach „ihr"
d) Der ganze Paragraph: „§ 5. - darlegt" S. 88 Z. 19 fehlt in der ersten Ausg.
88 Elementarlehj«. I. Th. Transac. Aesthetik.
um kurz zd sein, das, was eigentlick transscendental ist, unter die Artikel der metaphysischen Erörterung gesetzt habe. Hier füge ich noch hinzu, dass der Be- griff der Veränderung und mit ihm, der Begrifi der Bewegung (als Veränderung des Orts) nur durch und in der Zeitvorstellung möglich ist: dass, wenn diese Vorstellung nicht Anschauung (innere) a priori wäre, kein Begriff, welcher es auch sei, die Möglichkeit einer Veränderung, d. i. einer Verbindung contradictorisch-
10 entgegengesetzter Prädicate (z. B. das Sein an einem Orte und das Nichtsein eben desselben Dinges an demselben Ortej in einem und demselben Objecto be- greiflich machen könnte. Nur in der Zeit können beide [49] contradictorisch-entgegengesetzte | Bestimmungen in einem Dinge, nämlich nach einander, anzutreffen sein. Also erklärt unser Zeitbegriff die Möglichkeit so vieler syn- thetischer Erkenntnisse*) a priori, als die allgemeine Bewegungslehre, die nicht wenig fruchtbar ist, dar- legt.
20 §. 6.»»)
Schlüsse aus diesen Begriffen, a) Die Zeit ist nicht etwas, was für sich selbst bestünde oder den Dingen als objective Bestimmung anhinge, mithin übrig bliebe, wenn man von allen subjectiven Bedingungen der Anschauung derselben abstrahirt; denn im ersten Fall würde sie etwas sein, was ohne wirklichen Gegenstand dennoch wirklich wäre. Was aber das zweite betrifft, so könnte sie als eine den Dingen selbst anhängende Bestimmung oder Ordnung
80 nicht vor den Gegenständen, als ihre Bedingung vorher- gehen, und a priori durch synthetische Sätze erkannt und angeschaut werden. Dieses^) letztere findet dagegen sehr wohl statt, wenn die Zeit nichts als die subjective Bedingung ist, unter der allein**) Anschauungen in uns stattfinden können. Denn da kann diese Form der inneren Anschauung vor den Gegenständen, mithin a priori, vorgestellt werden.
a) Orig. ,, Erkenntnis»" corr. Erdmann; ebd.':?
b) Die Bezeichnung „§ 6." fehlt in der ersten Au«g.
c) Orlg. „Diete" corr. U., Grillo.
d) Orig. „alle" corr.Erdmann mit HinweU auJ'S. 83 Z. 25 ; ebd.' . ?
II. Abschnitt. Von der Zeit 89
b) Die Zeit ist nichts anderes, als die Form des inneren Sinnes d. i. des Anschauens unserer selbst und unseres inneren Zustandes. Denn die Zeit kann keine Bestimmung äusserer Erscheinungen sein; sie , gehört weder | zu einer Gestalt oder Lage etc., dagegen be- [50] stimmt sie das Verhältuiss der Vorstellungen in unserem inneren Zustande. Und eben weil diese innere An- schauung keine Gestalt giebt, suchen wir auch diesen Mangel durch Analogien zu ersetzen, und stellen die Zeitfolge durch eine ins Unendliche fortgehende Linie 10 vor, in welcher das Mannigfaltige eine Reihe aus- macht, die nur von einer Dimension ist, und schliessen
aus den Eigenschaften dieser Linie auf alle Eigen- schaften der Zeit, ausser dem einigen, dass die Theile der ersteren zugleich, die der letzteren aber jederzeit nach einander sind. Hieraus erhellt auch, dass die Vorstellung der Zeit selbst Anschauung sei, weil alle ihre Verhältnisse sich an einer äusseren Anschauung aus- drücken lassen.
c) Die Zeit ist die formale Bedingung a priori aller 20 Erscheinungen überhaupt. Der Eaum, als die reine Form aller äusseren Anschauung ist als Bedingung
a priori bloss auf äussere Erscheinungen eingeschränkt Dagegen, weil alle Vorstellungen, sie mögen nun äussere Dinge zum Gegenstande haben oder nicht, doch an sich selbst, als Bestimmungen des Gemüths, zum inneren Zustande gehören, dieser innere Zustand aber unter die formale*) Bedingung der inneren Anschauung, mithin die^) Zeit gehört, so ist die Zeit eine Bedingung a prioi-i von aller Erscheinung überhaupt, und zwar 30 die unmittelbare Bedingung der inneren (unserer Seele)*') und eben dadurch mittelbar auch der äusseren Er- scheinungen. I Wenn ich a priori sagen kann: alle [51] äusseren Erscheinungen sind im Räume und nach den Verhältnissen des Raumes a priori bestimmt, so kann ich aus dem Princip des inneren Sinnes ganz allgemein sagen: alle Erscheinungen überhaupt, d. i. alle Gegen- stände der Sinne sind in der Zeit und stehen nothwendiger Weise in Verhältnissen der Zeit.
a) fOrig. „der formalen"]
h) [Orig. „der'l
c) Orig. „Seelen'' corr. Kehrbaoh; Erdmann 6: Seeion — ?
90 Elementarlehre. I. Tk Transsc. Aeathetik.
"Wenn wir von unserer Art, uns selbst innerlich an- zuschauen , und vermittelst dieser Anschauung auch alle äusseren Anschauungen in der Vorstellungskraft zu befassen, abstrahiren und mithin die (iegenstände nehmen, so wie sie an sich selbst sein mögen, so ist die Zeit nichts. Sie ist nur von objectiver Gültigkeit in Ansehung der Erscheinungen, weil dieses schon Dinge sind, die wir als Gegenstände unserer Sinne an- nehmen; aber sie ist nicht mehr objectiv, wenn man
10 von der Sinnlichkeit unserer Ajischauung, mithin der- jenigen Vorstellungsart, welche uns eigenthümlich ist, abstrahirt und von Dingen überhaupt redet. Die Zeit ist also lediglich eine subjective Bedingung unserer (menschlichen) Anschauung, (welche jederzeit sinnlich ist, d. i. so fern wir von Gegenständen afficirt werden), und an sich, ausser dem Subjecte, nichts. Nichts desto weniger ist sie in Ansehung aller Erscheinungen, mithin auch aller Dinge, die uns in der Erfahrung vor- kommen können, nothwendiger Weise objectiv. Wir
20 können nicht sagen: alle Dinge sind in der Zeit, weil [52] bei dem Bogriff der Dinge | überhaupt, von aller Art der Anschauung derselben abstrahirt wird, diese aber die eigentliche Bedingung ist, unter der die Zeit in die Vorstellung der Gegenstände gehört. Wird nun die Bedingung zum Begriffe hinzugefügt, und es heisst: alle Dinge, als Erscheinungen (Gegenstände der sinnlichen Anschauung) sind in der Zeit, so hat der Grundsatz seine gute objective Richtigkeit und Allgemeinheit a priori.
80 Unsere Behauptungen lehren demnach empirische Realität der Zeit, d. i. objective Gültigkeit in An- sehung aller Gegenstände, die jemals unseren Sinnen gegeben werden mögen. Und da unsere Anschauung jederzeit sinnlich ist, so kann uns in der Erfahrung niemals ein Gegenstand gegeben werden, der nicht nnter die Bedingung der Zeit gehörte. Dagegen be- streiten wir der Zeit allen Anspruch auf absolute Realität, dass*) sie nämlich, auch ohne auf die Form unserer sinnlichen Anschauung Rücksicht zu nehmen,
40 schlechthin den Dingen als Bedingung oder Eigen- schaft anhinge. Solche Eigenschaften, die den Dingen
a) fOrig. „da'l
n. AbiclmiU. Von der Ztit. Ol
an «ich «ukommen, können uns durch die Sinne auch niemals gegeben werden. Hierin besteht also die transicendentale Idealität der Zeit, nach welcher sie, wenn man Ton den subjectiven Bedingungen der sinnlichen Anschauung abstrahirt, gar nichts ist und den Gegenständen an sich selbst (ohne ihr Verhältniss auf unsere Anschauung) weder subsistirend noch in- härirend beigezählt werden kann. Doch ist diese Idealität, eben | so wenig wie die des Raumes, mit den [53] ßubreptionen der Empfindung in Vergleichung zu stellen, 10 weil man doch dabei von der Erscheinung selbst, der diese Prädicate inhäriren, voraussetzt, dass sie objective Realität habe, die hier gänzlich wegfällt, ausser, so fem sie bloss empiiisch ist, d. i. den Gegenstand selbst bloss als Erscheinung ansieht: wovon die obige Anmerkung des ersteren Abschnitts nachzusehen ist.
§. 7.») Erläuterung.
Wider diese Theorie, welche der Zeit empirische Realität zugesteht, aber die absolute und transscen- JO dentale bestreitet, habe ich von einsehenden Männern einen Einwurf so einstimmig vernommen, dass ich daraus abnehme, er müsse sich natürlicher Weise bei jedem Leser, dem diese Betrachtungen ungewohnt sind, vorfinden. Er lautet also^): Veränderungen sind wirklich (dies beweist der Wechsel unserer eigenen Vorstellungen, wenn man gleich alle äusseren Erscheinungen, samt deren Veränderungen, leugnen wollte). Nun sind Veränderungen nur in der Zeit möglich, folglich ist die Zeit etwas Wirkliches. Die Beantwortung hat 80 keine Schwierigkeit Ich gebe das ganze Argument lu. Die Zeit ist allerdings etwas Wirkliches, nämlich die wirkliche Form der inneren Anschauung. Sie hat ahio subjective Realität in Ansehung der inneren Er- fahrung, d. i. ich habe wirklich die Vorstellung | von [54] der Zeit und meinen Bestimmungen in ihr. Sie ist also als")
a) Die Bezeichnung „§. 7." fehlt In der ersten Anag.
b) Erste Ausg. „to'* •) „ftli" add. Adicket
92 Elementarlehre. I, Th. Transßc. Aesthetik.
wirklich*) nicht als Ohject, sondern als die Vorstellnnfrs- art meiner selbst als Objects anzusehen. Wenn aber ich selbst oder ein ander Wesen mich ohne diese Be- dingung der Sinnlichkeit anschauen könnte, so würden eben dieselben Bestimmungen, die wir uns jetzt als Veränderungen vorstellen, eine Erkenntniss geben, in welcher die Vorstellung der Zeit, mithin auch der Ver- änderung, gar nicht vorkäme. Es bleibt also ihre empirische Eealität als Bedingung aller unserer Er-
10 fahrungen. Nur die absolute Realität kann ihr nach dem oben Angeführten nicht zugestanden werden. Sie ist nichts, als die Form unserer inneren Anschauung.*) Wenn man von ihr die besondere Bedingung unserer Sinnlichkeit wegnimt, so verschwindet auch der Be- griff der Zeit, und sie hängt nicht an den Gegenständen selbst, sondern bloss am Subjecte, welches sie anschaut
Die Ursache aber, weswegen dieser Einwurf so ein- stimmig gemacht wird, und zwar von denen, die gleich- wohl gegen die Lehre von der Idealität des Baumes [55] nichts | Einleuchtendes einzuwenden wissen, ist diese. Die absolute Realität des Raumes hofften sie nicht apo- diktisch darthun zu können, weil ihnen der Idealismus entgegensteht, nach welchem die Wirklichkeit äusserer Gegenstände keines strengen Beweises fähig ist: da- gegen die des Gegenstandes unserer inneren Sinne ^) (meiner selbst und meines Zustandes) unmittelbar durchs Bewusstsein klar ist. Jene konnten ein blosser Schein sein, dieser aber ist, ihrer Meinung nach, un- leugbar etwas Wirkliches. Sie bedachten aber nicht,
30 dass beide, ohne dass man ihre Wirklichkeit als Vor- stellungen bestreiten darf, gleichwohl nur zur Erscheinung gehören, welche jederzeit zwei Seiten hat, die eine, da
*) Ich kann zwar sagen: meine Vorstellungen folgen einander; aber das heisst nur, wir sind uns ihrer als in einer Zeitfolge d. i. nach der Form des inneren Sinnes bewusst. Die Zeit ist darum nicht etwas an sich selbst, auch keine den Dingen ob- jectiv anhängende Bestimmung.
a) Nach Erdmann verliert der Satz ohne Komma hinter „wirklich", das in beiden Ausg. fehlt, seine Beziehung zn dem vorhergehenden Beweis. Eher ist wohl mit Adickeg an- funehmen, daaa nach ,,also" da« Wörtcheu ..als" ausgefallen Ist.
b) [Orig. „Slanen"]
IL Abschnitt. Von der Zeit. 93
das Object an sich selbst betrachtet wird (unangesehen der Art, dasselbe anzuschauen, dessen Beschaffenheit aber eben darum jederzeit problematisch bleibt), die andere, da auf die Form der Anschauung dieses Gegen- standes gesehen wird, welche nicht in dem Gegenstande an sich selbst, sondern im Subjecte, dem derselbe er- scheint, gesucht werden muss, gleichwohl aber der Er- scheinung dieses Gegenstandes wirklich und nothwendig sukommt.
Zeit und Eaum sind demnach zwei Erkenntniss- 1<^ quellen, aus denen a priori yerschiedene synthetische Erkenntnisse geschöpft werden können, wie vornehmlich die reine Mathematik in Ansehung der Erkenntnisse vom Baume und dessen Verhältnissen ein glänzendes Beispiel | giebt Sie sind nämlich beide zusammen- [ö6] genommen reine Formen aller sinnlichen Anschauung, und machen dadurch synthetische Sätze a priori möglich. Aber diese Erkenntnissquellen a priori bestimmen sich eben dadurch (dass sie bloss Bedingungen der Sinnlich- keit sind) ihre Grenzen, nämlich dass sie bloss auf 20 Gegenstände gehen, so fem sie als Erscheinungen be- trachtet werden, nicht aber Dinge an sich selbst darstellen. Jene allein sind das Feld ihrer Gültigkeit, woraus, wenn man hinausgeht, weiter kein objectiver . Gebrauch derselben stattfindet. Diese Realität*) des Raumes und der Zeit lässt übrigens die Sicherheit der Erfahrungserkenntniss unangetastet; denn wir sind der- selben ebenso gewiss, ob diese Formen den Dingen an sich selbst oder nur unserer Anschauung dieser Dinge noth wendiger Weise anhängen. Dagegen die, 80 80 die absolute Realität des Raumes und der Zeit be- haupten, sie mögen sie nun als subsistirend oder nur inhärirend annehmen, mit den Principien der Erfahrung selbt uneinig sein müssen. Denn entschliessen sie sich zum Ersteren (welches gemeiniglich die Partei der mathematischen Naturforscher ist), so müssen sie zwei ewige und unendliche, für sich bestehende Undinge (Raum und Zeit) annehmen, welche da sind (ohne Aasa
a) Laas „IdMlitftt" (vgl b«s. Vaibing«r Comm. II 412). Erdmann (Ak.) = Diwe bloss «mpirlsehe, nicht absolut« Egalität.
94 Elementarlehr©. I. Th. Transso. Aesthetik.
doch etwas Wirldiches ist), nur um alles Wirkliche in sich zu befassen. Nehmen sie die zweite Partei (von der einige metaphysische Naturlehrer sind), und Baum und Zeit gelten ihnen als von der Erfahrung abstrahirto, [57] obzwar | in der Absonderung verworren vorgestellte Verhältnisse der Erscheinungen (neben oder nach einander), so müssen sie den mathematischen Lehren % priori in Ansehung wirklicher Dinge (z. E. im Räume) ibre Gültigkeit, wenigstens die apodiktische
10 Gewissheit bestreiten, indem diese & posteriori gar nicht stattfindet, und die Begriffe a priori von Eaum und Zeit dieser Meinung nach, nur Geschöpfe der Ein- bildungskraft sind, deren Quell wirklich in der Er- fahrung gesucht werden muss, aus deren abstrahirton Verhältnissen die Einbildung etwas gemacht hat, was zwar das Allgemeine derselben enthält, aber ohne die Kestrictionen , welche die Natur mit denselben ver- knüpft hat, nicht stattfinden kann. Die ersteren ge- winnen so viel, dass sie für die mathematischen Be-
20 hauptungen sich das Feld der Erscheinungen frei machen. Dagegen verwirren sie sich sehr durch eben diese Bedingungen, wenn der Verstand über dieses Feld hinausgehen will. Die zweiten gewinnen zwar in An- sehung des Letzteren, nämlich dass die Vorstellungen von Kaum und Zeit ihnen nicht in den Weg kommen, wenn sie von Gegenständen nicht als Erscheinungen, sondern bloss im Verhältniss auf den Verstand urtheilen wollen; können aber weder von der Möglichkeit mathe- matischer Erkenntnisse a priori (indem ihnen eine
80 wahre und objectiv gültige Anschauung a priori fehlt), den*) Grund angeben, noch die Erfahrungssätze mit jenen Behauptungen in nothwendige Einstimmung bringen. [68] In unserer Theorie | von der wahren Beschaffenheit diese/ zwei ursprünglichen Formen der Sinnlichkeit ist beiden Schwierigkeiten abgehollen.
Dass schliesslich die transscendentale Aesthetik nicht mehr, als diese zwei Elemente, nämlich Kaum und Zeit, enthalten könne, ist daraus klar, weil alle anderen zur Sinnlichkeit gehörigen Begriffe, selbst der
40 der Bewegung, welcher beide ßta«ke verelui^, etwa«
a) r„d«a« fthlt L d. Oi:«j.J
II. Abschnitt Von der Zeit. M
Empirisches Toraussetzen. Denn diese setzt die Wahr- nehmung von etwas Beweglichem voraus. Im Raum, an sich selbst betrachtet, ist aber nichts Bewegliches; daher das Bewegliche etwas sein muss, was im Räume nur durch Erfahrung gefunden wird, mithin ein empirisches Datum. Eben so kann die trans- scendentale Aesthetik nicht den Begriff der Veränderung unter ihre Data a priori zählen; denn die Zeit selbst verändert sich nicht, sondern etwas, das in der Zeit ist. Also wird dazu die "Wahrnehmung von irgend einem 10 Dasein und der Succession seiner Bestimmungen, mithin Erfahrung erfordert
§ 8.*) [69]
Allgemeine Anmerkungen zur transseendentalen Aesthetik.
I.^) Zuerst wird es nöthig sein, uns so deutlich, als möglich, zu erklären, was in Ansehung der Grund- beschaffenheit der sinnlichen Erkenntniss überhaupt unsere Meinung sei, um aller Missdeutung derselben vor- 20 zubeugen.
Wir haben also sagen wollen, dass alle unsere Anschauung nichts als die Vorstellung von Erscheinung sei; dass die Dinge, die wir anschauen, nicht das an sich selbst sind, wofür wir sie anschauen, noch ihre Verhältnisse so an sich selbst beschaffen sind, als sie uns erscheinen; und dass, wenn wir unser Subject oder auch nur die subjective Beschaffenheit der Sinne über- haupt aufheben, alle die BescbaflFenheit, alle Verhält- nisse der Objecto im Eaum und Zeit, ja selbst Eaum SO und Zeit verschwinden würden, und als Erscheinungen nicht an sich selbst, sondern nur in uns existiren können. Was es für eine Bewandniss mit den Gegen- ständen an sich und abgesondert von aller dieser R«- ceptivität unserer Sinnlichkeit haben möge, bleibt uns gänzlich unbekannt. AVir kennen nichts als unsere Art sie wahrzunehmen, die uns eigenthümlich ist, die auch nicht nothwendig jedem Wasen, obzwar jedem
a) Dii B«iE«lchaunf ,,§. 8." f«hU In der ersten Ausg. U) Di« ISoseichaung „I." t«h\t in der «rit«! Ausg.
96 Elementarlehre. I.Th. Transsc. Aesthetik.
Menschen zukommen mnss. Mit dieser haben wir 68 [60] lediglich zu thun. Raum und Zeit sind die | reinen Formen derselben, Empfindung überhaupt die Materie. Jene können ^vir allein a priori d. i, vor aller wirk- lichen Wahrnehmung erkennen und sie heisst darum reine Antcbauung; diese aber ist das in unserem Er- kenntniss, was da macht, dass es») Erkenntniss a poste- riori d. i. empirische Anschauung heisst. Jene hängen unserer Sinnlichkeit schlechthin nothwendig an, welcher
10 Art auch unsere Empfindungen sein mögen; diese können sehr verschieden sein. Wenn wir diese unsere An- schauung auch zum höchsten Grade der Deutlichkeit bringen könnten, so würden wir dadurch der Beschaffen- heit der Gegenstände an sich selbst nicht näher kommen. Denn wir würden auf allen Fall doch nur unsere Art der Anschauung d. i. unsere Sinnlichkeit vollständig er- kennen und diese immer nur unter den, dem Subject ursprünglich anhängenden Bedingungen, von Baum und Zeit; was die Gegenstände an sich selbst sein mögen,
SO würde uns durch die aufgeklärteste Erkenntniss der Erscheinung derselben, die uns allein gegeben ist, doch niemals bekannt werden.
Dass daher unsere ganze Sinnliehkeit nichts als die verworrene Vorstellung der Dinge sei, welche lediglich das enthält, was ihnen an sich selbst zu- kommt, aber nur unter einer Zusammenhäufung von Merkmalen und Theilvorstellungen , die wir nicht mit Bewusstsein auseinander setzen, ist eine Verfälschung des Begriffs von Sinnlichkeit und von Erscheinung,
80 welche die ganze Lehre derselben unnütz und leer [61] macht. Der Unterschied einer undeutlichen | von der deutlichen Vorstellung ist bloss logisch und betrifft nicht den Inhalt. Ohne Zweifel enthält der Begriff von K e c h t , dessen sich der gesunde Verstand bedient, eben dasselbe, was die subtilste Speculation aus ihm entwickeln kann , nur dass im gemeinen und praktischen Gebrauche man sich dieser mannigfaltigen Vorstellungen in diesem^) Gedanken nicht bewusst ist. Darum kann man nicht sagen , dass der gemeine Begriff sinnlich
a) Orig. „sie" corr. Erdmann 6.
b) Orig. „dies«n" v«ib. l. d, 6. Aufl.
II. Abschnitt. Von der Zelt. 87
sei und eine blosse Erscheinung enthalte, denn das Recht kann gar nicht erscheinen, sondern sein Begriff liegt im Verstände, und stellt eine Beschaffenheit (die mo- ralische) der Handlungen vor, die ihnen an sich selbst zukommt. Dagegen enthält die Vorstellung eines Körpers in der Anschauung gar nichts, was einem Gegenstande an sich selbst zukommen könnte, sondern bloss die Erscheinungen von etwas und die Art, wie wir dadurch afficirt werden; und diese Receptivität unserer Er- kenntnissfähigkeit heisst Sinnlichkeit und bleibt von 10 der Erkenntniss des Gregenstandes an sich selbst, ob man jene (die Erscheinung) gleich bis auf den Grund durchschauen möchte, dennoch himmelweit unterschieden.
Die Leibnitz - Wolfische Philosophie hat daher allen Untersuchungen über die Natur und den Ursprung un- serer Erkenntnisse einen ganz unrechten Gesichtspunkt angewiesen, indem sie den Unterschied der Sinnlichkeit vom Intellectuellen bloss als logisch betrachtete, da er offenbar transscendental ist und nicht bloss die Form der Deutlichkeit j oder Undeutlichkeit, sondern den Ur- [62] Sprung und den Inhalt derselben betrifft, so dass wir durch die erstere die Beschaffenheit der Dinge an sich selbst nicht bloss undeutlich, sondern gar nicht erkennen, und, so bald wir unsere subjective Beschaffenheit weg- nehmen, das vorgestellte Object mit den Eigenschaften, die ihm die sinnliche Anschauung beilegte, überall nirgend anzutreffen ist, noch angetroffen werden kann, indem eben diese subjective Beschaffenheit die Form desselben, als Erscheinung, bestimmt.
Wir unterscheiden sonst wohl unter Erscheinungen BL das, was der Anschauung derselben wesentlich anhängt und für jeden menschlichen Sinn überhaupt gilt, von demjenigen, was derselben nur zufälliger Weise zu- kommt, indem es nicht für*) die Beziehung der Sinnlich- keit überhaupt, sondern nur für*) eine besondere Stellung oder Organisation dieses oder jenes Sinnes gültig ist Und da nennt man die erstere Erkenntniss eine solche, die den Gegenstand an sich selbst vorstellt, die zweite aber nur die Erscheinung desselben. Dieser Unterschied ist aber nur empirisch. Bleibt man dabei stehen (wie 40
a) [Orig. „auf"]
Kant, Kritik der reinen Vernunft.
98 Elementarldire. I.Th. Transsc. Aesthetik.
es gemeiDiglich geschieht,) und sieht jene empirische Anschauung nicht wiederum (wie es geschehen sollte) als blosse Erscheinung an , so dass darin gar nichts, was irgend eine Sache an sich selbst anginge, anzutreffen ist, so ist unser transscen dentaler Unterschied ver- loren, und wir glauben alsdann doch, Dinge an sich zu erkennen, ob wir es gleich überall (in der Sinnen- [63] weit) selbst bis zu der tiefsten Erforschung | ihrer Gegen- stände mit nichts als Erscheinungen zu thun haben.
10 So werden wir zwar den Regenbogen eine blosse Er- scheinung bei einem Sonnenregen *) nennen, diesen Regen aber die Sache an sich selbst, welches auch richtig ist, so fern wir den letzteren Begriff nur physisch ver- stehen, als das, was in der allgemeinen Erfahrung, unter allen verschiedenen Lagen zu den Sinnen, doch in der Anschauung so und nicht anders bestimmt ist. Nehmen wir aber dieses Empirische überhaupt und fragen, ohne uns an die Einstimmung desselben mit jedem Menschensinne zu kehren, ob dieses^) auch einen
20 Gegenstand an sich selbst (nicht die Regentropfen, denn die sind dann schon als Erscheinungen empirische Ob- jecto) vorstelle, so ist die Frage von der Beziehung der Vorstellung auf den Gegenstand transscendental und nicht allein diese Tropfen sind blosse Erscheinungen, sondern selbst ihre runde Gestalt, ja sogar der Raum, in welchem sie fallen, sind nichts an sich selbst, sondern blosse Modificationen oder Grundlagen unserer sinn- lichen Anschauung; das transscendentale Object aber bleibt uns unbekannt
80 Die zweite wichtige Angelegenheit unserer trans- scendentalen Aesthetik ist , dass sie nicht bloss all scheinbare Hypothese einige Gunst erwerbe, sondern so gewiss und ungozweifelt sei, als jemals von einer Theorie gefordert werden kann, die zum Organen dienen soll. Um diese Gewissheit völlig einleuchtend zu machen, wollen wir irgend einen Fall wählen, woran dessen [C4] Gültigkeit augenscheinlich | werden und zu mehrer Klarhflit dessen, was §. 3. augeführt worden, dienen") kann.
») [Orig. „Sonnregen"]
b) ,,dicsei auch" st. „auch (!!••••" Vorlandtr.
•) Die Worte „und mi — di«ii»n" fehlen in d«r «nit«a Hüßfi.
II.Abichnltt. Von der Zeit. 99
Setzet demnach, Eaum und Zeit seien an sich selbst objectiv und Bedingungen der Möglichkeit der Dingo an sich selbst, so zeigt sich erstlich: dass von beiden a priori apodiktische und synthetische Sätze in grosser Zahl Toraehralich vom Raum vorkommen, welchen wir darum vorzüglich hier zum Beispiel untersuchen wollen. Da die Sätze der Geometrie synthetisch a priori und mit apodiktischer Gewissheit erkannt werden, so frage ich: woher nehmt ihr dergleichen Sätze und worauf itützt sich unser Verstand, um zu dergleichen schlecht- 10 hin nothw endigen und allgemein gültigen Wahrheiten in gelangen? Es ist kein anderer Weg, als durch Begriffe oder durch Anschauungen; beide*) aber ali solche, die entweder a priori oder a posteriori gegeben sind. Die letzteren, nämlich empirische Begriffe, im- gleichen das, worauf sie sich gründen, die empirische Anschauung, können keinen synthetischen Satz geben, als nur einen solchen, der auch bloss empirisch d. 1. ein Erfahrungssatz ist, mithin niemals Noth wendigkeit und absolute Allgeraeinheit enthalten kann, dergleichen ÄO doch das Charakteristische aller Sätze der Geometrie ist. Was aber das erstere und einzige Mittel sein würde, nämlich durch blosse Begriffe oder durch An- schauungen a priori zu dergleichen Erkenntnissen zu gelangen, so ist klar, dass aus blossen Begriffen gar keine synthetische Erkenntniss, sondern lediglich ana- lytische erlangt werden kann. | Nehmet nur den Satz, [66] dass durch zwei gerade Linien sich gar kein Eaum •inschliessen lasse , mithin keine Figur möglich sei, und versucht ihn aus dem Begrifif von geraden Linien 30 und der Zahl zwei abzuleiten; oder auch, dass aus drei^) geraden Linien eine Figur möglich sei, und ver- sucht es eben so bloss aus diesen Begriffen. Alle eure Bemühung ist vergeblich, und ihr seht euch genöthigt, lur Anschauung eure Zuflucht zu nehmen, wie es die Geometrie auch jederzeit thut. Ihr gebt euch also •inen Gegenstand in der Anschauung; von welcher Art aber ist diese, ist es eine reine Anschauung a priori •der eine empirische? Wäre das letzte, so könnte
a) Erst» Aatg. „baldUs" k) [Orig. „drai»fi''|
100 Eiementai-lehre. I.Th. Ti-an»9C. Aesthetik.
niemals ein allgemein gültiger, noch weniger ein apo- diktischer Satz daraus werden; denn Erfahrung kann dergleichen niemals liefern. Ihr müsst also euren G-e- genstand a priori in der Anschauung geben und auf diesen euren synthetischen Satz gründen. Läge nun in euch nicht ein Vermögen, a priori anzuschauen, wäre diese subjective Bedingung der Form nach nicht zu- gleich die allgemeine Bedingung a priori, unter der allein das Object dieser (äusseren) Anschauung selbst
10 möglich ist, wäre der Gegenstand (der Triangel) etwa» an sich selbst ohne Beziehung auf euer Subject: wie könntet ihr sagen, dass, was in euren subjectiven Be- dingungen einen Triangel zu construiren nothwcndig liegt, auch dem Triangel an sich selbst zukommen müsse? denn ihr könntet doch zu euren Begriffen (von drei Linien) [66] nichts neues (die Figur) hinzufügen, welches | darum nothwendig an dem Gegenstande angetroffen werden müsste, da dieser vor eurer Erkenntniss und nicht durch dieselbe gegeben ist Wäre also nicht der Eaum (und
20 so auch die Zeit) eine blosse Form eurer Anschauung, welche Bedingungen a priori enthält, unter denen allein Dinge für euch äussere Gegenstände sein können, die ohne diese subjective Bedingungen an sich nichts sind, so könntet ihr a priori ganz und gar nichts über äussere Objecte synthetisch ausmachen. Es ist also ungezweifelt gewiss und nicht bloss möglich oder auch wahrscheinlich, dass Eaum und Zeit, als die noth- wendigen Bedingungen aller (äusseren und inneren) Er- fahrung, bloss subjective Bedingungen aller unserer An-
80 schauung sind, im Verhältniss auf welche daher alle Gegenstände blosse Erscheinungen und nicht für sich in dieser Art gegebene Dinge sind, von denen sich auch um deswillen, was die Form derselben betrifft, vieles a priori sagen lässt, niemals aber das Mindeste von dem Dinge an sich selbst, das diesen Erscheinungen zum Grunde liegen mag.
IL*) Zur Bestätigung dieser Theorie von der Idea- lität des äusseren sowohl als inneren Sinnes, mithin aller Objecte der Sinne als blosser Erscheinungen,
*) Die folgenden Abschnitte : IL, III., IV. und: Beechliuw der tnLB£BOi.ud«ntaleD i.tfitbetikj ftthien hx d«r ersten Ausg.
IL Abichnltt. Von d«r Zeit 101
kann roiröglich die Bemerkung dienen, dass alles, was in unserem Erkenntniss zur Anschauung gehört, (also Gefühl der Lust und Unlust und den Willen, die gar nicht Erkenntnisse sind, ausgenommen,) nichts als blosse Verhältnisse enthalte, der Oerter in einer An- schauung (Ausdehnung), | Veränderung der Oerter (Be- [G7] wegung), und Gesetze, nach denen diese Veränderung bestimmt wird (bewegende Kräfte). Was aber in dem Orte gegenwärtig sei, oder was ausser der Ortsver- änderung in den Dingen selbst wirke, wird dadurch nicht 10 gegeben. Nun wird durch blosse Verhältnisse doch nicht eine Sache an sich erkannt: also ist wohl zu urtheilen, dass, da uns durch den äusseren Sinn nichts als blosse Verhältnissvorstellungen gegeben werden, dieser auch nur das Verhältniss eines Gegenstandes auf das Subject in seiner Vorstellung enthalten könne und nicht das Innere, was dem Objecto an sich zukommt. Mit der inneren Anschauung ist es eben so bewandt. Nicht allein, dass darin die Vorstellungen äusserer Sinne den eigentlichen Stoff ausmachen, womit wir 20 unser Gemüth besetzen, sondern die Zeit, in die wir diese Vorstellungen setzen, die selbst dem Bewusstsein derselben in der Erfahrung vorhergeht und als formale Bedingung der Art, wie wir sie im Gemüthe setzen, zum Grunde liegt, enthält schon Verhältnisse des Nach- einander-, des Zugleichseins und dessen, was mit dem Nacheinandersein zugleich ist (des Beharrlichen). Nun ist das, was als Vorstellung vor aller Handlung irgend etwas zu denken, vorhergehen kann, die Anschauung, und, wenn sie nichts als Verhältnisse enthält, die Form 30 der Anschauung, welche, da sie nichts vorstellt, ausser so fern etwas im Gemüthe gesetzt wird, nichts anderes sein kann, als die Art, wie das Gemüth durch eigene Thätigkeit, nämlich dieses | Setzen seiner») Vorstellung, [68] mithin durch sich selbst afficirt wird, d. i. ein innerer Sinn seiner Form nach. Alles, was durch einen Sinn
a) Erdmann bemerkt zu seiner Korrektur folgendes: „Im Originaldruck steht „ihrer" ; aber das, „was im Gemüthe gesetzt wird," die Vorstellung also, die durch Affection entsteht, kann nicht als eine Vorstellung der „eignen Thätigkeit", gedacht werden/' U. schreibt bereits ,, durch dieses Setzen seiner Vorstellung"
102 Mcsutntsrlahrt. I.Hl TrAonc AMthctOr.
vorgeitellt wird, iit io fem jederzeit Erscheinnnj, lud ein innerer Sinn würde also entweder gar nicht ein- geräumt werden müssen, oder das Subject, welches der Gegenstand desselben ist, würde durch denselben nur als Erscheinung vorgestellt werden können, nicht wie es Ton sich selbst urtheilen würde, wenn seine Anschauung blosse Selbstthätigkeit d. i. intellectuell wäre. Hierbei beruht alle Schwierigkeit nur darauf, wie ein Subject sich selbst innerlich anschauen könne;
lO allein diese Schwierigkeit ist jeder Theorie gemein. Das Bewusstsein seiner selbst (Apperception) ist die einfache Vorstellung des Ich, und wenn dadurch allein alles Mannigfaltige im Subject selbstthätig gegeben wäre, so würde die innere Anschauung intellectuell Bein. Im Menschen erfordert dieses Bewusstsein innere Wahrnehmung von dem Mannigfaltigen, was im Sub- jecte vorher gegeben wird, und die Ari;, wie dieses ohne Spontaneität im Gemüthe gegeben wird, mu8s, um dieses Unterschiedes willen, Sinnlichkeit heissen. Wenn das
90 Vermögen sich bewusst zu werden, das, was im Gemüthe liegt, aufsuchen (apprehendiren) soll, so muss es das- selbe afficiren, und kann allein auf solche Art eine Anschauung seiner selbst hervorbringen, deren Form aber, die vorher im Gemüthe zu Grunde liegt, die Art, wie das Mannigfaltige im Gemüthe beisammen ist, [69] in der Vorstellung | der Zeit bestimmt; da es denn sich selbst anschaut, nicht wie es sich unmittelbar selbst- thätig vorstellen würde, sondern nach der Ai-t, wie es von innen afficirt wird, folglich wie es sich erscheint,
30 nicht wie es ist.
111. Wenn ich sage: im Raum und in») der Zeit stellt die Anschauung, sowohl der äusseren Objecto, all auch die Selbstanschauung des Gemüths, beides vor, so wie es unsere Sinne afficirt d. i. wie es erscheint, 60 will das nicht sagen, dass diese Gegenstände ein blosser Schein wären. Denn in der Erscheinung wenlcn jederzeit die Objecto, ja selbst die Beschaffen- heiten, die wir ihnen beilegen, als etwas wirklich Ge- gebenes angosehen, nur dass, so fem diese Beschaffen-
40 heit nur von der Anschauungsart des Subjects in der
a) [„In'* fehlt i. d. Orig.J
II. Abschnitt. Von der Zeit. 103
Relation des gegebenen Gegenstandes zu ihm abhängt, dieser Gegenstand als Erscheinung von ihm selber als Object an sich unterschieden wird. So sage ich nicht, die Körper scheinen bloss ausser mir zu sein, oder meine Seele scheint nur in meinem Selbstbewusst- sein gegeben zu sein, wenn ich behaupte, dass die Qualität des Raumes und der Zeit, welcher als Be- dingung ihres Daseins gemäss ich beide setze, in meiner Anschauungsart und nicht in diesen Objecten an sich liege. Es wäre meine eigene Schuld, wenn ich 10 aus dem, was ich zur Erscheinung zählen sollte, blossen Schein machte*). Dieses | geschieht aber nicht nach [70] unserem Princip der Idealität aller unserer sinnlichen Anschauungen; vielmehr wenn man jenen Vorstellungs- formen objective Realität beilegt, so kann man nicht vermeiden, dass nicht alles dadurch in blossen Schein verwandelt werde. Denn, wenn man den Raum und die Zeit als Beschaffenheiten ansieht, die ihrer Möglichkeit nach in Sachen an sich angetroffen werden mtissten, und überdenkt die Ungereimtheiten, in die 20 man sich alsdann verwickelt, indem zwei unendliche Dinge, die nicht Substanzen, auch nicht etwas wirklich den Substanzen Inhärirendes , dennoch aber Existirendes, ja die nothwendige Bedingung der Existenz aller Dinge [71] Bein müssen, auch übrig bleiben, wenn gleich alle exi-
•) Di« Prfidicate dw Erscheinung können, dem Objecto [69] selbst beigelegt werden , in Verhältniss »uf unseren Sinn , z. B. der Rose die rothe Farbe oder der Geruch; aber der Schein [70] kann niemalt als Prädicat dem Gegenstände beigelegt werden, eben darum, weil er, was diesem nur in Verhältniss auf die Sinne oder überhaupt auls Subject zukommt, dem Object für sich beilegt, z.B. die zwei Henkel, die mau unfängiich dem Saturn beilegte. Was gar nicht am Objecto an sich selbst, jederzeit aber im Verhältnisse desselben zum Subject an- zutreffen und von der Vorstellung des ersteren unzertrennlich ist, ist Erscheinung, und so werden die Prädicate des Raumes und der Zeit mit Recht den Gegenständen der Sinne als solchen beigelegt, und hierin ist kein Schein. Dagegen, wenn ich der Rose an sich die Röthe, dem Saturn die Henkel, oder allen äusseren Gegenständen die Ausdehnung an sich beilege, ohne auf ein bestimmtes Verhältniss dieser Gegenstände zum Subject zu sehen und mein Urtheil darauf einzuschränken, als- dann allererst entspringt der Schein.
104 Elementarlehr«. I. Th. Traneec. Aesthcilk.
fitirenden Dinge aufgehoben werden, so kann man es dem guten Berkeley*) wuhl nicht verdenken, wenn er die Körper zu blossem Schein herabsetzte, ja es raüsste sogar unsere eigene Existenz, die auf solche Art von der für sich bestehenden Realität eines Undinges, wie die Zeit, abhängig gemacht wäre, mit dieser in lauter Schein veiivandelt werden; eine Ungereimtheit die sich bisher noch niemand hat zu Schulden kommen lassen.
rV. In der natürlichen Theologie, da man sich 10 einen Gegenstand denkt, der nicht allein für uns gar kein Gegenstand der Anschauung, sondern der sich*') selbst durchaus kein Gegenstand der sinnlichen An- schauung sein kann, ist man sorgfältig darauf bedacht, von aller seiner Anschauung (denn dergleichen muss alle seine'') Erkenntniss sein, und nicht Denken, welches jederzeit Schranken beweist) die Bedingungen der Zeit und des Eaumes wegzuschaffen. Aber mit welchem Rechte kann man dieses thun, wenn man beide vorher zu Formen der Dinge an sich selbst gemacht hat, 30 und zwar solchen, die als Bedingungen der Existenz der Dingo a priori übrig bleiben, wenn man gleich die Dinge selbst aufgehoben hätte? Denn als Be- dingungen alles Daseins überhaupt, müssten sie es auch vom Dasein Gottes sein. Es bleibt nichts übrig , wenn [72] man sie nicht zu objectiven Formen | aller Dinge machen will, als dass man sie zu subjectiven Formen unserer äusseren sowohl als inneren Anschauungsart macht, die darum sinnlich heisst, weil sie nicht ursprünglich d. i eine solche ist, durch die selbst das Dasein des 30 Objects der Anschauung gegeben wird (und die, so viel wir einsehen, nur dem Urwesen zukommen kann), sondern von dem Dasein des Objects abhängig, mithin nur dadurch, dass die Vorstellungsfähigkeit des Subjects durch dasselbe afficirt wird, möglich ist.
Es ist auch nicht nötliig, dass wir die Anschauungs- art in Raum und Zeit auf die Sinnlichkeit des Menschen einschränken; es mag sein, dass alles endliche denkende Wesen hierin mit dem Menschen nothwendig überein-
a) [Oripr. ,,Berkloy'*]
b) JOrig. „ihm"]
c) [Orig, .,filles sein'*]
II. Abschnitt. Von der Z«ft. 105
kommen müsse (wiewohl wir dieses nicht entscheiden können) , so hört sie um dieser Allgemeingültigkeit») willen doch nicht auf Sinnlichkeit zu sein, eben darum, weil sie abgeleitet (intuitus derivativus)y nicht ursprüng- lich (intuitus originarius) , naithin nicht intellectuelie Anschauung ist, als welche aus dem eben angeführten Grunde allein dem ürwesen, niemals aber einem, seinem Dasein sowohl als seiner Anschauung nach (die sein Dasein in Beziehung auf gegebene Objecto bestimmt) ab- hängigen Wesen zuzukommen scheint; wiewohl die letztere 10 Bemerkung zu unserer ästhetischen Theorie nur als Er- läuterung, nicht als Beweisgrund gezählt werden muss.
Beschluss der transscendentalen Aesthetik. [78]
Hier haben wir nun eines von den erforderliclien Stucken zur Auflösung der allgemeinen Aufgabe der Trans - scendentalphilosophie : wie sind synthetische Sätze a priori möglich? nämlich reine Anschauungen a priori, Raum und Zeit, in welchen wir, wenn wir im ürtheile a priori über den gegebenen Begriff hinaus- gehen wollen, dasjenige antreffen, was nicht im BegrifTe, 20 wohl aber in der Anschauung, die ihm entspricht, a priori entdeckt werden und mit jenem synthetisch verbunden werden kann,^) welche ürtheile aber aus diesem Grunde nie weiter, als auf Gegenstände der Sinne reichen, und nur für Objecto möglicher Erfahrung gelten können.')
a^ Eidmann „Allgemeinheit"
b) Vaihinger (^Comm. 11 Ö17; findet den üeberg»ng so schroff, dass er die Vermutung äussert, es sei hier vielleicht folgendes Sätzchen ausgefallen: „welche [reine Anschauungen], als Be- dingungen unserer Sinnliciikeit es möglich machen, dass wir die Beschaffenheit der Objecte vor aller Erfahrung in Urtheilen a priori bestimmen können, welche Ürtheile ab@r aus diesem Grunde" u. s. w.
c) Siehe S. 100, Anmerkung a).
lOe Elimtüterltbre. II. Tk TmuM«. I^gik.
[74]
Der
Transscendentalen Elementarlelire
Zweiter Theil.
DlB transscendentale Logik.
Einleitung. Idee einer transscendentalen Logik.
I. Von der Logil< Oberhaupt.
Unser© Erkenntniss entspringt aus zwei Grund- 10 quellen des Gemüths, deren die erste ist, die Vor- stellungen zu empfangen (die Receptivität der Eindrücke), die zweite das Vermögen, durch diese Vorstellungen einen Gegenstand zu erkennen (Spontaneität der ße- griffe) ; durch die erstere wird uns ein Gegenstand ge- geben, durch die zweite wird dieser im Verhältniss auf jene Vorstellung (als blosse Bestimmung des Gemüths) gedacht Anschauung und Begriffe machen also die Elemente aller unserer Erkenntniss aus, so dass weder Begriffe, ohne ihnen auf einige Art correspondirende 20 Anschauung, noch Anschauung ohne Begriffe ein Er- kenntniss abgeben können. Beide sind entweder rein oder empirisch. Empirisch, wenn Empfindung (die die wirkliche Gegenwart des Gegenstandes voraussetzt) darin enthalten ist; rein aber, wenn der Vorstellung keine Em'pfindung beigemischt ist. Man kann die letztere die Materie der sinnlichen Erkenntniss nennen. [75] Daher enthält reine | Anschauung lediglich die Form, unter welcher etwas angeschaut wird, und reiner Begriff allein die Form des Denkens eines Gegenstandes über- UO haupt. Nur allein reine Anschauungen oder Begriffe sind a priori möglich, empirische nur a posteriori.
Wollen wir di« ReoeptiTität uuseres Gemütha, Vorstellungen zu empfangen, sofern es auf irgend eine Weise afficirt wird , Sinnlichkeit nennen, so ist da- gegen das Vermögen, Vorstellungen selbst hervorzubringen, oder die Spontaneität des Erkenntnisses der Ver- stand. Unsere Natur bringt es so mit sich, dass die Angehauung niemals anders als sinnlich sein kann, d. i. nur die Art enthält, wie wir von Gegenständen afficirt werden. Dagegen ist das Vermögen, den Gegenstand sinnlicher Anschauung zu denken, der 10 Verstand. Keine dieser Eigenschaften ist der anderen vorzuziehen. Ohne Sinnlichkeit würde uns kein Gegen- stand gegeben, und ohne Verstand keiner gedacht werden. Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe, sind blind. Daher ist es ebenso nothwendig, seine Begriffe sinnlich zu machen (d. i. ihnen den Gegenstand in der Anschauung beizufügen,) als seine Anschauungen sich verständlich zu machen (d. i. sie unter Begriffe zu bringen). Beide Vermögen, oder Fähigkeiten können auch ihre Functionen nicht ver- 20 tauschen. Der Verstand vermag nichts anzuschauen, jand die Sinne nichts zu denken. Nur daraus, dass sie jich vereinigen, kann Erkenntniss | entspringen. Des- [76j wegen darf man aber doch nicht ihren Antheil ver- mischen, sondern man hat grosse Ursache, jedes von dem andern sorgfältig abzusondern und zu unter- scheiden. Daher unterscheiden wir die Wissenschaft der Regeln der Sinnlichkeit überhaupt d. i. Aesthetik, von der Wissenschaft der Verstandesregeln überhaupt, d. L der Logik. 30
Die Logik kann nun wiederum in zwiefacher Ab- sicht unternommen werden, entweder als Logik des allgemeinen, oder des besonderen Verstandesgebrauchs. Die erste enthält die schlechthin nothwendigen Regeln des Denkens, ohne welche gar kein Gebrauch des Verstandes stattfindet, und geht also auf diesen, unangesehen der Verschiedenheit der Gegenstände, auf welche er gerichtet sein mag. Die Logik des be- sonderen Verstandesgebrauchs enthält die Regeln, über eine gewisse Art von Gegenständen richtig zu denken. 40 Jene kann man die Elementarlogik nennen , diese aber das Organon dieser oder jener Wissenschaft. Die
108 Elementarlehre. II. Th. Tranwc Logik .
letztere wird mehrentheils in den Schulen als Pro- pädeutik der Wissenschaften vorangeschickt, oh sie zwar, nach dem Gange der menschlichen Vernunft, das spä- teste ist, wozu sie allererst gelangt, wenn die Wissen- schaft schon lange fertig ist, und nur die letzte Hand zu ihrer Berichtigung und Vollkommenheit bedarf. Denn man muss die Gegenstände schon in ziemlich
[77] hohem Grade kennen, wenn | man die Regel angeben will, wie sich eine Wissenschaft von ihnen zu Stande 10 bringen lasse.
Die allgemeine Logik ist nun entweder die reine, oder die angewandte Logik. In der ersteren abstrahiren wir von allen empirischen Bedingungen, unter denen nnser Verstand ausgeübt wird, z. ß. vom Einfluss der Sinne , vom Spiele der